Studenten-Proteste Warum streiken?

Die Präsidentin der Hochschulrektoren Margret Wintermantel im Streitgespräch mit zwei Heidelberger Studenten. Carola Rühling ist Juso, Erik Bertram Christdemokrat

Tausende Schüler und Studenten gingen für bessere Studienbedingungen auf die Straße

Tausende Schüler und Studenten gingen für bessere Studienbedingungen auf die Straße

DIE ZEIT: Überall im Land halten Studenten Hörsäle besetzt, der Bildungsstreik hat am Dienstag erneut Zehntausende auf die Straßen gebracht. Steht die Mehrheit hinter den Protesten?

Erik Bertram: Das glaube ich nicht. Bei den Besetzern handelt es sich nur um eine kleine linke Minderheit. Auch habe ich in den vergangenen Tagen häufig erlebt, dass Kommilitonen ungehalten reagieren, wenn Streikende in die Vorlesungen kamen und um Unterstützung warben. Doch die Medien berichten immer nur von denen, die streiken. Die schweigende Mehrheit zeigt niemand.

Anzeige

Carola Rühling: Von wegen schweigende Mehrheit. Die Besetzer mögen nur eine kleine Gruppe sein, aber hinter ihren Forderungen stehen Tausende. Das hat der Bildungsstreik am Dienstag gezeigt. Die Mehrheit der Studierenden ist dabei, die Geduld mit der Bildungspolitik zu verlieren: Sie haben genug vom Prüfungswahnsinn und von der Verschulung des Studiums, und sie sind gegen Studiengebühren.

Bertram: Aber deshalb die Abschaffung des Bologna-Prozesses zu fordern ist doch Unsinn. Natürlich gibt es Fehlentwicklungen bei der Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master. Doch die Ziele der Reform sind positiv. Es ist zum Beispiel sinnvoll, dass die Abschlüsse europaweit vergleichbar sind. Es ist gut, dass es für Studenten, die kürzer studieren wollen, jetzt einen akademischen Abschluss schon nach drei Jahren gibt.

ZEIT: Frau Wintermantel, ist das Bachelor-Master-System gescheitert und sollte rückgängig gemacht werden, wie Studenten fordern?

Margret Wintermantel: Wir können Bologna schon deshalb nicht rückgängig machen, weil Deutschland sich aus guten Gründen auch international festgelegt hat, die Reform durchzuführen. Aber unabhängig davon ist Bologna keineswegs gescheitert. Schauen Sie sich die Fakten an: Nach Umfragen sind die Studierenden im Schnitt heute zufriedener mit ihren Studienbedingungen als vor der Reform. Die Abbrecherquoten etwa in den Geisteswissenschaften sind drastisch zurückgegangen. Und auf dem Arbeitsmarkt werden Bachelorabsolventen gern genommen.

ZEIT: Das hört sich recht selbstzufrieden an.

Wintermantel: Überhaupt nicht. Eine Reform von diesem Ausmaß verläuft nicht ohne Umsetzungsprobleme. In der Phase der Korrekturen befinden wir uns. So hatten wir es zum Beispiel mit den Vorschriften übertrieben: Die Länder schreiben für eine Bachelorarbeit einen eng begrenzten Umfang vor. Auch kann es nicht sein, dass man vielerorts rigide Anwesenheitspflichten für Veranstaltungen eingeführt hat. Nicht nur an diesem Punkt setzen die Hochschulen an und bessern nach – übrigens auch als Ergebnis der Bildungsstreiks vom Sommer. Wir haben den protestierenden Studierenden durchaus zugehört.

Rühling: Bisher haben wir davon wenig mitbekommen. Was ich zum Beispiel nicht verstehe, ist, warum im neuen System nach jeder Vorlesung eine Prüfung folgt. Auch ist es für Bachelorstudierende fast unmöglich, neben ihrem Pflichtprogramm andere Veranstaltungen zu besuchen. Ich studiere noch auf Magister und habe dafür fünf Jahre Zeit. Das gibt mir Spielraum, auch Kurse in anderen Fächern zu belegen oder einmal ein Buch zu lesen, das ich nicht für das nächste Seminar benötige.

Bertram: Da gebe ich dir recht. Die Studienpläne sind viel zu engmaschig gestrickt. Ich studiere auf Bachelor und bin so ausgelastet, dass ich kaum Zeit für meine politische Arbeit finde. Anderen Kommilitonen geht es ähnlich. Sich selbst mehr Freiraum zu verschaffen und ein Semester länger zu studieren ist praktisch unmöglich, weil die Stundenpläne wie die Studienzeit vorgegeben sind. Das war im Diplomstudiengang besser.

Leser-Kommentare
    • diona
    • 20.11.2009 um 1:54 Uhr

    dass Studenten mehr Stunden als Vollzeit-Berufstätige in ihren Jobs in Vorlesungen verbringen müssen!
    Zwar lautet die offizielle Stundenempfehlung ~ 20 Wochenstunden an Vorlesungszeit, doch das ist utopisch, da in diesem Zeitraum die Anzahl der Pflichtmodule nicht bewältigt werden kann. Zu den Vorlesungsstunden muss noch die Nachbereitungszeit gezählt werden, die mind. den Stunden der Vorlesungszeit entspricht.
    Irgendetwas ist da gewaltig aus dem Ruder gelaufen: Maximale Modulpakete, maximale Studentenzahl und minimale Dozentenzahl, die wird nämlich nicht aufgestockt!

    • diona
    • 20.11.2009 um 2:06 Uhr

    Weiter ist es eine Zumutung, dass die Studiengebühren u.a. für Tutoren ausgegeben werden, da die Regierung die Anzahl der Dozenten nicht aufstockt. So werden von den Studentengeldern Tutoren finanziert, die den Vorlesungsstoff noch einmal in kleinen Gruppen mit den Studenten durchnehmen, da er aufgrund von überfüllten Hörsälen schlecht vermittelt werden kann. Warum wird die Regierung in solch einer Situation, in der sie die Unis anweist, mehr Studenten aufzunehmen, nicht flexibler? Warum wird kein Geld für Neueinstellungen zur Verfügung gestellt, warum werden die starren, unsinnigen Zwei-Jahres-Verträge nicht aufgehoben und in unbegrenzte Verträge geändert? Hier wird am falschen Ende gespart, nämlich am Anfang- fatal!

  1. ...wird in Deutschland soviel gemacht; besonders aufgefallen ist mir das während meines Studienaufenthalts in Südfrankreich: Die beiden Unis in Deutschland, an denen ich bisher war, können sich beispielsweise die Heizkosten leisten. Die UBs haben zig Bücher, noch fachspezifischere gibt es in den Institutsbibliotheken - keine Selbstverständlichkeit. Wir haben moderne Kopierer/Drucker/Scanner/Computer zur Verfügung, wir haben Profs/Dozenten, deren e-mail Adressen man auf den Homepages der Fakultäten findet und die man um Rat fragen kann - per e-mail oder in Sprechstunden. Beides war an der Uni in Frankreich nicht ohne weiteres möglich UND es scheint egal zu sein, ob diese in der "Provinz" oder in Paris selbst liegt.
    Ich möchte damit nicht sagen, dass alles an den deutschen Unis wunderbar ist und dass es sich nicht lohnt, für weitere Verbesserungen zu kämpfen, im Gegenteil. Aber ich bin dafür, das Bewusstsein für einige schon vorhandene Privilegien der Studenten zu schärfen.

    • Izyy
    • 20.01.2010 um 19:48 Uhr

    Eine Geschichts-Magister klagt den BA an? Offen gesagt finde ich das etwas unangebracht.

    Dass ein Physik-BA mehr zu tun hat verwundert wohl niemanden ernsthaft, oder? Und um den offiziell gleichwertigen MA zu erreichen, wird er nebenbei bemerkt ebenfalls fünf Jahre an der Universität verbringen. Daraus sechseinhalb zu machen ist übrigens in keiner Studienordnung Deutschlands ein Problem.

    Alle sollen flexibel sein, aber sind die Studenten das denn? In vielen Fächern kann man über die Prüfungsform verhandeln, Professoren haben mehr Verständnis, als man denkt. Ansprechen hilft! Nicht in Demonstrationen, sondern in Sprechstunden.

    Wer Zeit für ein Praktikum braucht kann Urlaub machen. Nur weil man heute ein Formular ausfüllen muss, um von der Studiengebühr befreit zu werden, ist es trotzdem nicht weniger möglich als früher. Und nein, auch wenn es immer wieder behauptet wird, das zählt nicht in die Studienzeit rein(, basta).

    Und die Finanzierung? Das schlagende Argument ist genannt - Bildung soll etwas wert sein, idealer Weise der Gesellschaft. Aber dem Individuum ist sie nichts wert? Hat es Bildung dann eigentlich verdient?

    Es gibt BaMa-Probleme, die tatsächlich für eine teilweise Abschaffung "des Systems" sprechen. Diese Probleme haben Lehramtsstudenten.

    Die meisten Probleme haben wir Bologna-Kinder doch, weil uns unsere Vorgänger-Generation erzählt, wir hätten welche. Das zu glauben ist viel einfacher, als nur für sich selbst individuelle Pfade zu suchen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service