Breitbandkabel-Markt Malones Comeback
Warum ein Milliardendeal um Fernsehkabel die deutsche Medienbranche durcheinanderwirbelt. Von Kerstin Bund und Felix Wadewitz
© Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Heiß umkämpfter Markt: Kabelnetze
Liberty und Unity, Freiheit und Einheit, die gehören in Deutschland künftig zusammen. Was wie ein verspätetes Grußwort zum Mauerfalljubiläum klingt, ist in Wahrheit ein Milliardendeal: Der US-Konzern Liberty Global kauft sich in den deutschen Markt rund um Fernsehen, Telefon und Internet ein. Er schluckt den Kabelnetzbetreiber Unitymedia für 3,5 Milliarden Euro. Das Geschäft, das Mitte kommenden Jahres abgeschlossen sein soll, könnte die deutsche Medienbranche durcheinanderwirbeln.
Hinter der Übernahme steckt nämlich ein altbekannter Strippenzieher: John Malone. Der Selfmade-Milliardär aus Colorado schielt schon lange auf den deutschen Markt. Vor sieben Jahren wollte er schon einmal den Großteil des Kabelnetzes von der Deutschen Telekom kaufen, es wäre ihm 5,5 Milliarden Euro wert gewesen. Damals durchkreuzten aber Konkurrenten und Kartellwächter seine Pläne. Diesmal dürften die Aufsichtsbehörden den Deal durchwinken.
Der Medienzar Malone herrscht in den USA über ein unübersichtliches Geflecht an Beteiligungen. Dazu gehören einige Prozente an den Großkonzernen Time Warner (inklusive CNN) und Viacom (inklusive MTV) und der auch in Deutschland aktive Shoppingkanal QVC. Das Herz des Reiches von John Malone aber sind Kabelnetze. Mit ihnen sammelten die Liberty-Manager bereits viel Erfahrung in den USA. Auf dem deutschen Markt wittern sie große Wachstumschancen.
Das Objekt ihrer Begierde, der Konzern Unitymedia mit seiner Zentrale in Köln, betreibt in den dicht bevölkerten Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Hessen das größte zusammenhängende Kabelnetz Europas – und das Geschäft mit diesem Netz könnte demnächst kräftig wachsen.
Unitymedia bietet nämlich 4,6 Millionen Haushalten längst nicht mehr nur Kabelanschlüsse fürs Fernsehen an. Sie können auch gleich eine Telefon- und Internetflatrate mitbestellen. Alles auf eine einzige Rechnung, heißt die Devise. Bislang machen das zwar nur wenige Kunden; erst geschätzte 10,8 Prozent gehen mit einem Kabelbetreiber online. Doch nach und nach sichern sich Unitymedia und seine Konkurrenten Kabel Deutschland und Kabel BW ein immer größeres Stück vom Breitbandkuchen. Jeder dritte neue Internetkunde entscheidet sich heute für einen Netzzugang per TV-Kabel, der meist günstiger zu haben ist und in vielen Gebieten auch schneller funktioniert als die Angebote von Telekom, Vodafone und Co.
Seit Unitymedia vor zwei Jahren in den Markt mit dem schnellen Internet eingestiegen ist, surfen schon rund 900.000 Haushalte über das Fernsehkabel. Damit erreicht das Kölner Unternehmen mehr Kunden als die Telekom mit ihrem gebündelten Angebot aus Internet, Fernsehen und Telefon. Somit dürfte vor allem der Branchenriese mit Schrecken die Ankunft von "Darth Vader" verfolgen, wie Al Gore Malone einmal wegen dessen Machtfülle beschimpfte. Die rasant sinkenden Preise für schnelles Internet und Telefonflatrates machen der Telekom schon genug zu schaffen. Malone bringt sein neues Kabelnetz nun in Stellung gegen den Bonner Konzern, und Unitymedia wird noch stärker im Revier des Marktführers wildern. Allein der deutsche Breitbandmarkt ist bereits 35 Milliarden Euro groß.
Dazu kommt: Unitymedia ist plötzlich kein Einzelkämpfer mehr, sondern Teil eines globalen Konzerns mit all seinen Ressourcen und Erfahrungen. Allein in Europa mischt Liberty Global in zehn Ländern mit, auch in Japan, Chile, Australien ist der Konzern vertreten. "Das ermöglicht Größenvorteile, etwa beim Netzausbau, die die Kosten drücken", sagt Roman Friedrich von der Beratungsfirma Booz & Company. Und somit auch die Preise für die Kunden? Das zumindest verspricht Malone.
Malones Comeback in Deutschland dürfte auch in der Münchner Zentrale des Bezahlsenders Sky nervöses Stirnrunzeln hervorrufen. Sky, ehemals Premiere, unternimmt zurzeit mit einer Multimillionen-Werbekampagne einen erneuten Versuch, die Deutschen für das bezahlte Fernsehen zu gewinnen. Man hofft, endlich aus den roten Zahlen zu kommen. Malones Leute sagen, es gebe keine weitergehenden TV-Pläne – seine vielen Sender waren der Grund für die Wettbewerbshüter, den ersten Anlauf auf dem deutschen Markt zu vereiteln. Doch theoretisch wäre es für Malone ein Leichtes, eigene Programme in das neu gekaufte Kabelnetz in Deutschland einzuspeisen. Denn seine Archive sind voll mit Sendematerial. In den USA produziert eine Tochterfirma die Hauptabendnachrichten des öffentlich-rechtlichen Senders PBS. In Europa sind 26 Sender Teil des Portfolios.
Zumindest steckt also Drohpotenzial hinter diesem Deal. Und damit ärgert Malone einen alten Rivalen. Der Mann hinter Sky ist Rupert Murdoch. Die beiden Medienmogule verbindet ein hart, aber herzlich geführter Konkurrenzkampf. Murdochs Medienempire ist noch größer als das von Malone. Die beiden kommen sich in die Quere, wo sie nur können, seit Malone den Rivalen bei einem Geschäft über den Tisch gezogen hat. Und auch sein neuester Streich ist aus der Sicht von Murdoch pure Provokation.
Manche mutmaßen sogar, dass der Medienmogul auch bereits den Mobilfunkmarkt ins Auge gefasst habe. Kabelfernsehen, Internet und Telefon – damit gibt sich ein Malone doch nicht zufrieden! Datendienste für das Handy sind schließlich ein vielversprechendes Geschäft. In Belgien gibt es bereits eine eigene Mobilfunktochter, in Chile ebenso. Für die Expansion auf den deutschen Handymarkt findet sich in Malones umfangreicher Firmensammlung schon die passende Beteiligung, die sich noch als wertvoll erweisen könnte: Das Unternehmen Mobile Streams produziert vom klassischen Klingelton über Spiele und Videos bis hin zu Anwendungen für iPhone und Blackberry alles, wofür sich erfolgreich Geld verlangen lässt.
Und auch auf dem deutschen Kabelmarkt dürfte das kaum Malones letzter Schritt gewesen sein, glauben Experten. Schon länger kursiert unter den Betreibern die Überlegung, sich zu einem großen deutschen Kabelkonzern zusammenzuschließen – als Gegengewicht zur Telekom. Ob das unter der Führung von Malone geschieht, darüber hat allerdings auch das Kartellamt ein Wörtchen mitzureden.
Sprich: Da wird noch viel spekuliert. Doch auffällig ist, dass Malone beim Kauf von Unitymedia sehr großzügig war. Die bisherigen Eigner, darunter der Finanzinvestor BC Partners, planten eigentlich einen aufwändigen Börsengang, doch dieses Angebot schlug alles. BC Partners hatte vor sechs Jahren 300 Millionen Euro investiert und dafür 35 Prozent von Unitymedia erhalten – und Malone überweist der Private-Equity-Firma für diesen Anteil nun 700 Millionen Euro.
- Datum 21.11.2009 - 16:18 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
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werden die großen Machtspieler wohl weiter rund um den Globus Macht-, Marktanteile und Sachwerte einkaufen.
Selbst über die Hälfte der DAX-Unternehmen sind schon In Investors Griffeln und der Ausverkauf Europas geht immer weiter.
Damit verselbständigt sich die neoliberale Durchdringung weiter Schritt für Schritt, Bastion für Bastion und offiziell kann und will niemand etwas dagegen tun.
Irgendwann kommt das böse Erwachen.
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