Seltsam groß und kalt wirkt das Kanzleramt, wenn man, wie Angela Merkel, kurz zuvor im Weißen Haus war. Das Oval Office würde wohl fünfmal hineinpassen in ihr Büro. Merkel ist es zu groß, deswegen zieht sie sich immer in eine Ecke zurück, arbeitet an einem Ende eines langen Tisches, führt Interviews am anderen Ende. Wer gute Augen hat, kann ihre Notizen lesen. Heute bleibt dafür keine Zeit, sie drängt, ist konzentriert und – täuscht der Eindruck? – kanzlerhafter als je zuvor. Ein Hauch Schröder steht im Raum

Die ZEIT: Frau Bundeskanzlerin, haben Sie nach den vergangenen Wochen mit der Vereidigung der neuen Regierung, dem Auftritt in Washington und der Feier zum Ende des Ersten Weltkrieges am 11. November in Paris schon ein Gefühl dafür, was davon haften bleiben wird?

Angela Merkel: Im Augenblick habe ich fast keine Zeit, darüber nachzudenken. Ich bin sicher, dass der Auftritt vor dem US-Kongress etwas ist, was man ein Mal erlebt und nie wieder. Das werde ich nicht vergessen. Die eigene Atmosphäre dort, die von transatlantischer Freundschaft, vom Zeitpunkt 20 Jahre nach dem Mauerfall und ein bisschen natürlich auch von meiner Person geprägt war – das war sehr, sehr beeindruckend.

Persönlich viel bedeutet haben mir der Gang über die Bornholmer Brücke in Begleitung der Bürgerrechtler am 9. November und auch das Fest am Brandenburger Tor. Das Beste daran war, dass sich von dem schrecklichen Wetter keiner die Stimmung hat verderben lassen. Im November bei fünf Grad in strömendem Regen, und keiner hat gemault. Ganz kurz danach dann der 11. November in Paris. Das habe ich als eine große Geste des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy verstanden. Dass wir den 9. und 11. November in Europa gemeinsam begangen haben, ist ein Beweis für gewachsenes Vertrauen, und das ist etwas, was uns eigentlich insgesamt sehr hoffnungsfroh stimmen kann.

ZEIT: Auf welches Deutschlandbild sind Sie dabei getroffen?

Merkel: Als ich in Paris an den Veteranen des Zweiten Weltkriegs vorbeigegangen bin, konnte ich spüren, das sind Menschen, die viel Leid erfahren haben, die aber bereit sind, Deutschland wieder zu vertrauen. Darauf kann Europa gebaut werden. Bei den Jungen gilt vieles schon als selbstverständlich. Ich bin nach dem Zweiten Weltkrieg geboren und in der DDR aufgewachsen, da ist Frankreich immer ein fernes Land gewesen, in das man reisen wollte und nicht konnte. Ich wollte Paris kennenlernen, die Sprache. Ich hatte mal den Versuch gemacht, Französisch zu lernen. Dann floh meine Französischlehrerin nach Kanada und heiratete einen Kanadier, die Sache war wieder zu Ende, und ich habe mich nicht wieder aufgerafft.

ZEIT: Sind Sie noch die Generation Juliette Gréco?

Merkel: Ja. Aber was heißt »noch«?

ZEIT: Sie sind eigentlich zu jung für Juliette Gréco.

Merkel: Aber ich kenne sie. Das Kostbare ist, dass nicht nur Politiker, die das auch aus rationalen Interessen tun, sagen, wir müssen zusammenarbeiten, sondern eine große Mehrheit der einfachen Menschen. Die begegnen uns – und da stehe ich Pars pro Toto für Deutschland – mit Freundschaft.

Nicolas Sarkozy hat mir ein Faksimile der Aufzeichnungen von Präsident de Gaulle über seine erste Begegnung mit Kanzler Konrad Adenauer im September 1958 geschenkt. Dort hat de Gaulle die einführenden Worte von Adenauer und seine Antwort festgehalten, als sie die neue Beziehung nach dem Zweiten Weltkrieg begründet haben. Wir sollten uns das Gefühl dafür bewahren, dass das alles andere als selbstverständlich ist.

ZEIT: Ist es immer noch nicht selbstverständlich?

Merkel: Wir gehen heute damit wie selbstverständlich um, aber es ist nie selbstverständlich. Immer wenn wir anfangen, es für selbstverständlich zu halten, ist die Gefahr groß, dass wir es wieder verlieren.

ZEIT: Weil wir etwas übersehen?

Merkel: Ja, weil ich selber erlebe, wie schnell wieder Vorurteile entstehen können. In Europa haben wir das gegenseitige Verstehen heute einigermaßen verinnerlicht. Das müssen wir bewahren, und zugleich geht es darum, Afrika zu verstehen, Asien und Lateinamerika. Ich glaube, dass man es angesichts der Notwendigkeit zu globaler Zusammenarbeit schaffen muss und auch schaffen kann, eine entsprechende Sensibilität, gewissermaßen ein richtig globales inneres Gefühl zu bekommen, so wie man ein Gefühl für Deutschland bekommen kann. Wir haben das noch nicht von Kind auf gelernt. Das wird eine wichtige Aufgabe für die nächste Generation.