Charleston/West Virginia – Es regnet in Strömen, als die Kolonne der Pick-ups in Charleston eintrifft. Rund tausend Autos rollen Richtung Stadthalle, die Fahrer brüllen aus den heruntergekurbelten Fenstern. »Kohle heißt Arbeit, heißt Leben, heißt Zukunft!« Mittendrin der rote Pick-up von Ronny Short, seiner Frau und den beiden Söhnen. Short trägt Rauschebart und eine schwarze Baseballmütze mit der Aufschrift »Kohle = Jobs plus Energie«. Er ist 38, Bergbauarbeiter in der vierten Generation, sein Großvater starb beim Einsturz eines Stollens, so etwas gilt hier in West Virginia als Heldentod.

Heute bei diesem Aufmarsch dabei zu sein sei für ihn »Ehrensache« und »Überlebensfrage«, sagt Short. Dann stürzt er auch schon mit seinen Kumpeln in die Stadthalle, sie besetzen fast alle 750 Plätze und rennen dabei beinahe die schmale Kathy Wade über den Haufen. Man möchte Ronny Short in diesem Moment wirklich nicht zum Feind haben. Wade aber hat ihn zum Feind.

Mit ihrem ondulierten grauen Haar und dem Rouge auf blassen Wangen sieht die 62-Jährige aus, als wäre sie der TV-Serie Golden Girls entsprungen. Wie Ronny Short hat sich auch Kathy Wade am Morgen aus einem kleinen Bergdorf auf den Weg gemacht. Wie Ronny entstammt auch die Buchhalterin Kathy einer alteingesessenen Bergmannsfamilie. Und Kohle war ihr Leben. Bis eines Morgens die Erde bebte und eine riesige Stein- und Staublawine das benachbarte Tal zuschüttete. Ihr Haus bekam Risse, und der Gebirgsbach am Fuße des Gartens färbte sich schwarz. Ein Kohleunternehmen hatte einen nahe gelegenen Berggipfel weggesprengt. Mountaintop mining nennt man das hier. Statt sich in den Berg hineinzugraben, wird er einfach abgetragen. An diesem Tag sagte sie sich: »Wir müssen weg von der Kohle, mit ihr haben wir keine Zukunft.« Kathy Wade trägt in der Stadthalle ein rotes T-Shirt mit der Aufschrift »Kohle = CO₂ = Weltuntergang«. Etwa 40 Umweltschützer stehen Hunderten von Bergleuten gegenüber.

Wer wissen will, warum auf der Kopenhagener Klimaschutzkonferenz nichts Verbindliches herauskommen wird, der muss vor allem auf die USA schauen. Und wer wissen will, warum Barack Obamas Versprechen vom amerikanischen Klimaschutz bislang hohl geblieben sind, der muss nach West Virginia fahren. Dort liegt die Antwort, und sie hat fünf Buchstaben: Kohle.

Seit 150 Jahren wird in den Appalachen der schwarze Brennstoff abgebaut. Die Vorräte, sagen Geologen, reichen noch für die nächsten 250 Jahre. Kohle liefert die Hälfte des amerikanischen Stroms, in West Virginia sogar 98 Prozent. Sie füllt die Lohntüten, die Bergbau- und die Staatskasse, sie versorgt Politiker mit Posten und garantiert Wahlerfolge. Für die Kohle kämpft eine Armee aus Bergleuten, Minenunternehmern, Gouverneuren, Bürgermeistern, Senatoren und Abgeordneten. Und weil die demokratische Partei oft dort regiert, wo Kohle reichlich vorhanden ist, reicht diese Armee bis ins Kapitol und ins Weiße Haus.

In der Stadthalle von Charleston geht es an diesem nasskalten Oktobertag vordergründig um ein neues Bewilligungsverfahren für den Tagebau. Das U. S. Army Corps of Engineers, eine dem Verteidigungsministerium unterstellte Genehmigungsbehörde, hat zur Anhörung geladen. Statt der bislang erteilten Pauschalerlaubnis, mit der im großen Stil grüne Bergkuppen weggesprengt werden dürfen, will das Bundesamt nur noch Einzelgenehmigungen vergeben. Das allein ist in den Augen der Bergarbeiter bereits ein Frontalangriff auf ihr Leben und ihr Auskommen.

»Die Kohle ernährt uns, schöne Landschaften können wir nicht essen«

Fast fünf Stunden prallen zwei Weltsichten aufeinander, in einigen Ecken wird gerempelt. Wann immer Umweltschützer wie Kathy Wade vor Wasserverschmutzung und Erderwärmung warnen, werden sie niedergebrüllt: »Arbeitsplatzvernichterin!« – »Kohle ruiniert unser Land und die Welt«, ruft Kathy Wade. »Wir lassen uns Amerika und unser Leben nicht von euch kaputt machen«, schreit Ronny Short rot vor Zorn.