Literarisches Erbe Wem gehört Kafka?
In einem Banksafe in Zürich liegen noch wertvolle Handschriften Franz Kafkas. Israels Nationalbibliothek leistet erbitterten Widerstand gegen deren Verkauf an das Deutsche Literaturarchiv. Dokumente, die der ZEIT vorliegen, legen nahe, dass diese Ansprüche keine Rechtsgrundlage haben
Die Entfernung von dem Banksafe in der Zürcher Bahnhofstraße bis zum Deutschen Literaturarchiv auf der Schillerhöhe 6–8 in Marbach am Neckar beträgt 246 Kilometer. Wenn man gut durchkommt, ist man in zweieinhalb Stunden da. Im Falle der spektakulären Kafka-Handschriften aber, die seit 1956 in dem Banksafe 6588 in Zürich liegen, dauert der Transfer jetzt bereits 53 Jahre. Und in der Sekunde, in der die heutigen Eigentümerinnen der Kafka-Handschriften, die Schwestern Eva und Ruth Hoffe in Tel Aviv, sich nach jahrzehntelangem Zögern, Herantasten, Voranpreschen und Zurückzucken jetzt endgültig entschieden hatten, diese komplett nach Marbach verkaufen zu wollen, erhebt urplötzlich der Staat Israel Anspruch auf die Schriftstücke und bezeichnet sie als »nationales Kulturgut«.
Das Familiengericht in Tel Aviv verweigerte im Sommer den Schwestern Eva und Ruth Hoffe die »Erbberechtigung« für ihre im Alter von 101 Jahren verstorbene Mutter Ilse Ester Hoffe, die die Handschriften bereits 1945 als Geschenk von Max Brod überschrieben bekommen hatte. Doch die Nationalbibliothek von Jerusalem fordert in diesem Verfahren nicht nur die Rückkehr der Handschriften aus dem Schweizer Safe nach Israel. Sie will darüber hinaus das Deutsche Literaturarchiv zwingen, das Manuskript von Kafkas Process an Israel zurückzugeben, das Ilse Ester Hoffe vor 20 Jahren aus dem Banksafe heraus via Sotheby’s in London für 3,5 Millionen Mark nach Marbach versteigern ließ. Erstmals seit 1945 stehen sich damit eine staatliche israelische und eine staatliche deutsche Kulturinstitution als Streitparteien in einem Prozess gegenüber. Streitpunkt: die Erbpflege des bedeutendsten jüdischen Schriftstellers deutscher Sprache. Dazu die Erbin Eva Hoffe im Gespräch mit der ZEIT: »Marbach ist zu anständig, und Israel ist zu raffiniert.«
Ulrich Raulff, Direktor des Marbacher Literaturarchivs und sich der Raffinesse der Gegenseite voll bewusst, schrieb am 20. Oktober einen besorgten Brief an seinen »lieben Kollegen« von der Nationalbibliothek in Israel, Shmuel Har Noy. Er sei, schreibt Raulff, »alarmiert«, in welcher Weise die internationalen Medien inzwischen über die Auseinandersetzung um den Brod-Nachlass und die Kafka-Manuskripte berichteten, und man solle sich endlich zusammen an einen Tisch setzen, um die verfahrene Angelegenheit zu retten. Worauf ihm in einem messerscharfen Brief vom 22. Oktober, der der ZEIT vorliegt, Shmuel Har Noy antwortet, reden könne man ja gerne – indes müsse dabei immer klar sein: »The rightful place of the Kafka Papers is in the National Library of Israel.« Aber Raulff, Marbach und Deutschland sollten sich keine Sorgen machen, so schreibt der Generaldirektor weiter, »wenn der Kafka-Nachlass in der Nationalbibliothek angekommen ist, würden wir gerne mit Ihnen in puncto Digitalisierung und Katalogisierung zusammenarbeiten«. »Die Israelis sind anscheinend verrückt geworden«, so kommentiert Klaus Wagenbach das plötzliche Anzweifeln der Schenkung der Papiere durch Brod an Hoffe im Jahre 1945. Wagenbach kennt die Autografe selbst noch aus der Wohnung Max Brods in Tel Aviv.
1956 ließ der Verleger Salman Schocken, in dessen Archiv in Jerusalem Brod sein Archiv aus Angst vor Raketenangriffen auf Palästina zunächst gelagert hatte, das Kafka-Konvolut in den besagten Banktresor in Zürich bringen. Was ihm nicht gehörte, übergab Max Brod von dort nach Schockens Tod an Kafkas Nachfahren. Schocken, der große Verleger, hatte noch von Kafkas Mutter die Publikationsrechte für die Werke ihres Sohnes übertragen bekommen. Schockens Enkel Amos ist der Besitzer der Zeitung Ha’aretz in Jerusalem, die die Auseinandersetzung vor dem Familiengericht vollkommen parteiisch begleitet, weil inzwischen auch die Verlegerfamilie Ansprüche auf die Dokumente erhebt – ohne dies bislang begründet zu haben. Die Hoffe-Tochter Eva hause in ihrer Wohnung mit unzähligen Katzen – obwohl dort noch ein Schatz von unbekannten Kafka-Manuskripten lagere, so Ha’aretz. In einem nächsten Text wurde gewarnt, wie schädlich die hohe Luftfeuchtigkeit in Tel Aviv für die mutmaßlichen Handschriften sei und dass es also das Beste wäre, sie kämen sehr bald in ein – natürlich – israelisches Archiv. Jemand, um Kafka zu zitieren, musste Eva H. verleumdet haben. In Zeitungen wie der Neuen Zürcher Zeitung und der Welt wurden diese Mutmaßungen weltweit verbreitet – obwohl alle Kafka-Autografen seit 1956 in einem trockenen Safe in Zürich liegen. Zu dem Katzen selbstverständlich keinen Zutritt haben. Doch die Tendenz ist offensichtlich: Mit öffentlichem Druck soll auf eine Entscheidung des Familiengerichts in Tel Aviv hingewirkt werden, die das Max-Brod-Archiv, das sich in einem Safe in der Bank Leumi in Tel Aviv befindet, und die Kafka-Papiere in Zürich der Verfügungsgewalt Israels überstellt. »Ich werde mich auf die Hinterbeine stellen, damit kein einziges Material, das mit Kafka zu tun hat, außer Landes gebracht wird«, sagte der Leiter des israelischen Nationalarchivs Jehoscha Freundlich der Ha’aretz. Dies sollte man im Kopf haben, wenn man die Passage aus dem Brief der Nationalbibliothek Israels an Marbach vom 22. Oktober liest, wonach es von Israel »begrüßt wird, dass sich Marbach mit der Teilnahme am Familienprozess in Tel Aviv der israelischen Rechtsprechung unterstellt hat«. Es steht in der Tat die Frage im Raum, wie mit den Handschriften verfahren wird, falls ein ordentliches Gericht sie als »nationale Kulturgüter« Israels einstuft und das Besitzrecht der Hoffe-Schwestern bestreitet.
- Streit um Kafka
UM DEN NACHLASS des Dichters Max Brod und um jene Manuskripte, die ihm Franz Kafka vor seinem Tod geschenkt hatte, ist ein erbitterter Streit ausgebrochen. Der Staat Israel beansprucht die WERTVOLLEN DOKUMENTE als nationales Kulturgut für sich und verweigert den Töchtern von Brods Assistentin und ERBIN ESTER HOFFE seit dem Tod ihrer Mutter vor zwei Jahren den Zugang zum Erbe. Dabei waren die Kafka-Manuskripte nie Teil einer Erbschaft, sondern immer SCHENKUNGEN ZU LEBZEITEN erst von Kafka an Brod, dann 1945 von Brod an Ester Hoffe und schließlich von ihr an die beiden Töchter. Und sie befinden sich – anders als das Brod-Archiv – auch schon seit mehr als einem halben Jahrhundert gar nicht mehr in Israel, sondern in einem BANKSAFEIN ZÜRICH. An dem sich hinziehenden Prozess vor dem Familiengericht Tel Aviv nimmt inzwischen auch ein Anwalt des Deutschen Literaturarchivs in Marbach teil. Dem Institut wollen die Hoffe-Erbinnen ihren Besitz gern verkaufen.
Es hilft, an dieser Stelle noch einmal kurz die Fakten zu rekapitulieren: Max Brod hatte in der größten Befehlsverweigerung der Literaturgeschichte den Letzten Willen von Franz Kafka missachtet und nach dessen Tod im Jahre 1924 dessen Papiere nicht verbrannt – sondern für die Nachwelt gerettet. Brod hat die Handschriften dann 1939 in letzter Sekunde vor den herannahenden deutschen Truppen aus Prag gerettet und in seinem Lederkoffer mit nach Israel genommen. 1945 schenkte er seiner Sekretärin und Vertrauten Ester Hoffe den Inhalt dieses Koffers, wie er im April 1952 noch einmal schriftlich bestätigte: »Liebe Ester, Bereits im Jahre 1945 habe ich Dir alle Manuskripte und Briefe Kafkas, die mir gehören, geschenkt.« Brod verdiente mit seiner Mittler- und Herausgebertätigkeit kaum Geld, wollte Ester Hoffe aber für deren Mitarbeit bezahlen und sie und ihre Familie, die ihn aufgenommen hatte, wenigstens auf diese Weise unterstützen. Seit 1945 sind die Kafka-Autografe also Ester Hoffes privates, durch gegengezeichneten Schenkungsbrief bestätigtes Eigentum.
Beide Transaktionen – die frühe Schenkung der Kafka-Handschriften und die Erbschaft des Max-Brod-Archivs – bestreitet Israel nun, so der Anwalt der Israelischen Nationalbibliothek, Meir Heller, gegenüber der ZEIT: »Max Brod hat sein Archiv Ester Hoffe nicht vererbt, sondern ihr als Nachlassverwalterin die Pflicht auferlegt, die Manuskripte an ein öffentliches Archiv zu geben (und nicht zu verkaufen!!) – eine Pflicht, der sie nicht nachgekommen ist. Was die Anweisung im Letzten Willen angeht, die es Hoffe erlaubt, die Handschriften in irgendeinem öffentlichen Archiv zu platzieren, so ist dies nach israelischem Recht illegitim, weil die Anweisungen spezifisch sein und einen konkreten Begünstigten nennen müssen. Als solcher werden im Testament nur die Israelische Nationalbibliothek und die Stadtbibliothek von Tel Aviv genannt.« Seit Israel diese Position vertritt, ist den beiden Hoffe-Schwestern der Zugang zum gesamten Nachlass ihrer Mutter versperrt – zum Brod-Archiv, zu den Kafka-Handschriften, aber auch zu Schmuck und Bargeld, von denen sich ein Lebensunterhalt bestreiten ließe.
Das Geld, vor allem der Erlös aus der Versteigerung des Process- Manuskriptes, ist wohl zum größten Teil ausgegeben: für Kinder und Enkelkinder, vor allem aber für die Pflege der in ihren letzten Jahren gebrechlichen und kranken Ilse Ester Hoffe. Max Brod schenkte seine Kafka-Handschriften Ester Hoffe, diese schenkte sie später ihren Töchtern Eva und Ruth. Es geht also an keinem Punkt, wie es Israel nun juristisch zu begründen versucht, um eine Erbangelegenheit, sondern nur um Schenkungen. Ein ordnungsgemäßer »Nachlass« ist ausschließlich das Max-Brod-Archiv, das dieser nach seinem Tod 1968 Hoffe vermacht hat und das in einem Safe in Tel Aviv liegt. Der Prager Jude Franz Kafka schließlich, auch das ist wichtig, wenn es um angebliche »nationale Kulturgüter« geht, ist nie in Palästina gewesen und ist 25 Jahre vor der Gründung des Staates Israel gestorben. Dass es überhaupt zu der Auseinandersetzung kommen kann, liegt an Paragraf 11 des Testamentes von Max Brod. Dort heißt es, dass alle Teile seines Nachlasses an Hoffe übergehen sollten, »daß aber die im ersten Absatz angeführten Manuskripte, Briefe und sonstige Papiere und Urkunden der Bibliothek der Hebräischen Universität Jerusalem oder der Staatlichen Bibliothek Tel Aviv oder einem anderen öffentlichen Archiv im Inland oder im Ausland zur Aufbewahrung übergeben werden sollen«. Auf diese Passagen berufen sich jetzt offenbar die genannten Institute, die einen Erbschein für die Hoffe-Schwestern verhindern wollen. Die Hoffe-Erben jedoch vor allem auf die Tatsache, dass die Papiere ohnehin bereits durch Schenkung 1945 an ihre Mutter übergegangen sind und zudem Brod in seinem Testament abschließend schreibt: »Frau Hoffe hat zu bestimmen, welche der hier aufgezählten Institutionen gewählt wird.« Doch das ganze Drama nahm seinen Lauf, weil Frau Hoffe eben nicht zu ihren Lebzeiten bestimmte, welche Institution gewählt werden soll. Beziehungsweise: weil sich Ester Hoffe und ihre Tochter Eva Hoffe lange nicht einig waren. Beide hatten wegen ihrer Flucht vor den Nazis jahrzehntelange verständliche Vorbehalte, die Schriftstücke an ein deutsches Archiv zu geben. Doch irgendwann entschied sich Ester Hoffe für Marbach. Das war Eva Hoffe damals noch nicht recht. Dann starb ihre Mutter. Jetzt ist sie selbst dazu bereit – doch nun halten die Testamentsvollstrecker ihre Hand auf dem Nachlass. Das ist umso überraschender, als der Staat Israel im Jahre 1974 bereits Ester Hoffes rechtmäßiges Erbe des Brod-Nachlasses und die Schenkung der Kafka-Papiere anerkannt hatte. In einem Brief an die »Wohlgeborene Frau Ilse Ester Hoffe«, der der ZEIT vorliegt, stellte Staatsarchivar Paul Alsberg am 8. Februar 1974 ausdrücklich fest: »Ich habe zur Kenntnis genommen, daß sich die Manuskripte Kafkas nicht im Nachlass des Schriftstellers Max Brod befunden haben, sondern Ihnen schon viele Jahre vor dessen Ableben zum Geschenk gemacht wurden. Ich habe daher im Hauptbuch der Archive in Privatbesitz die Manuskripte Kafkas gesondert protokolliert.« Heute scheint das Urteil von 1974 in Israel keine Gültigkeit mehr zu haben, so der Anwalt der mitprozessierenden Israelischen Nationalbibliothek, Meir Heller, gegenüber der ZEIT: »Es ist nicht geklärt, ob Hoffe jemals Eigentum an irgendwelchen Manuskripten besessen hat.« Der Grund für das neu erwachte Interesse Israels ist klar: der erklärte Wunsch der beiden Erbinnen von Ester Hoffe, das Max-Brod-Archiv inklusive der Kafka-Handschriften komplett nach Marbach zu verkaufen.
Die Geschichte um die Handschriften von Kafkas wichtigsten Büchern, seine persönlichen Papiere und seine Zeichnungen, die sich laut der Inventarlisten in dem Safe in Zürich befinden, ist jetzt vordergründig zu einer juristischen Auseinandersetzung geworden. Doch diese dreht sich nicht, wie die endlose Debatte um die Publikation von Kafkas Handschriften aus Oxford, um philologische Grundsatzfragen (und wissenschaftliche Eifersüchteleien). Sondern es ist eine Auseinandersetzung zwischen den wichtigsten literarischen Archiven Deutschlands und Israels. Aber dies ist natürlich auch eine Frage der Literaturgeschichte, so hofft etwa Reiner Stach, der Kafka-Biograf, in dem Schweizer Safe noch immer auf neue Funde für den Abschluss des letzten Bandes seiner Lebensbeschreibung (auch wenn ihm da Kenner der Papiere wie etwa Klaus Wagenbach wenig Hoffnung machen). Vor allem aber, und das darf nicht übersehen werden, ist die Geschichte der Kafka-Handschriften Brods auch die Geschichte einer mehr als ungewöhnlichen, resoluten Frau: Ilse Ester Hoffe, die am 8. Mai 1906 in Troppau geboren wurde und der mit ihrer Familie in den vierziger Jahren die Flucht vor den Nazis aus Prag nach Palästina gelungen ist. Sie und ihr Mann freundeten sich eng mit Max Brod an, den sie in einem Hebräischkurs kennenlernte – und der ihr bereits 1945 die Handschriften schenkte, die er von Franz Kafka erhalten hatte. 1968 starben innerhalb weniger Wochen Max Brod und ihr Mann. Von da an wachte sie mit Argusaugen über den Schriften der beiden. Als Michael Krüger, der Hanser-Verleger, 1981 in Israel war, besuchte er Hoffe in ihrer Wohnung im Apartmenthaus in der Spinoza-Straße – doch sie ließ ihn nicht in die Wohnung, sondern führte das lange Gespräch im Treppenhaus. Krüger wollte mit ihr über die Abdruckgenehmigung der Zeichnungen aus dem Kafka-Nachlass sprechen, also die bis dato angeblich unveröffentlichten Kritzeleien des jungen Studenten. Sie sagte ihm, dass dies sehr teuer werde. Elio Fröhlich, der Zürcher Anwalt, der auch das Erbe von Robert Walser streng behütete und den er anrufen sollte, um zu erfahren, wie teuer »sehr teuer« ist, erklärte Krüger dann am Telefon: »Es kostet 100.000 Mark, wenn Sie sich die Zeichnungen anschauen wollen.« Über die Kosten der Druckgenehmigung könne man dann später reden. Krüger lehnte dankend ab.
Es gibt viele solcher Geschichten, die das Geheimnis um den Inhalt des Schweizer Safes nähren. Trotz einer maschinenschriftlichen Inventarliste kennt niemand mehr den genauen Inhalt. Während Eva Hoffe unbedingt die gesamten Kafka-Papiere und den Max-Brod-Nachlass vereint sehen wollte, verkaufte ihre Mutter, wenn sie Geldbedarf hatte. Neben der juristischen und der literaturgeschichtlichen gibt es also die persönliche Dimension – eine Mutter und eine Tochter im Konflikt. Und natürlich geht es auch um sehr viel Geld.
Einige Jahre nach dem Tod von Max Brod, Anfang der siebziger Jahre, entschied sich Ester Hoffe, aus ihrem seit 1974 auch amtlich unbestrittenen Privatbesitz zu verkaufen: zunächst 22 Briefe und zehn Postkarten von Kafka an Brod, die sie für 90.000 Mark anbot, für die sich aber zunächst kein Käufer fand. Bald nach den ersten Verkäufen begann auch das Deutsche Literaturarchiv, mit Ester Hoffe zu verhandeln. Gemeinsam mit Brod hatte sie bereits 1965 Marbach besucht, bei einem Besuch im September 1979 bekundete sie dann auch offiziell ihre Bereitschaft, mit dem dortigen Institut zusammenzuarbeiten. Das Deutsche Literaturarchiv hatte zuvor bei einer Auktion bereits Brod-Manuskripte und einen Brief Kafkas an seinen Freund als Grundstock eines Max-Brod-Archivs erworben und damit ein wichtiges Signal gegeben: Man hatte nicht allein Interesse an den wertvollen Kafka-Handschriften; man wollte auch Max Brod die wissenschaftliche Ehre erweisen. Den Preis von 200.000 Mark, für die Ester Hoffe bei ihrem ersten Besuch das Manuskript zur Beschreibung eines Kampfes anbot, lehnte Marbach allerdings als zu hoch ab. Sie verkaufte es daraufhin, offenkundig beleidigt, als erstes größeres Manuskript aus ihrem Safe in Zürich an den Verleger Siegfried Unseld. Inzwischen gehört die Handschrift seinem Sohn Joachim.
Im August 1981 bot Ester Hoffe dem Literaturarchiv das Manuskript des Erzählungsfragmentes Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande für 350.000 Mark an. Wegen des hohen Preises lehnte Marbach erneut dankend ab, erwarb aber 1986, um sein grundsätzliches Interesse zu signalisieren, einen ersten Teil des Nachlasses von Max Brod: 40 von Stefan Zweig an ihn gerichtete Briefe für 23.000 Mark. 1984 stellte der Hamburger Verleger Thomas Ganske (Hoffmann und Campe) dem Literaturarchiv das Manuskript des Briefs an den Vater als Dauerleihgabe zur Verfügung, den zwei Jahre zuvor das Münchner Antiquariat Ackermann zusammen mit einer Reihe von Familienbriefen angeboten hatte. Vier handschriftliche Seiten des Briefs an den Vater fehlen allerdings – wahrscheinlich, weil Kafka sie nicht vollständig zurückerhielt, als er den Text in Prag abtippen ließ. Sie liegen heute im Hoffe-Safe in der Schweiz, wo sie die kurz vor Ende abbrechende Typoskriptabschrift ergänzen.
Ende der achtziger Jahre schien die Marbach-Connection dann aber schon einmal unwiderruflich beendet. Am 2. Mai 1988 teilte Ester Hoffe telefonisch dem Leiter der Handschriftenabteilung in Marbach, Werner Volke, mit, ihre Tochter habe sich gegen weitere Verkäufe nach Deutschland ausgesprochen. Eva Hoffe bestätigt heute ihre damaligen Bedenken. Ihre Mutter erwähnte Marbach gegenüber außerdem den Besuch von Mitarbeitern des Hauses Sotheby’s. Vier Monate später informiert die 82-Jährige den Institutsleiter Ulrich Ott über die bevorstehende Auktion des umfangreichsten Autografs aus ihrem Besitz. Die Handschrift zu Kafkas Roman Der Process hatte sich Max Brod vom Dichter erbeten und als Geschenk erhalten. Von einer öffentlichen Auktion versprach sich Ester Hoffe mehr Geld als von einem direkten Verkauf an das Archiv. Doch natürlich bleibt diese Geschichte auch an ihren Höhepunkten das, was man oft leichtfertig »kafkaesk« nennt: Denn auf der Auktion in London erwarb durch geschickte Biettaktik Marbach das Manuskript für den unteren Schätzpreis von 3,5 Millionen Mark. Für den Erlös zahlte die Hoffe-Familie in Israel sogar Einkommensteuer, obwohl die Handschrift direkt aus dem Schweizer Tresor nach London zur Auktion bei Sotheby’s gebracht worden war.
Schließlich schritt aber die damals noch sehr patriotisch eingestellte Eva Hoffe, die diese Einstellung inzwischen als Fehler bezeichnet, ein und verhinderte weitere Verkäufe nach Deutschland. In den neunziger Jahren nahm dann Hans-Gerd Koch als Herausgeber der in Vorbereitung befindlichen kritischen Ausgabe der Briefe Kafkas wieder vorsichtigen Kontakt zu Ester Hoffe auf. Ihm vertraute sie an, dass es nach wie vor ihr Wunsch sei, das Brod-Archiv möge seinen endgültigen Platz in Marbach finden. Allerdings sei sie nun zu alt und schwach, das selbst durchzuführen. Sie könne nur Wunsch und Auftrag ihren beiden Töchtern hinterlassen.
1978 hatte Ilse Ester Hoffe für 8000 Mark jenen Brief verkauft, den die Auktionshäuser Stargardt und Moirandat am 26. November in Basel aus Schweizer Privatbesitz nun erneut versteigern werden. 120.000 Franken sollen die acht handschriftlichen Briefseiten kosten, die Klaus Wagenbach »einen der schönsten Kafka-Briefe überhaupt« nennt und in denen er im September 1922 seinem Freund Max Brod verzweifelt sein ambivalentes Verhältnis zur Einsamkeit schilderte: »Ich kenne andeutungsweise die Schrecken der Einsamkeit, nicht so sehr der einsamen Einsamkeit, als die Einsamkeit unter Menschen.« Zumindest diese Worte Kafkas waren in einem Banksafe eigentlich am besten aufgehoben. Ob Israel auch versuchen wird, diese Versteigerung noch zu stoppen? Sowenig sich Kafka vorstellen konnte, dass er dereinst zur letzten Heiligenfigur unserer profanen literarischen Kultur werden würde, so unvorstellbar wäre es für ihn gewesen, dass die Schriftstücke, die er zur Vernichtung vorsah, zu modernen Reliquien geworden sind – und zu einem Streitobjekt zwischen zwei Staaten, die erst 25 Jahre nach seinem Tod gegründet wurden.
- Datum 21.11.2009 - 16:06 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
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Ich frage mich, jenes Israel, dass jetzt sein eigenes Recht bricht, das Deutschland zwar die Kafka-Muniskripte missgönnt, das gleiche Israel ist, dass sich erst vor ein paar Jahren U-Boote im Wert von 3 Milliarden Mark schenken liess und erst vor ein paar wochen ankündigte, 2 Korevetten in Deutschland bestellen zu wollen, jedoch davon ausgeht, dass auch diese Israel von Deutschland geschenkt werden - Wert 500 Millionen Euro.
Offensichtlich verteilt Israel sein seine Großzügigkeiten sehr unterschiedlich. Im Nehmen ist es ganz gross - im Geben eher nicht.
Vielleicht erinnert sich Israel einfach daran, dass das heutige Deutschland Erbe jenes Deutschland ist, das ohne groessere Probleme die Nichten Kafkas in die Gaskammer geschickt hat und dass die ganze Kultur, aus der Kafka kam, laecheln ausgeloescht hat. Hier ist nicht der Ort fuer Deutsche sich aufzuplustern. Wir haben das Recht verwirkt, uns als Sachwalter jener deutschen Kultur anzusehen, die unsere Grosselterngeneration vernichten wollte.
, lieber Alexander II. haben Sie in Ihrem Beitrag auf subtile Weise vollbracht (möglicherweise übertreibe hier ich ein bisschen).
Ich versteige mich zu der Behauptung, daß beides nichts miteinander und nichts mit dem Verhalten der Bibliothek zu tun hat. Es mag sein, daß es in verschiedenen Institutionen, vielleicht sogar in einem Klima in dem Rechtsansprüche eher einsitig definiert werden, versucht mit allen Mitteln an die Manuskripte zu kommen, mit einem Politikum der Deutsch Israelischen Beziehungen hat das vermutlich eher wenig zu tun.
Ansonsten könnte man ja auch froh sein, daß sich Deutschland dazu bekennt und auf die Verdienste der deutschen Juden stolz ist. Deutschland ist, das ist heute den meisten klar, mehr als Auschwitz.
Ich vermute, die wittern halt die Chance an eine literarische Kostbarkeit zu kommen, wie es sie im 20. Jahrhundert eben nur begrenzt oft gibt. Die Mittel sind denen dann eben egal.
Kafkaeske Grüße,
Sphinxfutter
Vielleicht erinnert sich Israel einfach daran, dass das heutige Deutschland Erbe jenes Deutschland ist, das ohne groessere Probleme die Nichten Kafkas in die Gaskammer geschickt hat und dass die ganze Kultur, aus der Kafka kam, laecheln ausgeloescht hat. Hier ist nicht der Ort fuer Deutsche sich aufzuplustern. Wir haben das Recht verwirkt, uns als Sachwalter jener deutschen Kultur anzusehen, die unsere Grosselterngeneration vernichten wollte.
, lieber Alexander II. haben Sie in Ihrem Beitrag auf subtile Weise vollbracht (möglicherweise übertreibe hier ich ein bisschen).
Ich versteige mich zu der Behauptung, daß beides nichts miteinander und nichts mit dem Verhalten der Bibliothek zu tun hat. Es mag sein, daß es in verschiedenen Institutionen, vielleicht sogar in einem Klima in dem Rechtsansprüche eher einsitig definiert werden, versucht mit allen Mitteln an die Manuskripte zu kommen, mit einem Politikum der Deutsch Israelischen Beziehungen hat das vermutlich eher wenig zu tun.
Ansonsten könnte man ja auch froh sein, daß sich Deutschland dazu bekennt und auf die Verdienste der deutschen Juden stolz ist. Deutschland ist, das ist heute den meisten klar, mehr als Auschwitz.
Ich vermute, die wittern halt die Chance an eine literarische Kostbarkeit zu kommen, wie es sie im 20. Jahrhundert eben nur begrenzt oft gibt. Die Mittel sind denen dann eben egal.
Kafkaeske Grüße,
Sphinxfutter
Vielleicht erinnert sich Israel einfach daran, dass das heutige Deutschland Erbe jenes Deutschland ist, das ohne groessere Probleme die Nichten Kafkas in die Gaskammer geschickt hat und dass die ganze Kultur, aus der Kafka kam, laecheln ausgeloescht hat. Hier ist nicht der Ort fuer Deutsche sich aufzuplustern. Wir haben das Recht verwirkt, uns als Sachwalter jener deutschen Kultur anzusehen, die unsere Grosselterngeneration vernichten wollte.
Das eine hat mit dem anderen zwar Null zu tun, aber egal oder?
Sippenhaftung gibts bei uns nicht, aber offenbar scheinen sie in ihrer Argumentation die Sippenhaft legitim zu empfinden.
Das eine hat mit dem anderen zwar Null zu tun, aber egal oder?
Sippenhaftung gibts bei uns nicht, aber offenbar scheinen sie in ihrer Argumentation die Sippenhaft legitim zu empfinden.
Der Titel "Wem gehört Kafka?" ist im Grunde unrichtig; im Artikel wird deutlich, dass es um Eigentum an Kafkas Nachlass geht, der vom Staat Israel (so hab ich das, bei aller Verkürzung, verstanden) bestritten wird. Deutschland ist nicht involviert, und das Marbacher Archiv beansprucht ja auch nicht ein Recht auf Kafkas Nachlass (schon gar nicht auf Kafka selbst), sondern nur die Möglichkeit, den Nachlass von Privatpersonen kaufen zu dürfen. Würde die Bundesrepublik Deutschland in irgendeiner Art und Weise irgendein Recht auf Kafka beanspruchen, würde ich sofort, reflexartig, die "typisch deutsche" kolonialistische Attitüde (die ja leider auch oft anzutreffen ist, vor allem hier in Wien, wo manch ein/e Deutsche/r überzeugt ist, seine schiere Gegenwart hebe das kulturelle und intellektuelle Niveau) kritisieren. Aber in dieser Angelegenheit ist den Deutschen nichts vorzuwerfen. Dass die Marbacher den Nachlass gern kaufen würden: wär ich ein Literaturarchiv und hätte die Mittel, ich würde das auch gern.
Mir als Deutschem it es persönlich scheißegal [Anmerkung: Bitte bedienen Sie sich innerhalb der Diskussion und gegenüber Ihren Mitstreitern einer gepflegteren Sprache. Die Redaktion/vv], ob Kafkas Manuskripte in Marbach liegen poder sonstwo auf der Welt. Hauptsache ist, ich kann das Zeug lesen. Aber als Ösi: geben Sie die Reichskleinodien her und entschuldigen Sie sich für Jahrhunderte der habsburgischen Fremdherrschaft. Dann hätten wir einen ehrlichen Dialog.
Mir als Deutschem it es persönlich scheißegal [Anmerkung: Bitte bedienen Sie sich innerhalb der Diskussion und gegenüber Ihren Mitstreitern einer gepflegteren Sprache. Die Redaktion/vv], ob Kafkas Manuskripte in Marbach liegen poder sonstwo auf der Welt. Hauptsache ist, ich kann das Zeug lesen. Aber als Ösi: geben Sie die Reichskleinodien her und entschuldigen Sie sich für Jahrhunderte der habsburgischen Fremdherrschaft. Dann hätten wir einen ehrlichen Dialog.
Tzz tzz, wenn Kafka das noch erlebt hätte. Er sähe sich bestätigt, denn seine Sicht der Welt als groteskes Etwas erhält durch diesen absurden Streit nur Bestätigung, Bestätigung, Bestätigung...
, lieber Alexander II. haben Sie in Ihrem Beitrag auf subtile Weise vollbracht (möglicherweise übertreibe hier ich ein bisschen).
Ich versteige mich zu der Behauptung, daß beides nichts miteinander und nichts mit dem Verhalten der Bibliothek zu tun hat. Es mag sein, daß es in verschiedenen Institutionen, vielleicht sogar in einem Klima in dem Rechtsansprüche eher einsitig definiert werden, versucht mit allen Mitteln an die Manuskripte zu kommen, mit einem Politikum der Deutsch Israelischen Beziehungen hat das vermutlich eher wenig zu tun.
Ansonsten könnte man ja auch froh sein, daß sich Deutschland dazu bekennt und auf die Verdienste der deutschen Juden stolz ist. Deutschland ist, das ist heute den meisten klar, mehr als Auschwitz.
Ich vermute, die wittern halt die Chance an eine literarische Kostbarkeit zu kommen, wie es sie im 20. Jahrhundert eben nur begrenzt oft gibt. Die Mittel sind denen dann eben egal.
Kafkaeske Grüße,
Sphinxfutter
Meines Wissens stammt Kafka aus Prag. Diese Stadt hat ihn geprägt.
Damit dürfte sich diese Debatte erledigt haben.
"Hier ist nicht der Ort fuer Deutsche sich aufzuplustern."
Unbestritten ist die historische Schuld Deutschlands, gänzlich unbestritten und furchtbar.
Aber ich ärgere mich über die anhaltende pauschale Schuld der heutigen Generation der Deutschen. Da machen es sich einige Menschen zu einfach - auch wenn verständlicherweise aus historischem Schmerz heraus argumentiert wird.
Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun und sollte argumentativ frei davon ausgetragen werden können. Es geht nicht an, dass kritische Berichterstattung über Israel pauschal mit der historischen Schuld abgebügelt werden - ausgenommen ist selbstverständlich jede Form der antisemitischen Berichterstattung, aber davon ist dieser Artikel weit entfernt.
Hier geht es um Literatur und juristische Spielarten und Spitzfindigkeiten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das sollte doch mit einer gewissen Distanz und Rationalität diskutiert werden können.
Ob Kafka darüber lachen würde oder wütend wäre weis keiner mehr. Doch ist diese Einmischung eines Staates in private Angelegenheiten absurd. Wenn außer den Beschenkten ein Staat Anspruch auf Kafkas Erbe hätte, dann die Tschechei, denn die hat Kafka geprägt, seinen Intellekt geprägt. Israel gab es noch nicht, Deutschland hat nie Anspruch gefordert.
Am Besten man schenkt das ganze google, das nach digitalisiserung den ganzen Kram verbrennt.
an Kafkas Nachlass hat, dann ist das mit Sicherheit die Tschechische Republik. Denn dort gelten noch heute die sog. Benesch-Dekrete. Hätte Kafka die Judenverfolgung des Nazi-Regimes überlebt, als Sudetendeutscher wäre er 1945 enteignet und deportiert bzw. ermordet worden.
Kafka war im übrigen zu keinem Zeitpunkt israelischer Staatsbürger oder sonstwie Einwohner Palästinas. Einen moralischen Anspruch Israels gibt es demnach nicht.
Marbach ist ein vortrefflicher Standort für seine Handschriften.
an Kafkas Nachlass hat, dann ist das mit Sicherheit die Tschechische Republik. Denn dort gelten noch heute die sog. Benesch-Dekrete. Hätte Kafka die Judenverfolgung des Nazi-Regimes überlebt, als Sudetendeutscher wäre er 1945 enteignet und deportiert bzw. ermordet worden.
Kafka war im übrigen zu keinem Zeitpunkt israelischer Staatsbürger oder sonstwie Einwohner Palästinas. Einen moralischen Anspruch Israels gibt es demnach nicht.
Marbach ist ein vortrefflicher Standort für seine Handschriften.
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