Die Entfernung von dem Banksafe in der Zürcher Bahnhofstraße bis zum Deutschen Literaturarchiv auf der Schillerhöhe 6–8 in Marbach am Neckar beträgt 246 Kilometer. Wenn man gut durchkommt, ist man in zweieinhalb Stunden da. Im Falle der spektakulären Kafka-Handschriften aber, die seit 1956 in dem Banksafe 6588 in Zürich liegen, dauert der Transfer jetzt bereits 53 Jahre. Und in der Sekunde, in der die heutigen Eigentümerinnen der Kafka-Handschriften, die Schwestern Eva und Ruth Hoffe in Tel Aviv, sich nach jahrzehntelangem Zögern, Herantasten, Voranpreschen und Zurückzucken jetzt endgültig entschieden hatten, diese komplett nach Marbach verkaufen zu wollen, erhebt urplötzlich der Staat Israel Anspruch auf die Schriftstücke und bezeichnet sie als »nationales Kulturgut«.

Das Familiengericht in Tel Aviv verweigerte im Sommer den Schwestern Eva und Ruth Hoffe die »Erbberechtigung« für ihre im Alter von 101 Jahren verstorbene Mutter Ilse Ester Hoffe, die die Handschriften bereits 1945 als Geschenk von Max Brod überschrieben bekommen hatte. Doch die Nationalbibliothek von Jerusalem fordert in diesem Verfahren nicht nur die Rückkehr der Handschriften aus dem Schweizer Safe nach Israel. Sie will darüber hinaus das Deutsche Literaturarchiv zwingen, das Manuskript von Kafkas Process an Israel zurückzugeben, das Ilse Ester Hoffe vor 20 Jahren aus dem Banksafe heraus via Sotheby’s in London für 3,5 Millionen Mark nach Marbach versteigern ließ. Erstmals seit 1945 stehen sich damit eine staatliche israelische und eine staatliche deutsche Kulturinstitution als Streitparteien in einem Prozess gegenüber. Streitpunkt: die Erbpflege des bedeutendsten jüdischen Schriftstellers deutscher Sprache. Dazu die Erbin Eva Hoffe im Gespräch mit der ZEIT: »Marbach ist zu anständig, und Israel ist zu raffiniert.«

Ulrich Raulff, Direktor des Marbacher Literaturarchivs und sich der Raffinesse der Gegenseite voll bewusst, schrieb am 20. Oktober einen besorgten Brief an seinen »lieben Kollegen« von der Nationalbibliothek in Israel, Shmuel Har Noy. Er sei, schreibt Raulff, »alarmiert«, in welcher Weise die internationalen Medien inzwischen über die Auseinandersetzung um den Brod-Nachlass und die Kafka-Manuskripte berichteten, und man solle sich endlich zusammen an einen Tisch setzen, um die verfahrene Angelegenheit zu retten. Worauf ihm in einem messerscharfen Brief vom 22. Oktober, der der ZEIT vorliegt, Shmuel Har Noy antwortet, reden könne man ja gerne – indes müsse dabei immer klar sein: »The rightful place of the Kafka Papers is in the National Library of Israel.« Aber Raulff, Marbach und Deutschland sollten sich keine Sorgen machen, so schreibt der Generaldirektor weiter, »wenn der Kafka-Nachlass in der Nationalbibliothek angekommen ist, würden wir gerne mit Ihnen in puncto Digitalisierung und Katalogisierung zusammenarbeiten«. »Die Israelis sind anscheinend verrückt geworden«, so kommentiert Klaus Wagenbach das plötzliche Anzweifeln der Schenkung der Papiere durch Brod an Hoffe im Jahre 1945. Wagenbach kennt die Autografe selbst noch aus der Wohnung Max Brods in Tel Aviv.

1956 ließ der Verleger Salman Schocken, in dessen Archiv in Jerusalem Brod sein Archiv aus Angst vor Raketenangriffen auf Palästina zunächst gelagert hatte, das Kafka-Konvolut in den besagten Banktresor in Zürich bringen. Was ihm nicht gehörte, übergab Max Brod von dort nach Schockens Tod an Kafkas Nachfahren. Schocken, der große Verleger, hatte noch von Kafkas Mutter die Publikationsrechte für die Werke ihres Sohnes übertragen bekommen. Schockens Enkel Amos ist der Besitzer der Zeitung Ha’aretz in Jerusalem, die die Auseinandersetzung vor dem Familiengericht vollkommen parteiisch begleitet, weil inzwischen auch die Verlegerfamilie Ansprüche auf die Dokumente erhebt – ohne dies bislang begründet zu haben. Die Hoffe-Tochter Eva hause in ihrer Wohnung mit unzähligen Katzen – obwohl dort noch ein Schatz von unbekannten Kafka-Manuskripten lagere, so Ha’aretz. In einem nächsten Text wurde gewarnt, wie schädlich die hohe Luftfeuchtigkeit in Tel Aviv für die mutmaßlichen Handschriften sei und dass es also das Beste wäre, sie kämen sehr bald in ein – natürlich – israelisches Archiv. Jemand, um Kafka zu zitieren, musste Eva H. verleumdet haben. In Zeitungen wie der Neuen Zürcher Zeitung und der Welt wurden diese Mutmaßungen weltweit verbreitet – obwohl alle Kafka-Autografen seit 1956 in einem trockenen Safe in Zürich liegen. Zu dem Katzen selbstverständlich keinen Zutritt haben. Doch die Tendenz ist offensichtlich: Mit öffentlichem Druck soll auf eine Entscheidung des Familiengerichts in Tel Aviv hingewirkt werden, die das Max-Brod-Archiv, das sich in einem Safe in der Bank Leumi in Tel Aviv befindet, und die Kafka-Papiere in Zürich der Verfügungsgewalt Israels überstellt. »Ich werde mich auf die Hinterbeine stellen, damit kein einziges Material, das mit Kafka zu tun hat, außer Landes gebracht wird«, sagte der Leiter des israelischen Nationalarchivs Jehoscha Freundlich der Ha’aretz. Dies sollte man im Kopf haben, wenn man die Passage aus dem Brief der Nationalbibliothek Israels an Marbach vom 22. Oktober liest, wonach es von Israel »begrüßt wird, dass sich Marbach mit der Teilnahme am Familienprozess in Tel Aviv der israelischen Rechtsprechung unterstellt hat«. Es steht in der Tat die Frage im Raum, wie mit den Handschriften verfahren wird, falls ein ordentliches Gericht sie als »nationale Kulturgüter« Israels einstuft und das Besitzrecht der Hoffe-Schwestern bestreitet.

Es hilft, an dieser Stelle noch einmal kurz die Fakten zu rekapitulieren: Max Brod hatte in der größten Befehlsverweigerung der Literaturgeschichte den Letzten Willen von Franz Kafka missachtet und nach dessen Tod im Jahre 1924 dessen Papiere nicht verbrannt – sondern für die Nachwelt gerettet. Brod hat die Handschriften dann 1939 in letzter Sekunde vor den herannahenden deutschen Truppen aus Prag gerettet und in seinem Lederkoffer mit nach Israel genommen. 1945 schenkte er seiner Sekretärin und Vertrauten Ester Hoffe den Inhalt dieses Koffers, wie er im April 1952 noch einmal schriftlich bestätigte: »Liebe Ester, Bereits im Jahre 1945 habe ich Dir alle Manuskripte und Briefe Kafkas, die mir gehören, geschenkt.« Brod verdiente mit seiner Mittler- und Herausgebertätigkeit kaum Geld, wollte Ester Hoffe aber für deren Mitarbeit bezahlen und sie und ihre Familie, die ihn aufgenommen hatte, wenigstens auf diese Weise unterstützen. Seit 1945 sind die Kafka-Autografe also Ester Hoffes privates, durch gegengezeichneten Schenkungsbrief bestätigtes Eigentum.

Beide Transaktionen – die frühe Schenkung der Kafka-Handschriften und die Erbschaft des Max-Brod-Archivs – bestreitet Israel nun, so der Anwalt der Israelischen Nationalbibliothek, Meir Heller, gegenüber der ZEIT: »Max Brod hat sein Archiv Ester Hoffe nicht vererbt, sondern ihr als Nachlassverwalterin die Pflicht auferlegt, die Manuskripte an ein öffentliches Archiv zu geben (und nicht zu verkaufen!!) – eine Pflicht, der sie nicht nachgekommen ist. Was die Anweisung im Letzten Willen angeht, die es Hoffe erlaubt, die Handschriften in irgendeinem öffentlichen Archiv zu platzieren, so ist dies nach israelischem Recht illegitim, weil die Anweisungen spezifisch sein und einen konkreten Begünstigten nennen müssen. Als solcher werden im Testament nur die Israelische Nationalbibliothek und die Stadtbibliothek von Tel Aviv genannt.« Seit Israel diese Position vertritt, ist den beiden Hoffe-Schwestern der Zugang zum gesamten Nachlass ihrer Mutter versperrt – zum Brod-Archiv, zu den Kafka-Handschriften, aber auch zu Schmuck und Bargeld, von denen sich ein Lebensunterhalt bestreiten ließe.