Finis' Alltagsbeobachtungen Werdet wie die Kindlein

Erwachsene benehmen sich, als wäre die Jugend ein ewiges Geschenk. Sie kaufen immer mehr Gemüsebrei und pflegen ihre Wunden mit Baby-Creme.

Die ständig wiederholte Behauptung, unsere Gesellschaft werde immer älter, stimmt ja nur insofern, als sie immer jünger wird. Während die Kinder sich schon früh wie Erwachsene gebärden, die Mädchen sich schon vor der Geschlechtsreife wie vollblütige Frauen ausstaffieren und die Jungs schon im zarten Alter sämtliche elektronischen Geräte, die der Vater nur mit Mühe bedient, so beherrschen wie frühere Generationen den Sandkasten, werden die Erwachsenen immer kindischer. Sie kleiden sich, als wäre Jugend ein ewiges Geschenk, sie lieben alles, was nach Kindheit riecht oder aussieht oder daran erinnert.

Es ist nicht wahrscheinlich, dass die Fantasy-Romane, die seit Jahr und Tag an der Spitze der Bestsellerlisten stehen, nur von Jugendlichen gekauft und gelesen werden. Und wer an den Regalen der Supermärkte entlanggeht, wird zu dem irrtümlichen Schluss verleitet, eine rasante Gebärfreudigkeit sei ausgebrochen: Alles ist voll von Pflegemitteln für die Allerkleinsten, voll von Baby-Öl, Baby-Lotion, Baby-Shampoo der verschiedensten Marken. Die Wahrheit ist allerdings, dass diese zarten Essenzen von den Erwachsenen nicht für Babys gekauft werden, sondern für sich selber. Kürzlich fand ein Hersteller von Baby-Nahrung heraus, dass es wiederum oftmals Erwachsene sind, die sie heimlich verzehren, etwa das »stuhlregulierende feine Gemüse mit Reis und Bio-Truthahn und Omega-3-Fettsäuren« von Hipp oder »Rahmkartoffeln mit Blumenkohl und Bio-Kalb, natriumreduziert und glutenfrei« von Alete.

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Was für den straffen Baby-Po gut ist, kann für den erschlafften Teint nicht schlecht sein, und wer auf seine Linie achtet, außerdem unserer Agrarindustrie mit Recht misstraut, den wird das Versprechen locken, die Baby-Nahrung sei strenger kontrolliert als gesetzlich vorgeschrieben. Wenn es nun allerdings stimmt, dass der Mensch ist, was er isst, dann muss man sich über das Infantilwerden unserer Gesellschaft nicht wundern. Tagsüber, im feindlichen Leben, übt man sich im Hauen und Stechen, bis die Fetzen fliegen. Abends bestreicht man die Wunden mit Bübchen-Creme und pflegt den geschundenen Magen mit Baby-Kost. So also, und etwas anders als gedacht, hat sich das Wort der Bibel erfüllt: »Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein, so werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen« (Matthäus 18).

 
Leser-Kommentare
  1. welcher Brei sie zu Ihrem Text beflügelt hat. ICH würde ihn nicht wieder nehmen!

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    das unterschreib ich glatt...

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    waqs soll das?
    gibs darauf ne antwort?

    das unterschreib ich glatt...

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    Antwort auf "Keine Ahnung,"

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  • Serie Finis
  • Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
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  • Schlagworte Reise | Babynahrung | Erwachsene | Familie und Partnerschaft | Bibel
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