Bloß nicht kündigen, lieber verkaufen! Den schlauen Rat befolgte Maria Tsikna-Rümke, als sie sich 2006 von ihrer Kapitallebensversicherung bei der Barmenia trennte. Schließlich, das wusste auch die Pharmareferentin, verliert man viel Geld, wenn man vorzeitig aus seiner Lebensversicherung aussteigt. Deshalb holte die 50-Jährige sich Angebote von professionellen Aufkäufern "gebrauchter" Lebensversicherungen. Sie boten ihr bis zu 15 Prozent mehr, als die Barmenia ihr bei einer Auflösung des Vertrags als Rückkaufswert erstattet hätte. Tsikna-Rümke entschied sich schließlich für ein Angebot des damaligen Marktführers in diesem Geschäftsfeld – für die Firma Cash Life. "Auch weil ich dort einen gewissen Todesfallschutz behalten habe", erinnert sie sich. Im Versicherungsfall sollte die Auszahlung nicht Cash Life zugutekommen, sondern Tsikna-Rümkes Schwester. Für die Versicherungskundin war das ein wichtiger Pluspunkt.

Doch der war in diesem Sommer plötzlich futsch. Die Kölnerin erfuhr davon nur indirekt. Durch ein Schreiben der Barmenia an die Kapitalanlagegesellschaft König & Cie, die die Police zwischenzeitlich von Cash Life gekauft hatte. "Sie haben den Versicherungsvertrag gekündigt", heißt es in dem Brief, den Tsikna-Rümke als Kopie erhielt. Über den Eigentümerwechsel zu König & Cie war sie vorher ebenso wenig informiert worden wie über das vorzeitige Vertragsende. Dort rechtfertigt man sich: "Wir haben die Police von der Firma Cash Life gegen Zahlung eines Kaufpreises erworben." Es bestehe "kein Vertragsverhältnis mit den früheren Policeninhabern". Cash Life wiederum beruft sich auf Kleingedrucktes. "Wir informieren in unseren Vertragsunterlagen, dass wir die Policen verkaufen und auch kündigen können", sagt der Investor-Relations-Verantwortliche Joachim Rumpf.

Zurück bleiben verdatterte Ex-Versicherte. Tausende haben wie Tsikna-Rümke 2008 ihren Todesfallschutz verloren – vor allem bei Cash Life. Das Unternehmen beendete Policen von Privatanlegern im Wert von 100 Millionen Euro.

Wir kündigen nicht freiwillig. Die Finanzkrise zwingt uns dazu
Joachim Rumpf, Cash Life

Ausgerechnet die Zweitmarkthändler, die sich als Retter der Verträge gebrüstet hatten, tragen nun zum Stornorekord bei Lebensversicherungen bei: Im vergangenen Jahr lösten die Deutschen Verträge mit einer Versicherungssumme von rund 14 Milliarden Euro auf – im Jahr zuvor waren es gut 12 Milliarden Euro. Der Trend ist ungebrochen: "Im ersten Halbjahr 2009 sind die Storni bei deutschen Lebensversicherungen sogar um rund 20 Prozent gestiegen", verrät Kurt Wolfsdorf, Partner des Beratungsunternehmens Deloitte & Touche.

"Wir kündigen nicht freiwillig. Die Finanzkrise zwingt uns dazu", erklärt Rumpf. Die Banken entziehen den Policenhändlern reihenweise die Kredite. Je klammer die Aufkäufer werden, desto größer wird der Druck, Lebensversicherungen aufzulösen. Ein Ende der Kündigungswelle ist nicht abzusehen. "Die guten Zeiten für den Zweitmarkt von Lebensversicherungen sind vorbei", bestätigt Wolfsdorf von Deloitte & Touch die Zurückhaltung. Die von Händlern und Fondsanbietern kalkulierten Renditen aus Lebensversicherungen hätten sich als zu optimistisch erwiesen. Seit 2009 müssten ihre Kunden außerdem Gewinne versteuern, die auf ihre gezahlten Beiträge bis zum Verkaufstag angefallen sind.

Mittlerweile steht das gesamte Geschäftsmodell auf der Kippe. Zuvor schien es nur Gewinner zu geben. Die Aufkäufer erwarben Lebens- und Rentenversicherungen auf Pump, zahlten davon die Beiträge bis zur Fälligkeit des Vertrags und kassierten dann die volle Ablaufleistung. Den Aussteigern können sie einen besseren Preis als der Versicherer bieten, weil der ihnen bei einer Kündigung hohe Gebühren von oft einigen Tausend Euro abgezogen hätte – für Storno- und Abschlusskosten sowie eventuell fällige Kapitalertragsteuern. Mit dem versprochenen Hinterbliebenenschutz gingen die Aufkäufer kaum ein Risiko ein. Im Todesfall durften sie von der Auszahlung ihren Kaufpreis, von ihnen gezahlte Beiträge und Zinsen abziehen. Bis 2007 waren die Spannen im Policenhandel so üppig, dass sich daran noch weitere gütlich taten. Emissionshäuser wie MPC und König & Cie bündelten die Verträge in Fonds und boten Anteile daran wiederum Anlegern an. Die Policen selbst blieben meist beim Händler, der eine saftige Provision für die Verwaltung kassierte.