Hamburger Schulreform Wir wollen das! – Wir nicht!
Zwei Familien – zwei Standpunkte zur Hamburger Schulreform. Was die einen als Glücksfall erleben, bereitet den anderen schlaflose Nächte
© David Ebener/dpa

In Hamburg soll die Grundschule sechs Jahre dauern. Das neue Schulgesetz spaltet die Stadt
Wir wollen das!
Noten findet Camila »echt kacke«. Die Erinnerung an ihre ersten Zensuren ist keine schöne. In der dritten Klasse bekam sie eine neue Mathelehrerin, die den Leistungsstand der Klasse überprüfen wollte und unangekündigt einen Test schrieb. Es hagelte Vieren und Fünfen. »Für viele Kinder war das eine traumatische Erfahrung«, sagt Isa Baumgart, Camilas Mutter. Am Abend dieses Tages soll eine Mitschülerin Camilas heulend im Bett gelegen und ihre Mutter gefragt haben, ob es denn auch Berufe gebe, die man ohne Abitur erlernen könne. »Muss Schule wirklich so funktionieren, dass schon Kinder unter einem solchen Druck stehen?«, fragt Isa Baumgart. Sobald es in der dritten Klasse Noten gibt, »entwickeln Kinder diese Angst, nicht aufs Gymnasium zu kommen und das Abitur nicht zu schaffen«.
Isa Baumgart arbeitet als Studiengangskoordinatorin an der Hamburger HafenCity Universität und ist seit Jahren als Elternsprecherin aktiv. Für Camila, neun, und ihren Sohn Benjamin, sechs, wünscht sie sich eine Schule, die Geduld hat, die unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten der Kinder zu akzeptieren. Benjamin wird zu den Ersten gehören, die die sechsjährige Primarschule ausprobieren, er wird Kompetenzberichte anstatt Noten bekommen, darf nicht mehr sitzen bleiben, wird möglicherweise jahrgangsübergreifend unterrichtet. »Natürlich wird das am Anfang chaotisch«, sagt Isa Baumgart, »aber irgendwo muss man ja anfangen, auch wenn noch nicht alle Lehrer perfekt fortgebildet sind.«
Die Schulreform der Grünen Christa Goetsch verspricht Isa Baumgart, 47, und ihrem Mann Henning Koch, 58, ein humaneres und gerechteres System, ein Ende der »repressiven Schule«. Mitten im tiefsten Feindesland wünschen sich die beiden nichts mehr, als dass es den Protestlern, die in den schicken Villen direkt nebenan wohnen, nicht gelingen wird, die Hamburger Bildungsrevolution rückgängig zu machen. Vor eineinhalb Jahren ist die Familie aus dem quirligen Ottensen, mit »50 Nationen vor der Haustür«, in die gediegenen und vom Wohlstand so satten Elbvororte gezogen. Wenn Isa Baumgart in der Waitzstraße, wo sich die Othmarscher zum Einkaufen treffen, über das Gute an dieser Reform diskutiert – über individuelle Förderung, Englisch ab Klasse eins, die zusätzliche Möglichkeit, das Abitur auch an der Stadtteilschule zu absolvieren –, dann hat sie oft das Gefühl, dass die Menschen hier die andere Seite Hamburgs überhaupt nicht kennen. »Die haben keine Ahnung von Schulen in Mümmelmannsberg, wo 60 Prozent der Schüler aus Immigrantenfamilien stammen.« Ganz offen geben die Eltern im Hamburger Westen zu, dass es doch vor allem um ihre Kinder gehe und der Rest ihnen erst mal egal sei. Dass es vielen Familien nur um »Besitzstandswahrung« geht, macht Henning Koch, der als Zuckerhändler arbeitet, besonders wütend. »Ich würde diesen Leuten gerne mal sagen, dass ich die Abschaffung des Elternwahlrechts genau deshalb befürworte, weil es Zeit wird, dass die Gymnasien endlich von jenen mittelmäßigen Schülern befreit werden, die das Abitur nur schaffen, weil ihre Eltern reich genug sind, um die Defizite ihrer Kinder mit privater Nachhilfe auszubügeln.«
Koch ging in Peru zur Schule und hat dort die Einheitsschule als alternativlose Schulform erlebt. »Die kinderfeindliche Praxis, Neun- und Zehnjährige in Deutschland auf verschiedene Schulformen zu verteilen und damit Bildungslaufbahnen zu zementieren, war für mich noch nie nachvollziehbar«, sagt er. Trotzdem sind auch er und seine Frau im Moment noch Gefangene des Systems. Die Entscheidung über Camilas weiterführende Schule steht an. Während sich die Mutter durchaus auch eine Gesamtschule für ihre Tochter vorstellen könnte, sagt ihr Mann: »Solange das eine System nach wie vor mit Stigmatisierungen verbunden ist, möchte ich für meine Tochter die Schule, die die besseren Zukunftsperspektiven verspricht – und das ist das Gymnasium.«
Camila möchte am liebsten noch länger bei ihren »Freundinnen bleiben«, aber deren Eltern planen gerade, welche Schule die Kinder am besten auf ein Leben als Ärzte, Anwälte oder Firmenlenker vorbereiten könnte. Camila und ihre Freundinnen werden sich nach der vierten Klasse wohl über die ganze Stadt verteilen.
- Hamburger Aufruhr
Die Schulen der Hansestadt stehen vor einem radikalen Umbau. Mit einem neuen Schulgesetz hat die Koalition aus CDU und Grünen im Oktober des Jahres beschlossen, die sechsjährige Primarschule einzuführen und das Elternwahlrecht beim Übergang auf die weiterführenden Schulen abzuschaffen. In Zukunft bestimmt die Schule, welche Schüler auf das dann sechsjährige Gymnasium kommen und wer die Stadtteilschule besucht, die Haupt- und Realschule vereint und auch zum Abitur führen kann. In den vergangenen drei Wochen haben die Reformgegner versucht, im Rahmen eines Volksbegehrens 62.000 Unterschriften zu sammeln. So viele sind notwendig, um einen Volksentscheid zu erwirken. Ein Fünftel aller Hamburger Wähler, das sind rund 240.000 Bürger, müssten sich dann gegen die Reformpläne aussprechen, um die Hamburger Bürgerschaft zu einer Änderung des Schulgesetzes zu bewegen.
- Datum 20.11.2009 - 11:33 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
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Der Bericht zeigt, dass viele Anhänger der Reform sich nicht mit der Kritik auseinandergesetzt haben und auch noch voller Vorurteile sind. So wendet sich die Volksinitiative "Wir wollen lernen!" gar nicht gegen die Abschaffung der Noten. Und dass es nicht allein die "gediegenen und satten" Elbvororte sind, die sich gegen die Einführung der Primarschule wehren und das Elternwahlrecht nach der 4. Klasse erhalten wollen, zeigt nicht nur der zweite Teil des Berichts ("Wir nicht"), sondern auch das Ergebnis des sensationell erfolgreichen Volksbegehrens, das aus allen Teilen der Stadt und von allen Bevölkerungsschichten, egal welcher Herkunft, unterstützt wurde. Gerade das Elternwahlrecht war den vielen Unterzeichnern mit Migrationshintergrund wichtig.
Liegt unsere Misere nicht auch in der Arbeits-Weltfremdheit unserer Lehrer ?
Die weit überwiegende Zahl der Lehrer hat nie die Schule verlassen (s.a. Schulsenatorin Christa Goetsch) !
( Schule Studium und wieder Schule )
Ich hatte - als Elternteil - längere Zeit die Möglichkeit, den lebhaften Zuspruch durch die Schüler bei den Lehrern zu beobachten, die mehrere Jahre - schulfern - berufstätig waren. Sie wurden geradezu umschwärmt, da sie aus dem Leben berichten konnten (d.h. auch sich und Ihre Leistungen gegenüber Kunden und Vorgesetzten verantworten mussten).
--- Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir ---
Liegt unsere Misere nicht auch in der Arbeits-Weltfremdheit unserer Lehrer ?
Die weit überwiegende Zahl der Lehrer hat nie die Schule verlassen (s.a. Schulsenatorin Christa Goetsch) !
( Schule Studium und wieder Schule )
Ich hatte - als Elternteil - längere Zeit die Möglichkeit, den lebhaften Zuspruch durch die Schüler bei den Lehrern zu beobachten, die mehrere Jahre - schulfern - berufstätig waren. Sie wurden geradezu umschwärmt, da sie aus dem Leben berichten konnten (d.h. auch sich und Ihre Leistungen gegenüber Kunden und Vorgesetzten verantworten mussten).
--- Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir ---
"Koch ging in Peru zur Schule und hat dort die Einheitsschule als alternativlose Schulform erlebt. »Die kinderfeindliche Praxis, Neun- und Zehnjährige in Deutschland auf verschiedene Schulformen zu verteilen und damit Bildungslaufbahnen zu zementieren, war für mich noch nie nachvollziehbar«, sagt er."
Wenn hier schon mit Peru verglichen wird, hätte der Autor ein paar Fakten über die Schulen dort rechercheiren können -finde ich.
In Peru steht praktisch ab Geburt fest, welche Bildung ein Kind mal erhalten wird.
1. Da gibt es erstens die, deren Eltern sich die teuren Privatschulen leisten können. Das ist die Elite und sie reproduziert sich hauptsächlich aus sich selbst
2. Da gibt es zweitens die öffentlichen Schulen, Lehrer sind so schlecht bezahlt, dass sie oft einen Nebenjob annehmen müssen. Deswegen fällt der Unterricht auch häufig aus - der Lehrer musste arbeiten
3. Gibt es auch noch die, die gar nicht zur Schule gehen können, weil sie arbeiten müssen oder kleine Geschwister beaufsichtigen. Zwar gibt es offiziell Schulpflicht und offziell sind 100% der Kinder in einer Grundschule eingeschrieben, aber niemand überwacht es. Mädchen in ländlichen Regionen besuchen im Durchschnitt gerade mal für vier Jahre die Schule.
Schulreformen finden in Hamburg seit Jahrzehnten permanent statt. Dazu gehört das die Einen es schrecklich finden und glauben das der Untergang des Abendlandes bevorsteht, die Anderen glauben das es durch die Reform besser wird. Weder das Eine noch das Andere konnte ich bislang bemerken, aber zufrieden mit der Situation ist ebenfalls keiner.
Mir scheint es hier wie in so vielen anderen Fällen:
Es gibt Probleme, die keiner verleugnen kann. Der Schluss der daraus gezogen wird ist, dass das System geändert werden muss. Der größte Teil der Probleme resultiert jedoch oft gar nicht aus dem System, sondern aus ganz anderen Dingen.
Wenn man beim Schulsystem den finanziellen Aufwand, der in den ganzen Systemumstellungen steckte in mehr Lehrer und echte Förderung der Schüler (und Lehrer!) gesteckt hätte (auch ein paar unfähige Lehrer aus dem Verkehr gezogen hätte!) wären eine ganze Menge Probleme schon beseitigt. Erst dann ist wirklich erkennbar, wo das System verbesserungswürdig ist.
Aber so bleiben die Schüler die selben, die Lehrer die selben und die Probleme die selben - egal in welchem System.
Mir scheint es hier wie in so vielen anderen Fällen:
Es gibt Probleme, die keiner verleugnen kann. Der Schluss der daraus gezogen wird ist, dass das System geändert werden muss. Der größte Teil der Probleme resultiert jedoch oft gar nicht aus dem System, sondern aus ganz anderen Dingen.
Wenn man beim Schulsystem den finanziellen Aufwand, der in den ganzen Systemumstellungen steckte in mehr Lehrer und echte Förderung der Schüler (und Lehrer!) gesteckt hätte (auch ein paar unfähige Lehrer aus dem Verkehr gezogen hätte!) wären eine ganze Menge Probleme schon beseitigt. Erst dann ist wirklich erkennbar, wo das System verbesserungswürdig ist.
Aber so bleiben die Schüler die selben, die Lehrer die selben und die Probleme die selben - egal in welchem System.
»Die Primarschule ist nicht durchsetzungsfähig, weil überhaupt kein Geld dafür da ist«, sagt Tobien. Gerade stand doch in den Hamburger Zeitungen, dass 300 Gymnasiallehrer eingespart werden sollen. Die Tobiens könnten toben vor Wut. »
Das ist die Realität. Was wird besser, wenn man ein neues System hat, aber nicht einen Cent mehr für die Verbesserung des Betreuungsschlüssels ausgibt? Kann man nicht auch in einem dreigliedrigen System Migrantenkinder individuell unterrichten? Kann man nicht auch Klassen mit maximal 6 Kindern in einem dreigliedrigen System einführen. Was immer vergessen wird, ist, dass in Ländern mit einem "Einheitssystem" die finanzielle Ausstattung erheblich besser ist. Das ist das Problem! Kümmert Euch erst einmal darum, dann können wir über einen Systemwechsel diskutieren. Das sollte Frau Goetsch auch einmal beantworten, statt dessen gibt es nur Luftschlösser.
Und wieder scheint das Kinde mit dem Bade ausgeschüttet zu werden.
Wer offenen Auges und Ohren durch die Welt geht, wird erkennen, dass es besser wäre, die Kinder bis zum sechsten Schuljahr gemeinsam das notwendige Grundwissen zu erlangen. Hier überwiegen die Vorteile den Nachteilen bei weitem.
Etwas anderes ist die Entscheidung danach. Eine Reform darf nicht weiter das falsche Leistungsdenken schüren. Danach geht es um Eignung, nicht um Hierachie. Es geht um Theoretiker und Praktiker, um das was für den weiteren Beruf besser vorbereitet. Das ist nicht zwangläufig das Gymnasium!!! Man kann auch Opern geniesen ohne Abitur zu haben!!! Und die Entscheidung sollte letztlich bei den Eltern bleiben.
"Am Abend dieses Tages soll eine Mitschülerin Camilas heulend im Bett gelegen und ihre Mutter gefragt haben, ob es denn auch Berufe gebe, die man ohne Abitur erlernen könne."
Was sind das für Eltern, die ihren Kindern so etwas eintrichtern. Was wenn Camilas Freundin gar nicht das Zeug zur Anwältin hat, aber eine sehr talentierte Tischlerin sein könnte. Dann ist sie wohl in den augen ihrer Eltern gescheitert- aber das System ist schuld!
Hier in Deutschland wird so und so nichts reformiert. Da braucht man gar nichts zu debattieren, ob einer will, einer nicht ist hier vollkommen egal, es wird so und so nichts gemacht.
Ein Beispiel: An der Schule, an der ich unterrichtet wurde, wurde damals vor 31 Jahren ein Behelfscontainer aufgebaut, nur für Übergangszwecke, ein Anbau an der Schule sei in Planung, der Behelfscontainer steht dort heute noch und es wird dort immer noch unterrichtet!
Wenn die so etwas nicht mal gebacken bekommen, wie soll es denn mit dem Unterricht aussehen?
An einer Reform hat niemand ein wirkliches Interesse.
Tschö und einen schönen Tag noch, talkletts.
Isa Baumgart berichtet davon, wie einige Kinder schon in der Grundschule unter Leistungsdruck stehen und ich stimme ihr zu, dass das eine schlimme Sache ist und bestimmt Konsequenzen für die Entwicklung der Kinder hat. Es ist schlimm, dass Kinder heulend auf dem Bett liegen, weil sie glauben, dass sie ohne Abitur nichts sind... aber die Schuld hat doch nicht das Abitur, sondern die Gesellschaft, die ihnen das einredet.
Man muss auch die andere Seite sehen. Einige Kinder stehen in der Grundschule kein bisschen unter Leistungsdruck. Sie machen das mit links und wenn sie heulend auf dem Bett liegen, dann höchstens, weil sie schon wieder der gleiche "langweilige Kram", den sie schon längst beherrschen wiederholt wurde.
Es gibt Kinder (einige davon kenne ich persönlich), die können schon lesen, wenn sie in die Schule kommen und eignen sich den Stoff der Grundschule nebenher ohne Hilfe von außen an, es gibt Kinder die schaffen dasselbe nur mit Nachhilfe ab der ersten Klasse und dann gibt es die Kinder, die können in der vierten Klasse noch nicht lesen - und nicht immer liegt es daran, dass sie nicht gefördert wurden.
Eine Schule, die den einen überfordert und unter Leistungsdruck setzt, kann durchaus den anderen unterfordern. Genau hier sehe ich den Vorteil für die schwächeren Schüler, wenn sie nach der vierten Klasse getrennt werden. Es erspart ihnen zwei weitere Jahre voller Nachhilfe und Stress und dem Gefühl der langsamste der ganzen Klasse zu sein.
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