Protest an Universitäten Der Kampf um die Herzen der Studenten
Potsdam: Seit zwei Wochen besetzen Protestierer das Audimax, derweil Professoren im Zelt unterrichten sollen. Was wird das bringen?
Am Rand des Schlossparks Sanssouci, ein paar Meter vom Neuen Palais entfernt, steht neuerdings ein Partyzelt. Am Eingang halten Männer in blauen Jacken Wache. Morgens strömen ein paar Hundert Studenten hinein, dann schallt die Stimme ihres Professors nach draußen und übertönt das Brummen der mobilen Heizungsanlage.
Wenn Universitätspräsidentin Sabine Kunst von dem Zelt spricht, nennt sie es »das provisorische Audimax der Universität Potsdam«. Dann kann es passieren, dass ein süffisantes Lächeln ihre Lippen umspielt. Denn das Zelt ist auch ein Signal an die Besetzer des historischen Audimax auf der anderen Straßenseite. Falls ihr auf eine Räumung gehofft habt, vergesst es, sagt das Zelt. Den Gefallen tun wir euch nicht.
Gut zwei Wochen sind vergangen, seit Studenten den größten Hörsaal in der brandenburgischen Landeshauptstadt eingenommen haben, aus Protest gegen die Politik von Landesregierung und Hochschulleitung. Die Uni Potsdam war eine der ersten deutschen Hochschulen, auf die die in Österreich gestartete Besetzungswelle überschwappte.
Mittlerweile sind Hörsäle an über 20 Hochschulen in ganz Deutschland in der Hand streikender Studenten, ein paar weitere wurden bereits wieder aufgegeben oder von der Polizei geräumt. An der Berliner Vorstadt-Uni aber verkündeten sie gleich zu Anfang der Besetzung, sie wollten erst gehen, wenn ihre Forderungen erfüllt seien: mehr studentische Mitbestimmung, mehr Geld für die Hochschulen, Masterstudienplätze für alle, Schluss mit Leistungsdruck und Prüfungsstress in den neuen Bachelorstudiengängen.
Gerade erst hat Potsdam einen Preis für exzellente Lehre gewonnen
Ausgerechnet Potsdam. Nur wenige Tage zuvor hatte die Hochschule als einzige Universität der neuen Bundesländer beim bundesweiten Wettbewerb »Exzellente Lehre« alle Auswahlrunden überstanden und war zusammen mit fünf Westkonkurrenten zum Sieger gekürt worden. Vor 20 Jahren noch abgelegene Ausbildungsanstalt für DDR-Lehrer, jetzt so etwas wie Ostdeutschlands erste Eliteuniversität: was für eine Erfolgsgeschichte, perfekt illustriert durch die historischen Fassaden und weitläufigen Gärten der als Weltkulturerbe geschützten Schlossanlage.
Entsprechend hochgestimmt schwärmte Uni-Präsidentin Kunst in Interviews schon von »Sahnehäubchen«, die in Potsdam die Lehre krönten, und vom »großartigen Umfeld«, das die Universität ihren Studenten biete. Bis die Besetzer kamen. »Das sind doch nur Ideen, für die die Uni da ausgezeichnet worden ist«, sagt Mandy Joachim vom Asta. »Wunderschöne Ideen, zugegebenermaßen. Wir aber müssen jeden Tag mit der Wirklichkeit klarkommen.«
Die Wirklichkeit, das sind für die Asta-Leute übergroße Seminargruppen und Studenten, die vom Kursbuchungssystem hinausgeworfen werden, obwohl das rechtlich nicht zulässig ist. »Da kannst du als Hochschullehrer noch so gut sein, wenn du 120 Leute im Kurs hast, nützt dir das gar nichts«, sagt Joachims Kollege Janosch Raßmann.
In der alten Baracke, die das Asta-Büro beherbergt, scheint die Schlosspracht plötzlich meilenweit entfernt zu sein. In der Luft liegt der berüchtigte Geruch von DDR-Desinfektionsmitteln, vor dem Fenster erhebt sich das Partyzelt-Audimax der Präsidentin. Jens Gruschka wirft ein: »Ich habe nichts gegen Exzellenz. Aber solange die Universität Potsdam nicht das Geld hat, um ihre Pflicht in der Breitenbildung zu erfüllen, soll sie sich von solchen Höhenflügen fernhalten.«
Eine Auszeichnung für exzellente Lehre und angeblich unstudierbare Studiengänge, Hörsaalbesetzung und Sahnehäubchen, wie passt das zusammen, Frau Kunst?
Mittlerweile gehört Kunst zu den Stars unter den Hochschulrektoren. Ein Star, der in den vergangenen Tagen gehörig in die Defensive geraten war: Trotz ihrer gebetsmühlenartig wiederholten Versicherungen, sie stehe zum Dialog bereit, hatten die Besetzer Kunst Verstocktheit vorgeworfen, Feigheit vor der Landesregierung und den heimlichen Plan, die Besetzung gewaltsam beenden zu wollen.
Die Uni-Präsidentin veranschlagt zehn Jahre für den Wandel
Bis Kunst die Idee mit dem provisorischen Audimax kam. Endlich ein Punktgewinn im medialen Wettstreit mit den Besetzern. Seitdem kann die Uni-Chefin wieder entspannter über ihre Vision sprechen. »So ein Umsteuern geht nicht von heute auf morgen«, betont sie. In den nächsten zehn Jahren werde sich die Professorenschaft der Universität Potsdam fast komplett erneuern. »Das ist eine einmalige Chance, die Lehre noch stärker als bislang ohnehin schon ins Bewusstsein der Lehrenden zu rücken.« Ach ja, und die Sache mit den Sahnehäubchen: Das seien doch nur drei konkrete Schritte auf dem Weg dorthin. »Wir haben uns bewusst nicht mit etwas Globalgalaktischem beworben, an dessen Realisierung wir selbst nicht glauben.«
Dass die Studentenvertreter vom Asta zu deren Ärger nicht an der Ausarbeitung des Wettbewerbsbeitrags beteiligt wurden, erklärt die Hochschulleitung – wenig überzeugend – mit der knappen Zeit. Doch selbst Kunst räumt ein: Eigentlich sei es mehr ein Preis für die Zukunft der Lehre gewesen, nicht für die Gegenwart.
Die Gegenwart haben die Besetzer im Auge. Leute wie Florian Werk, Rastalocken und Vollbart. Von seinem Platz am Seiteneingang hat er freien Blick auf die Wände des Audimax, an denen Transparente hängen: »Sackgasse Bachelor«, kann man da lesen, »Jedes Herz ist eine revolutionäre Zelle«, oder: »Missstände an der Fakultät für Musik«.
Auch der Tisch, an dem er sitzt, ist beklebt. »Freie Bibliothek« steht drauf, die Bücher, die dort liegen, heißen Kritik der Warenästhetik und Das Kapital . Die Besetzer wehren sich indes gegen den Eindruck, nur die Linke zu repräsentieren. »Wir haben uns geeinigt, hier nicht als politische Gruppierungen aufzutreten«, sagt Werk. »Auf dem Tisch hier kann jeder ablegen, was ihm geeignet erscheint.«
Hinter Werk stapeln sich Schlafsäcke und Isomatten, vor ihm füllt sich der Hörsaal allmählich mit Studenten in Polohemden und Studentinnen mit schicken Handtäschchen, die sich schon äußerlich stark unterscheiden von Werk und seinen Besetzerkollegen an den Tischen neben ihm. Sie sind gekommen, weil gleich ihre Zoologie-Vorlesung anfängt.
Denn, auch darauf legen die Besetzer wert, sie verhindern keineswegs den Vorlesungsbetrieb, wie das Partyzelt nahelegen soll. »Wir moderieren nur und erwarten, dass jeder Professor uns mindestens eine Viertelstunde Zeit gibt, um zu unseren Mitstudenten zu sprechen«, sagt Werk. Auch das ist ein kluger Schachzug, der ihnen den an anderen Hochschulen laut gewordenen Vorwurf erspart, die Besetzer kämpften für bessere Studienbedingungen, tatsächlich aber verhinderten sie sie. Umso mehr wurmt sie, dass die Uni-Präsidentin mit ihrem provisorischen Audimax gekontert hat. Künftig wird der historische Hörsaal seltener voller Studenten sein, zu denen die paar Dutzend Besetzer sprechen können.
So entwickelt sich der Streit um die Besetzung in Potsdam und anderswo zu einem Streit um die Deutungshoheit: Wie viele Studenten stehen hinter den Aktionen? Wer vertritt wirklich die Interessen der Mehrheit der Studenten – die Besetzer oder die Uni-Leitung, die, zerrieben zwischen Streikenden und Landesregierung, das Beste aus den Umständen zu machen behauptet? Die den Besetzern zuletzt auch noch die Einrichtung eines dauerhaften Runden Tisches angeboten hat? Und wie können die Streikenden jetzt, da eine polizeiliche Räumung ausgeschlossen scheint, aus der Nummer herauskommen, ohne dass es nach Aufgeben aussieht?
Die Besetzer hoffen, dass die bundesweiten Demonstrationen mit Zehntausenden Teilnehmern am Dienstag endlich einen neuen Mobilisierungsschub bringen. Allerdings macht unter ihnen auch die Geschichte vom Ende der Besetzung in Greifswald die Runde. Dort hatte die Uni-Leitung den Studenten einen Ausweichraum angeboten, »zur Fortsetzung ihrer Projektarbeit«, die feierten das als Zugeständnis der Hochschule und »klares Ergebnis unserer Aktionen« – und zogen fast erleichtert um. Nein, so soll es ihnen hier nicht ergehen. »Unsere Forderungen sind absolut realistisch«, versichert Florian Werk. Um abzuziehen, wollten die Besetzer deutliche Ergebnisse sehen. »Aber wenn die andere Seite ehrlichen Willen signalisiert, reicht uns das auch schon.«
Vielleicht war ja bereits das Runde-Tisch-Angebot das Signal. Die neue Genügsamkeit der Potsdamer Besetzer hängt womöglich auch mit den Erfahrungen zusammen, die sie mit ihren nicht streikenden Mitstudenten machen: Der lauteste Applaus im Audimax brandet auf, als ein vom Desinteresse seiner Zuhörer sichtlich irritierter Besetzer nach nur drei Minuten das Podium für die wartende Professorin räumt. »Ich lass euch dann mal studieren«, sagt er leise und geht.
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- Datum 20.11.2009 - 10:18 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
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http://www.tagesschau.de/...
Im obigen Bild ist ein Spruchbanner zu sehen: "Träume brauchen Freiräume ..."
Ich unterstütze die Proteste ... eigentlich! Aber: Das A in Freiräume ist durch ein Symbol geprägt, welches Ausdruck einer Gesinnung ist, die ich nicht teile. Und den Bildungsstreik unter diese Gesinnung zu ordnen ist auch eine Praxis an meiner Uni. Aber ich lasse mir nunmal keine Gesinnung aufdrücken. Auch nicht im Namen einer guten Sache. Daher protestiere ich nicht mit!
Ich finde es jedoch albern aus solch einem Grund sich nicht den Protesten anzuschließen. Schließlich gibt es bei einer Demonstration ca. 100 Banner, wovon 99 nichts damit zu tun haben und bei 5.000 Demonstranten stehen vielleicht 10 hinter der Ideologie.
Natürlich mischen immer ein paar Extreme bei solchen Veranstaltungen mit, davon sollte sich aber die breite Basis nicht verschrecken lassen- denn schließlich geht es um die Sache.
Und wie mag das klingen, wenn in 20 Jahren die eigenen Kinder unter einem noch schlimmeren Bildungssystem zu leiden haben, zu sagen "Da waren damals so ein paar Anarchisten dabei, deshalb hab ich nicht mitgemacht..."?
Ich finde es jedoch albern aus solch einem Grund sich nicht den Protesten anzuschließen. Schließlich gibt es bei einer Demonstration ca. 100 Banner, wovon 99 nichts damit zu tun haben und bei 5.000 Demonstranten stehen vielleicht 10 hinter der Ideologie.
Natürlich mischen immer ein paar Extreme bei solchen Veranstaltungen mit, davon sollte sich aber die breite Basis nicht verschrecken lassen- denn schließlich geht es um die Sache.
Und wie mag das klingen, wenn in 20 Jahren die eigenen Kinder unter einem noch schlimmeren Bildungssystem zu leiden haben, zu sagen "Da waren damals so ein paar Anarchisten dabei, deshalb hab ich nicht mitgemacht..."?
Ich finde es jedoch albern aus solch einem Grund sich nicht den Protesten anzuschließen. Schließlich gibt es bei einer Demonstration ca. 100 Banner, wovon 99 nichts damit zu tun haben und bei 5.000 Demonstranten stehen vielleicht 10 hinter der Ideologie.
Natürlich mischen immer ein paar Extreme bei solchen Veranstaltungen mit, davon sollte sich aber die breite Basis nicht verschrecken lassen- denn schließlich geht es um die Sache.
Und wie mag das klingen, wenn in 20 Jahren die eigenen Kinder unter einem noch schlimmeren Bildungssystem zu leiden haben, zu sagen "Da waren damals so ein paar Anarchisten dabei, deshalb hab ich nicht mitgemacht..."?
Das Problem, das Jeanneret anspricht, ist doch nicht, dass hier und da ein paar Anarchos mitdemonstrieren...
Vielmehr geht es doch darum, dass die Proteste dem Großteil der Studenten einfach zu rot angemalt daherkommen. Der ein oder andere - so auch ich - kann da drüber hinwegsehen und trotzdem mitmachen. Die Mehrheit allerdings nicht. Und das ist etwas, was die Leute, die die Proteste organisieren, einfach nicht ernst genug nehmen. Wenn man (im Bildungsbereich) etwas verändern will, geht das nur über Masse. Diese linke Selbstbeweihräucherung jedoch, dieses Getue, als ob wir uns in einem Terrorstaat mit Knüppelpolizei befänden, diese altbackene Agit-Prop-Ästhtetik usw, die momentan ja nahezu jede Form von Protest begleitet, vergrault die Unentschlossenen und Unbedarften - kurzum: Die Masse, die Mitte, die man eigentlich bräuchte.
Stattdessen gibt man sich stur, bringt große Teile der Studentenschaft gegen satt hinter sich und raubt damit der ganzen Bewegung die Kraft...
Realos braucht der Streik und eine Öffnung für die Mitte...
Frau Prof. Dr. Kunst ist nicht Nordschleswigerin - dafür müsste sie als Angehörige der deutschen Minderheit in Dänemark geboren sein und nicht in Wesselburen. Wesselburen liegt ja nicht einmal in Südschleswig, sondern in Dithmarschen. Sie ist also allenfalls Norddeutsche.
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