Der Biophysiker und Autor Stefan Klein ( Die Glücksformel, Zeit. Der Stoff, aus dem das Leben ist ) führt für das ZEITmagazin regelmäßig Gespräche mit Wissenschaftlern über die großen Fragen, auf die wir keine letzten Antworten haben. Diesmal spricht er mit der Anthropologin Sarah Hrdy über Mutterschaft.

Nur wenige Menschen haben sich so viele Gedanken darüber gemacht, was es heißt, Mutter zu sein, wie Sarah Hrdy. Auf diesem mit so viel emotionalem Sprengstoff beladenen Gebiet gilt die amerikanische Anthropologin als Autorität. Sie selbst aber umschreibt ihr Lebensthema mit einer merkwürdigen Distanz, als ob sie jede Sentimentalität weiträumigst umschiffen wolle: Sie sehe sich als "ein Säugetier mit Affeneierstöcken, dem Gehirn eines Menschen und dem emotionalen Erbe, für andere zu sorgen".

Dabei ist Hrdy alles andere als eine unterkühlte Person, und die von ihr aufgeworfene Frage, "wie all dies im Körper einer einzigen, ehrgeizigen Frau gebündelt" sein könne, muss sie oft genug geplagt haben. Aus ihrer erfolgreichen Universitätskarriere zog sie sich mit nur 50 Jahren zurück, weil sie sich nicht mehr in der Lage sah, Forschung, Familie und Studenten zugleich gerecht zu werden. Heute lebt sie auf einer Farm in Nordkalifornien, wo sie Walnüsse anbaut und Bücher verfasst.
Wir treffen uns am Rande der Feierlichkeiten zum Darwin-Jubiläum in einem alten College in Cambridge. Hrdy spricht leise und rau, mitunter um die Beherrschung ihrer Stimmbänder ringend. Mehrere Festreden über die weibliche Seite der Evolution hätten sie beinahe ihre Stimme gekostet.

Stefan Klein:  Professor Hrdy, wie war Ihre Mutter?

Sarah Hrdy:  Sie war eine umwerfend schöne, sehr kluge und sehr ehrgeizige Frau.

Klein:  Sie beschrieben sie einmal als "eine in gewissem Sinn abstoßende Mutter". Was meinten Sie damit?

Hrdy: Nun, ihre Stellung in der Gesellschaft war ihr wichtiger als die Kinder. Für uns gab es Kindermädchen, die ständig wechselten. Abstoßend war, wie meine Mutter über die Bedürfnisse von Kindern dachte, aber das werfe ich ihr nicht vor. In ihrer Generation ließ man ein Baby einfach schreien, um es ja nicht zu verwöhnen. Aber ich liebte sie sehr, und später fühlte ich mich meiner Mutter sehr nahe. Sie war eine gute, aufrichtige Person.

Klein: Wenn man Ihre Bücher liest, gewinnt man den Eindruck, keine menschliche Beziehung sei auch nur annähernd so spannungsgeladen wie die zwischen einer Mutter und ihren Kindern.

Hrdy: Es gibt Umstände, unter denen sich eine Mutter ihren Kindern völlig hingeben kann. Aber oft mangelt es ihr selbst an Unterstützung, oder sie muss ihre Liebe zwischen mehreren Kindern aufteilen, oder sie hat noch anderes vor im Leben. Dann wird eine Mutter ambivalent. Und das ist sehr qualvoll. Zumal uns ja eingetrichtert wurde, dass wahre Mutterliebe vollständig ist: Wir sollen uns buchstäblich von unseren Babys auffressen lassen...

Klein: ...wie manche Spinnen es tun.

Hrdy: Denken Sie an Dinea ergandros. Sobald die Jungen dieser australischen Art geschlüpft sind, überfällt die Mutter eine merkwürdige Lähmung. Sie sondert dann ein Sekret ab, mit dem sie ihren eigenen Körper verflüssigt. So verwandelt sich die Mutter in einen essbaren Schleim – die erste Nahrung ihrer Brut.

Klein: Sie selbst haben zwei erwachsene Töchter und einen Sohn. Kennen Sie dieses Gefühl der Lähmung – und die Angst, von den eigenen Kindern ausgelöscht zu werden?

Hrdy: Oh ja. Aber nicht nur als Mutter, auch als Tochter kam es mir oft so vor, als wollte mich meine Familie bei lebendigem Leibe verspeisen. Als Texanerin wurde ich in einer überaus patriarchalen, leider auch rassistischen Kultur groß. Natürlich hatte ich als Mädchen nicht die leiseste Ahnung, dass meine Familie eines Tages entscheiden wollen würde, wen ich heirate. Bei meiner Mutter war es genauso: Sie wollte Anwältin werden, aber meine Großmutter bestand darauf, dass sie erst in die High Society von Dallas eingeführt wird. Dort traf sie meinen Vater – ein ganz großer Fang. Er besaß Ölquellen. Das war’s dann.

 

Klein: Sie führen nicht das Leben, das man von einer millionenschweren Erbin mehrerer Ölgesellschaften erwartet. Wie haben Sie sich befreit?

Hrdy: Weil ich als dritte Tochter nur eine Art Reserve-Erbin war, ließ man mich meinen intellektuellen Interessen nachgehen. Ich wollte Romanschriftstellerin werden. Also schickte meine Mutter mich in ein Internat, das berühmt für seine Schreibkurse war. Ich ging nie mehr nach Hause zurück. Mein erstes Buch sollte eine Geschichte über die Maya werden. Um mehr über dieses Volk zu erfahren, studierte ich dann in Harvard Anthropologie. Doch bald merkte ich, dass ich als Anthropologin unmöglich bei den Maya arbeiten konnte. Ich hätte Revolutionärin werden müssen, so himmelschreiend waren ihre Lebensbedingungen. Und dafür tauge ich nicht.

Klein: Stattdessen gingen Sie im Jahr 1971 nach Indien , um Tempelaffen zu erforschen, die Languren. Was lockte Sie dorthin?

Hrdy: Ich hatte gehört, dass die Männchen mitunter Babys ihrer eigenen Art umbringen. Angeblich lag es daran, dass es in den Tempeln sehr eng zugeht. Naiv hoffte ich, ein Beispiel dafür gefunden zu haben, wie Überbevölkerung völlig perverses Verhalten hervorrufen kann. Doch bald entdeckte ich den wahren Grund: Die Horden bestehen aus weiblichen Tieren, in deren Mitte ein einziges Männchen weilt. Die anderen Männchen lauern darauf, den Harem zu übernehmen. Wenn das einem gelingt, beißt er die Kinder seines Vorgängers tot – damit die Weibchen wieder empfängnisfähig werden und der Neue sich ohne Verzögerung fortpflanzen kann.

Klein: Die Mütter der Babys...

Hrdy: ...sehen zu. Dann fordern sie den Mörder zum Sex auf, um möglichst bald neue Kinder zu haben. Wer sich fortpflanzen will, muss Opportunist sein.

Klein: Konnten Sie ungerührt zusehen?

Hrdy: Ich war verstört. Die Babys starben vor meinen verheulten Augen, ich konnte nichts tun.

Klein: Ein Wissenschaftler hat nicht einzugreifen in den Vorgang, den er erforscht.

Hrdy: Es wäre auch nicht ratsam gewesen: Languren können sehr unangenehm werden. Und ich gebe gerne zu, dass die Kindstötungen mich intellektuell faszinierten.

Klein: Diese Infantizide waren ein entscheidender Hinweis darauf, dass es in der Natur noch unfreundlicher zugeht als gedacht. Einst wurde Darwin von vielen so verstanden, dass die verschiedenen Arten miteinander im Wettbewerb stünden. Nach Ihren Befunden indes kämpft jeder gegen jeden. Auch unter Artgenossen versucht jedes Tier seine eigenen Fortpflanzungschancen zu maximieren – und koste es die eigenen Kinder.

Hrdy: So ist es. Alle Langurenweibchen rivalisieren um das eine Männchen. Und weil die Konkurrenz so groß ist, verhalten sie sich durchaus vernünftig, wenn sie ihre Kinder opfern.

Klein: Die Soziobiologie, die in den siebziger Jahren entstand und solche Thesen vertritt, wurde nicht unbedingt freundlich aufgenommen.

Hrdy: Das haben Sie nett gesagt: Wir galten als das Böse in Person. Unsere Gegner rückten uns in die Nähe der Nazis! Schließlich beschrieben wir die Welt auf eine Art, die dem Zeitgeist überhaupt nicht entsprach. Was mich angeht, war es noch schlimmer. Denn ich bestand darauf, nicht nur Soziobiologin, sondern auch Feministin zu sein. So war ich gleich doppelt als Ideologin verschrien – obwohl mich einfach interessierte, wie die Evolution das Leben der Frauen und Kinder bestimmt. Ich halte es für schlechte Wissenschaft, wenn eine Hälfte jeder Art ausgelassen wird, wie es so oft geschieht.

 

Klein: Sie haben sich mit der weiblichen Fortpflanzung in allen Facetten befasst – angefangen mit der Sexualität der Tempelaffendamen.

Hrdy: Zu jener Zeit war es ein Dogma, dass Weibchen sich nur zum Zeitpunkt ihres Eisprunges paaren. Bei vielen Tieren stimmt das. Mir aber war aufgefallen, dass Langurenweibchen die Männchen zum Sex auffordern, wenn sie gar nicht fruchtbar sind. Aber warum sollten sie das tun? Ich war ganz vernarrt in diese Frage.

Klein: Weil Sie glaubten, dass die Antwort auch uns Menschen betrifft?

Hrdy: Nicht nur ich vermutete das. Einmal war ich sogar auf einer Tagung der italienischen Regierung über die "Bedeutung des Geschlechtsverkehrs" eingeladen. Leider hatte der Vatikan seine Hand im Spiel. Was für eine Tragödie für die Katholiken und die Welt, dass der heilige Augustinus, auf den sich die Kirche bis heute beruft, so ein schlechter Verhaltensforscher war! Augustinus glaubte, von Haustieren auf alle Tiere schließen zu können. Bei denen dient Sex tatsächlich allein der Zeugung.

Klein: Wozu soll er nun bei den Languren dienen?

Hrdy: Wahrscheinlich dazu, die wahre Vaterschaft eines Kindes zu verschleiern. Wenn sich ein Weibchen mit Männchen paart, die in Zukunft den Harem übernehmen könnten, werden diese später nicht ihre Kinder umbringen. Denn ein Männchen, das außerhalb der Gruppe lebt, erinnert zwar den Akt, kann aber unmöglich nachvollziehen, welche Kinder es gezeugt hat. So muss den Weibchen daran gelegen sein, sich nach möglichst vielen Seiten hin abzusichern – um ihre Kinder am Leben zu halten. Darum bezweifle ich, dass die angenehme psychophysische Reaktion, die wir Orgasmus nennen, der Paarbindung dient, was ja oft behauptet wird. Wahrscheinlich handelt es sich um ein Erbe aus ferner Vorzeit.

Klein: Sie meinen, der Höhepunkt der Frau ist so überflüssig wie ihr Blinddarm?

Hrdy: Oder wie der Greifreflex unserer Neugeborenen nach einem nicht mehr vorhandenen Fell der Mutter. Wenn ich recht habe, werden sich unsere Nachfahren in den Raumschiffen Äonen nach uns fragen, warum wir um dieses Thema ein solches Gewese gemacht haben.

Klein: Es ist gewagt, von Languren auf Menschen zu schließen. Können Sie Ihre Theorie beweisen?

Hrdy: Nein. Es ist eine Hypothese.

Klein: Jedenfalls bezahlt ihr Frauen teuer für eure Lust. Zählt der Fortpflanzungserfolg, so kann die Frau ihre Libido bestenfalls einsetzen, um sich der Unterstützung möglichst vieler Männer zu versichern – indem sie sich diese mit Sex gewogen hält und dabei ihre Fruchtbarkeit verschleiert. Doch je besser ihr das gelingt, umso unsicherer ist jeder Mann seiner Vaterschaft, umso weniger tut er für seinen Nachwuchs. Der Ausweg ist vermutlich, dass die Frau irgendwo zwischen grenzenloser Promiskuität und strikter Treue ein optimales Gleichgewicht findet.

Hrdy: Ganz genau. Dieses Gleichgewicht kann bei jeder Art und unter Menschen in jeder Kultur anderswo liegen. Manche südamerikanische Stammesvölker etwa glauben, dass ein Ungeborenes umso kräftiger wird, mit je mehr Männern die werdende Mutter Sex hatte. Alle diese Männer gelten dann als Väter. Tatsächlich zeigten ethnologische Untersuchungen, dass es die Mutter im Interesse ihrer Kinder lieber nicht zu weit treibt: Deren Überlebenschancen sind meist mit zwei vermeintlichen Vätern am besten.

Klein: Die deutschen Männer würden sich bedanken. Aber auf eine hoch entwickelte Gesellschaft ist diese Rechnung ja auch schwerlich zu übertragen. Da überlebt so gut wie jedes Kind.

Hrdy: Gewiss – es fragt sich nur, wie. Vorletztes Jahr bat mich das Time Magazine um einen kurzen Beitrag zum Vatertag. Ich schrieb, dass es ein gewaltiges Potenzial an ungenutzter väterlicher Fürsorge gibt. Auch nannte ich Daten eines großen amerikanischen Kinderhilfswerks, wonach fast 50 Prozent der getrennt lebenden Väter gelegentlich eine Unterhaltszahlung, aber nur 3 Prozent eine Kreditrate für ihre Autos ausfallen lassen. Sie können sich nicht vorstellen, wie viele wütende E-Mails ich bekam. Einige richteten sogar eine eigene Protestwebsite gegen mich ein.

 

Klein: Das Verhalten der Männer ist weder schön noch zu billigen – aber man kann es verstehen.

Hrdy: Sicher: Wer kein Auto hat, bekommt keine neue Frau.

Klein: Treiben Sie jetzt die Soziobiologie nicht ein bisschen zu weit? Es könnte ja sein, dass manche Männer ganz einfach wütend auf ihre Exfrauen sind und den Zorn auf dem Rücken der Kinder austragen.

Hrdy: Da mögen Sie recht haben. Aber auch das ist Soziobiologie: Der Wettbewerb zwischen Männern um Frauen; der Versuch, die Frauen zu kontrollieren; deren Anstrengungen, der Kontrolle zu entgehen – all das nennen wir sexuelle Selektion. Keine Kraft der Evolution ist dermaßen zerstörerisch, hat der große Biologe E.O. Wilson einmal gesagt. Letztlich haben wir an den Languren auch nichts anderes erforscht als die sexuelle Selektion.

Klein: Als Sie Ihre Feldforschungen an Languren in Nordindien anstellten, hatten Sie selbst ein Baby dabei – Ihre kleine Tochter. Ihr Mann arbeitete indessen in Boston . Wie ging das eigentlich?

Hrdy: Gar nicht. Ich bezahlte eine Babysitterin, aber die Kleine bekam Infektionen. Und eines Abends musste ich zusehen, wie eine Horde Affen sie angriff, um ihre Kekse zu bekommen. Da gab ich die Feldforschung auf. Das fiel mir schwer. Ein Mutterleben steckt nun einmal voller Kompromisse.

Klein: Warum wollten Sie Kinder?

Hrdy: Ich kann es nicht sagen. Mein Mann wollte welche. Ich liebe ihn sehr.

Klein: Zurück an der Universität Harvard, hielt Ihnen Robert Trivers, einer der Väter der Soziobiologie, in einem Interview vor: "Sarah sollte mehr Zeit, Gedanken und Aufmerksamkeit darauf verwenden, ihre Tochter großzuziehen." Hat er Sie verletzt?

Hrdy: Schlimmer: Ich fürchtete, dass er recht hatte. Jede Mutter empfindet so.

Klein: Dabei hatte Trivers eigentlich ganz soziobiologisch argumentiert: Von Natur aus ist jeder Organismus nur für die Fortpflanzung da. Statuserwerb ist zweitrangig.

Hrdy: Eben nicht. Mutter Natur, meine Metapher für die Evolution, hat uns keinen Kinderwunsch eingepflanzt. Sie schuf uns so, dass wir genug Nahrung und Fett für den Eisprung bekommen, Sex haben und dadurch von selbst Kinder bekommen. Und sie legte Primaten darauf an, andere zu kontrollieren und nach Status zu streben, weil das die eigenen Fortpflanzungschancen verbessert. Wenn wir heute die Wahl haben, entscheiden wir uns daher natürlicherweise für Statusgewinn – und versuchen als Frauen, die erste Geburt so weit wie möglich hinauszuschieben.

Klein: Oder ganz zu verhindern.

Hrdy: Sicher. Seit es die Pille gibt, können die Frauen mit den Eierstöcken abstimmen, wenn ihre Umgebung sie nicht genug unterstützt. Dann bekommen sie eben keine Kinder.

 

Klein: Was ein enormer Fortschritt ist: Früher haben Frauen, die sich nicht anders zu helfen wussten, ihre Kinder ausgesetzt.

Hrdy: Solches Verhalten war viel häufiger, als die Geschichtsschreibung zugeben will. In der Toskana etwa wurden zwischen 1500 und 1700 mindestens zwölf Prozent aller Kinder in Waisenhäusern abgegeben. Allein das größte Waisenhaus in Florenz nahm bis zu 5000 Kinder im Jahr auf. Und die Frauen kannten die Aussichten eines Findelkinds genau: In Sizilien etwa überlebten noch im 19. Jahrhundert ganze 20 Prozent der ausgesetzten Babys. Bürger der norditalienischen Stadt Brescia schlugen vor, man möge über den Toren des Waisenhauses eingravieren: "Hier werden Kinder auf Kosten der Öffentlichkeit getötet."

Klein: So hätte unsere Art wenig Grund, mit dem Finger auf die Languren zu zeigen.

Hrdy: Sie hat überhaupt keinen. Allerdings ist das Muster ein anderes: Die Langurenmütter beugen sich der Gewalt, wenn ein neuer Herrscher den Harem übernimmt. Es ist möglich, dass Menschenmütter ihr Baby aufgeben, wenn sie sich außerstande fühlen, es durchzubringen. Sie können auch Gewalt ausüben gegen ihr Kind. Das nun würde kein Weibchen einer großen Affenart tun. Affenmütter umsorgen ganz selbstverständlich schwerbehinderte Kinder und tragen selbst tote Babys mit sich herum. Und nie wurde beobachtet, dass eine Affenmutter ihr Kind mit Absicht verletzt hat.

Klein: Wer Ihnen zuhört, bekommt den Eindruck, Sie sähen in menschlicher Mutterliebe nichts als einen kitschigen Mythos.

Hrdy: Die Idee der unbedingten Bindung einer Mutter an ihr Kind ist ein Mythos. Bei Affen gibt es solch eine instinktive Hingabe, unser Verhalten ist viel flexibler. Innerhalb von 72 Stunden nach der Geburt kann sich die Menschenmutter ihres Kindes ohne hohe emotionale Kosten entledigen. Viele Kulturen nehmen darauf Rücksicht, indem sie es der Mutter erlauben, anfangs gegenüber ihrem Kind indifferent zu sein. Starke Gefühle entwickelt die Frau meist erst in den Tagen und Wochen danach. Sie gewöhnt sich allmählich an ihr Baby, wird buchstäblich süchtig nach seinem Aussehen und Geruch. Wie Hirnaktivitätsmessungen zeigten, regt der bloße Anblick von Babygesichtern im Kopf von Müttern das sogenannte Belohnungssystem an.

Klein: Stupsnase und Pausbäckchen wirken demnach wie Sex oder Kokain.

Hrdy: Ja.

Klein: Haben Ihre Kinder Sie glücklich gemacht?

Hrdy: Im Moment geht es ihnen gut, also ja. Aber ist Ihnen schon aufgefallen, dass eine Mutter nur so glücklich sein kann wie ihr unglücklichstes Kind?

Klein: Ich kenne diese Erfahrung selbst – als Vater.

Hrdy: Der Unterschied ist kleiner, als die meisten glauben. Auch Ihre Hormonwerte verändern sich, wenn Sie ein Baby im Arm halten. Schon 1980 stellte sich bei Weißbüschelaffen heraus, dass im Blut der Männchen vermehrt Prolaktin zirkuliert, wenn sie sich um ihre Kinder kümmern. Diese Neuweltaffen sind die einzige Primatenart, bei denen die Männer sogar mehr als die Frauen für den Nachwuchs sorgen. Bis dahin galt Prolaktin als weibliches Hormon, das unter anderem den Milchfluss regelt. Inzwischen aber haben wir ähnliche Befunde bei Menschenmännern. Anscheinend steigen die Werte sogar schon, wenn Männer mit einer Hochschwangeren zusammenleben.

Klein: Zufällig ist das bei mir gerade der Fall. Nur habe ich von hormonellen Veränderungen noch nichts gemerkt. Ich wüsste auch nicht, was diese in meinem Körper auslösen sollten.

Hrdy: Der Mechanismus ist unbekannt. Der Anstieg ist auch längst nicht so ausgeprägt wie bei Frauen. Andererseits wissen wir, dass Männer mit einem höheren Prolaktinspiegel nach der Geburt aufmerksamer auf schreiende Babys reagieren. Zudem zirkuliert in Männern, die mit einem Baby leben, offenbar weniger Testosteron. Gesellschaften, in denen sich die Männer am wenigsten um ihre Kinder kümmern, sind übrigens die kriegerischsten.

 

Klein: Vielleicht würde die deutsche Gesellschaft ja sanftmütiger, wenn nur alle Väter die von unserer Familienministerin verordnete Babypause nähmen.

Hrdy: Ich glaube, dass sie es würde – auch wenn ich es nicht beweisen kann. Im Übrigen sollte Ihr Familienministerium bei jeder Geburt ein Paar Ohrenstöpsel für die Mütter verteilen.

Klein: Warum?

Hrdy: Weil Frauen von Natur aus stärker auf Babygeschrei reagieren als Männer. Selbst wenn beide die besten Absichten haben, wird sie also immer vor ihm da sein, um das Kind zu trösten. Und allein dadurch wird das Kind sich stärker an seine Mutter binden als an den Vater. So entwickelt sich aus einem kleinen genetischen Unterschied zwischen den Geschlechtern eine große Asymmetrie. Mit dem Ohropax gleichen Frauen die anfängliche Abweichung aus; und je mehr er für das Kind sorgt, desto empfindlicher werden auch seine Antennen. Natürlich dürfen die Ohrenstöpsel nur eingesetzt werden, wenn beide im Haus sind.

Klein: Es kann nicht nur am Gehör liegen, dass Männer sich normalerweise weniger um ihre Kinder kümmern als Frauen.

Hrdy: Natürlich nicht. Das große Rätsel ist, warum manche Männer so viel tun und andere so wenig. Eine wichtige Rolle scheint das Umfeld zu spielen. Bei den Aka etwa, einem zentralafrikanischen Pygmäenvolk, leben manche Familien mit den mütterlichen, andere mit den väterlichen Verwandten. Sind die Großmütter, Tanten und Nichten mütterlicherseits zugegen, helfen sie mit bei der Pflege des Kindes. Der Vater kümmert sich dann fast gar nicht. Seine Herkunftsfamilie fühlt sich viel weniger verpflichtet. Lebt ein Paar in deren Nähe, verbringen die Väter dreißigmal mehr Zeit mit ihrem Kind. Offenbar springen diese Männer nur dann in die Bresche, wenn sie müssen.

Klein: Sie haben spekuliert, die für den Menschen gewissermaßen natürlichste Weise der Kinderaufzucht sei die kollektive Brutpflege: Homo sapiens konnte nur entstehen, weil sich nicht allein die Eltern, sondern viele eines Kindes annahmen.

Hrdy: Unsere Kindheit ist, verglichen mit der aller anderen Arten, außerordentlich lang. Unter den unsicheren Bedingungen vor vielleicht 1,8 Millionen Jahren hätten weder eine einzelne Mutter noch ein einzelnes Paar so lange ausreichend Nahrung für ihre Nachkommen heranschaffen können. So muss die gemeinsame Fürsorge die Voraussetzung dafür gewesen sein, dass sich unsere Art den Luxus ihrer großen Gehirne überhaupt leisten konnte.

Klein: Damit stellen Sie die herkömmliche Theorie, wie der moderne Mensch entstand, auf den Kopf: Meistens heißt es, unsere Vorfahren entwickelten erst Sprache und Verstand, bevor sie in einer Gruppe füreinander da sein konnten.

Hrdy: Wahr ist, dass Menschenaffen keine gemeinsame Brutpflege betreiben. Weil Infantizide gelegentlich auch unter ihnen vorkommen, gibt etwa eine Schimpansenmutter ihr Baby nie aus der Hand. Aber andererseits braucht es für Kooperation in einer Gruppe kein besonders großes Gehirn. Weißbüschelaffen sind keine besonders klugen Primaten – und doch umsorgen sie Kinder, die nicht mit ihnen verwandt sind. Dass Menschen dies auch tun, könnte erklären, warum heute wir, nicht die Schimpansen den Planeten beherrschen. Wir mussten erst die freundlichsten Affen werden, bevor wir eine Chance hatten, auch die klügsten Affen zu sein.

Klein: Das klingt auch ganz anders als die Soziobiologie mit ihrem "Jeder gegen jeden". Nach deren Vorstellung hat Kooperation außerhalb der engsten Familie einen schweren Stand, weil ja jedes Individuum seinen Genen die Bahn freimachen will. Was hat Sie bekehrt?

Hrdy: Sexuelle Selektion kann nun einmal nicht alles erklären. Für meine Glaubwürdigkeit ist es ein Glück, dass meine Arbeiten über Kindstötung mich bekannt gemacht haben. Da stehe ich außer Verdacht, die Natur zu rosig zu sehen.

Klein: Wie gemeinsame Brutpflege eine kooperative und intelligente Art hervorbringen soll, müssen Sie trotzdem begründen.

Hrdy: Der Schlüssel liegt bei den Kindern. Wenn sie von mehreren Bezugspersonen abhängig sind, brauchen sie mehr Fähigkeiten als ein Schimpansenkind, das alles von seiner Mutter automatisch bekommt: Sie müssen sich in ihre verschiedenen Pfleger hineinversetzen können und lernen, sie zu manipulieren. Je besser sie sich darauf verstehen, umso größer ihre Überlebenschance. So entstand unter den Kindern ein Wettbewerb hin zu immer mehr sozialer Intelligenz. Wenn Sie heute die Intelligenz eines Zweijährigen mit der eines Schimpansen vergleichen, werden Sie keine sehr großen Unterschiede bemerken – mit einer Ausnahme: Das Kleinkind kann die Sicht eines anderen annehmen, von ihm lernen und teilen. Und genau darauf kam es an.

 

Klein: Wenn Ihre Theorie stimmt, wären unsere heutigen isolierten Kleinfamilien pervers. Sie überfordern die Eltern und erschweren es zugleich den Kindern, sich zu entwickeln.

Hrdy: Sie haben recht. Die Kinder heute leiden nicht so sehr darunter, dass ihre Mütter arbeiten gehen. Das haben Frauen immer getan. Das Problem ist vielmehr, dass die Großfamilien sich aufgelöst haben. Kinder wachsen schneller, sind intelligenter und haben nicht zuletzt eine bessere Bindung an ihre Mutter, wenn sie mit einer Großmutter aufwachsen können. Das alles ist bestens belegt. Und denken Sie nur an Präsident Obama . Er wuchs mit seiner Mutter, seiner Großmutter und verschiedenen anderen Bezugspersonen auf...

Klein: ...nach traditioneller Vorstellung in zerrütteten Verhältnissen.

Hrdy: Und genau in diesem Gemisch konnte er sein außergewöhnliches Talent entwickeln, sich in andere hineinzuversetzen und sie für sich zu gewinnen. Und offenbar hat er seine Schlüsse daraus gezogen. Ich rechne es ihm hoch an, dass er seine Schwiegermutter zu seiner Familie ins Weiße Haus einziehen ließ.

Klein: Das Modell "Großfamilie" dürfte kaum für jeden taugen.

Hrdy: Gewiss brauchen wir auch andere Lösungen. Aber warum sollten wir die freien Kräfte der älteren Menschen nicht besser nutzen? Darum stimmt es mich gar nicht so pessimistisch, dass unsere Gesellschaft ergraut: Das kann sich für die Kinder nur in einem Mehr an Zuwendung auszahlen.

Klein: Sehnen Sie sich danach, selbst Großmutter zu werden?

Hrdy: Und wie! Mein Sohn sagt mir, jederzeit – wenn ich mich nur ein wenig der Enkel annehmen würde. Meine Töchter hingegen machen mir wenig Hoffnung. Sie haben erst einmal andere Pläne.

Diskutieren Sie mit unserem Autor Stefan Klein über das Thema! Am Freitag, 20. November, stellt er sich von 13 bis 14 Uhr in unserer Community den Fragen der Leser.