Klassenkampf (2) Das Elend ist konkret

Nicht der Armut kommt Würde zu, sondern nur den Armen

Dass etwas in der Luft liegen soll, liest man dieser Tage oft. Auch bei Ulrich Greiner, der die Würde der Armut beschwört. Ein Geruch von Gewalt zieht durch die deutschen Feuilletons. Manche meinen, schon einen sozialrevolutionären Flächenbrand wittern zu können. Andere reagieren mit verbaler Aufrüstung: Ein fiskalischer Bürgerkrieg stehe unmittelbar bevor, der verbissene Streit um schwindende Ressourcen werde bald in Klassenkämpfe münden. Das ist natürlich Unsinn. Nirgendwo bricht ein Sturm los. Im Gegenteil, es herrscht eine unheimliche Stille. Auch in diesem Jahr werden an den verkaufsoffenen Sonntagen keine Heerscharen von Elendsgestalten die Geschäfte plündern, sondern bloß Massen ganz normal gestresster Wohlstandsbürger die Innenstädte stürmen, um Geschenke zu besorgen. Die Armen werden sie dabei nicht stören. Die bleiben, wo sie sind – in ihren Stadtteilen, in die sich Publizisten und Professoren kaum je verirren.

Dass auf eine beunruhigende Weise gerade nichts in der Luft liegt, hätte man schnell herausgefunden, wenn man die Betroffenen befragt hätte. Aber es gehört zum Wesen öffentlicher Debatten über Armut, dass diejenigen, die unter ihr leiden, nicht zu Gehör kommen. Die wenigsten von denen, die gegenwärtig so meinungsfroh über die Armen schreiben, kennen auch nur einen von diesen persönlich. Wie sollten sie auch? Die Lebenswelten haben sich weit voneinander entfernt. Es bedürfte erheblicher Anstrengungen, das Leben der anderen zu teilen. Und die Armen schweigen oder werden wie von Zauberhand zum Schweigen gebracht. Ein mächtiger Mechanismus der Beschämung bewirkt, dass sie sich zurückziehen, isoliert und stumm bleiben. Dieser Mechanismus hat etwas Tragisches, weil keinem einfach die Schuld dafür zuzuschreiben ist. Armut beschämt und lähmt. Leider gibt es noch viel zu wenig community organizing, also Bürgerplattformen, in denen Arme ihre Interessen selbst vertreten könnten.

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Es war ein kleines, kaum beachtetes Glück, als das Sozialwissenschaftliche Institut der Evangelischen Kirche vor einem Jahr eine Studie veröffentlichte, in dem von Armut Betroffene selbst zu Wort kamen (Claudia Schulz: Ausgegrenzt und abgefunden? Innenansichten der Armut). Im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg gaben ältere Frauen, Migranten, Langzeitarbeitslose und Ein-Euro-Jobber in Gruppendiskussionen Auskunft über ihre Lage. Dies sollte zur Pflichtlektüre für alle werden, die gegenwärtig über Armut schreiben. Denn sie würden etwas lesen, das in keines der üblichen Meinungsschemata passt. Sie würden von Rentnern erfahren, die nicht mehr aus ihren kalten Wohnungen, ihrem engen Quartier gehen, weil sie glauben, sie dürften öffentlichen Raum für sich gar nicht mehr in Anspruch nehmen. Sie würden Menschen begegnen, die sich das Träumen verboten haben, weil sie sich anders nicht gegen die Enttäuschungen ihres Lebens zu wehren wissen. Sie würden eine Ahnung gewinnen von der Macht der Resignation und der Gewalt der Scham, die jede Initiative blockiert. Vor allem aber würden sie Respekt lernen vor der Lebensleistung derer, die unter widrigsten Umständen ihre Kinder großziehen und die eigene Würde verteidigen. Nach dieser Lektüre würden sie aufhören, flott die Entsorgung des Sozialstaats zu fordern oder aber seinen Bestandsschutz in der heutigen Form einzuklagen. Denn nicht nur steht seine Finanzierbarkeit infrage. Auch zeigt sich, dass er allein die Hilfeempfänger nicht zu echter Selbsthilfe befähigen kann. Das liegt auch an der Abstraktheit seiner Arbeit, also daran, dass »die Verrechnungslogik des Sozialstaats keine konkreten Menschen mehr kennt« – wie Ulrich Greiner schreibt (ZEIT Nr. 47/09). Aber um konkrete Menschen geht es doch. Wie bekommt man sie wieder in den Blick?

Greiner erinnert an die religiöse Tugend der »Barmherzigkeit«. Und er ermahnt die Kirchen, von der »Würde der Armut« zu sprechen. Damit trifft er einen zentralen Punkt. Ein sozialer Staat lebt von Voraussetzungen, die er sich nicht selbst schaffen kann, und das Christentum sollte eine seiner Quellen sein. Denn es lehrt, Barmherzigkeit zu üben und für Gerechtigkeit einzutreten. Greiner bringt eine wichtige Intervention zur rechten Zeit. Doch regen sich beim Zeitung lesenden Theologen auch Fragen. »Würde der Armut« – gibt es das überhaupt? Die Kirchen sollten sich hüten, diese Formel zu übernehmen. Denn in ihrer Geschichte gab es auch eine mächtige Tradition, Besitzlosigkeit auf eine problematische Weise zu idealisieren. Sie redete den Bedürftigen ein, sich in ihre Lage zu fügen, den äußeren Mangel zu einer inneren Fülle umzudefinieren und ansonsten auf eine jenseitige Kompensation zu spekulieren. Diese Armutsfrömmigkeit widersprach nicht nur der menschlichen Natur. Sie war vielen Notleidenden gegenüber schlicht geschmacklos.

Hans Magnus Enzensberger hat ein Gedicht geschrieben, das einem die gut gemeinte Rede von »der Würde der Armut« schnell austreibt. Es heißt Der blecherne Teller: »Über die Armut ist alles gesagt. / Daß sie hartnäckig ist, zäh, klebrig. / Daß sie niemanden interessiert, / außer die Armen. Langweilig ist sie. / So emsig, daß ihr keine Zeit bleibt, / über Langeweile zu klagen. / Sie ist wie der Dreck. Dort, / wo unten ist, ist sie, / stört, steckt an, stinkt. // Sie fällt auf durch Allgegenwart. / Es ist, als wäre sie ewig. / Göttliche Attribute. Hilfreiche, / Heilige suchen sie, Mönche / und Nonnen sind mit ihr verlobt. / Alle andern, lebenslänglich / auf der Flucht vor ihr, holt sie / mit ihrem blechernen Teller / majestätisch und unbewegt // an der nächsten Ecke ein.«

Armut hat keine Würde. Armut ist Not, und Not muss gewendet werden. Nicht der Armut kommt das Prädikat »Würde« zu, sondern nur den Armen. Jeder, der ein menschliches Antlitz trägt, besitzt einen unendlichen Wert, egal wie viel oder wenig Geld er hat. Für diese Würde des Einzelnen muss das Gemeinwesen eintreten. Dazu aber muss mehr getan werden, als sein Existenzminimum zu sichern. Er muss wirklich als Einzelner wahrgenommen werden. Wie kann das gehen? Jesus von Nazareth hat keinen Sozialstaat begründet, aber gezeigt, wie man Barmherzigkeit lebt. Kam ein Notleidender zu ihm, fragte er ihn zunächst: »Was willst du, dass ich für dich tun soll?« Bevor er Hilfe leistete, eröffnete er ein Gespräch. Denn von der persönlichen Begegnung mit den Armen versprach er sich etwas ganz Besonderes, ein regelrechtes Offenbarungserlebnis. Er lehrte nicht nur die Nächstenliebe, weil für ihn alle Menschen Kinder des Gottes waren, der seine Sonne aufgehen lässt über Arme und Reiche. Er stellte die gesellschaftlichen Hierarchien nicht bloß dadurch infrage, dass er eine allgemeine Gleichheit postulierte. Vielmehr stürzte er diese Hierarchien um.

Davon erzählen Verse des Matthäusevangeliums, über die am vergangenen Sonntag in Deutschlands Kirchen gepredigt wurde. Es ist die Geschichte vom Weltgericht: Christus sitzt auf dem Thron und teilt die Menschen in Gute und Schlechte ein. Es ist eine beklemmende Szene, aber sein Urteilsspruch enthält einen geheimnisvollen Wahrheitskern. Denn den Erlösten sagt er: »Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.« Die so Gelobten verstehen nicht recht: »Wann haben wir das getan?« Und Christus antwortet: »Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.« Würde kommt allen Menschen zu. Das Angesicht Gottes aber zeigt sich in der Begegnung mit denen, die Not leiden. Das ist mehr als »Würde«. Das ist der Skandal der christlichen Ethik – manchen eine Torheit, anderen eine frohe Botschaft.

 
Leser-Kommentare
  1. Im Titel steht die "Armut ist konkret". Darauf besinnen sich die ersten 3 Absätze durchaus; der Rest ist religiös verbrämtes Schmückwerk. Sicherlich muss man Herrn Claussens Hintergrund als Probst in Betrach ziehen doch was sollen die Arbeitsagenturen / Sozialämter und Bahnhofsmissionen mit Versen des Matthäusevangeliums anfangen?

    Statt christliche Werte und Anschauungen in eine Problem hereinzupressen, sind konkrete (!) Ideen von Nöten. Dazu braucht es weder Jesus von Nazareth noch Gedichte von Enzensberger - alles was nötig ist nennt sich simpel: Menschlichkeit.

    Darauf zielen die ersten, guten Absätze. Nur wenn das Wesen des Sozialstaats wieder in Interaktionen zwischen Menschen besteht, ist ein Fortschritt möglich. Nur wenn Überlastung, Formalisierung, kalte Ökonomie wieder in Bereich verschwinden, die Ihnen zustehen, können Arme in Würde leben.

  2. "Andere reagieren mit verbaler Aufrüstung: Ein fiskalischer Bürgerkrieg stehe unmittelbar bevor, der verbissene Streit um schwindende Ressourcen werde bald in Klassenkämpfe münden. Das ist natürlich Unsinn. Nirgendwo bricht ein Sturm los. Im Gegenteil, es herrscht eine unheimliche Stille."

    Diese Stimmung, die zweifelsohne da ist, als Unsinn abzutun, ist gewagt. Ob es sich tatsächlich um die Ruhe vor dem Sturm handelt, werden wir sehen...

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    • keox
    • 22.11.2009 um 22:32 Uhr

    "Sie (die Kirche) redete den Bedürftigen ein, sich in ihre Lage zu fügen, den äußeren Mangel zu einer inneren Fülle umzudefinieren und ansonsten auf eine jenseitige Kompensation zu spekulieren. Diese Armutsfrömmigkeit widersprach nicht nur der menschlichen Natur. Sie war vielen Notleidenden gegenüber schlicht geschmacklos."

    Sehen wir es nüchtern, die Kirchen stehen unverbrüchlich an der Seite der HerrenDamen, das ist nun einmal ihr Job.

    Die eifrige Inanspruchnahme von 1€-Jobbern dokumentiert das ebenso wie ihre asozialen Kirchentarife.

    Gerade die katholische Kirche gebärdet sich wie jedes andere Großunternehmen auch, Beteiligungen an Dow Chemical (Agent Orange) - heute aufgegangen in Monsanto - gehören dazu, ebenso wie Beteiligungen an Kondomproduktionen und und und.

    Die Evangelen haben erst kürzlich unter Huber ihren auch offiziellen Frieden mit dem Kapitalismus gemacht.

    Mir ist keine kirchliche Initiative von Gewicht bekannt, wo es um das irdische Glück der Bevölkerung ging, die 'jenseitige Kompensation' ist nach wie vor das A&O dieser Großsekten im Namen der HerrenDamen.

    • keox
    • 22.11.2009 um 22:32 Uhr

    "Sie (die Kirche) redete den Bedürftigen ein, sich in ihre Lage zu fügen, den äußeren Mangel zu einer inneren Fülle umzudefinieren und ansonsten auf eine jenseitige Kompensation zu spekulieren. Diese Armutsfrömmigkeit widersprach nicht nur der menschlichen Natur. Sie war vielen Notleidenden gegenüber schlicht geschmacklos."

    Sehen wir es nüchtern, die Kirchen stehen unverbrüchlich an der Seite der HerrenDamen, das ist nun einmal ihr Job.

    Die eifrige Inanspruchnahme von 1€-Jobbern dokumentiert das ebenso wie ihre asozialen Kirchentarife.

    Gerade die katholische Kirche gebärdet sich wie jedes andere Großunternehmen auch, Beteiligungen an Dow Chemical (Agent Orange) - heute aufgegangen in Monsanto - gehören dazu, ebenso wie Beteiligungen an Kondomproduktionen und und und.

    Die Evangelen haben erst kürzlich unter Huber ihren auch offiziellen Frieden mit dem Kapitalismus gemacht.

    Mir ist keine kirchliche Initiative von Gewicht bekannt, wo es um das irdische Glück der Bevölkerung ging, die 'jenseitige Kompensation' ist nach wie vor das A&O dieser Großsekten im Namen der HerrenDamen.

    • part
    • 22.11.2009 um 9:01 Uhr

    Die großen christlichen Religionsgemeinschaften in Deutschland, die zehntausende Menschen in 1 € Jobs verbrennen und daran verdienen, haben zum Thema Würde überhaupt nichts zu sagen.

  3. Klug anzuhörendes, Verzeihung, Geschwätz. Was ist das: Nur wenn das Wesen des Sozialstaats wieder in Interaktionen zwischen Menschen besteht, ist ein Fortschritt möglich.

    Was ist denn Interaktion sonst, als eine Wechselbeziehung zwischen Menschen?

    Aus ethischer Hinsicht handelt es sich bei sozialen Fragen darum, welche Pflichten der Einzelne gegenüber der Gesellschaft hat. Das Gegenteil davon ist die Frage, wie weit sich der Mensch dieser Interaktion in der Gemeinschaft entziehen darf und kann. Privat nennt man das, Ausgrenzung aus der Gemeinschaft. Einige Begriffe dazu?
    Private Krankenversicherung. Private Altersvorsorge, private Schulen usw.

    Anstatt dem Christentum zum wiederholten Male die Kompetenz zu diesen Fragen abzusprechen, ist es notwendig an einen Mann zu erinnern, der aus christlicher Überzeugung, die sog. sieben Werke der Nächstenliebe in reales Tun umgesetzt hat, sein Name, Johann Hinrich Wichern. Gründer des Rauhen Hauses in Hamburg im Jahre 1833. Lange Zeit also, bevor es eine Sozialgesetzgebung gab. Dieser Theologe hat gehandelt und nicht auf „wachsende Interaktion“ gewartet, woher sollte sie auch kommen wenn nicht aus persönlicher Überzeugung und dem sichtbaren Elend, besonders der Kinder der Gesellschaft seiner Zeit.

    1. Den Hungrigen speisen.
    2. Den Durstigen tränken.
    3. Den Fremden aufnehmen.
    4. Den Nackten kleiden.
    5. Den Kranken besuchen (trösten).
    6. Den Gefangenen besuchen.
    7. Den Toten begraben.

    Das sind die sieben Werke praktischer Nächstenliebe und es sind die Aufgaben, die in allen diakonischen Einrichtungen Kern des Handelns sind.

    Niemand kann Menschen Würde verleihen, Menschenwürde ist ein immanenter Bestandteil ihrer Existenz, es ist unsere Aufgabe ihnen zu einem ihre Menschenwürde entsprechenden Leben zu verhelfen! Das ist der Inhalt christlicher Lehre.

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    Die Interaktion ist eben oft keine Wechselbeziehung mehr - zumindest nicht auf menschlicher Ebene. Ich denke die im Artikel angerissene Verzweiflung der Armen rührt auch von der "Mauer" Bürokratie. Wer sich ohnehin ohne Möglichkeiten sieht, wird sich auch schwertun diese Mauer zu erklimmen.

    Kompetenzen will ich keinesfalls absprechen nur darauf hinweisen, dass die Einsichten (wie sie im Beispiel Wichern erlangte) kein religiöses Patent sind. Viele Wege führen zum Ziel.

    Die Interaktion ist eben oft keine Wechselbeziehung mehr - zumindest nicht auf menschlicher Ebene. Ich denke die im Artikel angerissene Verzweiflung der Armen rührt auch von der "Mauer" Bürokratie. Wer sich ohnehin ohne Möglichkeiten sieht, wird sich auch schwertun diese Mauer zu erklimmen.

    Kompetenzen will ich keinesfalls absprechen nur darauf hinweisen, dass die Einsichten (wie sie im Beispiel Wichern erlangte) kein religiöses Patent sind. Viele Wege führen zum Ziel.

  4. >Jeder, der ein menschliches Antlitz trägt,
    >besitzt einen unendlichen Wert

    Genau daraus hat das Urchristentum seine Faszination bezogen: Menschenwürde unabhängig von sozialer Stellung, Vermögen, Leistung, Fähigkeiten und Ansehen.
    Weit haben sich die Kirchen davon entfernt, aber diese Wurzel ist nie ganz abgestorben. Reformbewegungen und Kirchenleute von Franciscus bis Ernesto Cardenal berufen sich darauf.

    Die Verachtung für Sklaven und Metöken ist zurückgekehrt. Die Slumbewohner mögen juristisch Vollbürger sein. Im gesellschaftlichen Ansehen sind sie Minderberechtigte, Überflüssige, Würdelose. Die Sprüche von Herrn Mißfelder, die großen Buchstaben im Zeitungsständer und viele Kommentare hier und anderswo spiegeln genau den gesellschaftlichen Konsens.
    "Selbst schuld" heisst das Verdikt. Schließlich könne jeder was aus sich machen. Das Credo des liberalen Kapitalismus.
    Kann wirklich jeder? Nein. Es ist Wettbewerb, Konkurrenz. Jeder *kann*, aber nicht *jeder* kann.
    Es muss Verlierer geben. Der hintere Teil des Feldes wird disqualifiziert, 10 oder 20 oder 30 Prozent, je nachdem. Es hilft nicht, diese Menschen zu trainieren. Für jeden, der sich verbessert, fällt ein anderer zurück.
    Das ist die giftige Lebenslüge des Kapitalismus.
    Umsturz der Hierarchien, schreibt Herr Claussen. Richtig. Uns fehlt ein Bergprediger, der es dieser Gesellschaft ins Gesicht schreit, dass der besoffenste *Sozialschmarotzer* mehr Würde hat als die zynischen Leistungswegträger.

  5. Die Interaktion ist eben oft keine Wechselbeziehung mehr - zumindest nicht auf menschlicher Ebene. Ich denke die im Artikel angerissene Verzweiflung der Armen rührt auch von der "Mauer" Bürokratie. Wer sich ohnehin ohne Möglichkeiten sieht, wird sich auch schwertun diese Mauer zu erklimmen.

    Kompetenzen will ich keinesfalls absprechen nur darauf hinweisen, dass die Einsichten (wie sie im Beispiel Wichern erlangte) kein religiöses Patent sind. Viele Wege führen zum Ziel.

  6. „Nicht der Armut kommt das Prädikat »Würde« zu, sondern nur den Armen.“ Da ist was wahres dran, und auch mir kam dies spontan in den Sinn, bei der Lektüre eines Greiners „Würde der Armut“, jene ganz offensichtliche Rechtfertigung dieser und jener neoliberaler oder auch konservativer Gesellschaftskonzepte durch diese Sloterdijks durch die Hintertür (siehe auch meine persönliche Antwort auf Sloterdijk: http://community.zeit.de/...). Dass man Klassenkampf mit Klassenversöhnung bekämpft, das ist nicht wirklich neu, aber Armut durch Armut, das ist originell.
    Und doch wohlfeil, diese Erwiderung aus den Reihen der Kirchenoberen. Denn selbstredend ist kirchliche Sozialpolitik nicht auf Gesellschaftsveränderung gerichtet, sondern auf die Erhaltung des sog. „Sozialen Friedens“, ist also strukturell konservativ. Würde erwirbt man nicht qua Geburt – und daher gibt es weder eine Würde des Ungeborenen, noch eine Würde, die nicht „antastbar“ wäre - , denn „die Würde des Menschen“ ist aus dieser Perspektive kein „Grundrecht“, sondern eine Grundpflicht, eine, die den Kampf um Würde voraussetzt. Der Arme, der sich wehrt, erwirbt diese Würde, der Rest lebt, wie all die, die da Teilnahmslos verharren, gleich ob betroffen oder nicht, würdelos - ohne Würde.

  7. Damit wir die gleiche Sprache sprechen. Im Begriff Würde steckt der Begriff Achtung, Wertschätzung als Abstraktion. Es ist kein Ausdruck für Vermögen oder anderen Statussymbolen in unserer Gesellschaft. In diesem Sinne kommt einem einfachen Menschen eben soviel Würde zu wie z.B. dem Bundespräsidenten. Auch ungeborenes Leben ist damit ausgestattet, weil es sich um ungeborene Menschen handelt.

    Wir feiern in 4 Wochen Weihnachten. Ein einziges Symbol für die Ausstattung des Menschen mit einer ihm innewohnenden Wertschätzung. Christus wird in äußerer Not und in einem Stall geboren. Keine Umgebung für „Leistungsträger“

    Außerdem, wäre Armut mit Würde gleichzusetzen, was ist dann mit den Reichen? Sind die „unwürdig“?

    Noch ein Wort zu der Bemerkung über die Kirchenoberen. Natürlich ist christliche Überzeugung auf Gesellschaftsveränderung ausgerichtet. Betrachtet man es genau, ist es sogar ein radikaler Aufruf die ungerechte Gesellschaft zu einer gerechten zu wandeln. Der Aufruf seinem Nächsten beizustehen, ihn zu lieben wie sich selbst, ist revolutionär. Die Bergpredigt ist die Ziellinie wohin sich die Menschen und mit ihnen die Gesellschaft verändern soll. Nur damit, so hat es Helmut Schmidt einmal ausgedrückt, kann man keine Politik machen. Diese Sichtweise müssen wir aufgeben. Wenn sich die Menschen nicht ändern, ändert sich auch die Gesellschaft nicht,

    Nun möge sich jeder prüfen, ob die christliche Botschaft uns nichts mehr zu sagen hat. Ich denke, sie ist aktueller den je.

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  • Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
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  • Schlagworte Ulrich Greiner | Hans Magnus Enzensberger | Jesus | Armut | Sozialstaat | Wilhelmsburg
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