Literarisches Erbe
Wem gehört Kafka?
In einem Banksafe in Zürich liegen noch wertvolle Handschriften Franz Kafkas. Israels Nationalbibliothek leistet erbitterten Widerstand gegen deren Verkauf an das Deutsche Literaturarchiv. Dokumente, die der ZEIT vorliegen, legen nahe, dass diese Ansprüche keine Rechtsgrundlage haben
© dpa

Der Schriftsteller Franz Kafka in der Altstadt von Prag. (Aufnahme um 1920)
Die Entfernung von dem Banksafe in der Zürcher Bahnhofstraße bis zum Deutschen Literaturarchiv auf der Schillerhöhe 6–8 in Marbach am Neckar beträgt 246 Kilometer. Wenn man gut durchkommt, ist man in zweieinhalb Stunden da. Im Falle der spektakulären Kafka-Handschriften aber, die seit 1956 in dem Banksafe 6588 in Zürich liegen, dauert der Transfer jetzt bereits 53 Jahre. Und in der Sekunde, in der die heutigen Eigentümerinnen der Kafka-Handschriften, die Schwestern Eva und Ruth Hoffe in Tel Aviv, sich nach jahrzehntelangem Zögern, Herantasten, Voranpreschen und Zurückzucken jetzt endgültig entschieden hatten, diese komplett nach Marbach verkaufen zu wollen, erhebt urplötzlich der Staat Israel Anspruch auf die Schriftstücke und bezeichnet sie als »nationales Kulturgut«.
Das Familiengericht in Tel Aviv verweigerte im Sommer den Schwestern Eva und Ruth Hoffe die »Erbberechtigung« für ihre im Alter von 101 Jahren verstorbene Mutter Ilse Ester Hoffe, die die Handschriften bereits 1945 als Geschenk von Max Brod überschrieben bekommen hatte. Doch die Nationalbibliothek von Jerusalem fordert in diesem Verfahren nicht nur die Rückkehr der Handschriften aus dem Schweizer Safe nach Israel. Sie will darüber hinaus das Deutsche Literaturarchiv zwingen, das Manuskript von Kafkas Process an Israel zurückzugeben, das Ilse Ester Hoffe vor 20 Jahren aus dem Banksafe heraus via Sotheby’s in London für 3,5 Millionen Mark nach Marbach versteigern ließ. Erstmals seit 1945 stehen sich damit eine staatliche israelische und eine staatliche deutsche Kulturinstitution als Streitparteien in einem Prozess gegenüber. Streitpunkt: die Erbpflege des bedeutendsten jüdischen Schriftstellers deutscher Sprache. Dazu die Erbin Eva Hoffe im Gespräch mit der ZEIT: »Marbach ist zu anständig, und Israel ist zu raffiniert.«
Ulrich Raulff, Direktor des Marbacher Literaturarchivs und sich der Raffinesse der Gegenseite voll bewusst, schrieb am 20. Oktober einen besorgten Brief an seinen »lieben Kollegen« von der Nationalbibliothek in Israel, Shmuel Har Noy. Er sei, schreibt Raulff, »alarmiert«, in welcher Weise die internationalen Medien inzwischen über die Auseinandersetzung um den Brod-Nachlass und die Kafka-Manuskripte berichteten, und man solle sich endlich zusammen an einen Tisch setzen, um die verfahrene Angelegenheit zu retten. Worauf ihm in einem messerscharfen Brief vom 22. Oktober, der der ZEIT vorliegt, Shmuel Har Noy antwortet, reden könne man ja gerne – indes müsse dabei immer klar sein: »The rightful place of the Kafka Papers is in the National Library of Israel.« Aber Raulff, Marbach und Deutschland sollten sich keine Sorgen machen, so schreibt der Generaldirektor weiter, »wenn der Kafka-Nachlass in der Nationalbibliothek angekommen ist, würden wir gerne mit Ihnen in puncto Digitalisierung und Katalogisierung zusammenarbeiten«. »Die Israelis sind anscheinend verrückt geworden«, so kommentiert Klaus Wagenbach das plötzliche Anzweifeln der Schenkung der Papiere durch Brod an Hoffe im Jahre 1945. Wagenbach kennt die Autografe selbst noch aus der Wohnung Max Brods in Tel Aviv.
1956 ließ der Verleger Salman Schocken, in dessen Archiv in Jerusalem Brod sein Archiv aus Angst vor Raketenangriffen auf Palästina zunächst gelagert hatte, das Kafka-Konvolut in den besagten Banktresor in Zürich bringen. Was ihm nicht gehörte, übergab Max Brod von dort nach Schockens Tod an Kafkas Nachfahren. Schocken, der große Verleger, hatte noch von Kafkas Mutter die Publikationsrechte für die Werke ihres Sohnes übertragen bekommen. Schockens Enkel Amos ist der Besitzer der Zeitung Ha’aretz in Jerusalem, die die Auseinandersetzung vor dem Familiengericht vollkommen parteiisch begleitet, weil inzwischen auch die Verlegerfamilie Ansprüche auf die Dokumente erhebt – ohne dies bislang begründet zu haben. Die Hoffe-Tochter Eva hause in ihrer Wohnung mit unzähligen Katzen – obwohl dort noch ein Schatz von unbekannten Kafka-Manuskripten lagere, so Ha’aretz. In einem nächsten Text wurde gewarnt, wie schädlich die hohe Luftfeuchtigkeit in Tel Aviv für die mutmaßlichen Handschriften sei und dass es also das Beste wäre, sie kämen sehr bald in ein – natürlich – israelisches Archiv. Jemand, um Kafka zu zitieren, musste Eva H. verleumdet haben. In Zeitungen wie der Neuen Zürcher Zeitung und der Welt wurden diese Mutmaßungen weltweit verbreitet – obwohl alle Kafka-Autografen seit 1956 in einem trockenen Safe in Zürich liegen. Zu dem Katzen selbstverständlich keinen Zutritt haben. Doch die Tendenz ist offensichtlich: Mit öffentlichem Druck soll auf eine Entscheidung des Familiengerichts in Tel Aviv hingewirkt werden, die das Max-Brod-Archiv, das sich in einem Safe in der Bank Leumi in Tel Aviv befindet, und die Kafka-Papiere in Zürich der Verfügungsgewalt Israels überstellt. »Ich werde mich auf die Hinterbeine stellen, damit kein einziges Material, das mit Kafka zu tun hat, außer Landes gebracht wird«, sagte der Leiter des israelischen Nationalarchivs Jehoscha Freundlich der Ha’aretz. Dies sollte man im Kopf haben, wenn man die Passage aus dem Brief der Nationalbibliothek Israels an Marbach vom 22. Oktober liest, wonach es von Israel »begrüßt wird, dass sich Marbach mit der Teilnahme am Familienprozess in Tel Aviv der israelischen Rechtsprechung unterstellt hat«. Es steht in der Tat die Frage im Raum, wie mit den Handschriften verfahren wird, falls ein ordentliches Gericht sie als »nationale Kulturgüter« Israels einstuft und das Besitzrecht der Hoffe-Schwestern bestreitet.
- Streit um Kafka
UM DEN NACHLASS des Dichters Max Brod und um jene Manuskripte, die ihm Franz Kafka vor seinem Tod geschenkt hatte, ist ein erbitterter Streit ausgebrochen. Der Staat Israel beansprucht die WERTVOLLEN DOKUMENTE als nationales Kulturgut für sich und verweigert den Töchtern von Brods Assistentin und ERBIN ESTER HOFFE seit dem Tod ihrer Mutter vor zwei Jahren den Zugang zum Erbe. Dabei waren die Kafka-Manuskripte nie Teil einer Erbschaft, sondern immer SCHENKUNGEN ZU LEBZEITEN erst von Kafka an Brod, dann 1945 von Brod an Ester Hoffe und schließlich von ihr an die beiden Töchter. Und sie befinden sich – anders als das Brod-Archiv – auch schon seit mehr als einem halben Jahrhundert gar nicht mehr in Israel, sondern in einem BANKSAFEIN ZÜRICH. An dem sich hinziehenden Prozess vor dem Familiengericht Tel Aviv nimmt inzwischen auch ein Anwalt des Deutschen Literaturarchivs in Marbach teil. Dem Institut wollen die Hoffe-Erbinnen ihren Besitz gern verkaufen.
Es hilft, an dieser Stelle noch einmal kurz die Fakten zu rekapitulieren: Max Brod hatte in der größten Befehlsverweigerung der Literaturgeschichte den Letzten Willen von Franz Kafka missachtet und nach dessen Tod im Jahre 1924 dessen Papiere nicht verbrannt – sondern für die Nachwelt gerettet. Brod hat die Handschriften dann 1939 in letzter Sekunde vor den herannahenden deutschen Truppen aus Prag gerettet und in seinem Lederkoffer mit nach Israel genommen. 1945 schenkte er seiner Sekretärin und Vertrauten Ester Hoffe den Inhalt dieses Koffers, wie er im April 1952 noch einmal schriftlich bestätigte: »Liebe Ester, Bereits im Jahre 1945 habe ich Dir alle Manuskripte und Briefe Kafkas, die mir gehören, geschenkt.« Brod verdiente mit seiner Mittler- und Herausgebertätigkeit kaum Geld, wollte Ester Hoffe aber für deren Mitarbeit bezahlen und sie und ihre Familie, die ihn aufgenommen hatte, wenigstens auf diese Weise unterstützen. Seit 1945 sind die Kafka-Autografe also Ester Hoffes privates, durch gegengezeichneten Schenkungsbrief bestätigtes Eigentum.
Beide Transaktionen – die frühe Schenkung der Kafka-Handschriften und die Erbschaft des Max-Brod-Archivs – bestreitet Israel nun, so der Anwalt der Israelischen Nationalbibliothek, Meir Heller, gegenüber der ZEIT: »Max Brod hat sein Archiv Ester Hoffe nicht vererbt, sondern ihr als Nachlassverwalterin die Pflicht auferlegt, die Manuskripte an ein öffentliches Archiv zu geben (und nicht zu verkaufen!!) – eine Pflicht, der sie nicht nachgekommen ist. Was die Anweisung im Letzten Willen angeht, die es Hoffe erlaubt, die Handschriften in irgendeinem öffentlichen Archiv zu platzieren, so ist dies nach israelischem Recht illegitim, weil die Anweisungen spezifisch sein und einen konkreten Begünstigten nennen müssen. Als solcher werden im Testament nur die Israelische Nationalbibliothek und die Stadtbibliothek von Tel Aviv genannt.« Seit Israel diese Position vertritt, ist den beiden Hoffe-Schwestern der Zugang zum gesamten Nachlass ihrer Mutter versperrt – zum Brod-Archiv, zu den Kafka-Handschriften, aber auch zu Schmuck und Bargeld, von denen sich ein Lebensunterhalt bestreiten ließe.
- Datum 21.11.2009 - 16:06 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
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Ich frage mich, jenes Israel, dass jetzt sein eigenes Recht bricht, das Deutschland zwar die Kafka-Muniskripte missgönnt, das gleiche Israel ist, dass sich erst vor ein paar Jahren U-Boote im Wert von 3 Milliarden Mark schenken liess und erst vor ein paar wochen ankündigte, 2 Korevetten in Deutschland bestellen zu wollen, jedoch davon ausgeht, dass auch diese Israel von Deutschland geschenkt werden - Wert 500 Millionen Euro.
Offensichtlich verteilt Israel sein seine Großzügigkeiten sehr unterschiedlich. Im Nehmen ist es ganz gross - im Geben eher nicht.
Vielleicht erinnert sich Israel einfach daran, dass das heutige Deutschland Erbe jenes Deutschland ist, das ohne groessere Probleme die Nichten Kafkas in die Gaskammer geschickt hat und dass die ganze Kultur, aus der Kafka kam, laecheln ausgeloescht hat. Hier ist nicht der Ort fuer Deutsche sich aufzuplustern. Wir haben das Recht verwirkt, uns als Sachwalter jener deutschen Kultur anzusehen, die unsere Grosselterngeneration vernichten wollte.
, lieber Alexander II. haben Sie in Ihrem Beitrag auf subtile Weise vollbracht (möglicherweise übertreibe hier ich ein bisschen).
Ich versteige mich zu der Behauptung, daß beides nichts miteinander und nichts mit dem Verhalten der Bibliothek zu tun hat. Es mag sein, daß es in verschiedenen Institutionen, vielleicht sogar in einem Klima in dem Rechtsansprüche eher einsitig definiert werden, versucht mit allen Mitteln an die Manuskripte zu kommen, mit einem Politikum der Deutsch Israelischen Beziehungen hat das vermutlich eher wenig zu tun.
Ansonsten könnte man ja auch froh sein, daß sich Deutschland dazu bekennt und auf die Verdienste der deutschen Juden stolz ist. Deutschland ist, das ist heute den meisten klar, mehr als Auschwitz.
Ich vermute, die wittern halt die Chance an eine literarische Kostbarkeit zu kommen, wie es sie im 20. Jahrhundert eben nur begrenzt oft gibt. Die Mittel sind denen dann eben egal.
Kafkaeske Grüße,
Sphinxfutter
Vielleicht erinnert sich Israel einfach daran, dass das heutige Deutschland Erbe jenes Deutschland ist, das ohne groessere Probleme die Nichten Kafkas in die Gaskammer geschickt hat und dass die ganze Kultur, aus der Kafka kam, laecheln ausgeloescht hat. Hier ist nicht der Ort fuer Deutsche sich aufzuplustern. Wir haben das Recht verwirkt, uns als Sachwalter jener deutschen Kultur anzusehen, die unsere Grosselterngeneration vernichten wollte.
Das eine hat mit dem anderen zwar Null zu tun, aber egal oder?
Sippenhaftung gibts bei uns nicht, aber offenbar scheinen sie in ihrer Argumentation die Sippenhaft legitim zu empfinden.
.. Israel zuerkannt sein .. und gleicherweise einer Welt, welche sich von Kafkas Worten und Gedanken beschenkt sieht .. aber was hat Rechthaberei mit Kunst zu tun? Rechthaberei darf in keinem Bereich der Kunst Tonangebend sein, denn das beschmutzt den Glanz des Reinen ..
"tonangebend" ..
Der Titel "Wem gehört Kafka?" ist im Grunde unrichtig; im Artikel wird deutlich, dass es um Eigentum an Kafkas Nachlass geht, der vom Staat Israel (so hab ich das, bei aller Verkürzung, verstanden) bestritten wird. Deutschland ist nicht involviert, und das Marbacher Archiv beansprucht ja auch nicht ein Recht auf Kafkas Nachlass (schon gar nicht auf Kafka selbst), sondern nur die Möglichkeit, den Nachlass von Privatpersonen kaufen zu dürfen. Würde die Bundesrepublik Deutschland in irgendeiner Art und Weise irgendein Recht auf Kafka beanspruchen, würde ich sofort, reflexartig, die "typisch deutsche" kolonialistische Attitüde (die ja leider auch oft anzutreffen ist, vor allem hier in Wien, wo manch ein/e Deutsche/r überzeugt ist, seine schiere Gegenwart hebe das kulturelle und intellektuelle Niveau) kritisieren. Aber in dieser Angelegenheit ist den Deutschen nichts vorzuwerfen. Dass die Marbacher den Nachlass gern kaufen würden: wär ich ein Literaturarchiv und hätte die Mittel, ich würde das auch gern.
Mir als Deutschem it es persönlich scheißegal [Anmerkung: Bitte bedienen Sie sich innerhalb der Diskussion und gegenüber Ihren Mitstreitern einer gepflegteren Sprache. Die Redaktion/vv], ob Kafkas Manuskripte in Marbach liegen poder sonstwo auf der Welt. Hauptsache ist, ich kann das Zeug lesen. Aber als Ösi: geben Sie die Reichskleinodien her und entschuldigen Sie sich für Jahrhunderte der habsburgischen Fremdherrschaft. Dann hätten wir einen ehrlichen Dialog.
Tzz tzz, wenn Kafka das noch erlebt hätte. Er sähe sich bestätigt, denn seine Sicht der Welt als groteskes Etwas erhält durch diesen absurden Streit nur Bestätigung, Bestätigung, Bestätigung...
, lieber Alexander II. haben Sie in Ihrem Beitrag auf subtile Weise vollbracht (möglicherweise übertreibe hier ich ein bisschen).
Ich versteige mich zu der Behauptung, daß beides nichts miteinander und nichts mit dem Verhalten der Bibliothek zu tun hat. Es mag sein, daß es in verschiedenen Institutionen, vielleicht sogar in einem Klima in dem Rechtsansprüche eher einsitig definiert werden, versucht mit allen Mitteln an die Manuskripte zu kommen, mit einem Politikum der Deutsch Israelischen Beziehungen hat das vermutlich eher wenig zu tun.
Ansonsten könnte man ja auch froh sein, daß sich Deutschland dazu bekennt und auf die Verdienste der deutschen Juden stolz ist. Deutschland ist, das ist heute den meisten klar, mehr als Auschwitz.
Ich vermute, die wittern halt die Chance an eine literarische Kostbarkeit zu kommen, wie es sie im 20. Jahrhundert eben nur begrenzt oft gibt. Die Mittel sind denen dann eben egal.
Kafkaeske Grüße,
Sphinxfutter
Meines Wissens stammt Kafka aus Prag. Diese Stadt hat ihn geprägt.
Damit dürfte sich diese Debatte erledigt haben.
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