Der Biophysiker und Autor Stefan Klein ( Die Glücksformel, Zeit. Der Stoff, aus dem das Leben ist ) führt für das ZEITmagazin regelmäßig Gespräche mit Wissenschaftlern über die großen Fragen, auf die wir keine letzten Antworten haben. Diesmal spricht er mit der Anthropologin Sarah Hrdy über Mutterschaft.

Nur wenige Menschen haben sich so viele Gedanken darüber gemacht, was es heißt, Mutter zu sein, wie Sarah Hrdy. Auf diesem mit so viel emotionalem Sprengstoff beladenen Gebiet gilt die amerikanische Anthropologin als Autorität. Sie selbst aber umschreibt ihr Lebensthema mit einer merkwürdigen Distanz, als ob sie jede Sentimentalität weiträumigst umschiffen wolle: Sie sehe sich als "ein Säugetier mit Affeneierstöcken, dem Gehirn eines Menschen und dem emotionalen Erbe, für andere zu sorgen".

Dabei ist Hrdy alles andere als eine unterkühlte Person, und die von ihr aufgeworfene Frage, "wie all dies im Körper einer einzigen, ehrgeizigen Frau gebündelt" sein könne, muss sie oft genug geplagt haben. Aus ihrer erfolgreichen Universitätskarriere zog sie sich mit nur 50 Jahren zurück, weil sie sich nicht mehr in der Lage sah, Forschung, Familie und Studenten zugleich gerecht zu werden. Heute lebt sie auf einer Farm in Nordkalifornien, wo sie Walnüsse anbaut und Bücher verfasst.
Wir treffen uns am Rande der Feierlichkeiten zum Darwin-Jubiläum in einem alten College in Cambridge. Hrdy spricht leise und rau, mitunter um die Beherrschung ihrer Stimmbänder ringend. Mehrere Festreden über die weibliche Seite der Evolution hätten sie beinahe ihre Stimme gekostet.

Stefan Klein:  Professor Hrdy, wie war Ihre Mutter?

Sarah Hrdy:  Sie war eine umwerfend schöne, sehr kluge und sehr ehrgeizige Frau.

Klein:  Sie beschrieben sie einmal als "eine in gewissem Sinn abstoßende Mutter". Was meinten Sie damit?

Hrdy: Nun, ihre Stellung in der Gesellschaft war ihr wichtiger als die Kinder. Für uns gab es Kindermädchen, die ständig wechselten. Abstoßend war, wie meine Mutter über die Bedürfnisse von Kindern dachte, aber das werfe ich ihr nicht vor. In ihrer Generation ließ man ein Baby einfach schreien, um es ja nicht zu verwöhnen. Aber ich liebte sie sehr, und später fühlte ich mich meiner Mutter sehr nahe. Sie war eine gute, aufrichtige Person.

Klein: Wenn man Ihre Bücher liest, gewinnt man den Eindruck, keine menschliche Beziehung sei auch nur annähernd so spannungsgeladen wie die zwischen einer Mutter und ihren Kindern.

Hrdy: Es gibt Umstände, unter denen sich eine Mutter ihren Kindern völlig hingeben kann. Aber oft mangelt es ihr selbst an Unterstützung, oder sie muss ihre Liebe zwischen mehreren Kindern aufteilen, oder sie hat noch anderes vor im Leben. Dann wird eine Mutter ambivalent. Und das ist sehr qualvoll. Zumal uns ja eingetrichtert wurde, dass wahre Mutterliebe vollständig ist: Wir sollen uns buchstäblich von unseren Babys auffressen lassen...

Klein: ...wie manche Spinnen es tun.

Hrdy: Denken Sie an Dinea ergandros. Sobald die Jungen dieser australischen Art geschlüpft sind, überfällt die Mutter eine merkwürdige Lähmung. Sie sondert dann ein Sekret ab, mit dem sie ihren eigenen Körper verflüssigt. So verwandelt sich die Mutter in einen essbaren Schleim – die erste Nahrung ihrer Brut.

Klein: Sie selbst haben zwei erwachsene Töchter und einen Sohn. Kennen Sie dieses Gefühl der Lähmung – und die Angst, von den eigenen Kindern ausgelöscht zu werden?

Hrdy: Oh ja. Aber nicht nur als Mutter, auch als Tochter kam es mir oft so vor, als wollte mich meine Familie bei lebendigem Leibe verspeisen. Als Texanerin wurde ich in einer überaus patriarchalen, leider auch rassistischen Kultur groß. Natürlich hatte ich als Mädchen nicht die leiseste Ahnung, dass meine Familie eines Tages entscheiden wollen würde, wen ich heirate. Bei meiner Mutter war es genauso: Sie wollte Anwältin werden, aber meine Großmutter bestand darauf, dass sie erst in die High Society von Dallas eingeführt wird. Dort traf sie meinen Vater – ein ganz großer Fang. Er besaß Ölquellen. Das war’s dann.