Wir wollen die Schulreform nicht!
Wir nicht!
Ist es zu viel verlangt, dass Kinder am Ende ihrer Grundschulzeit das Einmaleins beherrschen, fehlerfrei einen Brief an Oma schreiben und laut aus einem Buch vorlesen können? Seitdem Gerlinde Tobien, 36, von München nach Hamburg gezogen ist, hat sie daran ihre Zweifel. Ihre beiden Töchter, acht und neun Jahre, dritte und vierte Klasse, besuchen eine Ganztagsgrundschule in Hamburg-Langenhorn. Dort werden keine Diktate geschrieben, keine Hausaufgaben kontrolliert, die Eltern erfahren nicht mal, wenn der Unterricht ausfällt. Diese Schule hat für die große Tochter Nathalie nach dem Sommer ein Ende. Dass ihre jüngere Schwester Valentina aber nach den Plänen des schwarz-grünen Senats noch zwei Jahre länger dort lernen muss, bereitet den Tobiens seit Monaten »schlaflose Nächte«.
Sie haben ein großes Schild vor die alte, verwunschene Villa gestellt: »Gegen diese Schulreform hilft nur noch Ihre Unterschrift« steht auf dem Plakat. Es ist das einzige in ihrer Straße. Aber im Wohnzimmer der Tobiens ist zu besichtigen, wie viele Menschen auch in Langenhorn gegen die Schulreform sind. Dort stapeln sich die Unterschriftenlisten, die Gerlinde Tobien für das Hamburger Volksbegehren gesammelt hat, auf Märkten und in Einkaufzentren. Langenhorn gehört nicht zu den reichen Vororten der Hansestadt. Hier wohnen kleine Angestellte, Arbeiter, Beamte, aber auch Migranten aus vielen Nationen. Unter ihnen: aufgebrachte Menschen, die weder die sechsjährige Primarschule noch die neue Stadtteilschule wollen. Sie wollen ein Gymnasium, das über acht Jahre geht, sie kämpfen für das Elternwahlrecht.
Nicolai Tobien, 41, findet es eine »Frechheit«, die sechsjährige Grundschule nach der Bürgerschaftswahl »ohne demokratische Legitimierung aus dem Hut gezaubert zu haben«. Nach dem Volksbegehren will er den Volksentscheid, er will wissen, wie die Hamburger wirklich denken. Wenn sie für die Schulreform sind, dann fügt er sich dem demokratischen Urteil, aber bis dahin wird er kämpfen und argumentieren, bis ihm der Schweiß auf der Stirn steht.
Kein einziges Versprechen nimmt er dem Senat ab. Er glaubt nicht an mehr Förderung, nicht an kleinere Klassen, nicht an individualisierteren Unterricht. Und schon gar nicht, dass das neue System die Schüler schlauer macht. »Die Primarschule ist nicht durchsetzungsfähig, weil überhaupt kein Geld dafür da ist«, sagt Tobien. Gerade stand doch in den Hamburger Zeitungen, dass 300 Gymnasiallehrer eingespart werden sollen. Die Tobiens könnten toben vor Wut. »Das ist der Anfang vom Ende des Gymnasiums«, sagen sie. »Wer unten zwei Jahre abschneidet und oben eins, der will diese Schule nicht.« Für die Tobiens aber ist das Gymnasium die einzige Schulform, der sie ein gutes Abitur für ihre Töchter zutrauen. »Die neue Stadtteilschule ist für uns unvorstellbar«, sagen sie. Nicht, weil ihre Kinder nicht in heterogenen Klassen lernen sollten, das tun sie schon und haben viele Freundinnen mit türkischen, iranischen und arabischen Namen. Die Tobiens vertrauen dem Konzept der Stadtteilschule nicht und fragen sich, wieso gerade sie die Integrationslast für die Hauptschüler tragen sollen, die nun in dieser Schulform untergebracht werden müssen? »Natürlich müssen Migrantenkinder und schwache Schüler besser gefördert werden«, sagt Nicolai Tobien. »Aber warum nimmt man nicht sämtliche Gelder und steckt sie in die Problemschulen?« Warum müsse man die Abrissbirne gleich gegen das gesamte bestehende Schulsystem richten? Dann lieber Status quo, sagt der Steuerberater. »Wir haben einfach Angst, dass unsere Kinder nicht mehr die besten Bildungschancen bekommen werden«, sagt seine Frau leise und erinnert sich an die vielen Monate, in denen die Familie jeden Morgen eine halbe Stunde früher aufgestanden ist, um mit Nathalie und Valentina zu üben, Rechnen, Rechtschreibung, Grammatik. Die Leistungen der Mädchen wurden besser, und heute passiert es oft, dass sie sich im Unterricht langweilen. »Aber die Lehrerin sagt, wenn sie ihnen Zusatzaufgaben gebe, wer bitte soll diese dann auch noch korrigieren?« In solchen Momenten will Gerlinde Tobien zurück nach München. Und so kann es passieren, dass die Schulreform eine Familie aus der Stadt treibt. Oder in die Arme einer Privatschule. »Wir schließen nichts mehr aus«, sagt Nicolai Tobien.
- Datum 20.11.2009 - 11:33 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
- Kommentare 54
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Der Bericht zeigt, dass viele Anhänger der Reform sich nicht mit der Kritik auseinandergesetzt haben und auch noch voller Vorurteile sind. So wendet sich die Volksinitiative "Wir wollen lernen!" gar nicht gegen die Abschaffung der Noten. Und dass es nicht allein die "gediegenen und satten" Elbvororte sind, die sich gegen die Einführung der Primarschule wehren und das Elternwahlrecht nach der 4. Klasse erhalten wollen, zeigt nicht nur der zweite Teil des Berichts ("Wir nicht"), sondern auch das Ergebnis des sensationell erfolgreichen Volksbegehrens, das aus allen Teilen der Stadt und von allen Bevölkerungsschichten, egal welcher Herkunft, unterstützt wurde. Gerade das Elternwahlrecht war den vielen Unterzeichnern mit Migrationshintergrund wichtig.
Liegt unsere Misere nicht auch in der Arbeits-Weltfremdheit unserer Lehrer ?
Die weit überwiegende Zahl der Lehrer hat nie die Schule verlassen (s.a. Schulsenatorin Christa Goetsch) !
( Schule Studium und wieder Schule )
Ich hatte - als Elternteil - längere Zeit die Möglichkeit, den lebhaften Zuspruch durch die Schüler bei den Lehrern zu beobachten, die mehrere Jahre - schulfern - berufstätig waren. Sie wurden geradezu umschwärmt, da sie aus dem Leben berichten konnten (d.h. auch sich und Ihre Leistungen gegenüber Kunden und Vorgesetzten verantworten mussten).
--- Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir ---
Liegt unsere Misere nicht auch in der Arbeits-Weltfremdheit unserer Lehrer ?
Die weit überwiegende Zahl der Lehrer hat nie die Schule verlassen (s.a. Schulsenatorin Christa Goetsch) !
( Schule Studium und wieder Schule )
Ich hatte - als Elternteil - längere Zeit die Möglichkeit, den lebhaften Zuspruch durch die Schüler bei den Lehrern zu beobachten, die mehrere Jahre - schulfern - berufstätig waren. Sie wurden geradezu umschwärmt, da sie aus dem Leben berichten konnten (d.h. auch sich und Ihre Leistungen gegenüber Kunden und Vorgesetzten verantworten mussten).
--- Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir ---
"Koch ging in Peru zur Schule und hat dort die Einheitsschule als alternativlose Schulform erlebt. »Die kinderfeindliche Praxis, Neun- und Zehnjährige in Deutschland auf verschiedene Schulformen zu verteilen und damit Bildungslaufbahnen zu zementieren, war für mich noch nie nachvollziehbar«, sagt er."
Wenn hier schon mit Peru verglichen wird, hätte der Autor ein paar Fakten über die Schulen dort rechercheiren können -finde ich.
In Peru steht praktisch ab Geburt fest, welche Bildung ein Kind mal erhalten wird.
1. Da gibt es erstens die, deren Eltern sich die teuren Privatschulen leisten können. Das ist die Elite und sie reproduziert sich hauptsächlich aus sich selbst
2. Da gibt es zweitens die öffentlichen Schulen, Lehrer sind so schlecht bezahlt, dass sie oft einen Nebenjob annehmen müssen. Deswegen fällt der Unterricht auch häufig aus - der Lehrer musste arbeiten
3. Gibt es auch noch die, die gar nicht zur Schule gehen können, weil sie arbeiten müssen oder kleine Geschwister beaufsichtigen. Zwar gibt es offiziell Schulpflicht und offziell sind 100% der Kinder in einer Grundschule eingeschrieben, aber niemand überwacht es. Mädchen in ländlichen Regionen besuchen im Durchschnitt gerade mal für vier Jahre die Schule.
Schulreformen finden in Hamburg seit Jahrzehnten permanent statt. Dazu gehört das die Einen es schrecklich finden und glauben das der Untergang des Abendlandes bevorsteht, die Anderen glauben das es durch die Reform besser wird. Weder das Eine noch das Andere konnte ich bislang bemerken, aber zufrieden mit der Situation ist ebenfalls keiner.
Mir scheint es hier wie in so vielen anderen Fällen:
Es gibt Probleme, die keiner verleugnen kann. Der Schluss der daraus gezogen wird ist, dass das System geändert werden muss. Der größte Teil der Probleme resultiert jedoch oft gar nicht aus dem System, sondern aus ganz anderen Dingen.
Wenn man beim Schulsystem den finanziellen Aufwand, der in den ganzen Systemumstellungen steckte in mehr Lehrer und echte Förderung der Schüler (und Lehrer!) gesteckt hätte (auch ein paar unfähige Lehrer aus dem Verkehr gezogen hätte!) wären eine ganze Menge Probleme schon beseitigt. Erst dann ist wirklich erkennbar, wo das System verbesserungswürdig ist.
Aber so bleiben die Schüler die selben, die Lehrer die selben und die Probleme die selben - egal in welchem System.
Mir scheint es hier wie in so vielen anderen Fällen:
Es gibt Probleme, die keiner verleugnen kann. Der Schluss der daraus gezogen wird ist, dass das System geändert werden muss. Der größte Teil der Probleme resultiert jedoch oft gar nicht aus dem System, sondern aus ganz anderen Dingen.
Wenn man beim Schulsystem den finanziellen Aufwand, der in den ganzen Systemumstellungen steckte in mehr Lehrer und echte Förderung der Schüler (und Lehrer!) gesteckt hätte (auch ein paar unfähige Lehrer aus dem Verkehr gezogen hätte!) wären eine ganze Menge Probleme schon beseitigt. Erst dann ist wirklich erkennbar, wo das System verbesserungswürdig ist.
Aber so bleiben die Schüler die selben, die Lehrer die selben und die Probleme die selben - egal in welchem System.
»Die Primarschule ist nicht durchsetzungsfähig, weil überhaupt kein Geld dafür da ist«, sagt Tobien. Gerade stand doch in den Hamburger Zeitungen, dass 300 Gymnasiallehrer eingespart werden sollen. Die Tobiens könnten toben vor Wut. »
Das ist die Realität. Was wird besser, wenn man ein neues System hat, aber nicht einen Cent mehr für die Verbesserung des Betreuungsschlüssels ausgibt? Kann man nicht auch in einem dreigliedrigen System Migrantenkinder individuell unterrichten? Kann man nicht auch Klassen mit maximal 6 Kindern in einem dreigliedrigen System einführen. Was immer vergessen wird, ist, dass in Ländern mit einem "Einheitssystem" die finanzielle Ausstattung erheblich besser ist. Das ist das Problem! Kümmert Euch erst einmal darum, dann können wir über einen Systemwechsel diskutieren. Das sollte Frau Goetsch auch einmal beantworten, statt dessen gibt es nur Luftschlösser.
Und wieder scheint das Kinde mit dem Bade ausgeschüttet zu werden.
Wer offenen Auges und Ohren durch die Welt geht, wird erkennen, dass es besser wäre, die Kinder bis zum sechsten Schuljahr gemeinsam das notwendige Grundwissen zu erlangen. Hier überwiegen die Vorteile den Nachteilen bei weitem.
Etwas anderes ist die Entscheidung danach. Eine Reform darf nicht weiter das falsche Leistungsdenken schüren. Danach geht es um Eignung, nicht um Hierachie. Es geht um Theoretiker und Praktiker, um das was für den weiteren Beruf besser vorbereitet. Das ist nicht zwangläufig das Gymnasium!!! Man kann auch Opern geniesen ohne Abitur zu haben!!! Und die Entscheidung sollte letztlich bei den Eltern bleiben.
"Am Abend dieses Tages soll eine Mitschülerin Camilas heulend im Bett gelegen und ihre Mutter gefragt haben, ob es denn auch Berufe gebe, die man ohne Abitur erlernen könne."
Was sind das für Eltern, die ihren Kindern so etwas eintrichtern. Was wenn Camilas Freundin gar nicht das Zeug zur Anwältin hat, aber eine sehr talentierte Tischlerin sein könnte. Dann ist sie wohl in den augen ihrer Eltern gescheitert- aber das System ist schuld!
Hier in Deutschland wird so und so nichts reformiert. Da braucht man gar nichts zu debattieren, ob einer will, einer nicht ist hier vollkommen egal, es wird so und so nichts gemacht.
Ein Beispiel: An der Schule, an der ich unterrichtet wurde, wurde damals vor 31 Jahren ein Behelfscontainer aufgebaut, nur für Übergangszwecke, ein Anbau an der Schule sei in Planung, der Behelfscontainer steht dort heute noch und es wird dort immer noch unterrichtet!
Wenn die so etwas nicht mal gebacken bekommen, wie soll es denn mit dem Unterricht aussehen?
An einer Reform hat niemand ein wirkliches Interesse.
Tschö und einen schönen Tag noch, talkletts.
Isa Baumgart berichtet davon, wie einige Kinder schon in der Grundschule unter Leistungsdruck stehen und ich stimme ihr zu, dass das eine schlimme Sache ist und bestimmt Konsequenzen für die Entwicklung der Kinder hat. Es ist schlimm, dass Kinder heulend auf dem Bett liegen, weil sie glauben, dass sie ohne Abitur nichts sind... aber die Schuld hat doch nicht das Abitur, sondern die Gesellschaft, die ihnen das einredet.
Man muss auch die andere Seite sehen. Einige Kinder stehen in der Grundschule kein bisschen unter Leistungsdruck. Sie machen das mit links und wenn sie heulend auf dem Bett liegen, dann höchstens, weil sie schon wieder der gleiche "langweilige Kram", den sie schon längst beherrschen wiederholt wurde.
Es gibt Kinder (einige davon kenne ich persönlich), die können schon lesen, wenn sie in die Schule kommen und eignen sich den Stoff der Grundschule nebenher ohne Hilfe von außen an, es gibt Kinder die schaffen dasselbe nur mit Nachhilfe ab der ersten Klasse und dann gibt es die Kinder, die können in der vierten Klasse noch nicht lesen - und nicht immer liegt es daran, dass sie nicht gefördert wurden.
Eine Schule, die den einen überfordert und unter Leistungsdruck setzt, kann durchaus den anderen unterfordern. Genau hier sehe ich den Vorteil für die schwächeren Schüler, wenn sie nach der vierten Klasse getrennt werden. Es erspart ihnen zwei weitere Jahre voller Nachhilfe und Stress und dem Gefühl der langsamste der ganzen Klasse zu sein.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren