Die Rue Monkoto ist eine ganz gewöhnliche Straße in Kinshasa. In ihren Schlaglöchern kann man Hunde begraben, an den Hausmauern kriecht schwarzer Schimmel über Bierreklamen, die "Kiesse na Nzoto« versprechen, "die Freude des Herzens". Der Rauch von Petroleumlampen mischt sich mit dem Gestank von verbranntem Plastik und vergorenem Müll, der Klang der Straße ist eine Kakofonie aus Motorradhupen, brummenden Dieselgeneratoren, kongolesischem Rumba, der Hauptsprache Lingala, der Nebensprache Französisch, dem Hämmern der Straßenmechaniker und den Lockrufen der Händler. "Changez, changez", raunen die Geldwechsler und klopfen auf ihre Banknotenbündel, die sie wie Ziegelsteine vor sich aufgeschichtet haben. "Oooopüüü, oooopüüü", flöten die Wasserverkäufer und meinen eau pure, sauberes Wasser, eingeschweißt in kleine Plastiktüten, jede ein Aquarium für Bakterien.

Plötzlich ein Ton. Ein c. Gefolgt von einer Melodie: h – c – d – c – h – a.
Diese Töne, meint man, gehören nicht hierher, der Dreivierteltakt passt nicht zu dieser Stadt, man denkt unwillkürlich an Flamencotänzer und Stierkampf. Hinter irgendeiner Mauer spielt jemand den Anfang des Boléro von Maurice Ravel. Auf einer Posaune.

Man folgt der Melodie wie einem Faden, sie wird lauter, dissonanter, jetzt mischen sich andere Tonlagen und Tempi ein, eine Männerstimme schmettert O Fortuna, deklamiert laut den Text, das erinnert vage an den eigenen Musikunterricht in Deutschland – doch nicht etwa Orff? Dann steht man vor einer Eisentür mit der Hausnummer 88, stolpert in einen Hof und über eine Schar Hühner, die wichtigtuerisch zwischen Pauken, Violinen, Posaunen umherlaufen, als warteten sie auf ihren Soloauftritt. Es ist Mittwoch, 17.30 Uhr, das OSK, das Orchestre Symphonique Kimbanguiste, versammelt sich zur Probe, und die Moskitos wittern ein Fest. Rund 80 Musiker, die sich in der Hitze von Kinshasa mit beiden Händen auf ihre Instrumente konzentrieren müssen, sind leichte Beute.

Im Kongo ist es heiß, und es gibt lauter Rebellen – so viel hat sich herumgesprochen in Europa. Aber ein Sinfonieorchester? Ein Sinfonieorchester braucht einen Saal mit guter Akustik und klimatisierte Räume für die Violinen, Bratschen, Celli, Harfen, Pauken. Es braucht lesbare Notenblätter. Es braucht ein Budget und gute Instrumente. Vor allem braucht es ein Publikum.

Die Musiker des OSK bekommen kein Honorar, sie spenden für ihre eigenen Instrumente und spielen auf gebrauchten Violinen oder Posaunen made in China, das Stück für weniger als 100 Dollar. Wenn die Holzkäfer oder die Luftfeuchtigkeit wieder ein Cello zerfressen haben, zimmert Monsieur Albert, das Allroundgenie der Truppe, mit Werkzeugen aus der Kolonialzeit ein neues. Partituren? Werden x-mal kopiert oder von Hand abgeschrieben. Ein Orchestersaal? Ganz Kinshasa überlebt nach den Regeln der Improvisation, eine Ruine wird tagsüber zum Gemüsemarkt, abends zur Erweckungskirche, eine beleuchtete Tankstelle dient zugleich als Abendschule, eine Verkehrsinsel als Werkstatt für Grabsteine. Das Orchester übt in einer Baracke, in der sonst Hochzeiten gefeiert werden.

Das Publikum? Nicht dass es an Musikbegeisterten fehlte. Aber der mitreißende Rhythmus des Soukous und der harte Beat der Congotronics haben andere Hörgewohnheiten geformt, als sie eine Kantate fordert. Heute Abend hören immerhin die Hühner zu. Es sind noch drei Wochen bis zum Konzert im Stadion Kasa Vubu, dem ersten großen Auftritt unter freiem Himmel. Außer Ravel stehen Dvořák, Orff und der vierte Satz aus Beethovens Neunter Sinfonie auf dem Programm.