Roberto Saviano "Schreiben bedeutet Widerstand"

Wenn ich einen Traum habe, dann den, zu beweisen, dass das literarische Wort gewichtig genug ist, die Wirklichkeit zu verändern. Die Dankesrede von Roberto Saviano für den Geschwister-Scholl-Preis

Von der Camorra mit dem Tode bedroht: Roberto Saviano, Träger des diesjährigen Geschwister-Scholl-Preises

Von der Camorra mit dem Tode bedroht: Roberto Saviano, Träger des diesjährigen Geschwister-Scholl-Preises

Einen Preis zu erhalten ist keine nette Schmeichelei. Es ist weitaus mehr, und ich hoffe, es gelingt mir, in Worte zu fassen, was diese, den Geschwistern Scholl gewidmete Auszeichnung mir bedeutet.

Noch ehe ich offiziell von einem Preis oder einer Einladung erfahre, erreichen mich oft Gerüchte oder Glückwünsche von Freunden und Bekannten, die etwas aufgeschnappt haben. «Anscheinend wollen die dich einladen…« – «Herzlichen Glückwunsch, tolle Anerkennung, wie’s aussieht, hast du gewonnen…« Ich bin dann immer ganz verdattert, weil die Neuigkeiten nur tröpfchenweise, unvollständig und unter der Hand zu mir durchdringen. Es ist nicht leicht, mich zu erreichen, mein Aufenthaltsort und meine Telefonnummer ändern sich ständig, und selbst mein engstes Umfeld hat Mühe, mich aufzuspüren. Dennoch fühlt sich dieses Leben, das ich führe, noch immer nicht wie meines an, noch immer erstaunt es mich, und ich muss lächeln, wenn ich in der Benachrichtigung, mir solle einer der renommiertesten Preise meiner bisherigen Laufbahn verliehen werden, lese: «Sehr geehrter Dottor Saviano, ich habe mehrmals vergeblich versucht, Sie telefonisch zu erreichen.«

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Und weiter: «Die Stadt München und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels – Landesverband Bayern e.V. haben beschlossen, Sie mit dem Geschwister-Scholl-Preis 2009 auszuzeichnen.«

In Lebensgefahr
In Lebensgefahr

Als Roberto Saviano vor drei Jahren sein Buch »Gomorrha« veröffentliche, drohte ihm die Camorra mit dem Tod. Seither muss er sich verstecken. Rund um die Uhr wird er von Carabinieri bewacht, er zieht von Polizeikaserne zu Polizeikaserne, wie ein Nomade im Feindesland. Seine Mutter musste eine neue Identität annehmen. Am Montag wurde dem 30-jährigen Saviano in München der Geschwister-Scholl-Preis verliehen.

Ich erhalte den Preis für Das Gegenteil von Tod: eine einfache Geschichte, die davon handelt, wie schwierig es ist, in Süditalien zu leben und sich in dieser Region, meiner Heimat, auf die Seite des Gesetzes zu stellen. Oft bleibt einem keine Wahl: Entweder man geht nach Norden oder man lässt sich zur Armee einziehen. Der namenlose Erzähler in Das Gegenteil von Tod ist ein junger Mann, einer wie viele – zu viele –, der beschließt, zum Militär zu gehen und in den letzten Krieg zu ziehen, an dem Süditalien beteiligt ist. Anders als im Rest des Landes ist im Süden mit »letzter Krieg« nicht der Zweite Weltkrieg gemeint, sondern der »jüngste« Krieg im Balkan, in Afghanistan, im Irak; der letzte Krieg, in den Truppen entsandt werden. Der Protagonist meines Buches – ein Mann aus dem Süden, wie die meisten in Auslandseinsätzen gefallenen italienischen Soldaten – bezahlt seinen letzten Krieg mit dem Leben und lässt eine blutjunge Frau zurück. Es sei hier gesagt, dass in einem Land, das von Geschichten über Mut und Leid gezeichnet ist, das Gegenteil von Tod nicht das Leben, sondern die Liebe ist. Die Liebe, die einen zwingt, die Toten nicht zu vergessen, die Liebe zum Leben, die einen in die Ferne treibt, in Länder, von denen man noch nicht einmal weiß, wo sie liegen oder wie man sie ausspricht. Die Hoffnung auf eine würdige Zukunft, die die Vorstellung zu sterben erträglicher macht, ist doch die andere Waagschale bestenfalls leer.

Man hat mir gesagt, mit dem Geschwister- Scholl-Preis werde jährlich ein Buch geehrt, das an das geistige Erbe Hans und Sophie Scholls erinnert, jener beiden kaum Zwanzigjährigen, die sich gegen das Naziregime aufgelehnt haben und für ihre Zivilcourage hingerichtet wurden – geköpft von der Gestapo, hier in München: Mich schaudert bei dem Gedanken. Man hat mir gesagt, der Preis wolle die geistige Unabhängigkeit, das politische, soziale und bürgerliche Verantwortungsbewusstsein fördern. Man hat mir gesagt, vor mir sei unter anderen Anna Politkowskaja ausgezeichnet worden.

Beim Lesen der Begründungen kriege ich eiskalte Hände und ein glutheißes Gesicht. Seit drei Jahren lebe ich ein Leben emotionaler Extreme, in dem Angst und ständige Unsicherheit durch die lebhafte Anteilnahme zahlreicher Menschen aufgewogen wird. Doch diese Auszeichnung versetzt mich zurück in eine Zeit, als es Menschen gab, die angesichts der herrschenden Verhältnisse aus tiefster Überzeugung daran glaubten, die Welt mit Worten verändern zu können, und bereit waren, dafür zu sterben.

Für mich kommt die Verleihung dieses Preises einer handfesten Bestätigung gleich. Es ist, als hätte ich nach all den Gedanken und Worten endlich ein Ziel erreicht, nachdem ich so vielem entsagt und alle mir Nahestehenden zum Verzicht auf ein normales Leben gezwungen habe. Ein Jahr nach der Einladung der Nobelpreis-Jury ist dies mit der schönste Moment meines Lebens. Ich habe gemerkt, dass man im nördlichen Europa, in Schweden und Deutschland, die Geschehnisse anderswo mit größter Aufmerksamkeit verfolgt. Anders als in Italien lassen die Konflikte anderer Länder die Menschen hier nicht kalt. Bei der Schwedischen Akademie der Wissenschaften war vergangenes Jahr auch Salman Rushdie zu Gast, der mir mit der Aufgeschlossenheit eines Menschen begegnete, der weiß, was es heißt, mit einer Todesdrohung zu leben. Hier in Deutschland ist es die Hochachtung vor dem gefährlichen Wort, die mir als Leitbild dient. Jenes Wort, das die Mutigen Hans und Sophie Scholl das Leben gekostet hat.

Während ich diese Rede schreibe, weiß ich, dass womöglich alles, was ich mir zurechtgelegt habe, plötzlich weg sein wird. Dass ich dastehen werde, mit leerem Kopf, das Herz ein bleierner Klumpen in der Brust, die Kehle trocken. Doch zugleich weiß ich, dass ich mir die Namen all jener ins Gedächtnis rufen werde, die sich durch ihre Worte Feinde geschaffen haben. Die Namen all jener, die um ihre Redefreiheit kämpfen und in ständiger Bedrohung leben, weil sie der kriminellen Macht entgegentraten. Ich weiß, dass ich auf die Kraft jener Literatur vertrauen kann, die es vermag, uns an Orte unvorstellbarster Gräuel zu führen: nach Auschwitz mit Primo Levi, in die Gulags mit Warlam Schalamow, nach Tschetschenien mit Anna Politkowskaja, die ihr Vermögen, Tschetschenien im Geist und Herzen ihrer Leser zur Weltbürgerschaft zu verhelfen, mit dem Leben bezahlt hat.

Wenn ich daran denke, wie diese Menschen gelebt haben, wie sie gestorben sind und wie unglaublich verletzlich sie waren, empfinde ich eine umso größere Dankbarkeit Ihnen gegenüber, die Sie mich mit diesem Preis mehr beschützen als jede bewaffnete Eskorte. Wenn jemand für seine Worte stirbt, dann deshalb, weil diese Worte die Ohren, Augen und Herzen der Menschen kaum erreichen.

Denn was sonst gewährt den gefährlichen Worten und ihren Verfassern Schutz, wenn nicht die Aufmerksamkeit der Menschen, der Leser.

Einerseits beklagen zahlreiche Intellektuelle ihren Bedeutungsverlust in der westlichen Gesellschaft, andererseits erscheint ihnen Popularität und Überpräsenz suspekt und verwerflich, als setzte dies den Wert eines Werkes automatisch herab. Als könnte dies nichts anderes sein als das Ergebnis der Manipulationen durch Markt und Medien. Als wäre das Publikum, welchem die Popularität geschuldet ist, nichts anderes als eine kritiklose Masse. Vor allem Letzterem tun sie damit gewaltiges Unrecht, denn Worte und Bücher gleichen einander ebenso wenig wie ihre Leser. Leser können nach Unterhaltung oder nach Erkenntnis suchen, sie können sich der schillerndsten Fantasie hingeben oder der Schilderung einer grausamen, harten Wirklichkeit folgen, manchmal sogar alles gleichzeitig. Doch sie sind in der Lage zu wählen und zu differenzieren. Wenn ein Schriftsteller dies nicht begreift, wenn er nicht mehr daran glaubt, dass die Flasche, die er ins Meer wirft, in die Hände eines Menschen gelangt, der bereit ist, ihm zuzuhören, wenn er damit bricht, bricht er nicht nur mit dem Schreiben und Veröffentlichen, sondern auch mit der Überzeugung, dass seine Worte etwas mitteilen und erreichen können. Er tut sich selbst sowie all jenen Unrecht, die ihm vorangegangen sind.

Das für mich beeindruckendste an der Geschichte der Geschwister Scholl ist, dass sie mit Leib und Seele an die Macht des Wortes glaubten. Sie hatten Vertrauen in die deutsche Intelligenzija und waren überzeugt, sie würde sich dem Nationalsozialismus widersetzen. Sophie schreckte nicht davor zurück, in aller Öffentlichkeit Flugblätter mit dem Aufruf zu gewaltfreiem Protest zu verteilen, und selbst im Verhör nach ihrer Verhaftung gaben sie die Hoffnung nicht auf, vertrauten auf die Kraft ihrer Worte und standen voll dafür ein.

Diese jungen Menschen, die für ihre Idee von Frieden gestorben sind, haben mit wenigen verfügbaren Mitteln, mit dem geschriebenen und gesprochenen Wort, das ganze deutsche Volk erlöst. Entgegen der maßlosen Nazipropaganda und ihren Indoktrinationsmethoden.

So seltsam es klingen mag, in machen Teilen Europas und der Welt, die den unsrigen weder fern noch sonderlich fremd sind, kämen diese Flugblätter noch immer einem Todesurteil gleich.

Dann wird das Schreiben trotz aller Gefahr schließlich eins mit dem Leben. Man möchte meinen, Drohung und Einschüchterung würden das Wort knebeln. Doch dem ist oft nicht so. Vielmehr entscheidet man sich für den noch steinigeren Weg des täglichen Kampfes, für das stumme, stete Mann gegen Mann, für den Schattenkampf zwischen dem, was einem das Gewissen gebietet, und den berechtigten Sorgen eines Lebens in ständiger Angst.

Schreiben, nicht auf meine Worte zu verzichten, hieß für mich, mich nicht zu verlieren. Nicht aufzugeben. Nicht zu verzweifeln, selbst als alles mich in die Verzweiflung und Einsamkeit trieb.

Schreiben bedeutet, der Welt ein Wort aufzuprägen, es weiterzugeben wie einen Zettel mit geheimen Informationen, den man lesen, auswendig lernen und vernichten muss: zerknüllen, einspeicheln, im Magen verdauen. Schreiben bedeutet Widerstand.

Wenn ich also zurückblicke, sind meine Worte das Einzige, was ich sehe und in dem ich mich wiedererkenne.

In den vergangenen Jahren ist mir klar geworden, wie wichtig die Konfrontation mit den Medien ist. Wenn es nicht um Klatsch, Tratsch und einlullende Fiction, sondern um den breiten Wunsch nach Wahrheit und Veränderung geht, wieso dann nicht alle möglichen Mittel nutzen, um die Kräfte zu vereinen? Wieso so viel Misstrauen und Angst?

Meine schlimmste Angst ist nicht die so häufig verteufelte Überpräsenz, sondern dass es den Schmähern gelingen könnte, mich zu diffamieren, meine Glaubwürdigkeit zu untergraben und all das durch den Dreck zu ziehen, wofür ich mich eingesetzt und bezahlt habe. So haben sie es mit allen getan, die sich trauten, zu reden und die Dinge beim Namen zu nennen; so haben sie es mit Anna Politkowskaja versucht.

In all diesen Jahren ist mir ein erschreckend wahrer Satz immer wieder durch den Kopf gegangen: «Es werden mehr Tränen über erhörte Gebete vergossen als über nicht erhörte.« Wenn ich einen Traum hatte, dann den, mit meinen Worten etwas zu erreichen, zu beweisen, dass das literarische Wort noch immer gewichtig und stark genug ist, die Wirklichkeit zu verändern. Allem Durchlebten zum Trotz ist mein «Gebet« dank meiner Leser und dank derer, die meine Arbeit würdigen, erhört worden.

Hätten die zahllosen Schriftsteller, Journalisten und Aktivisten, die für ihre Ideen, Worte und Werke gestorben sind, die Möglichkeit gehabt, an die Öffentlichkeit zu dringen, wäre ihre und womöglich auch unsere Geschichte anders verlaufen. Wer schreibt, filmt und redet, wird einzig durch die Augen der Leser beschützt. Sie sind die Wächter des Wortes, die entscheiden, was verinnerlicht und weitergetragen wird. Das dürfen wir nicht vergessen. Das ist es, was mir in den Sinn kommt, wenn ich an das Motto der Weißen Rose denke: Harter Geist und weiches Herz.

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull

© 2009 by Roberto Saviano – Agentur R. Santachiara

 
Leser-Kommentare
  1. dass dem geschriebenen Wort auch wirklich noch die Bedeutung zukommt, welche der Redner beschreibt.
    Eine gute Rede und eben auch Mahnung, der Intention und den großen Zielen derer zu gedenken, die vielleicht auch mit ihrem Leben für die Wahrheit bezahlen mussten oder es zumindest sehr gefährdeten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Asymia
    • 24.11.2009 um 13:45 Uhr

    1935 wurde Gerhard Schumann in den Reichskultursenat berufen, 1938/39 leitete er die Gruppe Schriftsteller der Reichsschrifttumskammer.

    • Asymia
    • 24.11.2009 um 13:45 Uhr

    1935 wurde Gerhard Schumann in den Reichskultursenat berufen, 1938/39 leitete er die Gruppe Schriftsteller der Reichsschrifttumskammer.

    • Asymia
    • 24.11.2009 um 13:45 Uhr

    1935 wurde Gerhard Schumann in den Reichskultursenat berufen, 1938/39 leitete er die Gruppe Schriftsteller der Reichsschrifttumskammer.

    Antwort auf "In der Hoffnung ..."

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