Kongo Freude, schöner GötterfunkenSeite 6/6

An die 60 Chorsänger drängen sich an diesem Abend in einem Nebenhof des Diangienda-Hauses. Eine zu Divagesten neigende Sopranistin schreibt den Text auf eine Tafel. Nicht alle haben eine Kopie der Partitur, und wer eine hat, muss sich anstrengen, im Halbdunkel etwas zu erkennen. Der Strom ist wieder ausgefallen. Dafür sind die Mücken da. Und wir, die Deutschen. Wo wir ihnen schon ständig über die Schulter guckten, sagt der Chorleiter, könnten wir doch die deutsche Aussprache mit ihnen üben.

"Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligthum!"

So viel deutsches Pathos ist irgendwie peinlich, aber die Sänger wollen gar nicht wissen, worum es hier geht. Sie wollen wissen, warum man bei "Tochter" diesen seltsam fauchenden Laut hervorbringen muss, den es weder in Lingala noch in Kikongo oder im Französischen gibt.
"Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuss der ganzen Welt!"
"Kuuus", singt Trésor Wumba mit 21 anderen Tenören, immer wieder "Kuuus". Ihre Zungen verweigern das scharfe s. Was ist das für eine Sprache, in der das Wort für eine Liebkosung klingt wie ein Geschoss? Und was sollen die Punkte auf den Vokalen? Ü, ö. "Madame, die Engländer machen so etwas nicht", sagt eine Altstimme vorwurfsvoll.

Zwei Stunden ackern wir Schillers Gedicht durch, Wort für Wort, Zeile für Zeile. Was würde passieren, müsste ein deutscher Chor den Messias auf Kikongo geben? Das Experiment wäre möglich, eine Übersetzung liegt beim Maestro im Schrank. Die ersten Sänger sind vor Erschöpfung eingenickt, der Chorleiter bleibt unerbittlich. "Noch mal ab Seite 24, und jetzt alle aufwachen! Hallooo!"

Dann wagen sie es, singen zum ersten Mal "Freude, schöner Götterfunken" und halten durch bis "Alle Menschen werden Brüder". Es klappt drei Mal hintereinander verblüffend gut, wir erkennen unsere Sprache wieder, und vielleicht entfaltet genau diese Strophe darum so viel bittere Kraft. Alle Menschen werden Brüder – welch ein absurder, höhnischer Satz in diesem Land mit dieser Geschichte. Nach dem dritten Mal erlahmen Kraft und Konzentration, das "ü" kippt wieder ins "u", der "Götterfunken" verliert die Hälfte seiner Konsonanten.

Mit der großen Brüderschaft, sagen unsere Übersetzer, sei es bei den Kimbanguisten nicht mehr weit her. Über Beethoven reden sie mit uns auf Französisch, über interne Kirchenpolitik untereinander auf Lingala oder Kikongo. Die über 20 Enkel des Propheten liegen, in zwei Fraktionen gespalten, im Erbfolgestreit. Man bekriegt sich vor Gericht und droht manchmal auch mit Gewalt. Es geht um die Kontrolle über Ressourcen: um das große Kimbanguisten-Krankenhaus in Kinshasa, um die kircheneigene Universität, um Schulen, Kliniken, Ländereien. Um den Zugang zum heiligen Wallfahrtsort Nkamba. Die Partei in der Rue Monkoto ist offenbar die schwächere, der Zutritt nach Nkamba ist ihr zurzeit verwehrt. Aber sie hat das Orchester.

Die Ode An die Freude singen sie beim Konzert dann doch auf Englisch. Fast 3000 Zuhörer sind an einem schwülen Abend ins Stadion Kasa Vubu gekommen, Jung und Alt, Reich und Arm. Für Beethoven mögen sie sich nicht recht erwärmen. Aber Dvořáks Sinfonie Aus der Neuen Welt begeistert, ebenso der Gefangenenchor aus Verdis Nabucco und Orffs Carmina Burana . Die Leute klatschen begeistert, viele würden Söhne und Töchter am liebsten sofort zum Musikunterricht anmelden, als hätten sie im Chaos eine rettende Insel für ihre Kinder gefunden. Ein Orchester mit Chor, fast 200 Individuen, alle in Schwarz gekleidet, jeder kennt seinen Part, seinen Einsatz, alles – fast alles – greift ineinander, damit etwas Großes entsteht. Ein Ministaat, der funktioniert.

"Wir kriegen sie schon", sagt Monsieur Albert, der Instrumentenheiler. Irgendwann wüssten seine Landsleute Mozart und Beethoven zu schätzen wie Papa Wemba und die Kasai Allstars, die kongolesischen Musikgenies. Monsieur Albert hat Marktforschung betrieben. Zu den populärsten Klingeltönen für Handys – jeder Kongolese, der nicht kurz vor dem Verhungern ist, besitzt ein Mobiltelefon – zählt die Melodie der Champions League: eine der Krönungshymnen von Händel. Von wem sonst.

 
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