Kino Abgrund des Begehrens
"This is love" – Matthias Glasners halsbrecherischer Film über die Liebe zwischen einem Mädchen und einem Mann
Matthias Glasner hat absolut keine Zeit, sich an die Regeln des deutschen Films zu halten. Er hat zu viel zu erzählen. Während andere mit viel Mühe und vielen Nahaufnahmen in den Gesichtern der Darsteller nach Aussage und Tiefe suchen, bleibt die Kamera in Glasners Filmen auf Distanz.
Glasner hat auch kein Interesse an Ordnung oder Klischees. Er macht lieber kaputt. Besonders gern das schnelle Urteil. Und das stellt er auch gleich am Anfang klar. Corinna Harfouch stürmt als Maggie in einen Weinladen, natürlich Stammweinladen, und der Verkäufer und spätere Geliebte (Ernst Stötzner) versucht sie in ein Gespräch zu verwickeln. Nichts da. Maggie rennt raus, sagt nur, dass ihre Tochter heute zum Abendessen kommen werde. Schnitt: Diffuses Treppenhauslicht im Berliner Altbau. Maggie stolpert die Stufen hinauf. Ihre Tochter verlässt gerade mit ihrem Freund die Wohnung, da bittet, nein, lallt Maggie die beiden wieder hinein, öffnet den Mantel, wo ihre Brüste nicht wieder ordnungsgemäß verpackt worden sind, und dann wird verkündet, dass die Kinder heiraten wollen. Vor 16 Jahren ist überdies Maggies Mann plötzlich und scheinbar grundlos seiner kleinen Familie entflohen. Seitdem, muss man feststellen, hält es Maggie nur knapp in den Kurven des Lebens, ist sie bei Tageslicht noch Kommissarin und in der Nacht eine traurige, singende Trinkerin.
Das alles ist erzählt, da sind keine fünf Minuten vergangen. Gestörte Kommissare gibt es im Film und Fernsehen genug. In ihrer Wohnung gucken sie traurig aus dem Fenster und lösen trotzdem problemlos im Verhör die verzwicktesten Fälle. Maggie aber kloppt erst mal Stühle kaputt und schläft am Verhörtisch ein. Harfouch spielt sie wie eine Beschützerin ihrer eigenen Figur, also ganz urteilsfrei, zynisch manchmal, verzweifelt und kraftvoll, mit einem unglaublichen Gefühl für die kleinste, typische Bewegung dieser Frau.
Schon muss Maggie nach einer durchzechten Nacht ins Präsidium, wo sie Chris, einen tatverdächtigen Mörder, verhören soll, der vermutlich ein Mädchen versteckt hält, das es möglichst schnell zu befreien gilt. Maggie hält Chris (Jens Albinus) aber nicht nur des Mordes, sondern auch des Kindesmissbrauchs sofort für schuldig; gleichzeitig sieht sie in ihm eine Art Seelenverwandten. Das ist nicht nur Jobroutine, das ist Erfahrungsroutine. Chris schweigt dazu und verweigert die Nahrungsaufnahme. Labil, wie Maggie ist, versucht sie in den Gesprächen nicht nur die Wahrheit zu erfahren, sondern sich selbst zu begreifen. Und sie kann nur glauben, was sie kennt. Es ist ein tagelanges Verhör, ein Duell, das die beiden miteinander austragen, eine exzessive Aufarbeitung.
Der Film springt in die Vergangenheit, wo Chris ein etwa zwölfjähriges Mädchen aus einem vietnamesischen Bordell befreit, um es in Deutschland an zahlungskräftige Adoptiveltern zu verhökern. Auch hier ist Eile geboten, denn die vietnamesische Mafia will ihr Lösegeld. Auf diesem Trip verliebt sich Chris in Jenjira (Duyen Pham), die in einer Gratwanderung als Kind und Lolita – schön, zart und auch verwegen – inszeniert ist.
Aber wie stellt man ein Wesen dar, das Zuneigung nur in der Ökonomie der Anbiederung und Ausbeutung erfahren hat und geben kann? Matthias Glasner hat kein Interesse an sauberen und moralisch eindeutigen Geschichten, weshalb der Film demonstrativ, beinahe drohend This is love heißt. Genau wie er vor einigen Jahren seinen Film über einen Vergewaltiger (mit Jürgen Vogel) Der freie Wille taufte. Das sind große provozierende Worte für die Hässlichkeiten des Begehrens, für abgründige Triebe, für die Psychopathologie der Liebe. Kann man das, was zwischen einem erwachsenen Mann und einer zwölfjährigen Ex-Prostituierten geschieht, überhaupt Liebe nennen? Wenn ja, dann ist es eine Liebe jenseits der Schmerzgrenze und jenseits dessen, worauf sich eine Gesellschaft als Norm geeinigt hat. Natürlich gäbe es tausend andere, moralisch abgesicherte Möglichkeiten, eine solche Geschichte zu erzählen. Dann würde der Film aber nur von unserer Angst vor solchen Empfindungen erzählen und nicht von den Empfindungen selbst.
Maggie und Chris sind Haltlose, Suchende, Grenzgänger. Chris verliert sich in der Liebe zu einem Kind, die sich nur mit Selbstverachtung leben ließe. Maggie liebt ein Phantom. Den Mann, der sie vor Jahren verlassen hat, hat sie durch Alkohol ersetzt, einen exzessiven Gefährten, aber immerhin treu. "Die Geister der Liebe" nennt Glasner das. Vielleicht bringt er in seinem Film – etwa in einer mit Musik untermalten, verzweifelten "Liebesszene" zwischen dem Mann und dem Kind – manchmal zu viel Verständnis für diese Geister auf. Aber es gibt sie nun mal. Und es erfordert nicht wenig Mut, sich ihnen auf der Leinwand zu stellen.
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- Datum 19.11.2009 - 10:07 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
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Ich finde Glasner hat in "This is Love" tatsächlich in einer gewissen weise eine Meisterleistung hingelegt, die clever geflochtene, wie selbstverständlich ineinander überrollende Erzählmatrix nimmt einen mit und es genügt sich einfach der Stimmung der Bilder hinreissen zu lassen.
Corinna Harfouch glänzt in ihrer Rolle als alkoholabhängige Kommissarin und der Däne Jens Albinus überzeugt mit seiner traurigen Figur die so viel zu erzählen hat und doch die meiste Zeit schweigt... Die Enttäuschungen und Zurückweisungen der beiden Charaktere zeigen alle Facetten die man UNTER der Oberfläche finden kann. Grossartig!
Fazit: Empfehlenswert!
Ich finde Glasner hat in "This is Love" tatsächlich in einer gewissen weise eine Meisterleistung hingelegt, die clever geflochtene, wie selbstverständlich ineinander überrollende Erzählmatrix nimmt einen mit und es genügt sich einfach der Stimmung der Bilder hinreissen zu lassen.
Corinna Harfouch glänzt in ihrer Rolle als alkoholabhängige Kommissarin und der Däne Jens Albinus überzeugt mit seiner traurigen Figur die so viel zu erzählen hat und doch die meiste Zeit schweigt... Die Enttäuschungen und Zurückweisungen der beiden Charaktere zeigen alle Facetten die man UNTER der Oberfläche finden kann. Grossartig!
Fazit: Empfehlenswert!
Ich finde Glasner hat in "This is Love" tatsächlich in einer gewissen weise eine Meisterleistung hingelegt, die clever geflochtene, wie selbstverständlich ineinander überrollende Erzählmatrix nimmt einen mit und es genügt sich einfach der Stimmung der Bilder hinreissen zu lassen.
Corinna Harfouch glänzt in ihrer Rolle als alkoholabhängige Kommissarin und der Däne Jens Albinus überzeugt mit seiner traurigen Figur die so viel zu erzählen hat und doch die meiste Zeit schweigt... Die Enttäuschungen und Zurückweisungen der beiden Charaktere zeigen alle Facetten die man UNTER der Oberfläche finden kann. Grossartig!
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