Franz Kafka »Marbach wäre der beste Ort für Kafka«
Eva Hoffe, die Erbin des Max-Brod-Archivs und der Kafka-Handschriften äußert sich erstmals darüber, warum ihr Israel den Erbschein verweigert
Die ZEIT: Was genau wirft der Staat Israel Ihnen und Ihrer Schwester vor?
Eva Hoffe: Konkret bislang gar nichts. Der Staat behauptet nur, dass das Max-Brod-Archiv und die Kafka-Manuskripte, die meine Mutter von Brod erhalten hat, ihm gehörten. Brod habe eigentlich gewollt, dass alle Dokumente in Israel bleiben sollen. Für all diese Behauptungen gibt es aber gar keine Grundlagen. Die Kafka-Manuskripte hat Max Brod meiner Mutter noch zu Lebzeiten geschenkt, seinen Nachlass hat sie von ihm geerbt. 1974 hat ein israelisches Gericht entschieden, dass Ester Hoffe die rechtmäßige Besitzerin ist.
ZEIT: Warum gilt dieses Urteil nun nicht mehr?
Hoffe: Das hat man uns noch nicht gesagt. Bisher ist bei drei Terminen nur über Formalien gesprochen worden. Ich habe das Gefühl, dass der Staat auf Zeit spielt und versucht, das Verfahren so lang wie möglich hinauszuzögern: Meine Schwester und ich sind alt – ich bin 75, und man hofft vielleicht, dass sich die Angelegenheit irgendwann von selbst erledigt hat.
ZEIT: Was war denn der konkrete Anlass für den Rechtsstreit vor dem Familiengericht?
Hoffe: In Israel muss ein Testament erst amtlich bestätigt werden, bevor man erben darf. Als unsere Mutter vor zwei Jahren starb und meine Schwester und mich als Erben eingesetzt hat, haben wir das beantragt. Die Erbberechtigung wurde aber verweigert. Stattdessen saßen wir plötzlich drei Anwälten gegenüber, die uns erklärten, dass Israel die Dokumente beanspruche. Das war schrecklich – wie eine Geschichte von Kafka.
ZEIT: Dürfen Sie an das Brod-Archiv und die Kafka-Manuskripte noch heran?
Hoffe: Nein. Die Kafka-Autografe liegen seit Langem in einer Bank in Zürich, das Max-Brod-Archiv in Banken hier in Israel. Zurzeit hat das Gericht entschieden, dass ein Gutachter die Safes ohne unsere Zustimmung und Anwesenheit öffnen darf. Das versuche ich gerade zu verhindern. Wir haben auch keinen Zugang zum Geld und zum Schmuck unserer Mutter.
ZEIT: Wovon leben Sie?
Hoffe: Ich habe jahrelang meine kranke Mutter gepflegt und dabei alles Geld verbraucht, das ich hatte. Ich bin ganz ohne Geld und lebe von dem, was mir Freunde geben.
ZEIT: Wie erklären Sie das Verhalten Israels?
Hoffe: Man glaubt, dass es bei uns noch wertvolle unveröffentlichte Kafka-Texte gibt. Die gibt es aber nicht. Max Brod hatte ein großes Interesse daran, alles zu veröffentlichen, was er hatte, weil er seinen Freund zu Recht für das größte Genie der Welt hielt. Die Vertreter des Staates, die von alldem keine Ahnung haben, versuchen nun aber, uns als raffgierig hinzustellen und, wo es nur geht, schlecht zu machen.
ZEIT: Was wünschen Sie sich?
Hoffe: Meine Mutter hat Max Brod versprochen, dafür zu sorgen, dass auch seine eigene Arbeit angemessene Würdigung erfährt. Kafka hat viel interessanter geschrieben als Max Brod, das steht außer Frage. Aber Brods Ideen waren ebenfalls grandios. Er war Autor, Komponist, Philosoph. Ester Hoffe ist nicht mehr dazu gekommen, etwas Bleibendes für Max Brod zu tun. Das ist nun meine Aufgabe, dafür lebe ich. Das Max-Brod-Archiv soll zusammenbleiben und an den bestmöglichen Ort kommen, an dem sein Werk gepflegt und veröffentlicht wird. Es geht ja gar nicht nur um Kafka.
ZEIT: Und wo wäre dieser beste Ort?
Hoffe: Meiner Meinung nach ist das das Deutsche Literaturarchiv in Marbach. Würden die Unterlagen in Israel bleiben, würde man sich wahrscheinlich auf Kafka stürzen und ansonsten nur sagen: Bye-bye, Max. Israel hat Max Brod nie umarmt. Außerdem ist alles in Deutsch geschrieben, und viele Nachlässe von Brods Briefpartnern sind auch im Deutschen Literaturarchiv. Ester Hoffe und Max Brod haben sich bei einem Besuch dort und bei Besuchen von Vertretern aus Marbach in Israel auch für Deutschland ausgesprochen.
ZEIT: Sie selbst waren dagegen lange Zeit sehr skeptisch, was Deutschland angeht.
Hoffe: Ja, das ging mir alles zu schnell. Ich war nach dem Krieg mal zwei Tage in Deutschland und war schockiert. Die Polizisten sahen immer noch aus wie bei den Nazis. Mir war immer klar, dass die Dokumente, die meine Mutter hatte, irgendwann einmal nach Deutschland sollten und mussten. Aber ich sagte damals: Lasst uns doch noch etwas Zeit. Die Familie von Max Brod ist im Holocaust ums Leben gekommen, und das ist noch nicht so lange her. Brod selbst war nach dem Krieg auch regelmäßig zu Vorlesungen in Deutschland. Er war ein Mensch ohne Hass, sehr optimistisch, mit viel Hoffnung, dass eine neue Generation von Deutschen anders sein würde. Ich war kleinlicher und habe oft gesagt: später. Aber irgendwann war es zu spät.
ZEIT: Deshalb wurden die Verhandlungen mit Marbach nicht weitergeführt. In der Zwischenzeit haben Ihnen dann aber andere Kaufangebote gemacht – Siegfried Unseld zum Beispiel, der die Beschreibung eines Kampfes gekauft hat.
Hoffe: Was meine Mutter verkauft hat, hat sie ohne uns verkauft. Darüber weiß ich kaum etwas. Ich hätte lieber alles zusammengelassen.
ZEIT: Sie haben sich auch darüber gesorgt, dass in den Tagebüchern von Brod »Schreckliches« stehe.
Hoffe: Nein, das habe ich nie gesagt, obwohl ich so immer wieder vor allem von israelischen Medien zitiert werde. Ich habe die Tagebücher von Brod noch nicht gelesen. Aber ich vermute, dass auch viel über sein Verhältnis zu unserer Familie darin steht. Das war etwas sehr Besonderes: Max Brod und mein Vater, Otto Hoffe, waren beste Freunde. Meine Mutter liebte meinen Vater, und Brod war Teil unserer Familie. Das alles ist heute kaum nachzuvollziehen. Aber ich möchte nicht, dass es in irgendeiner Weise falsch dargestellt wird.
ZEIT: Wäre eine Einigung zwischen Israel und Marbach denkbar?
Hoffe: Wie sollte die aussehen? Ich bin völlig gegen eine Aufteilung des Max-Brod-Archivs oder der Kafka-Manuskripte in unserem Besitz. Wir haben immer das Gesetz befolgt, nach dem von wichtigen Dokumenten, die das Land verlassen, ein Mikrofilm ans Nationalarchiv gehen muss. Das wird auch weiterhin so bleiben. Marbach traut sich nicht, den israelischen Behauptungen offen zu widersprechen. Da ist immer noch ein schlechtes Gewissen wegen des Krieges und des Holocaust. Die sind zu anständig, und Israel ist zu raffiniert. Israel sollte die Hände öffnen und sagen: Entschuldigung, das alles gehört uns nicht, es gehört Ihnen. Aber das ist ein Traum.
Das gespräch führte Stefan Koldehoff
- Datum 20.11.2009 - 17:19 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
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