Welthungerkonferenz Gipfel des Hohns
In Rom wollte die Welt den Kampf gegen den Hunger aufnehmen. Stattdessen gab es beschämende Auftritte.
© Christopher Furlong/Getty Image

Die Ernährungskrise wird durch den Klimawandel verschärft: Im Norden Kenias warten Kinder vom Nomandestamm der Turkana auf Lebensmittelhilfe und Wasser
Weltgipfel zur Nahrungsmittelsicherheit« – so hieß der offizielle Titel der UN-Veranstaltung, die Anfang dieser Woche in Rom über die Bühne ging. »Gipfel des Hohns« hätte besser gepasst. Das Treffen war ein Schlag ins Gesicht all jener Menschen in Afrika, Südamerika und Asien, die hungern müssen.

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Doch kein einziger westlicher Regierungschef fühlte sich bemüßigt, nach Rom zu fliegen. Einzige Ausnahme: Silvio Berlusconi. Der war eh schon da und nutzte den Gipfel, um eine Gerichtsverhandlung zu schwänzen. Glänzten die reichen Länder durch Abwesenheit ihres Spitzenpersonals, so lieferten einige der Anwesenden geschmacklose Auftritte. Zimbabwes Staatschef Mugabe nutzte auch diese Konferenz wieder einmal für eine scheinheilige Abrechnung mit »neokolonialistischen Feinden« seines Landes. Libyens Staatschef Muammar al-Gadhafi ließ sich in einer beispiellosen Autokraten-Performance von italienischen Models hofieren. Jacques Diouf, Chef der gastgebenden FAO und als solcher maßgeblich verantwortlich für deren viel kritisierte Schwerfälligkeit, lagerte »aus Solidarität mit den Hungernden« vor dem FAO-Gebäude kurzzeitig auf einer Luftmatratze und fastete 24 Stunden lang. Solche Theatralik demontiert Würde und Glaubwürdigkeit der Vereinten Nationen, der einzigen Institution, in der auch die vom Hunger betroffenen Länder eine Stimme haben. Und das drei Wochen vor dem Klimagipfel in Kopenhagen, der ebenfalls am fehlenden politischen Willen der Regierungen zu scheitern droht.
Dabei hängen die beiden Weltprobleme aufs Engste miteinander zusammen.

Hunger in Guatemala. Klicken Sie auf das Bild, um mehr zu erfahren!
Schon jetzt sind Stürme und Dürren zumindest mit schuld an der verzweifelten Lage vieler hungernder Bauern. Wider alle Beteuerungen der Staatengemeinschaft, die Unterernährung weltweit zu bekämpfen, ist die Zahl der Hungernden weiter gewachsen und hat mit mehr als einer Milliarde Menschen eine beschämende Schwelle überschritten. Und diese Ernährungskrise ist nur das Menetekel dessen, was droht, wenn Bevölkerungswachstum und Klimawandel die ungerechte Verteilung der Ressourcen und damit den Hunger weiter verschärfen. Reichlich Anlass also für politische Entschlossenheit statt Show.
Doch die meiste Energie investierten die Industrienationen im Vorfeld des Gipfels, in dem sie wirkungsvolle Forderungen in der Abschlusserklärung verwässerten: bei den EU-Exportsubventionen, der Bioenergie, den Landkäufen durch globale Investoren.
Diese fatale Borniertheit ist umso bitterer, als sie jene konstruktiven Ansätze schwächt, die in Rom dann doch noch durchgesetzt wurden. Immerhin wurde – auch mithilfe der deutschen Regierung – ein demokratisch besetztes »Komitee für Ernährungssicherheit« der UN geschaffen, dass die globale Hungerpolitik zukünftig überwachen soll. Immerhin sollen nun endlich die lange vernachlässigten Kleinbauern unterstützt werden. Immerhin wurden andere Lösungsansätze wenigstens benannt: Dünger und Saatgut, Aufbau von Märkten, Lagerketten, Kühlsysteme, Genossenschaften, staatlich organisierte Beratung für Bauern. Verbindliche Arbeits- und Zeitpläne aber fehlen. Und immer wieder fällt die Abschlusserklärung in ein schlichtes »mehr Produzieren« nach einem westlichen Agrarmodell zurück, das längst an ökologische Grenzen stößt. Dabei hatte der Welternährungsrat der UN vor Kurzem Wege aufgezeigt, wie eine vielfältige Landwirtschaft, die den lokalen Besonderheiten folgt, zugleich Armut bekämpfen, Ressourcen sichern und dem Klimawandel trotzen könnte. Warum fehlt der politische Wille, seine Vorschläge aufzugreifen?

Mit ökologischer Landwirtschaft wäre ihnen geholfen: Ein Interview mit dem stellvertretenden FAO-Generaldirektor Alexander Müller
Der Lobbyismus der Agrarindustrie ist ein Grund, das Desinteresse westlicher demokratischer Öffentlichkeiten ein anderer. Staatschefs wie Brasiliens Lula da Silva oder Ägyptens Hosni Mubarak können es sich gar nicht leisten, einen solchen Gipfel zu schwänzen, weil die Ernährungs- und Klimakrise für ihre Bevölkerungen längst reelle Gefahren sind. In satten, westlichen Gesellschaften hingegen betrachten viele Menschen die Landwirtschaft als Anachronismus oder als sekundäres Problem für Experten. Wenn aber Regierungen keinen ausreichenden Druck zu spüren bekommen, dann passiert eben, was in Rom passiert ist: viel Pathos, viel billiges Theater – und so gut wie keine Politik.
- Datum 18.11.2009 - 11:45 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
- Kommentare 28
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Der Erde ist es egal, ob Menschen hungern oder für immer aussterben. Das sollte uns nicht egal sein. Jedoch dafür fehlt das Bewusstsein, das erst geschaffen werden muss.
Die Vision einer Gemeinsamen Bewusstseinskultur zeigt einen Weg auf, wie die Politik sich am Eigeninteresse der Menschheit orientieren könnte: http://de.consenser.org/n...
solange wir landwirtschaftliche ueberproduktion suventionieren, exporte in drittlaender ebenfalls zubventioniert werden, kann in diesen laendern keine ausreichende selbstversorgung erfolgen. ich wette zu einem gipfel zur bankenrettung waere alle angereist
"Wenn aber Regierungen keinen ausreichenden Druck zu spüren bekommen, dann passiert eben, was in Rom passiert ist: viel Pathos, viel billiges Theater – und so gut wie keine Politik."
Das ist falsch. Das ist Politik.
In "Das Omen III" heißt es: "Wer die Ernährung kontrolliert beherrscht die Welt". Ansatzweise werden auch die Mechanismen dieser Kontrolle dargestellt.
Vielen wird auch der Film "Soylent Green" bekannt sein.
Nun muß man sein Weltbild nicht aus Filmen beziehen, das tue ich auch nicht, aber manchmal erstaunt das Ausmaß an Subversivität solcher Filme. Sei`s drum.
Man schaue sich z.B. Monsanto an, insbesondere seine perfide Marketingstrategie, man achte auf die Börsen, dann wird man feststellen - ohne je einen Film gesehen zu haben - es stimmt: Ernährungskontrolle ist eine Waffe.
Sie schreiben: "Ich wette zu einem Gipfel zur Bankenrettung waeren alle angereist."
So ist das. Man rettet lieber Vermögen als Menschen.
"Wenn aber Regierungen keinen ausreichenden Druck zu spüren bekommen, dann passiert eben, was in Rom passiert ist: viel Pathos, viel billiges Theater – und so gut wie keine Politik."
Das ist falsch. Das ist Politik.
In "Das Omen III" heißt es: "Wer die Ernährung kontrolliert beherrscht die Welt". Ansatzweise werden auch die Mechanismen dieser Kontrolle dargestellt.
Vielen wird auch der Film "Soylent Green" bekannt sein.
Nun muß man sein Weltbild nicht aus Filmen beziehen, das tue ich auch nicht, aber manchmal erstaunt das Ausmaß an Subversivität solcher Filme. Sei`s drum.
Man schaue sich z.B. Monsanto an, insbesondere seine perfide Marketingstrategie, man achte auf die Börsen, dann wird man feststellen - ohne je einen Film gesehen zu haben - es stimmt: Ernährungskontrolle ist eine Waffe.
Sie schreiben: "Ich wette zu einem Gipfel zur Bankenrettung waeren alle angereist."
So ist das. Man rettet lieber Vermögen als Menschen.
hey hey!
nun "ist die Zahl der Hungernden weiter gewachsen" ... dabei sind noch vor sechzig Jahren in Europa Menschen an Unterernährung gestorben. D.h. es wurden weniger ... heutzutage werden es mehr. Welch wundersame Welt das doch ist ...
in den armen Länder sollte das Bevölkerungswachstum gestoppt werden. Ich halte es für verantwortungslos, wenn Erwachsenen, die sich selbst nicht ernähren können, zahlreiche Kinder in die Welt setzen.
...kriege ich immer brechreiz. warum? weil es immer noch so ist, dass kinderreichtum nicht ursache, sondern symptom einer gesellschaft ohne perspektive ist. und - weil es immer noch so ist, dass ein großer teil der agrarflächen, die von uns europäern in anspruch genommen werden, gar nicht in europa liegen, sondern eben in den ländern des südens.
außerdem warte ich seit geraumer zeit mal auf vorschläge, wie dieses bevölkerungswachstum denn nun konkret einzudämmen wäre.
und zwar bitte ohne zwangssterilisationen oder abtreibung bis zum 9. schwangerschaftsmonat.
Genau diese rassistische Borniertheit wird im Text übrigens angesprochen. Bevölkerungswachstum hat eben nur indirekt etwas mit Armut zu tun, oder anders herum, dem Bauern wird es nicht besser gehen, wenn er auf Nachwuchs verzichtet.
Das Problem ist das weltweite Gefälle zwischen arm und reich. Im weltweiten Masstab befinden wir uns noch im Manchesterkapitalismus und genau deshalb bleibt dem armen Bauern gar keine andere Wahl, als Kinder zu bekommen.
Wer wenn nicht die Industrienationen hat die Macht diesen Teufelskreis durchbrechen?
Eltern, die elitäre, moralisch wie intellektuell herausgeforderte Kinder heranziehen?
...kriege ich immer brechreiz. warum? weil es immer noch so ist, dass kinderreichtum nicht ursache, sondern symptom einer gesellschaft ohne perspektive ist. und - weil es immer noch so ist, dass ein großer teil der agrarflächen, die von uns europäern in anspruch genommen werden, gar nicht in europa liegen, sondern eben in den ländern des südens.
außerdem warte ich seit geraumer zeit mal auf vorschläge, wie dieses bevölkerungswachstum denn nun konkret einzudämmen wäre.
und zwar bitte ohne zwangssterilisationen oder abtreibung bis zum 9. schwangerschaftsmonat.
Genau diese rassistische Borniertheit wird im Text übrigens angesprochen. Bevölkerungswachstum hat eben nur indirekt etwas mit Armut zu tun, oder anders herum, dem Bauern wird es nicht besser gehen, wenn er auf Nachwuchs verzichtet.
Das Problem ist das weltweite Gefälle zwischen arm und reich. Im weltweiten Masstab befinden wir uns noch im Manchesterkapitalismus und genau deshalb bleibt dem armen Bauern gar keine andere Wahl, als Kinder zu bekommen.
Wer wenn nicht die Industrienationen hat die Macht diesen Teufelskreis durchbrechen?
Eltern, die elitäre, moralisch wie intellektuell herausgeforderte Kinder heranziehen?
die Probleme der Entwicklungsländer auf Ernährung/Hunger zu begrenzen führt zu noch mehr Leid. Heute alle Hungernden zu ernähren potenziert das Problem in kürzester Zeit, solange nicht gleichzeitig Massnahmen getroffen werden dass ungehemmte Wachstum der Bevölkerungszahl zu stoppen, auch wenn diese Frage aus moralischen Gründen scheinbar nicht thematisiert werden darf. Gerade der Auftritt des Papstes ist vor diesem Hintergrund ein Hohn.
...kriege ich immer brechreiz. warum? weil es immer noch so ist, dass kinderreichtum nicht ursache, sondern symptom einer gesellschaft ohne perspektive ist. und - weil es immer noch so ist, dass ein großer teil der agrarflächen, die von uns europäern in anspruch genommen werden, gar nicht in europa liegen, sondern eben in den ländern des südens.
außerdem warte ich seit geraumer zeit mal auf vorschläge, wie dieses bevölkerungswachstum denn nun konkret einzudämmen wäre.
und zwar bitte ohne zwangssterilisationen oder abtreibung bis zum 9. schwangerschaftsmonat.
- Freigabe von Verhütungsmittel (leider sind manche Religionen dagegen).
- Stärkung (od. Einführung) der Frauenrechte
- Bildung (vor allem für Frauen)
Sobald Frauen mehr Rechte und mehr Bildung haben, sinkt die Geburtenrate.
Mittlerweile ist China in Afrika sehr aktiv, auch beim Pachten von Ackerland. Simbabwe ist leider ein Beispiel für ein Land, dass vom Nahrungsmittelexporteur zum Hilfsempfänger wurde.
- Freigabe von Verhütungsmittel (leider sind manche Religionen dagegen).
- Stärkung (od. Einführung) der Frauenrechte
- Bildung (vor allem für Frauen)
Sobald Frauen mehr Rechte und mehr Bildung haben, sinkt die Geburtenrate.
Mittlerweile ist China in Afrika sehr aktiv, auch beim Pachten von Ackerland. Simbabwe ist leider ein Beispiel für ein Land, dass vom Nahrungsmittelexporteur zum Hilfsempfänger wurde.
Desinteresse der westlichen Staatsführungen werden sich dien armen Länder hoffentlich merken.
Wider alle Beteuerungen der Staatengemeinschaft, die Unterernährung weltweit zu bekämpfen, ist die Zahl der Hungernden weiter gewachsen und hat mit mehr als einer Milliarde Menschen eine beschämende Schwelle überschritten.seid fruchtbar und mehret euch zurück zu führen.
Wenn ein Gadafi sich in einem Pulk italienischer Jungfern aufstellt und dafür etliche €€ bezahlt, ist das auf einer Hungerkonferenz doch wohl eine Verhöhung der Hungernden meint ...
Kuni
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