Interview mit Angela Merkel "Und keiner hat gemault"Seite 5/5

Merkel: Erstens ist eine pragmatische Lösung in der überwiegenden Mehrheit der Probleme genau das, was gebraucht wird. Zweitens können Sie auch für eine pragmatische Lösung nur dann das richtige Gefühl entwickeln, wenn Sie Ihren Werten folgen, die immer gelten. Etwa was bestimmte außenpolitische Koordinaten anbelangt: für Europa einstehen, für die transatlantische Partnerschaft, sich um die Sicherheit Israels sorgen.

ZEIT: Der Vorwurf kommt auch nur in der Innenpolitik auf.

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Merkel: Da muss ich Ihnen ganz ehrlich sagen, dass Pragmatismus unverzichtbar ist. Der kategorische Kampf zum Beispiel, den wir wahrscheinlich jetzt hinter uns gelassen haben, ob dieser eine Schultyp oder ein anderer Schultyp nun mit Sicherheit der ist, der zur perfekten Bildung führt, und der andere in den sicheren Untergang, das ist vorbei. Das Thema Gesamtschulen muss doch schrecklich gewesen sein. Daran habe ich ja als DDR-Bürgerin gar nicht so teilgenommen.

ZEIT: Wir schon, es war schrecklich.

Merkel: Sehen Sie, da hilft doch nur eine praxistaugliche Lösung und Pragmatismus: Letztlich kommt es darauf an, ob das einzelne Kind eine gute Bildung und Betreuung bekommt. Die kann es auch in der Gesamtschule bekommen, die kann es in einem gegliederten Schulsystem kriegen. Es gibt Länder, da sind die Hauptschulen leistungsfähig und sehr gut.

Ähnlich könnte es eines Tages auch bei der Energiepolitik werden. In der Union ist niemand der Meinung, wenn man ein fortschrittlicher Mensch sei, müsse man aus vollem Herzen für die Kernenergie sein. Auch wir sprechen von Brückentechnologie, wir sagen, wir wollen so schnell wie möglich ohne Kernenergie auskommen und ins regenerative Zeitalter. Wir halten sie in der Übergangszeit für verantwortbar, und darüber gibt es noch Streit, aber insgesamt hat sich doch was getan. Nun können Sie sagen, das ist Beliebigkeit. Genauso können Sie aber sagen, das ist evolutionäres Lernen.

ZEIT: Am meisten beschäftigt die Deutschen im Moment wohl der Tod von Herrn Enke. Das rührt auch an das Thema Depression. Ist das etwas, was in der Politik genauso tabuisiert wird wie im Leistungssport?

Merkel: Die Politik ist immer ein Spiegel der Gesellschaft – einer Gesellschaft, in der über psychische Erkrankungen generell nicht offen gesprochen wird. Aber auch in der Wirtschaft nicht, gerade dort also, wo Menschen sehr hohem Stress ausgesetzt sind. Über einen gebrochenen Arm lässt sich halt leichter sprechen, da kann jeder mitfühlen… Das ist anders als bei Depressionen oder – ein großes Thema – im Alter Demenz. Das wird schon ein ganzes Stück verdrängt.

Es gibt bei den Betroffenen auf der einen Seite die große Angst: Wenn man das zugibt, ist man kein Teil der funktionierenden Gesellschaft mehr. Das menschliche Leben aber ist so viel breiter als der vermeintliche Durchschnitt. Deshalb ist es auch so wichtig, dass man über alle Krankheiten spricht. Es kann doch fast kein Mensch von sich sagen, dass er immer der Sonnyboy ist, der leistungskräftig und gut gelaunt zur Arbeit schreitet. Die graduellen Unterschiede zwischen gesund und krank sind sehr klein. Da machen wir uns in der Gesellschaft etwas vor.

ZEIT: Und da ist die Politik ein genaues Abbild?

Merkel: Da sind wir nicht anders als die anderen.

ZEIT: Haben Sie das Gefühl, Sie müssen als Kanzlerin immer stark sein, jedenfalls nach außen?

Merkel: Besser ist es. Dann habe ich weniger Ärger.

ZEIT: Sie kriegen Ärger, wenn Sie schwach sind?

Merkel: Wenn mir auf der Regierungsbank die Augen mal zufallen, habe ich viel Nacharbeit zu leisten. Aber wenn man krank ist oder etwas nicht kann, sollte man es ruhig sagen.

ZEIT: Eine Mutprobe?

Merkel: Man brauchte eben mehr Mut, als zu sagen, dass man gut drauf ist, ja. Darum berührt uns der Tod von Robert Enke und seine Depressionserkrankung auch so: Weil sich an einem berühmten Beispiel etwas zeigt, wovor viele Angst haben und was viel öfter passiert, als wir es uns vor Augen führen.

ZEIT: Der Feind in einem selbst?

Merkel: Weil es hoffentlich für viele eine Möglichkeit ist, jetzt einfach mal am Beispiel von Robert Enke offen über ihre Ängste, die bis in eine Depression führen können, zu reden, und hoffentlich Mitmenschen Verständnis für diese Krankheit entwickeln und sie nicht stigmatisieren. Als Politiker haben Sie mit 55, wie ich, ja ein großes Erfahrungspolster. Bei Leistungssportlern finde ich es immer so hart, dass man im Grunde weiß, zwischen 30 und 40 ist die Karriere in der Regel vorbei, während man sich als Persönlichkeit die Reife gerade erst erarbeitet. Deshalb dürfen wir junge Sportler auch nicht überfordern, dass sie immer nur funktionieren müssen.

ZEIT: Wie schaffen denn Sie Ihr politisches Pensum? Wenn wir Sie in den letzten Monaten nur von den Fernsehbildern her anschauen, dann fragen wir uns, ob es irgendeine Droge gibt, die Sie uns empfehlen können…

Merkel: Pfefferminztee…

ZEIT: …oder wie Sie das sonst packen.

Merkel: Ich will gar nicht verhehlen, dass es auch für mich schon sehr anstrengende Monate waren und sind. Und manchmal sind ja die emotionalen Sprünge groß. Sie stehen in Pittsburgh beim G-20-Gipfel und haben schwierige Themen zu verhandeln, drei Tage vor der Wahl. Dann werden Sie dort zugleich mit Umfragen traktiert.

ZEIT: Und es schmilzt, schmilzt, schmilzt.

Merkel: Ja, und zwischen ganz unten und ganz oben liegen dann vielleicht einige Tausend Wählerstimmen. Da muss man viel Druck aushalten, und das schaffe ich nur, indem ich mir durch mein Privatleben immer wieder eine Distanz zu dem Ganzen erhalte. Und dann gibt es wieder diese Ereignisse wie den Auftritt im US-Kongress oder den 9. und 11. November, die wir zu Beginn besprochen haben, also emotional sehr positive Ereignisse. Bei allen Anforderungen macht mir diese Arbeit Spaß, sonst könnte ich das nicht schaffen.

ZEIT: Es sind aber auch die Gene.

Merkel: Na klar, das auch.

ZEIT: Und 35 Jahre Erholung in Ihrer ersten Lebenshälfte.

Merkel: (lacht) 35 Jahre in der DDR als Erholung zu beschreiben, habe ich auch noch nicht gehört. Aber egal. Zumindest hatte ich eine sehr ruhige Kindheit ohne Verkehrsgeräusche und mit ruhigem Waldrauschen. Aber ich verschweige nicht, dass ich jetzt auf ein paar ruhige Weihnachtstage hoffe. Sie müssen ja auch mal was in den Kopf bekommen, brauchen mal selber neue Anregungen. Bis jetzt habe ich es immer noch geschafft und bin, glaube ich, dem deutschen Volk dadurch noch nicht zur Last gefallen.

Das Gespräch führten Giovanni di Lorenzo und  Bernd Ulrich

 
Leser-Kommentare
  1. Politiker antworten für gewöhnlich auf klare Fragen schwammig mit Textbausteinen. Hier haben wir zwei Interviewer, die das Wissen und deshalb gar nicht mehr fragen.
    Die Kanzlerin als Politikerin wird ausgeblendet, so dass nur noch die Gefühle bleiben. Wenn es nicht Sportreporter Eseligkeit ist, dann ist es eine subtile Form von Sexismus, die hier deutlich wird.
    Wenn Sie so weiter machen, dann fragen Sie noch den Verteidigungsminister nach Tipps zur Inneneinrichtung.

  2. 2.

    Gut, dass nur die französischen Veteranen Leid haben erfahren müssen. Die bösen und verbrecherischen deutschen Wehrmachtsangehörigen sind ja auch alle ausnahmslos selber Schuld an ihrem Unglück gewesen.

    Und ohne die Fußballweltmeisterschaft hätte Deutschland wohl auch nie wieder eine Identität entwickelt. Gott sei Dank existiert der Fußball. Das dies lediglich ein Ventil war, ist der guten Frau anscheinend nicht bewusst.

    Und gut das Frau Merkel auch noch gute Gene hat und dadurch viel belastbarer, als der kürzliche verstorbene Robert Enke, ist.

    Ich verstehe gar nicht warum in allen Medien so getan wird, als ob Depressionen völlig tabuisiert sind/ waren. Ist doch völliger Humbug! Und auch das ganze "Theater" um Herrn Enke. Jede ernstgemeinte Mitleidsbekundung in Ehren - aber das ging, meiner Meinung nach, eindeutig zu weit.

    Ich kann mir nicht helfen aber mit dieser Frau werde ich wohl niemals warm werden. Sie ist einfach aalglatt, absolut konturlos und meiner Meinung nach auch keine durchgreifende Führungspersönlichkeit. Einfach aus allem raushalten, schauen was passiert, die guten Sachen sich selbst zusprechen, die schlechten anderen. Der Vorwurf der Biegsamkeit trifft also durchaus zu.

    Weiter so!

  3. Gibt es eigentlich inzwischen ein Formular, in dem Reporter vor einem Kanzlerinnen- Interview in etwa folgendes unterschreiben müssen?

    "Hiermit erkläre ich, dass ich keinerlei kritische Fragen stellen werde, nie nachbohre, ganz bestimmt nicht bei brisanten offen Punkten den Finger in die Wunde lege und auch sonst alle inhaltlich möglicherweise mit politischen Aussagen versehenen Äußerungen hinter emotionalen Phrasen verstecken werde.

    Ich als Reporter habe schließlich verstanden, dass Interviews der Huldigung der Kanzlerin dienen und ich und meine Redaktion aus allen Hintergrundgesprächen, informellen Kreisen, netten Partys, Empfängen und Mitfluggelegenheiten zu Gipfeln etc. heraus fliegen, sollte ich auch nur im leisesten Ton irgendetwas andeuten, was der unfehlbaren größten Klima- Kanzlerin aller Zeiten nicht gefallen könnte.

    Zudem bin ich mir darüber im Klaren, dass unerwünschte Berichterstattung, ähnlich wie vor einiger Zeit bei der Redaktion des Cicero, zu unangenehmen Hausdurchsuchungen und sonstigen Behinderungen journalistischer Arbeit führen kann.

    Ich unterwerfe mich der Kanzlerin aus freien Stücken und sehe hierin natürlich keinerlei Einschränkung der Pressefreiheit und der freien Meinungsäußerung, denn ich habe ja die freie Wahl zwischen Unterwürfigkeit oder den Konsequenzen unbotmäßigen Verhaltens, also dem Ende meiner journalistischen Karriere und dem wirtschaftlichen Untergang meiner Zeitung."

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    • sudek
    • 22.11.2009 um 13:06 Uhr

    Macht vs. freier Journalismus

    Es gibt persönlich für mich immer wieder Sternstunden des Internets: man kann überprüfen, ob man mit seiner Meinung allein ist, ob man sich in seinem eigenen Hirn irgendetwas zusammen spekuliert.

    Und heute stelle ich wieder fest, Gott sei Dank, bin ich mit meiner Meinmung zu diesem liebedienerischen Interview nicht allein. Danke u.a. Julia09 und allen anderen Foristen!!

    • sudek
    • 22.11.2009 um 13:06 Uhr

    Macht vs. freier Journalismus

    Es gibt persönlich für mich immer wieder Sternstunden des Internets: man kann überprüfen, ob man mit seiner Meinung allein ist, ob man sich in seinem eigenen Hirn irgendetwas zusammen spekuliert.

    Und heute stelle ich wieder fest, Gott sei Dank, bin ich mit meiner Meinmung zu diesem liebedienerischen Interview nicht allein. Danke u.a. Julia09 und allen anderen Foristen!!

  4. 4. Warum?

    haben die Herren Journalisten nicht gefragt, ob der Auftritt im US-Kongress ein Dank dafür war, dass Angela Merkel hinter dem amerikanischen Präsidenten stand, als er in den Irak zog und auch dann noch hinter dem amerikanischen Präsidenten stand als die Lügen, die Folter und Guantanamo bekannt waren. Und diesem Präsidenten, als fast niemand mehr etwas mit ihm tun haben wollte, in Trinvillershagen fröhlich die Wildsau gegrillt hat.

    Und wenn dies zuviel verlangt ist, finde ich sollte der Bürger zumindest wissen, ob Angela Merkel den Irak-Krieg nach wie vor für richtig hält. Das wäre doch wichtig für die Menschen in Deutschland und in der Welt.

    Aber dies herauszufinden, selbst dazu sind die Herren Journalisten offensichtlich nicht in der Lage.

    Ansehen in der Welt hat Deutschland durch das "Nein" zum Irak-Krieg erworben und nicht durch grauenhafte bunte Blazer auf roten Teppichen.

    • ohopp
    • 22.11.2009 um 1:32 Uhr

    Kanzlerschaft hat D. u.a. die höchsten Schulden gemacht, den größten Wirtschafteinbruch erlebt..... Und dann kommt so ein als "Gespräch" angekündigtes Techtelmechtel.
    Man vergißt zwar über die Jahre vieles, aber ähnlich unkritisch ist der Journalist mit den Verantwortlichen in der DDR und bei Hofe auch umgegangen.

  5. Unserem Land wäre vermutlich besser gedient, wenn die Kanzlerin sich mehr Schlaf gönnen würde, statt ihre kostbare Zeit derartigem Talk-Show-Niveau-Geplänkel zur Verfügung zu stellen.
    Für die „pragmatische“ Beantwortung einer der aktuell brennendsten (jedoch nicht gestellten) Fragen, wie sie z.B. angesichts der bundesweiten Bildungskatastrophe Deutschland trotz des verkrusteten Macht-Föderalismus` zu einer „Bildungsrepublik“ machen will, muss frau nämlich zukünftig sehr ausgeschlafen auftreten.
    Dazu werden Frau Schavans jetzt rasch verkündete „Weckamine“ oder auch „Beruhigungpillen“ aus dem Koalitionsvertrag herzlich wenig bewirken. Dazu haben die Kultusministerkonferenzen zu lange in Deutschland die Zeichen der Zeit verschlafen.
    Genau wie deren über ein Jahrzehnt lang in Auftrag gegebenes, gescheitertes Rechtschreibreform-Machwerk bestätigt sich diese Institution immer noch nahezu regelmäßig „überflüssig wie ein Kropf“ (Roman Herzog,1996 ).
    Außerdem: „Zu wenig Schlaf macht dick, dumm und krank“, so Prof. Jürgen Zulley, Präsident der Deutschen Akademie für Gesundheit und Schlaf.
    Deutsche Politik - demzufolge ein dringender Behandlungsfall? Dieser Frage sollten aufgeweckte Journalisten in ihren Interviews mit den gewählten Spitzenvertretern permanent nachgehen.
    Mit Frau Merkel hoffen wir daher auf geruhsame Feiertage - auch zum Wohle für uns alle!

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    "Unserem Land wäre vermutlich besser gedient, wenn die Kanzlerin sich mehr Schlaf gönnen würde, statt ihre kostbare Zeit derartigem Talk-Show-Niveau-Geplänkel zur Verfügung zu stellen". und

    "Außerdem: „Zu wenig Schlaf macht dick, dumm und krank“, so Prof. Jürgen Zulley, Präsident der Deutschen Akademie für Gesundheit und Schlaf."

    Jetzt weiss ich, warum wir es bei den Regierungsmitliedern mit so vielen Schwergewichten zu tun haben. Aber warum klappt das bei Frau von der Leyen eigentlich nicht. Sie müsste längst geplatzt sein.

    "Unserem Land wäre vermutlich besser gedient, wenn die Kanzlerin sich mehr Schlaf gönnen würde, statt ihre kostbare Zeit derartigem Talk-Show-Niveau-Geplänkel zur Verfügung zu stellen". und

    "Außerdem: „Zu wenig Schlaf macht dick, dumm und krank“, so Prof. Jürgen Zulley, Präsident der Deutschen Akademie für Gesundheit und Schlaf."

    Jetzt weiss ich, warum wir es bei den Regierungsmitliedern mit so vielen Schwergewichten zu tun haben. Aber warum klappt das bei Frau von der Leyen eigentlich nicht. Sie müsste längst geplatzt sein.

    • sudek
    • 22.11.2009 um 3:50 Uhr

    Diener und Anbeter der Macht. Im letzten Artikel von Ulrich schaltet er bis heute die Kommentarfunktion aus - ein Beitrag zur Demokratie in der ZEIT.
    Was Merkel wirklich will, was Merkel wirklich denkt, was Merkel wirklich plant, was Merkel wirklich macht etc.etc.

    Und hier und jetzt wäre die Möglichkeit oder Chance für Ulrich gewesen, seine Spekulationen und Variationen über das "wirklich" an der Realität zu überprüfen.

    Aber da Ulrich weiß, was Merkel wirklich will, macht, plant, denkt, braucht er auch nicht mehr zu fragen. Toll!!!!

    Was ist der Auftrag von Merkel an die ihr ergebenen Medien nach Meseberg? Ablenken, ablenken, ablenken..

    z.b. von den als geisteskrank erklärten Steuerfahndern in Hessen und der Rolle von Roland Koch in diesem Zusammenhang. Hier bahnt sich ein politischer Skandal an, gegenüber dem der sog. "Wortbruch" von Ypsilanti eine Lächerlichkeit sein wird...

    Aber wir haben ja Tanja Dückers traumhafte Worte erhalten, dem Himmel sei Dank...

  6. Das hätten sie wohl gerne!

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