Bücher machen Politik Schöne simple Welt
Going Rogue: Wie die gescheiterte Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin Amerika erobern möchte
Laut Informationen des Onlinebuchhändlers Amazon stand Going Rogue schon lange vor seinem Erscheinen weit oben auf der Bestsellerliste. Doch als am Dienstagmorgen endlich das Buch in den Geschäften auslag, blieben die erhofften Käuferschlangen aus. Und als der Fernsehsender CNN am Vorabend eine politisch bunt zusammengewürfelte Truppe aus Durchschnittsamerikanern ins Studio bat und fragte, wer sich 2012 eine Präsidentschaftskandidatin Sarah Palin wünsche, blieben sämtliche Hände unten.
»Macht nichts«, wird sich die ehemalige Gouverneurin von Alaska und gescheiterte republikanische Vizepräsidentschaftskandidatin sagen, »Hauptsache, man redet wieder über mich.« Und das geschieht bereits seit Wochen, dank des gewaltigen Trommelwirbels für ihr Buch. Und dank all jener Medien, die Sarah Palin den roten Teppich ausrollen und ihr ausnehmend freundliche Fragen stellen. Als wollten sie für ihre herablassende Art von damals Ablass leisten. Oprah Winfrey schien lediglich zu interessieren, ob die schlagfertige Dame aus Alaska dereinst an den Türen des Weißen Hauses rütteln will oder doch eher eine Fernsehkarriere anstrebt und damit Winfrey, die Queen der Quote, vom Thron stürzen könnte.
Politiker, frühere, gegenwärtige und künftige (Sarah Palin ist irgendwie alles), schreiben für gewöhnlich aus drei Gründen ihre Erinnerungen auf: weil sie etwas in ihrer Biografie zurechtrücken wollen, weil sie eine Vision haben – oder weil sie der Welt mitteilen wollen: »Hallo, ich bin noch da, rechnet mit mir!« Auf Palin trifft vor allem Letzteres zu, egal, wohin ihr Weg führen wird. Zunächst einmal führt er sie an mindestens 32 Orte.
Die Auswahl ihrer Buchtour ist verräterisch. Die verhasste liberale Ostküste spart sie weitgehend aus, auch Kalifornien. Stattdessen besucht sie viele Südstaaten sowie Minnesota, wo sich Präsidentschaftskandidat John McCain damals gegen Palins Rat vorzeitig zurückzog, dann Iowa, wo jeder Wahlkampf seinen Anfang nimmt – und schließlich Florida. Dort ergreift Palin in einer Vorentscheidung über einen republikanischen Senatorenkandidaten Partei für einen stramm konservativen Parteigänger – und verärgert damit viele in ihrer Partei.
Das Buch und die Werbetour sind für Sarah Palin ein Testlauf. Gut möglich, dass sie erkunden will, was für sie im politischen Geschäft noch drinsteckt. Vor einem Jahr war sie die Figur, an der sich Linke und Rechte spalteten. Jetzt will sie wissen, ob ihre sozialkonservative Nummer als nationale Vorsitzende des Kleine-Leute-Vereins und Königin der Küchentischpolitik noch zieht.
In diesem Sinne ist Going Rogue ein Manifest. Über die Herausforderungen Amerikas, die außenpolitischen Bedrohungen, den Dollarverfall und die Klimakatastrophe erfährt man so gut wie nichts. Stattdessen bekennt sie sich auf 413 Seiten immer wieder zu dem simplen Weltbild, das sie als 18-Jährige in sich trug, als sie zum ersten Mal wählen ging und sich bei den Republikanern einschrieb: gegen zu viel Staat, gegen Abtreibung und gegen die da oben. Für eine starke Armee und ein starkes Amerika, für den lieben Gott und für Arbeit, die sich lohnt.
In diesem Sommer, nach nicht einmal zwei Jahren im Amt, schmiss Sarah Palin ihren Gouverneursposten hin und widmete sich dem Buch. Angeblich, weil sie dem Land und Alaska so besser dienen könne. Wie und wo, das versucht sie nun herauszufinden. Allerdings besagt eine alte Weisheit: Amerikaner mögen keine quitter, Leute, die vorzeitig aufgeben.
- Datum 18.11.2009 - 14:35 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
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