Dass etwas in der Luft liegen soll, liest man dieser Tage oft. Auch bei Ulrich Greiner, der die Würde der Armut beschwört. Ein Geruch von Gewalt zieht durch die deutschen Feuilletons. Manche meinen, schon einen sozialrevolutionären Flächenbrand wittern zu können. Andere reagieren mit verbaler Aufrüstung: Ein fiskalischer Bürgerkrieg stehe unmittelbar bevor, der verbissene Streit um schwindende Ressourcen werde bald in Klassenkämpfe münden. Das ist natürlich Unsinn. Nirgendwo bricht ein Sturm los. Im Gegenteil, es herrscht eine unheimliche Stille. Auch in diesem Jahr werden an den verkaufsoffenen Sonntagen keine Heerscharen von Elendsgestalten die Geschäfte plündern, sondern bloß Massen ganz normal gestresster Wohlstandsbürger die Innenstädte stürmen, um Geschenke zu besorgen. Die Armen werden sie dabei nicht stören. Die bleiben, wo sie sind – in ihren Stadtteilen, in die sich Publizisten und Professoren kaum je verirren.

Dass auf eine beunruhigende Weise gerade nichts in der Luft liegt, hätte man schnell herausgefunden, wenn man die Betroffenen befragt hätte. Aber es gehört zum Wesen öffentlicher Debatten über Armut, dass diejenigen, die unter ihr leiden, nicht zu Gehör kommen. Die wenigsten von denen, die gegenwärtig so meinungsfroh über die Armen schreiben, kennen auch nur einen von diesen persönlich. Wie sollten sie auch? Die Lebenswelten haben sich weit voneinander entfernt. Es bedürfte erheblicher Anstrengungen, das Leben der anderen zu teilen. Und die Armen schweigen oder werden wie von Zauberhand zum Schweigen gebracht. Ein mächtiger Mechanismus der Beschämung bewirkt, dass sie sich zurückziehen, isoliert und stumm bleiben. Dieser Mechanismus hat etwas Tragisches, weil keinem einfach die Schuld dafür zuzuschreiben ist. Armut beschämt und lähmt. Leider gibt es noch viel zu wenig community organizing, also Bürgerplattformen, in denen Arme ihre Interessen selbst vertreten könnten.

Es war ein kleines, kaum beachtetes Glück, als das Sozialwissenschaftliche Institut der Evangelischen Kirche vor einem Jahr eine Studie veröffentlichte, in dem von Armut Betroffene selbst zu Wort kamen (Claudia Schulz: Ausgegrenzt und abgefunden? Innenansichten der Armut). Im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg gaben ältere Frauen, Migranten, Langzeitarbeitslose und Ein-Euro-Jobber in Gruppendiskussionen Auskunft über ihre Lage. Dies sollte zur Pflichtlektüre für alle werden, die gegenwärtig über Armut schreiben. Denn sie würden etwas lesen, das in keines der üblichen Meinungsschemata passt. Sie würden von Rentnern erfahren, die nicht mehr aus ihren kalten Wohnungen, ihrem engen Quartier gehen, weil sie glauben, sie dürften öffentlichen Raum für sich gar nicht mehr in Anspruch nehmen. Sie würden Menschen begegnen, die sich das Träumen verboten haben, weil sie sich anders nicht gegen die Enttäuschungen ihres Lebens zu wehren wissen. Sie würden eine Ahnung gewinnen von der Macht der Resignation und der Gewalt der Scham, die jede Initiative blockiert. Vor allem aber würden sie Respekt lernen vor der Lebensleistung derer, die unter widrigsten Umständen ihre Kinder großziehen und die eigene Würde verteidigen. Nach dieser Lektüre würden sie aufhören, flott die Entsorgung des Sozialstaats zu fordern oder aber seinen Bestandsschutz in der heutigen Form einzuklagen. Denn nicht nur steht seine Finanzierbarkeit infrage. Auch zeigt sich, dass er allein die Hilfeempfänger nicht zu echter Selbsthilfe befähigen kann. Das liegt auch an der Abstraktheit seiner Arbeit, also daran, dass "die Verrechnungslogik des Sozialstaats keine konkreten Menschen mehr kennt" – wie Ulrich Greiner schreibt (ZEIT Nr. 47/09). Aber um konkrete Menschen geht es doch. Wie bekommt man sie wieder in den Blick?

Greiner erinnert an die religiöse Tugend der "Barmherzigkeit". Und er ermahnt die Kirchen, von der "Würde der Armut" zu sprechen. Damit trifft er einen zentralen Punkt. Ein sozialer Staat lebt von Voraussetzungen, die er sich nicht selbst schaffen kann, und das Christentum sollte eine seiner Quellen sein. Denn es lehrt, Barmherzigkeit zu üben und für Gerechtigkeit einzutreten. Greiner bringt eine wichtige Intervention zur rechten Zeit. Doch regen sich beim Zeitung lesenden Theologen auch Fragen. "Würde der Armut" – gibt es das überhaupt? Die Kirchen sollten sich hüten, diese Formel zu übernehmen. Denn in ihrer Geschichte gab es auch eine mächtige Tradition, Besitzlosigkeit auf eine problematische Weise zu idealisieren. Sie redete den Bedürftigen ein, sich in ihre Lage zu fügen, den äußeren Mangel zu einer inneren Fülle umzudefinieren und ansonsten auf eine jenseitige Kompensation zu spekulieren. Diese Armutsfrömmigkeit widersprach nicht nur der menschlichen Natur. Sie war vielen Notleidenden gegenüber schlicht geschmacklos.

Hans Magnus Enzensberger hat ein Gedicht geschrieben, das einem die gut gemeinte Rede von "der Würde der Armut" schnell austreibt. Es heißt Der blecherne Teller: "Über die Armut ist alles gesagt. / Daß sie hartnäckig ist, zäh, klebrig. / Daß sie niemanden interessiert, / außer die Armen. Langweilig ist sie. / So emsig, daß ihr keine Zeit bleibt, / über Langeweile zu klagen. / Sie ist wie der Dreck. Dort, / wo unten ist, ist sie, / stört, steckt an, stinkt. // Sie fällt auf durch Allgegenwart. / Es ist, als wäre sie ewig. / Göttliche Attribute. Hilfreiche, / Heilige suchen sie, Mönche / und Nonnen sind mit ihr verlobt. / Alle andern, lebenslänglich / auf der Flucht vor ihr, holt sie / mit ihrem blechernen Teller / majestätisch und unbewegt // an der nächsten Ecke ein."

Armut hat keine Würde. Armut ist Not, und Not muss gewendet werden. Nicht der Armut kommt das Prädikat "Würde" zu, sondern nur den Armen. Jeder, der ein menschliches Antlitz trägt, besitzt einen unendlichen Wert, egal wie viel oder wenig Geld er hat. Für diese Würde des Einzelnen muss das Gemeinwesen eintreten. Dazu aber muss mehr getan werden, als sein Existenzminimum zu sichern. Er muss wirklich als Einzelner wahrgenommen werden. Wie kann das gehen? Jesus von Nazareth hat keinen Sozialstaat begründet, aber gezeigt, wie man Barmherzigkeit lebt. Kam ein Notleidender zu ihm, fragte er ihn zunächst: "Was willst du, dass ich für dich tun soll?" Bevor er Hilfe leistete, eröffnete er ein Gespräch. Denn von der persönlichen Begegnung mit den Armen versprach er sich etwas ganz Besonderes, ein regelrechtes Offenbarungserlebnis. Er lehrte nicht nur die Nächstenliebe, weil für ihn alle Menschen Kinder des Gottes waren, der seine Sonne aufgehen lässt über Arme und Reiche. Er stellte die gesellschaftlichen Hierarchien nicht bloß dadurch infrage, dass er eine allgemeine Gleichheit postulierte. Vielmehr stürzte er diese Hierarchien um.

Davon erzählen Verse des Matthäusevangeliums, über die am vergangenen Sonntag in Deutschlands Kirchen gepredigt wurde. Es ist die Geschichte vom Weltgericht: Christus sitzt auf dem Thron und teilt die Menschen in Gute und Schlechte ein. Es ist eine beklemmende Szene, aber sein Urteilsspruch enthält einen geheimnisvollen Wahrheitskern. Denn den Erlösten sagt er: "Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen." Die so Gelobten verstehen nicht recht: "Wann haben wir das getan?" Und Christus antwortet: "Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan." Würde kommt allen Menschen zu. Das Angesicht Gottes aber zeigt sich in der Begegnung mit denen, die Not leiden. Das ist mehr als "Würde". Das ist der Skandal der christlichen Ethik – manchen eine Torheit, anderen eine frohe Botschaft.