Das Geld, vor allem der Erlös aus der Versteigerung des Process- Manuskriptes, ist wohl zum größten Teil ausgegeben: für Kinder und Enkelkinder, vor allem aber für die Pflege der in ihren letzten Jahren gebrechlichen und kranken Ilse Ester Hoffe. Max Brod schenkte seine Kafka-Handschriften Ester Hoffe, diese schenkte sie später ihren Töchtern Eva und Ruth. Es geht also an keinem Punkt, wie es Israel nun juristisch zu begründen versucht, um eine Erbangelegenheit, sondern nur um Schenkungen. Ein ordnungsgemäßer »Nachlass« ist ausschließlich das Max-Brod-Archiv, das dieser nach seinem Tod 1968 Hoffe vermacht hat und das in einem Safe in Tel Aviv liegt. Der Prager Jude Franz Kafka schließlich, auch das ist wichtig, wenn es um angebliche »nationale Kulturgüter« geht, ist nie in Palästina gewesen und ist 25 Jahre vor der Gründung des Staates Israel gestorben. Dass es überhaupt zu der Auseinandersetzung kommen kann, liegt an Paragraf 11 des Testamentes von Max Brod. Dort heißt es, dass alle Teile seines Nachlasses an Hoffe übergehen sollten, »daß aber die im ersten Absatz angeführten Manuskripte, Briefe und sonstige Papiere und Urkunden der Bibliothek der Hebräischen Universität Jerusalem oder der Staatlichen Bibliothek Tel Aviv oder einem anderen öffentlichen Archiv im Inland oder im Ausland zur Aufbewahrung übergeben werden sollen«. Auf diese Passagen berufen sich jetzt offenbar die genannten Institute, die einen Erbschein für die Hoffe-Schwestern verhindern wollen. Die Hoffe-Erben jedoch vor allem auf die Tatsache, dass die Papiere ohnehin bereits durch Schenkung 1945 an ihre Mutter übergegangen sind und zudem Brod in seinem Testament abschließend schreibt: »Frau Hoffe hat zu bestimmen, welche der hier aufgezählten Institutionen gewählt wird.« Doch das ganze Drama nahm seinen Lauf, weil Frau Hoffe eben nicht zu ihren Lebzeiten bestimmte, welche Institution gewählt werden soll. Beziehungsweise: weil sich Ester Hoffe und ihre Tochter Eva Hoffe lange nicht einig waren. Beide hatten wegen ihrer Flucht vor den Nazis jahrzehntelange verständliche Vorbehalte, die Schriftstücke an ein deutsches Archiv zu geben. Doch irgendwann entschied sich Ester Hoffe für Marbach. Das war Eva Hoffe damals noch nicht recht. Dann starb ihre Mutter. Jetzt ist sie selbst dazu bereit – doch nun halten die Testamentsvollstrecker ihre Hand auf dem Nachlass. Das ist umso überraschender, als der Staat Israel im Jahre 1974 bereits Ester Hoffes rechtmäßiges Erbe des Brod-Nachlasses und die Schenkung der Kafka-Papiere anerkannt hatte. In einem Brief an die »Wohlgeborene Frau Ilse Ester Hoffe«, der der ZEIT vorliegt, stellte Staatsarchivar Paul Alsberg am 8. Februar 1974 ausdrücklich fest: »Ich habe zur Kenntnis genommen, daß sich die Manuskripte Kafkas nicht im Nachlass des Schriftstellers Max Brod befunden haben, sondern Ihnen schon viele Jahre vor dessen Ableben zum Geschenk gemacht wurden. Ich habe daher im Hauptbuch der Archive in Privatbesitz die Manuskripte Kafkas gesondert protokolliert.« Heute scheint das Urteil von 1974 in Israel keine Gültigkeit mehr zu haben, so der Anwalt der mitprozessierenden Israelischen Nationalbibliothek, Meir Heller, gegenüber der ZEIT: »Es ist nicht geklärt, ob Hoffe jemals Eigentum an irgendwelchen Manuskripten besessen hat.« Der Grund für das neu erwachte Interesse Israels ist klar: der erklärte Wunsch der beiden Erbinnen von Ester Hoffe, das Max-Brod-Archiv inklusive der Kafka-Handschriften komplett nach Marbach zu verkaufen.

Die Geschichte um die Handschriften von Kafkas wichtigsten Büchern, seine persönlichen Papiere und seine Zeichnungen, die sich laut der Inventarlisten in dem Safe in Zürich befinden, ist jetzt vordergründig zu einer juristischen Auseinandersetzung geworden. Doch diese dreht sich nicht, wie die endlose Debatte um die Publikation von Kafkas Handschriften aus Oxford, um philologische Grundsatzfragen (und wissenschaftliche Eifersüchteleien). Sondern es ist eine Auseinandersetzung zwischen den wichtigsten literarischen Archiven Deutschlands und Israels. Aber dies ist natürlich auch eine Frage der Literaturgeschichte, so hofft etwa Reiner Stach, der Kafka-Biograf, in dem Schweizer Safe noch immer auf neue Funde für den Abschluss des letzten Bandes seiner Lebensbeschreibung (auch wenn ihm da Kenner der Papiere wie etwa Klaus Wagenbach wenig Hoffnung machen). Vor allem aber, und das darf nicht übersehen werden, ist die Geschichte der Kafka-Handschriften Brods auch die Geschichte einer mehr als ungewöhnlichen, resoluten Frau: Ilse Ester Hoffe, die am 8. Mai 1906 in Troppau geboren wurde und der mit ihrer Familie in den vierziger Jahren die Flucht vor den Nazis aus Prag nach Palästina gelungen ist. Sie und ihr Mann freundeten sich eng mit Max Brod an, den sie in einem Hebräischkurs kennenlernte – und der ihr bereits 1945 die Handschriften schenkte, die er von Franz Kafka erhalten hatte. 1968 starben innerhalb weniger Wochen Max Brod und ihr Mann. Von da an wachte sie mit Argusaugen über den Schriften der beiden. Als Michael Krüger, der Hanser-Verleger, 1981 in Israel war, besuchte er Hoffe in ihrer Wohnung im Apartmenthaus in der Spinoza-Straße – doch sie ließ ihn nicht in die Wohnung, sondern führte das lange Gespräch im Treppenhaus. Krüger wollte mit ihr über die Abdruckgenehmigung der Zeichnungen aus dem Kafka-Nachlass sprechen, also die bis dato angeblich unveröffentlichten Kritzeleien des jungen Studenten. Sie sagte ihm, dass dies sehr teuer werde. Elio Fröhlich, der Zürcher Anwalt, der auch das Erbe von Robert Walser streng behütete und den er anrufen sollte, um zu erfahren, wie teuer »sehr teuer« ist, erklärte Krüger dann am Telefon: »Es kostet 100.000 Mark, wenn Sie sich die Zeichnungen anschauen wollen.« Über die Kosten der Druckgenehmigung könne man dann später reden. Krüger lehnte dankend ab.

Es gibt viele solcher Geschichten, die das Geheimnis um den Inhalt des Schweizer Safes nähren. Trotz einer maschinenschriftlichen Inventarliste kennt niemand mehr den genauen Inhalt. Während Eva Hoffe unbedingt die gesamten Kafka-Papiere und den Max-Brod-Nachlass vereint sehen wollte, verkaufte ihre Mutter, wenn sie Geldbedarf hatte. Neben der juristischen und der literaturgeschichtlichen gibt es also die persönliche Dimension – eine Mutter und eine Tochter im Konflikt. Und natürlich geht es auch um sehr viel Geld.

Einige Jahre nach dem Tod von Max Brod, Anfang der siebziger Jahre, entschied sich Ester Hoffe, aus ihrem seit 1974 auch amtlich unbestrittenen Privatbesitz zu verkaufen: zunächst 22 Briefe und zehn Postkarten von Kafka an Brod, die sie für 90.000 Mark anbot, für die sich aber zunächst kein Käufer fand. Bald nach den ersten Verkäufen begann auch das Deutsche Literaturarchiv, mit Ester Hoffe zu verhandeln. Gemeinsam mit Brod hatte sie bereits 1965 Marbach besucht, bei einem Besuch im September 1979 bekundete sie dann auch offiziell ihre Bereitschaft, mit dem dortigen Institut zusammenzuarbeiten. Das Deutsche Literaturarchiv hatte zuvor bei einer Auktion bereits Brod-Manuskripte und einen Brief Kafkas an seinen Freund als Grundstock eines Max-Brod-Archivs erworben und damit ein wichtiges Signal gegeben: Man hatte nicht allein Interesse an den wertvollen Kafka-Handschriften; man wollte auch Max Brod die wissenschaftliche Ehre erweisen. Den Preis von 200.000 Mark, für die Ester Hoffe bei ihrem ersten Besuch das Manuskript zur Beschreibung eines Kampfes anbot, lehnte Marbach allerdings als zu hoch ab. Sie verkaufte es daraufhin, offenkundig beleidigt, als erstes größeres Manuskript aus ihrem Safe in Zürich an den Verleger Siegfried Unseld. Inzwischen gehört die Handschrift seinem Sohn Joachim.

Im August 1981 bot Ester Hoffe dem Literaturarchiv das Manuskript des Erzählungsfragmentes Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande für 350.000 Mark an. Wegen des hohen Preises lehnte Marbach erneut dankend ab, erwarb aber 1986, um sein grundsätzliches Interesse zu signalisieren, einen ersten Teil des Nachlasses von Max Brod: 40 von Stefan Zweig an ihn gerichtete Briefe für 23.000 Mark. 1984 stellte der Hamburger Verleger Thomas Ganske (Hoffmann und Campe) dem Literaturarchiv das Manuskript des Briefs an den Vater als Dauerleihgabe zur Verfügung, den zwei Jahre zuvor das Münchner Antiquariat Ackermann zusammen mit einer Reihe von Familienbriefen angeboten hatte. Vier handschriftliche Seiten des Briefs an den Vater fehlen allerdings – wahrscheinlich, weil Kafka sie nicht vollständig zurückerhielt, als er den Text in Prag abtippen ließ. Sie liegen heute im Hoffe-Safe in der Schweiz, wo sie die kurz vor Ende abbrechende Typoskriptabschrift ergänzen.

Ende der achtziger Jahre schien die Marbach-Connection dann aber schon einmal unwiderruflich beendet. Am 2. Mai 1988 teilte Ester Hoffe telefonisch dem Leiter der Handschriftenabteilung in Marbach, Werner Volke, mit, ihre Tochter habe sich gegen weitere Verkäufe nach Deutschland ausgesprochen. Eva Hoffe bestätigt heute ihre damaligen Bedenken. Ihre Mutter erwähnte Marbach gegenüber außerdem den Besuch von Mitarbeitern des Hauses Sotheby’s. Vier Monate später informiert die 82-Jährige den Institutsleiter Ulrich Ott über die bevorstehende Auktion des umfangreichsten Autografs aus ihrem Besitz. Die Handschrift zu Kafkas Roman Der Process hatte sich Max Brod vom Dichter erbeten und als Geschenk erhalten. Von einer öffentlichen Auktion versprach sich Ester Hoffe mehr Geld als von einem direkten Verkauf an das Archiv. Doch natürlich bleibt diese Geschichte auch an ihren Höhepunkten das, was man oft leichtfertig »kafkaesk« nennt: Denn auf der Auktion in London erwarb durch geschickte Biettaktik Marbach das Manuskript für den unteren Schätzpreis von 3,5 Millionen Mark. Für den Erlös zahlte die Hoffe-Familie in Israel sogar Einkommensteuer, obwohl die Handschrift direkt aus dem Schweizer Tresor nach London zur Auktion bei Sotheby’s gebracht worden war.