Spaziergang durch Brüssel Steinerne Träume
Leopold II., Belgiens schrecklichster Herrscher, hat Brüssel neu erschaffen. Ein Spaziergang aus Anlass seines hundertsten Todestags.
© Hulton Archive/Getty Images

Der Grand-Place in Brüssel zu Zeiten Leopolds II.
Als Angeklagter würde man hier nicht gern eintreten wollen. Schon als Passant schaudert es einen, wenn man plötzlich, am Ende der Rue de la Régence, vor dem gigantischen Brüsseler Justizpalast steht. Natürlich will der Belle-Époque-Koloss beeindrucken. Mit ihm soll gleichsam das Recht über die Rechtlosigkeit, die Ordnung über das Chaos triumphieren. Aber angesichts der verschüchternden Wucht dieses überkuppelten, von mächtigen Säulen umringten Bauwerkes fühlt man sich irgendwie immer als Angeklagter. Kein Wunder, dass Orson Welles gerade hier Kafkas Prozess verfilmen wollte. Es gäbe dafür keinen besseren Ort als den zugleich bedrohlich und absurd anmutenden Justizpalast. Eine Melange aus Babylon und Michelangelo, mit einem Schuss Piranesi und dazu noch eine Prise reinen Wahnsinns – so hat der französische Dichter Paul Verlaine das in den 1880er Jahren vollendete und damals weltgrößte Gebäude beschrieben.
Der Justizpalast ist eines jener Brüsseler Bauwerke, die gar nicht in das gemütliche Bild passen, das man sich als Fremder von der belgischen Hauptstadt macht. Und es gibt weitere: den pompösen Königspalast mit seinem Blattgold- und Kristalllüster-Prunk. Das Hotel Metropole am Place de Brouckère mit seinem langen Entree voller Marmor und goldener Spiegel. Die Basilika des Heiligen Herzens auf dem Koekelberg, eine der größten Kirchen der Welt…
All diese monumentalen, auf Überwältigung und Überhöhung zielenden Bauwerke sind mehr oder weniger nach den Vorstellungen und mit dem Geld eines einzigen Mannes errichtet worden: König Leopolds II., der 1865 die Herrschaft über das noch junge Reich antrat. Bis zu seinem Tod vor 100 Jahren, am 17. Dezember 1909, sollte er das Brüsseler Stadtbild so tiefgreifend transformieren wie niemand vor oder nach ihm. Er hat die alte Residenzstadt in eine Königsstadt verwandelt. Wo zu seinem Regierungsantritt mehr Sackgassen als Straßen waren und brackige Kanäle einen pestilenzialischen Gestank verbreiteten, da schuf er Noblesse und Großzügigkeit, wenn auch mit viel historistischer Stil-Athletik und Bedeutungsträgerei.
Man kann diese Werke nicht bestaunen, ohne daran zu denken, was sie erst möglich machte. Leopold verdankte seinen Wohlstand der erbarmungslosen Ausbeutung des Kongo, der damals belgische Kolonie war. Die Andenken, die er seinem Volk hinterließ, waren mit viel Blut erkauft. Was, fragt man sich, trieb diesen Mann? Was verrät seine Architektur über seinen Charakter?
Der Justizpalast auf dem früheren Brüsseler Galgenberg ist kein schlechter Ort, um nach Anhaltspunkten zu suchen. Dieser Bau mit seinen Hundertschaften von Räumen und Sälen erscheint heute wie eine Allegorie der ganzen Epoche: steingewordene Großmannssucht. Die Initiative für den Bau war zwar vom belgischen Parlament gekommen. Aber seine gigantomanischen Züge wären ohne die Inspiration durch den gigantomanischen König nicht denkbar. Er hat bei der Gelegenheit übrigens auch noch gut verdient. Als überaus gewiefter Geschäftsmann engagierte er sich bei Grundstücksspekulationen in der Umgebung. Das angrenzende Marollen-Viertel war damals wie noch jetzt das Quartier der kleinen Leute. Drei Jahrhunderte zuvor hatte Pieter Brueghel hier gelebt. Wenn es nach Leopold gegangen wäre, wäre der ganze Stadtteil abgerissen worden. Ihm behagte das barocke, das flämische, das possierliche Brüssel der Treppengiebel und engen Gassen gar nicht. Sein Brüssel sollte an das moderne Paris erinnern, es am besten sogar überflügeln.
Vom alten Galgenberg lässt sich vorzüglich ermessen, wie tiefgreifend Leopold das Stadtbild Brüssels veränderte. Der Blick reicht weit über die Innenstadt hinweg, die Leopold von breiten Boulevards umgeben und durchschneiden ließ. Aber inmitten dieser Machtarchitektur schuf er auch die Kontrapunkte: Zierbauten von anrührender Verspieltheit. Einen davon sieht man weit im Norden. Es ist der hoch aufragende Japanische Turm am Rande des Königlichen Parks von Laeken. Zusammen mit dem benachbarten Chinesischen Pavillon ist er kurz nach 1900 entstanden. Beide sind ganz aus Holz gebaut. Man sollte Brüssel nicht verlassen, ohne sich für die eine oder andere Stunde dem verschwenderischen Dekor hingegeben zu haben. Ursprünglich war dies nur als Auftakt zu einer Reihe von weiteren Gebäuden gedacht. Eine architektonische Tour du Monde wollte der greise Monarch hier erschaffen. Doch dann beließ er es bei diesen zwei Bauten als hideaway für sich und seine meist viel zu jungen Mätressen.
Diese Bauten, so wie auch die weltberühmten Gewächshäuser neben dem Königsschloss von Laeken, gehören zu den vielen Eskapaden, die sich der König ganz ungeniert gönnte. Der bunte Exotismus, mit dem er seine privaten Fluchtwelten dekorierte, ist ebenso typisch für seinen Geschmack, für seinen Charakter wie der wuchtige Neoklassizismus seiner auf Repräsentation berechneten Bauten. Ebenso zwiespältig wie die Architektur dieses ehrgeizigen roi bâtisseurs ist seine ganze historische Erscheinung gewesen.
Ins Zentrum des leopoldinischen Brüssel gelangt man, wenn man der Rue de la Loi vom Justizpalast nach Osten folgt. Man sieht den Triumphbogen schon von Weitem. Leopold II. hat ihn gegen den beharrlichen Widerstand der belgischen Regierung komplett aus eigenen Mitteln bauen lassen. Er teilt den ausgreifenden Palais du Cinquantenaire, der 1880 zur 50-Jahr-Feier des Königreichs errichtet wurde und heute als Museumsareal dient. Unter den vielen eigentümlichen Vergnügungen, die Brüssel abseits der üblichen Wege zu bieten hat, gehört es zu den speziellsten, sich ziel- und orientierungslos durch die endlose Verkettung von verwinkelten, überfüllten und wunderbar altertümlichen Säle des bizarren Armeemuseums oder des Königlichen Museums für Kunst und Geschichte wie durch einen vergessenen Kontinent treiben zu lassen.
Hier, gleich hinter dem Triumphbogen, beginnt der eindrucksvollste aller Brüsseler Boulevards. Er verbindet seit 1897 den Palais mit Tervuren. In diesem ehedem verschlafenen Vorort fand damals die Weltausstellung statt. Auch eine Straßenbahnlinie wurde eigens für die Besucher angelegt. Sie fährt noch heute und ist die schönste Art, die Avenue de Tervuren zu erkunden. Auf der knapp einstündigen Fahrt staunt man über die Breite der Fahrbahn und die Endlosigkeit der Baumreihen. Dahinter liegen all die eleganten Villen, die sich das unter Leopolds Herrschaft prosperierende Großbürgertum von namhaften Architekten errichten ließ.
Bevor es am Ende der Allee noch einmal pompös wird, legt man am besten einen Zwischenstopp ein und holt Luft. Von all den Grünanlagen, die Leopold in Brüssel geschaffen hat, ist der Parc de Woluwé vielleicht der schönste. Er wurde im Stil eines englischen Landschaftsgartens angelegt, mit Bäumen aus allen Ecken der Welt. Mit seinen vielen stillen Weihern erscheint er wie ein Paradies für Melancholiker. Dieser König, der so gern in Stein träumte, hat also auch von den einfachen Wohltaten gewusst, die Gärten spenden können.
Hinter dem Wald von Soignes, dem ehemaligen königlichen Jagdrevier, findet die Avenue de Tervuren ihren monumentalen Abschluss. Gleich gegenüber der Straßenbahnendstation ragt im Niemandsland ein gewaltiger Bau wie eine Fata Morgana empor: Ein opulenter Märchenpalast im Nabob-Stil der Belle Époque, eingerahmt von ausgedehnten Parkanlagen, die so aussehen, als hätte sie der Gartenarchitekt des französischen Sonnenkönigs noch persönlich angelegt. Dies hier ist das letzte große Projekt des Baumeisters Leopold, das Afrika-Museum von Tervuren. Es sollte als Schaufenster jener belgischen Kolonie dienen, wo sich der König für alle Zeiten seinen Ruf ruinierte. Leopold II. führte den riesigen »Freistaat Kongo« wie eine private Domäne. Dort wurde damals, wenn schon nicht auf seine Weisung, so immerhin doch in seinem Namen, geraubt, geschunden und gemordet. Joseph Conrad hat in seinem Roman Herz der Finsternis ein beklemmendes Bild der Schreckensherrschaft gezeichnet, die Millionen von Leben forderte, den König aber in die Lage versetzte, den Brüsselern eine neue Stadt zu hinterlassen. Noch heute gehören die Viertel, die er gestalten ließ, zu den begehrtesten Wohngebieten der belgischen Hauptstadt.
Je länger man Leopolds Spuren folgt, umso mysteriöser wird einem der Mann, der Belgiens bedeutendster und schrecklichster Herrscher war. Neben dem Visionären steht der Abklatsch, neben dem Grandiosen der Größenwahn. Er wollte sein kleines Reich zur strahlenden Weltmacht ausbauen und hat es doch, durch seine kolonialen Abenteuer, in den Schmutz gezogen. Heute, hundert Jahre nach seinem Tod, empfindet ihn das offizielle Belgien deshalb als Quälgeist in seiner Geschichte. Man geniert sich seiner. So findet sich im Afrika-Museum zwischen den großartigen Sammlungen zur Kultur, Fauna und Flora des Schwarzen Kontinents auch eine monumentale Bronze-Skulptur des Gründers. Man hat sie jedoch in den Winkel eines schmalen, dunklen Ganges geschoben. Wenn Kindergruppen auf einer Führung hier vorbeikommen, dann sagt man ihnen manchmal zur Erklärung, der Mann mit dem langen Rumpelstilzchenbart müsse zur Strafe in der Ecke stehen. Er sei sehr ungezogen gewesen.
INFORMATION
Unterkunft: Hotel Metropole (31, Place de Brouckère, Tel. 0032-2/2172300, www.metropolehotel.com). DZ ab 269 Euro mit Frühstück
Sehenswert: Am 17. Dezember, dem 100. Todestag des Königs, findet auf dem Grand-Place eine Gedenkveranstaltung statt. Information: Tel. 0032-2/2796436
Eine geplante Sonderausstellung über Leopold II. im Museum BELvue wurde in eine Ausstellung zum Herrschaftsantritt seines Nachfolgers Albert I. umgewidmet. Aber auch so wird Leopold gewürdigt (BELvue-Mueum, 7, Place de Palais, Tel. 0032-70/220492, www.belvue.be)
Japanischer Turm und Chinesischer Pavillon in Laeken (Musée d’Extrême-Orient, Avenue Van Praet 44, Tel. 0032-2/2681608, www.mrah.be)
Afrika-Museum, Leuvensesteenweg 13, Tervuren, Tel. 0032-2/7695211, www.africamuseum.be
Der Justizpalast am Place Poelaert kann wochentags von 9 Uhr bis 16 Uhr besichtigt werden (Tel. 0032-2/5086578, www.justice-en-ligne.be)
Empfehlenswerte Stadtführungen auf den Spuren Leopolds II. bieten Valentin Thijs (valentin.thijs@skynet.be) und Roel Jacobs (scarlaken@skynet.be) an
Auskunft: Tourismus Flandern-Brüssel, Tel. 0221/277590, www.belgien-tourismus.de
- Datum 19.11.2009 - 15:48 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






Zitat: "Leopold verdankte seinen Wohlstand der erbarmungslosen Ausbeutung des Kongo, der damals belgische Kolonie war."
Da ist das Zitat eine wohlwollende Umschreibung!
Die Brüsseler Architekturvisionen, für die zu Leopolds Zeiten die Afrikaner den Preis zahlen mussten, finden keine Anerkennung, vielleicht deshalb, weil die Entstehungsgeschichte mit der menschenverachtenden Terrorherrschaft der Belgier im Kongo verbunden ist. Wenn Leopold II. die Pariser Sacre-Coeur in Brüssel bauen lassen hätte, würde auch dort wahrscheinlich keiner hingehen. Die Bauwerke des 19. Jh. in Brüssel scheinen für etwas zu stehen, das bei Besuchern der Stadt keine positiven Assoziationen wecken kann. Andererseits sind Justizpalast und Koekelberg-Sacre-Coeur ja nun einmal da. Wie kann man sie mit neuen Nutzungskonzepten einem Publikum zugänglich machen?
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren