Freiwilligendienst Was mache ich hier?
Seit zwei Jahren gibt es den Weltwärts-Freiwilligendienst der Bundesregierung. Die schöne Idee kämpft noch mit manchen Schwächen. Von Christina Schott
"Ich dachte, ich komme an und kann gleich helfen." Mit großen Erwartungen fuhr Camilla Kussl im Juli nach Indonesien: Für Weltwärts, den Freiwilligendienst des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), wollte die Abiturientin aus dem Bodenseestädtchen Überlingen für ein halbes Jahr bei einer lokalen Gesundheitsorganisation in der zentraljavanischen Stadt Yogyakarta mitarbeiten.
Zunächst konnte die 21-Jährige allerdings gar nicht viel arbeiten, sondern nur zuschauen. Denn das Zuhören gestaltete sich schwierig, weil weder ihre Indonesisch- noch ihre Javanisch-Kenntnisse ausreichten, um sich mit den Mitarbeitern ausreichend zu verständigen. Da sie auch keinerlei Erfahrungen aus dem Gesundheits- oder Entwicklungsbereich mitbrachte, schlug ihre anfängliche Begeisterung bald in Frust um – trotz der idyllischen Vulkandörfer, in die sie mitfahren durfte, wenn Gesundheitskontrollen anstanden. "Anfangs dachte ich, es geht noch nicht richtig los. Aber als ich nach zwei Monaten immer noch nicht mithelfen konnte, habe ich schon angefangen, an mir und dem Praktikum zu zweifeln", erzählt die eher schüchterne Abiturientin.
Camilla Kussl war zuvor bereits dreimal mit ihren Eltern in Indonesien und hat dort an internationalen Jugendcamps teilgenommen. Land und Leute haben ihr dabei so gut gefallen, dass sie unbedingt wiederkommen wollte. "Das war allerdings immer Urlaub, und ich war nie allein. Obwohl mir klar war, dass der Alltag hier nicht nur Spaß und Abenteuer ist, konnte ich mir die wirklichen Probleme doch nicht vorstellen", gesteht die ehemalige Waldorfschülerin. Bei Weltwärts bewarb sie sich, weil sie Neues lernen, sich vor allem aber auch nützlich machen wollte. Mit dem Nützlichmachen klappt es erst seit Kurzem – seit die sprachliche wie kulturelle Verständigung besser funktioniert, obwohl ihr Dienst nun bald zu Ende ist. "Wenn ich noch einmal wählen könnte, würde ich erst mit dem Studium anfangen, bevor ich im Ausland arbeite. Mit mehr Fachwissen und Lebenserfahrung wäre der Aufenthalt sicher effektiver gewesen", sagt die Abiturientin.
Weltwärts gibt es seit zwei Jahren. 5105 junge Deutsche sind bislang über das Freiwilligenprogramm des BMZ für 6 bis 24 Monate ins Ausland gereist – ausgestattet mit Flugticket, Unterkunft, Versicherungen und einem monatlichen Taschengeld von 100 Euro. Mehr als 10.000 haben sich beworben. Berichte von Rückkehrern reichen von hellauf begeistert bis katastrophal. Es hängt viel davon ab, welche Organisation die Freiwilligen betreut. Wie wichtig allerdings die persönliche und fachliche Reife der jungen Leute ist, darüber gehen die Meinungen weit auseinander: Während einige Organisationen meinen, dass die besonders jungen Freiwilligen auch besonders offen für fremde Kulturen und Entwicklungszusammenarbeit seien, nehmen andere nur Bewerber mit Vorqualifikation. Nach Auffassung des BMZ können Abiturienten durchaus die persönliche Reife und das notwendige Engagement für den Freiwilligendienst im Ausland mitbringen. Daher soll die Altersgrenze auch in Zukunft bei 18 Jahren bleiben.
Auswahl und Vorbereitung der Weltwärts-Bewerber ist Sache der bislang 213 vom BMZ anerkannten Entsendeorganisationen in Deutschland, die die Kandidaten zu Partnerorganisationen vor Ort schicken. Camilla Kussls Entsendeorganisation ist der Dresdner Hilfsverein Arche Nova. Für die eher kleine Organisation war die Überlingerin die erste Weltwärts-Freiwillige. Auch die Partnerorganisation Lessan in Yogyakarta hatte zuvor keinerlei Erfahrungen mit dem Programm und kannte bislang nur ausländische Helfer, die bereits mit der Thematik vertraut waren. "Die ersten Monate waren für uns alle schwierig. Nicht nur wegen der Sprache, sondern weil Camilla weder mit Entwicklungsarbeit noch mit der lokalen Lebensweise vertraut war", sagt Ibu Heny von Lessan. "So ein Freiwilligenprogramm bringt allen Beteiligten nur dann etwas, wenn es gründlich vorbereitet wird. Ansonsten ist es rausgeschmissenes Geld."
Da Abiturienten auch fachlich erst noch eingelernt werden müssen, sind sie aus Sicht der Projektmanager eher eine Belastung als eine Hilfe
Frank Fladerer, Leiter des Südostasienbüros der Freiwilligenagentur Borda
Ähnlich sieht das Frank Fladerer, Leiter des Südostasienbüros der Bremen Overseas Research and Development Association (Borda) mit Sitz in Yogyakarta. Hier waren bis zum Oktober dieses Jahres gleich vier Weltwärts-Freiwillige tätig. Alle hatten bereits einen Bachelor-Abschluss in verschiedenen Fachstudien und blieben ein ganzes Jahr. Vor ihrer Abreise erhielten die Kandidatinnen ein intensives Vorbereitungsseminar, und nach ihrer Ankunft organisierte ihnen Borda einen Indonesischkurs. "Das Hauptproblem ist immer die Sprache. Ein Kurs lohnt sich aber nur, wenn die Freiwilligen ein Jahr lang bleiben", sagt Fladerer. "Da Abiturienten auch fachlich erst noch eingelernt werden müssen, sind sie aus Sicht der Projektmanager eher eine Belastung als eine Hilfe." Fladerer räumt allerdings ein, dass dies vor allem für technisch oder wirtschaftlich orientierte Entwicklungsprojekte gilt und nicht für zum Beispiel alternative Schulprojekte.
Beate Hankemeier und Kieu-Ly Doan, beide Studentinnen aus Bremen, hatten jedenfalls bei Borda einen deutlich leichteren Einstieg als Camilla Kussl bei Lessan, obwohl sie beide zuvor nie in Indonesien gewesen sind. Mit Fachabschlüssen in Public Health und Geografie konnten sie nach ihrem Indonesischkurs sofort in die Projektarbeit einsteigen. "Für mich war es wichtig, dass ich fachlich dazulerne, sonst hätte ich nicht ein ganzes Jahr als Freiwillige gearbeitet", erzählt die 25-jährige Beate Hankemeier, die in ihrer Weltwärts-Zeit ein Klimaschutzkonzept ausgearbeitet hat. Ihre Kollegin Kieu-Ly Doan hat mit einem indonesischen Team Gesundheitstrainings in Dörfern organisiert. "Ich hatte immer einen Betreuer an meiner Seite, das war sehr wichtig. Die Indonesier sind zwar sehr aufgeschlossen – aber hier zu arbeiten ist schwierig: Zeiten werden nicht eingehalten, und niemand sagt seine Meinung direkt", berichtet die 24-jährige Vietnamesin, die in Chemnitz aufgewachsen ist.
Die beiden jungen Frauen würden gern weiter für Borda oder eine andere Entwicklungsorganisation arbeiten, sollten sich entsprechende Jobmöglichkeiten ergeben. Damit erfüllen sie eines der Hauptziele des Weltwärts-Programms: nämlich zukünftige Fachkräfte für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit zu motivieren. Camilla Kussl dagegen ist sich nicht sicher, ob sie sich noch einmal in der Entwicklungsarbeit versuchen wird, auch wenn sie sich inzwischen bei Lessan um den hauseigenen Heilpflanzengarten kümmern kann. Auf jeden Fall aber will sie wieder nach Indonesien zurückkommen – eventuell für ein Kunststudium.
Arche Nova hat aus ihrer ersten Weltwärts-Erfahrung gelernt und will in Zukunft darauf achten, dass die Freiwilligen sprachlich und kulturell besser vorbereitet sind. An einem Angebot für junge Leute ohne fachliches Vorwissen jedoch will die Organisation festhalten. "Es braucht eine Weile, bevor man Einsatzstellen richtig einschätzen kann. Daher sind für uns die Erfahrungen der Rückkehrer sehr wichtig", erklärt Claudia Holbe, Weltwärts-Koordinatorin bei Arche Nova. "Selbst wenn diese danach eine andere Laufbahn einschlagen, wird ihr Weltbild durch einen solchen Einsatz entscheidend geprägt. Die Erfahrung im Umgang mit anderen Kulturen ist für jeden jungen Menschen wichtig."
- Datum 19.11.2009 - 11:24 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
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DIe hier beschriebenen Problem sind oft anzutreffen.
Gerade der sechsmonatige Freiwilligendienst in einem Land, dessen Sprache man nicht spricht, ist sehr schwierig. Viele Sprachen jenseits von Spanisch, Englisch und Portugiesisch sind eben deutlich schwerer fuer uns Westeuropaeer zu lernen und das gelingt in sechs Monaten oft gar nicht. das bedeutet dann, dass man an einem Projekt beteiligt wird, dies aber nur in er Theorie geschieht und eigentlich nicht selbststaendig arbeiten kann.
Der Sinn solcher Programme erschliesst sich dann dem Betrachter nicht immer. Zumal da es noch dazu kommt, dass man oft vor Ort nicht ausreichend Arbeit hat bzw. die Arbeit nicht den eigenen Vorstellungen entspricht. Das erzeugt nicht unbedingt Frustration, bringt aber auch nicht besonders viel.
Deshalb sollte es sich jeder ueberlegen, so etwas zu machen. Als Ersatz fuer den Wehrdienst ist es sicher noch eine der sinnvollsten Alternativen, aber wenn die Wahl zwischen Studium und Dienst zu treffen ist, muss man noch mal gesondert nachdenken.
Hilfreich ist heirbei aber sicher nicht die idealisierende Berichterstattung der Medien, die solche Programme oft vorbehaltlos gutheisst, ohne letztendlich negative Aspekte zu theamtisieren.
Ich befinde mich momentan im Rahmen des weltwearts-programms in Suedafrika. Und ich muss sagen, ich finde der Artikel ist ziemlich Oberflaechlich...
Mjam, mjam.
Also ich bin auch Teilnehmer des Weltwärtsprogramms und befinde mich zur Zeit in Indien.
Entschlossen hatte ich mich dafür aus reiner Neugier und Abenteuerlust. Das ich hier etwas Gutes und Wertvolles tun kann, stand für mich in der Planungsphase eher im Hintergrund, doch jetzt wird mir das immer bewusster.
Ich arbeite zusammen mit einer anderen deutschen Freiwilligen in einer Schule für Tribal-Kinder, in der Rezeption eines Augen-Krankenhauses und wir helfen bei verschiedenen Projekten in den Dörfern der Ureinwohner bei Organisation und Umsetzung.
Ich bin nun seit zwei Monaten hier und kann viele, im Artikel angesprochene, Probleme nachvollziehen.
Die Verständigung mit den Mitarbeitern ist holprig, aber so langsam kommen wir auf einen grünen Ast. Wir nehmen nun Oriya(die lokale Sprache)-Unterricht und konnten unseren eigenen Lehrplan für den Englischunterricht der Kinder umsetzen.
Die Organisation in der ich arbeite, nimmt schon seit vielen Jahren Voluntere aus Deutschland auf und wir sind die 2. Generation der Weltwärts-Teilnehmer. Dies merken wir hier sehr intensiv. Man ist nachsichtig mit uns und kennt einige deutsche Eigenheiten schon von den anderen Freiwilligen. Dies senkt zwar den "Abenteuer-Faktor", macht die Zusammenarbeit aber viel effektiver!
Ich denke, dass das Weltwärts noch ein paar Jahre Erfahrung sammeln muss, um wirklich die passenden Organisationen für die einzelnen Bewerber zu kennen. Bei mir hat es jedenfalls funktioniert.
@1: Ich weiß ja nicht, wo sie ihren Pressespiegel zum Thema Weltwärts zusammenstellen, aber suchen sie mal "Die Karriere der Gutmenschen" bei faz.net. Gerade die FAZ und andere Medien sind bemüht gerade das Gegenteil ihres Vorwurfs zu tun. Der FAZ nach gibt es nur einen Weltwärts-Typen: den prestigesüchtigen Karrieristen. Eine differenzierte Sicht auf Potentiale und Grenzen von WW gab es bisher eher selten in der deutschen Qualitätspresse.
Ich gehe im Januar für ein Jahr nach Mosambik, habe ein abgeschlossenes Studium und, nein, ich bin nicht auf der Flucht. Vielleicht nicht ein ganz so selbstloser Altruist wie andere, aber immer noch besser, als über Entwicklungsländer nur zu reden.
Sinn des Programms ist vielmehr, die Lebenswirklichkeit der Entwicklungsländer näher an unsere heranzuführen um das langsam zu überbrücken, was Funny van Dannen die "räumliche Distanz" nennt, die den allermeisten Menschen hilft, diese andere Welt, auf deren Kosten wir oft unbewusst leben, zu vergessen.
Probleme gibts viele. Die ersten einjährigen Freiwilligen sind erst im Spätsommer zurückgekehrt. Wenn aber ein Projekt erstmal läuft, dann bringt es auch was. Für die Menschen vor Ort ist es ein kleiner Beitrag, eine symbolische Geste. Für die Menschen hier, ist es ein Deutscher mehr, der weiß, was er gesehen hat und wovon er spricht, wenn es mal wieder um die "dritte Welt" geht. Und sicher kommt so mancher Ex-Weltwärtsler auch mal in Positionen, wo er/sie diese Erfahrung zum Guten nutzen kann.
Hier ist zwar lange nichts mehr gepostet worden, aber ich möchte das thema nochmal ansprechen.
Ich kenne mehrere Schüler, die mit weltwärts im Ausland waren. Es wurde ihenen von anfang an gesagt, dass sie erst lange zum einarbeiten brauchen werden. Sie wurden darauf vorbereitet, dass sie am Anfang nur zuschauen und wenig machen können. Aber nach 2-3 Monaten können sie dann auch wichtigere Aufgaben übernehmen und wirklich helfen. Und die restlichen Monate sind sie eine Hilfe, die wirklich was bringt. Auch schon das man den Menschen in manchen gebieten der Welt zeigt, dass andere an sie denken, hilft.
Aber wie den Freiwilligen immer gesagt wurde, dass weltwärts-Programm ist vor allem für die Zukunft gedacht. Mit jedem Jahr lernen die organisationen, was sie den Helfern an aufgaben geben können. So wird weltwärts immer effizienter.
Und der wichtigste Ounkt ist, dass die Freiwilligen für Entwicklungshilfe sensibilisiert werden. Die meisten helfen auch nach ihrer Rückkehr weiter dem Gedanken der Weltweiten Gemeinschaft. Sie verbreiten ihre Erfahrungen und setzen sich merh für Entwicklungshilfe ein. Nach weltwärts können die Freiwilligen auch besser die Probleme der Ausländer in Deutschland verstehen. Viele sehen ja ein, dass die deutsche Kultur wichtig ist, aber niemand will seine eigene Identität aufgeben. Genau das Problem haben die Freiwilligen auch. Und so können sie später in Deutschland auch mit dem problem umgehen.
Ich hoffe auf eine schöne Diskussion mit euch
LG Sven
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