Internationale Beziehungen »Wir sind lustig«

Der Kabarettist Massimo Rocchi über das Verhältnis zwischen Italien und der Schweiz – und warum er zum Patrioten wurde

DIE ZEIT: Herr Rocchi, wie erklären Sie sich als selbst ernannter Fußballexperte den Weltmeistertitel der Schweizer Junioren?

Massimo Rocchi: Hier spielte die Schweiz der Zukunft. Sie spielte zusammen, sie war aus einem Guss – und die beiden besten Spieler sind Muslime. Dank dieser Engel ist die Minarett-Initiative endgültig erledigt. Nur einer missfiel mir an diesem afrikanischen Abend: Fifa-Präsident Sepp Blatter. Er passte nicht ins Bild. Aber jedes Land braucht seinen Papst.

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ZEIT: Mir scheint, dieser Sieg ist auch ein Schock fürs Land.

Rocchi: Bingo! Nach der Wunde von Marignano 1515 sind wir solche Siege nicht mehr gewohnt. Wir müssen das erst verdauen, bevor wir es begreifen können. Aber wir könnten glücklich sein. Bloß, als »selbst ernannter Fußballexperte« muss ich auch sagen: Das Spiel war ein bisschen wie Handball und ganz ohne Taktik. In der U 21 kann man nicht mehr so spielen. Was mich aber am meisten berührt hat, war dieses Feuerwerk, das gegen Ende des Spiels losging. Die Nigerianer haben mit uns 1. August gefeiert! Es haben nur die Cervelats gefehlt. Ja, ich habe mich gefreut.

ZEIT: Die Schweizer freuen sich momentan weniger über Italien. Man hat Schweizer Banken in Italien durchsucht, die italienischen Grenzbeamten sollen per Kamera jedes Nummernschild registrieren und Geheimpolizisten als Japaner verkleidet im Tessin operieren. Ich frage Sie als Doppelbürger: Was soll die Schweiz tun?

Rocchi: Ich würde da ganz ruhig bleiben und mich auf die Tatsachen berufen. Italien empfindet gegenüber der Schweiz eine ewige Liebe. Und gleichzeitig ist die Lieblingssprache der Schweizer Italienisch, nicht Englisch. Aber Italien ist widersprüchlich. Zum einen wählten die Italiener dreimal hintereinander einen Menschen zum Führer, der sich selbst die Gesetze schreibt. Und die Züge fahren in Italien jetzt pünktlich ab, aber sie kommen nie pünktlich an. Und die Italiener sind wütend, weil sie die pünktlichen Züge verpassen.

ZEIT: Wie Sie in Ihrem neuen Programm sagen: »Die Welt ist Kopf«.

Rocchi: Man versteht Italien nicht mehr, ich auch nicht. Vor einem Jahr verteidigte Silvio Berlusconi bei der G 20 unser Schweizer Bankgeheimnis gegen die Angriffe der andern. Jetzt aber scheint sein Thronfolger, Finanzminister Giulio Tremonti, ein ehemaliger Steuerberater, eine Bekehrung erfahren zu haben. Das ist doch alles sehr komisch.

ZEIT: Gut. Aber was soll die Schweiz jetzt tun?

Rocchi: Sie muss anfangen, Schach zu spielen, mit den weißen Figuren. Herr Steinbrück ist der wohl beste Kopf der deutschen SPD, er hat uns mit seinen humorvollen Bemerkungen eine große Chance gegeben: Wir existieren! Wir sind ein Thema! Steinbrück hat uns die Chance gegeben, unser Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Das alles ist nicht tragisch, das ist wunderbar. Aber es gibt zu tun.

ZEIT: Treffen mit Italien und der Schweiz zwei verunsicherte Länder aufeinander?

Rocchi: Die ganze Welt ist verunsichert. Italien hat einen Vorteil: Verunsicherung ist sein ständiger Zustand. Die Schweiz aber hat einen noch größeren Vorteil: Sie kann kaltes Blut bewahren, sie kann warten wie ein Fischer, sie hat das Geld. Sie hat alle Trümpfe.

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