Studenten-Proteste Warum streiken?
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"Autonomie darf nicht auf Kosten der Demokratie gehen"

ZEIT: Wo genau beobachten Sie eine Kommerzialisierung?

Rühling: Etwa bei den Studiengebühren. Sie wirken auf Schulabgänger aus sozial schwächeren Familien abschreckend. Ein anderes Beispiel sind die neuen Studiengänge, die uns in erster Linie für den Arbeitsmarkt trimmen sollen, statt uns eine freie geistige Betätigung zu ermöglichen.

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Bertram: Was ist dagegen zu sagen, dass wir etwas lernen, womit wir später einen Beruf finden? Ich erwarte von einer Universitätsausbildung sogar, dass sie mir Kenntnisse vermittelt, die ich im Berufsleben gebrauchen kann. Und was die Studiengebühren angeht, gibt es Kredite, die man erst zurückzahlen muss, wenn man ein Einkommen hat. Bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau zum Beispiel kann man die Tilgung auf bis zu 25 Jahre strecken. Bei zehn Semestern und 500 Euro Gebühren wären dies 17 Euro pro Monat. Das sollte uns das Studium wert sein.

ZEIT: Haben sich denn die Studienbedingungen mit den Studienbeiträgen verbessert?

Rühling: Ich kann nicht viel feststellen. Die Öffnungszeiten der Bibliotheken sind länger, in Ordnung. Zudem hat die Uni zusätzliche Tutoren engagiert. Aber vielerorts werden über Studiengebühren Kernbereiche der Lehre finanziert und keine Verbesserungen. Dafür muss der Staat aufkommen. Ich hoffe darauf, dass die Studiengebühren 2011 in Baden-Württemberg zum Wahlkampfthema werden. In Hessen sind sie ja bereits wieder abgeschafft.

ZEIT: Frau Wintermantel, ist Bildung an unseren Universitäten nur noch eine Ware?

Wintermantel: Das kann ich nicht erkennen. Als ein Beispiel werden die Hochschulräte angeführt, die häufig in die Wahl der Hochschulleitung eingebunden sind und sie kritisch begleiten. Richtig ist, dass in diesen Aufsichtsgremien auch Wirtschaftsvertreter sitzen, aber vor allem auch Persönlichkeiten mit großen Erfahrungen im Hochschulmanagement, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler oder auch Vertreter von Kirchen, Medien oder Parteien. Sie alle helfen den Hochschulen, ihre Verantwortung besser wahrzunehmen. Früher steuerte allein der Staat die Hochschulen, jetzt gewinnen wir an Autonomie und müssen entsprechend verstärkt gegenüber der Gesellschaft Rechenschaft ablegen. Das ist richtig so.

Rühling: Autonomie darf aber nicht auf Kosten der Demokratie gehen. Und genau das passiert mit den neuen Universitätsverfassungen. Sie schwächen die Selbstverwaltung der Hochschule. Zudem kann ich mir nicht vorstellen, dass die Wirtschaftsvertreter in den Hochschulräten keinen Einfluss nehmen. Sonst würden sie dort nicht sitzen.

Wintermantel: Der wichtigste Einfluss ist, dass sie ihre Erfahrungen aus anderen gesellschaftlichen Bereichen einbringen und als »strenge Freunde« den Hochschulen zur Seite stehen. Die Mehrheit in den Räten stellen im übrigen Personen, die der Wissenschaft sehr nahestehen.

ZEIT: Frau Rühling, Herr Bertram, wie lange werden die Hörsaalbesetzungen weitergehen?

Bertram: Nicht mehr lange. Die Mehrheit der Studenten steht nicht hinter den Aktionen. Die Maximalforderungen der Besetzer von der Abschaffung von Bologna bis zum Ende der Studiengebühren können nicht erfüllt werden. Also werden sie ihre Besetzungen irgendwann abbrechen.

Rühling: Egal, wie lange sie anhalten: Wir haben schon viel erreicht. Ganz Deutschland spricht über die schlechten Studienbedingungen. Zudem wird es sicher nicht das letzte Mal sein, dass wir uns zu Wort melden.

Das Gespräch führten Martin Spiewak und Jan-Martin Wiarda

Erik Bertram, 21, studiert Physik im 5. Semester – schon auf Bachelor; Carola Rühling, 22, studiert Geschichte im 6. Semester – noch auf Magister; Margret Wintermantel, 62, ist Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK)

 
Leser-Kommentare
    • diona
    • 20.11.2009 um 1:54 Uhr

    dass Studenten mehr Stunden als Vollzeit-Berufstätige in ihren Jobs in Vorlesungen verbringen müssen!
    Zwar lautet die offizielle Stundenempfehlung ~ 20 Wochenstunden an Vorlesungszeit, doch das ist utopisch, da in diesem Zeitraum die Anzahl der Pflichtmodule nicht bewältigt werden kann. Zu den Vorlesungsstunden muss noch die Nachbereitungszeit gezählt werden, die mind. den Stunden der Vorlesungszeit entspricht.
    Irgendetwas ist da gewaltig aus dem Ruder gelaufen: Maximale Modulpakete, maximale Studentenzahl und minimale Dozentenzahl, die wird nämlich nicht aufgestockt!

    • diona
    • 20.11.2009 um 2:06 Uhr

    Weiter ist es eine Zumutung, dass die Studiengebühren u.a. für Tutoren ausgegeben werden, da die Regierung die Anzahl der Dozenten nicht aufstockt. So werden von den Studentengeldern Tutoren finanziert, die den Vorlesungsstoff noch einmal in kleinen Gruppen mit den Studenten durchnehmen, da er aufgrund von überfüllten Hörsälen schlecht vermittelt werden kann. Warum wird die Regierung in solch einer Situation, in der sie die Unis anweist, mehr Studenten aufzunehmen, nicht flexibler? Warum wird kein Geld für Neueinstellungen zur Verfügung gestellt, warum werden die starren, unsinnigen Zwei-Jahres-Verträge nicht aufgehoben und in unbegrenzte Verträge geändert? Hier wird am falschen Ende gespart, nämlich am Anfang- fatal!

  1. ...wird in Deutschland soviel gemacht; besonders aufgefallen ist mir das während meines Studienaufenthalts in Südfrankreich: Die beiden Unis in Deutschland, an denen ich bisher war, können sich beispielsweise die Heizkosten leisten. Die UBs haben zig Bücher, noch fachspezifischere gibt es in den Institutsbibliotheken - keine Selbstverständlichkeit. Wir haben moderne Kopierer/Drucker/Scanner/Computer zur Verfügung, wir haben Profs/Dozenten, deren e-mail Adressen man auf den Homepages der Fakultäten findet und die man um Rat fragen kann - per e-mail oder in Sprechstunden. Beides war an der Uni in Frankreich nicht ohne weiteres möglich UND es scheint egal zu sein, ob diese in der "Provinz" oder in Paris selbst liegt.
    Ich möchte damit nicht sagen, dass alles an den deutschen Unis wunderbar ist und dass es sich nicht lohnt, für weitere Verbesserungen zu kämpfen, im Gegenteil. Aber ich bin dafür, das Bewusstsein für einige schon vorhandene Privilegien der Studenten zu schärfen.

    • Izyy
    • 20.01.2010 um 19:48 Uhr

    Eine Geschichts-Magister klagt den BA an? Offen gesagt finde ich das etwas unangebracht.

    Dass ein Physik-BA mehr zu tun hat verwundert wohl niemanden ernsthaft, oder? Und um den offiziell gleichwertigen MA zu erreichen, wird er nebenbei bemerkt ebenfalls fünf Jahre an der Universität verbringen. Daraus sechseinhalb zu machen ist übrigens in keiner Studienordnung Deutschlands ein Problem.

    Alle sollen flexibel sein, aber sind die Studenten das denn? In vielen Fächern kann man über die Prüfungsform verhandeln, Professoren haben mehr Verständnis, als man denkt. Ansprechen hilft! Nicht in Demonstrationen, sondern in Sprechstunden.

    Wer Zeit für ein Praktikum braucht kann Urlaub machen. Nur weil man heute ein Formular ausfüllen muss, um von der Studiengebühr befreit zu werden, ist es trotzdem nicht weniger möglich als früher. Und nein, auch wenn es immer wieder behauptet wird, das zählt nicht in die Studienzeit rein(, basta).

    Und die Finanzierung? Das schlagende Argument ist genannt - Bildung soll etwas wert sein, idealer Weise der Gesellschaft. Aber dem Individuum ist sie nichts wert? Hat es Bildung dann eigentlich verdient?

    Es gibt BaMa-Probleme, die tatsächlich für eine teilweise Abschaffung "des Systems" sprechen. Diese Probleme haben Lehramtsstudenten.

    Die meisten Probleme haben wir Bologna-Kinder doch, weil uns unsere Vorgänger-Generation erzählt, wir hätten welche. Das zu glauben ist viel einfacher, als nur für sich selbst individuelle Pfade zu suchen.

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