Im März vergangenen Jahres steht ein 18-jähriger Mann bei Hamburg-Harburg auf den Gleisen und wartet darauf, dass der Regionalzug ihn überrollt. Im Januar dieses Jahres wirft sich ein Banker im schwäbischen Blaubeuren vor den Zug. Im Juni springt ein 27-Jähriger in der Nähe des Bahnhofs im westfälischen Werne aus einem fahrenden Intercity. Im September wirft sich eine 14-jährige Schülerin in Kempen bei Krefeld vor den Zug. Am 10. November nimmt sich der Torwart Robert Enke auf den Gleisen bei Eilvese in Niedersachsen das Leben.

Was sie dort hingetrieben hatte, war dieser unerträgliche Zustand im Kopf. Dieses Gefühl der Sinnlosigkeit, das sich im ganzen Körper ausbreitet. Der Schmerz der Hoffnungslosigkeit. Und der Wunsch, alles dafür zu tun, dass dieses Gefühl aufhört.

Jeden Tag werfen sich in Deutschland vier Menschen vor den Zug, insgesamt 11.000 Menschen nehmen sich jedes Jahr das Leben. (Eine Grafik zur Anzahl von Selbstmorden in Deutschland finden Sie hier) Sehr oft ist Depression die Ursache. Eine Volkskrankheit, die in Deutschland in 60 Prozent der Fälle nicht einmal diagnostiziert wird. Weltweit bekommen nur drei von hundert Betroffenen eine angemessene Therapie, berichtet die Weltgesundheitsorganisation.

Manche Depressive fallen für einige Wochen ins Dunkle, für andere ist es eine Qual, die nicht endet. Um ihr zu entkommen, unternehmen etwa 15 Prozent der Betroffenen einen Selbstmordversuch, oft in einer Phase scheinbarer Besserung. Die Kranken wirken in den Tagen vor ihrer Tat gelöster, zuversichtlicher – in Wahrheit sind sie nur erleichtert, mit ihrem Entschluss ihrem Zustand ein Ende zu setzen.

Als der 18-jährige Axel im März vergangenen Jahres bei Hamburg-Harburg auf den Gleisen des Regionalzuges stand, hatte er in seinem Leben schon seine drogensüchtige Mutter verloren, und nun hatte auch die Freundin, auf deren Bauernhof er untergekommen war, kein Verständnis mehr für sein apathisches Herumhängen. Wieder und wieder forderte sie ihn auf, bei der Arbeit zu helfen. Das werde ihn endlich auf andere Gedanken bringen. Aber andere Gedanken, das schien ihm unmöglich.

Axel hatte Glück. Er wurde vor dem Tod gerettet. Anschließend wurde er in der geschlossenen Psychiatrie untergebracht.

Depressionen gelten noch immer als ein Leiden der Charakterschwachen, der Überforderten und Unfähigen. Die Stigmatisierung der Krankheit einerseits und die Scham der Betroffenen andererseits machen die Depression zur häufigsten Todesursache bei unter 45-jährigen Menschen – besonders bei Männern. Zwar leiden Frauen öfter unter Depressionen, doch Selbstmord begehen hauptsächlich Männer.