Eine letzte Fasanenpastete bringt ihm den Tod
Eine letzte Fasanenpastete bringt ihm den Tod
Nicht minder als zu seiner Genusstheorie steht diese letzte Feier der Vernunft im Widerspruch zu seinem drei Jahre zuvor erschienenen Traktat L’Homme Plante (»Die Pflanze Mensch«). Es ist ein Büchlein voll kosmologischer Spekulationen über die Einheit von Natur, Mensch, Tier und Pflanze. Im Geiste der neueren Pariser Postmoderne wollte man darin einen frühen Beitrag zur »Vernunftkritik« sehen. Damit jedoch wird La Mettrie wohl überschätzt. Seine rohen monistisch-naturalistischen Spekulationen ersetzen oft nur das vernunftgemäße Urteil durch das Geschmacksurteil. Die Vernunft hat dann »keine andere Sprache mehr als die des Herzens«, und »die Philosophie ist vielleicht überhaupt nur eine Wissenschaft der schönen Worte«. So schneidet er sich selbst den Weg ab zu einer aufgeklärten Vernunftkritik und öffnet stattdessen Türen, die direkt zu den Sackgassen romantischer Esoterik und allerlei Ganzheitlichkeitsbeschwörungen jüngeren Datums führen.
Der wilde Philosoph aus St. Malo hat sich in den vier preußischen Jahren verausgabt. Die nur andeutungsweise überlieferten Umstände seines Endes 1751 klingen ein bisschen grotesk und wie so manche Anekdote weniger wahr als gut erfunden. Ein Gesandter am Hof Friedrichs, Lord Tyrconnel, ist ein Patient La Mettries. Zum Dank für die gelungene Behandlung richtet er am 8. November ein Fest aus, auf dem sich der Philosoph und notorische Feinschmecker ganz allein über eine große getrüffelte Fasanenpastete hergemacht haben soll. Kurz darauf bricht er zusammen, drei Tage später stirbt La Mettrie in Berlin. Ob die Pastete verdorben oder gar vergiftet war, ließ sich nie klären.
Am 19. Januar 1752 jedenfalls widerfährt dem toten La Mettrie eine Ehre, die ihm in den Augen vieler Aufklärer allerdings mehr schadet als nützt. König Friedrich verfasst eine Totenrede auf ihn, Éloge de M. de La Mettrie, und lässt sie in der Berliner Akademie verlesen. Diese noble Geste hatte die üble Folge, dass man La Mettrie jetzt auch noch als Friedrichs servilen Hofatheisten denunzierte. Das nun war er ganz gewiss nicht. Sondern einer jener freibeuterischen Philosophen, deren Texte man oftmals gegen den Wortlaut lesen muss, auf dass freche Absicht und kühne Weitsicht zu ihrem Recht kommen.
Der Autor ist Publizist und lebt in Frankfurt am Main
- Datum 23.11.2009 - 10:07 Uhr
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- Serie Zeitläufte
- Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
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Über den Artikel zum Geburtstag des verkannten La Mettrie habe ich mich sehr gefreut.
Zur Aktualisierung hätten folgende Hinweise noch beitragen können:
La Mettries Nähe zu den heutigen Hirnforschern ist einen längeren Abschnitt wert.
Martin Walser hat La Mettrie in "Der Augenblick der Liebe" verarbeitet,gerade in dem,was er, LM ,als seinen originellsten und wichtigsten Beitrag zur Philosophie bezeichnete,nämlich seine Lehre vom Schuldgefühl,seine Ablehnung des schlechten Gewissens (darin war LM auch Vorläufer Nietzsches).
Insofern ist La Mettrie noch als Moralist und Antipode sowohl der französischen Aufklärer als auch deutscher Idealisten wie Schiller noch zu entdecken.
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