Roberto Saviano
"Schreiben bedeutet Widerstand"
Wenn ich einen Traum habe, dann den, zu beweisen, dass das literarische Wort gewichtig genug ist, die Wirklichkeit zu verändern. Die Dankesrede von Roberto Saviano für den Geschwister-Scholl-Preis
© Andreas Gebert/dpa

Von der Camorra mit dem Tode bedroht: Roberto Saviano, Träger des diesjährigen Geschwister-Scholl-Preises
Einen Preis zu erhalten ist keine nette Schmeichelei. Es ist weitaus mehr, und ich hoffe, es gelingt mir, in Worte zu fassen, was diese, den Geschwistern Scholl gewidmete Auszeichnung mir bedeutet.
Noch ehe ich offiziell von einem Preis oder einer Einladung erfahre, erreichen mich oft Gerüchte oder Glückwünsche von Freunden und Bekannten, die etwas aufgeschnappt haben. «Anscheinend wollen die dich einladen…« – «Herzlichen Glückwunsch, tolle Anerkennung, wie’s aussieht, hast du gewonnen…« Ich bin dann immer ganz verdattert, weil die Neuigkeiten nur tröpfchenweise, unvollständig und unter der Hand zu mir durchdringen. Es ist nicht leicht, mich zu erreichen, mein Aufenthaltsort und meine Telefonnummer ändern sich ständig, und selbst mein engstes Umfeld hat Mühe, mich aufzuspüren. Dennoch fühlt sich dieses Leben, das ich führe, noch immer nicht wie meines an, noch immer erstaunt es mich, und ich muss lächeln, wenn ich in der Benachrichtigung, mir solle einer der renommiertesten Preise meiner bisherigen Laufbahn verliehen werden, lese: «Sehr geehrter Dottor Saviano, ich habe mehrmals vergeblich versucht, Sie telefonisch zu erreichen.«
Und weiter: «Die Stadt München und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels – Landesverband Bayern e.V. haben beschlossen, Sie mit dem Geschwister-Scholl-Preis 2009 auszuzeichnen.«

Als Roberto Saviano vor drei Jahren sein Buch »Gomorrha« veröffentliche, drohte ihm die Camorra mit dem Tod. Seither muss er sich verstecken. Rund um die Uhr wird er von Carabinieri bewacht, er zieht von Polizeikaserne zu Polizeikaserne, wie ein Nomade im Feindesland. Seine Mutter musste eine neue Identität annehmen. Am Montag wurde dem 30-jährigen Saviano in München der Geschwister-Scholl-Preis verliehen.
Ich erhalte den Preis für Das Gegenteil von Tod: eine einfache Geschichte, die davon handelt, wie schwierig es ist, in Süditalien zu leben und sich in dieser Region, meiner Heimat, auf die Seite des Gesetzes zu stellen. Oft bleibt einem keine Wahl: Entweder man geht nach Norden oder man lässt sich zur Armee einziehen. Der namenlose Erzähler in Das Gegenteil von Tod ist ein junger Mann, einer wie viele – zu viele –, der beschließt, zum Militär zu gehen und in den letzten Krieg zu ziehen, an dem Süditalien beteiligt ist. Anders als im Rest des Landes ist im Süden mit »letzter Krieg« nicht der Zweite Weltkrieg gemeint, sondern der »jüngste« Krieg im Balkan, in Afghanistan, im Irak; der letzte Krieg, in den Truppen entsandt werden. Der Protagonist meines Buches – ein Mann aus dem Süden, wie die meisten in Auslandseinsätzen gefallenen italienischen Soldaten – bezahlt seinen letzten Krieg mit dem Leben und lässt eine blutjunge Frau zurück. Es sei hier gesagt, dass in einem Land, das von Geschichten über Mut und Leid gezeichnet ist, das Gegenteil von Tod nicht das Leben, sondern die Liebe ist. Die Liebe, die einen zwingt, die Toten nicht zu vergessen, die Liebe zum Leben, die einen in die Ferne treibt, in Länder, von denen man noch nicht einmal weiß, wo sie liegen oder wie man sie ausspricht. Die Hoffnung auf eine würdige Zukunft, die die Vorstellung zu sterben erträglicher macht, ist doch die andere Waagschale bestenfalls leer.
Man hat mir gesagt, mit dem Geschwister- Scholl-Preis werde jährlich ein Buch geehrt, das an das geistige Erbe Hans und Sophie Scholls erinnert, jener beiden kaum Zwanzigjährigen, die sich gegen das Naziregime aufgelehnt haben und für ihre Zivilcourage hingerichtet wurden – geköpft von der Gestapo, hier in München: Mich schaudert bei dem Gedanken. Man hat mir gesagt, der Preis wolle die geistige Unabhängigkeit, das politische, soziale und bürgerliche Verantwortungsbewusstsein fördern. Man hat mir gesagt, vor mir sei unter anderen Anna Politkowskaja ausgezeichnet worden.
Beim Lesen der Begründungen kriege ich eiskalte Hände und ein glutheißes Gesicht. Seit drei Jahren lebe ich ein Leben emotionaler Extreme, in dem Angst und ständige Unsicherheit durch die lebhafte Anteilnahme zahlreicher Menschen aufgewogen wird. Doch diese Auszeichnung versetzt mich zurück in eine Zeit, als es Menschen gab, die angesichts der herrschenden Verhältnisse aus tiefster Überzeugung daran glaubten, die Welt mit Worten verändern zu können, und bereit waren, dafür zu sterben.
- Datum 23.11.2009 - 11:20 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
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dass dem geschriebenen Wort auch wirklich noch die Bedeutung zukommt, welche der Redner beschreibt.
Eine gute Rede und eben auch Mahnung, der Intention und den großen Zielen derer zu gedenken, die vielleicht auch mit ihrem Leben für die Wahrheit bezahlen mussten oder es zumindest sehr gefährdeten.
1935 wurde Gerhard Schumann in den Reichskultursenat berufen, 1938/39 leitete er die Gruppe Schriftsteller der Reichsschrifttumskammer.
1935 wurde Gerhard Schumann in den Reichskultursenat berufen, 1938/39 leitete er die Gruppe Schriftsteller der Reichsschrifttumskammer.
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