Seit August halten 200 Künstler die leerstehenden Häuser im Hamburger Gängeviertel besetzt © Bodo Marks/dpa

Hamburg, was ist in dich gefahren? Wo ist die Contenance geblieben? Wo deine Nüchternheit? Vorbei die bilanzenkühle Zurückhaltung, der Zorn ist in die Stadt gefahren.

Mit rund 200 Künstlern fing es an, die besetzten im August ein historisches Altstadtensemble, um es vor dem Abriss zu retten. Dann schlossen sich 150 Architekten und Stadtplaner an und protestierten gegen die geldgesteuerte Planungskultur des Hamburger Senats. Zuletzt kritisierten lautstark 66 Intendanten, Filmemacher, Schriftsteller und Schauspieler die Kunstknauserei der Stadt, die den ohnehin schmalen Kulturetat im nächsten Jahr um zehn Millionen Euro kürzen will. Man könnte glatt meinen, Hamburg habe sich gewandelt: zu einer Hochburg zivilen Ungehorsams.

Manche nennen es bereits das Wunder von Hamburg. Denn das Erstaunlichste an den Protesten ist: Sie werden erhört. Zur Überraschung aller gab der Senat in der vorigen Woche bekannt, dass die Stadt den Konflikt um das Gängeviertel lösen wolle, und zwar mit Geld. Sie möchte den bisherigen Besitzer, den abrissfrohen Baukonzern Hanzevast, für rund 2,6 Millionen Euro auszahlen. Damit sind nun dessen Pläne, das ehemalige Armenquartier in eine pittoreske Luxusresidenz zu verwandeln, abgeräumt – für die Künstler ein unerhörter Triumph, auch wenn weiterhin unklar ist, was aus dem Gängeviertel werden kann. Denn über Jahre hat die stadteigene Saga GWG das Viertel aus dem 17. bis 19. Jahrhundert vernachlässigt, sodass nun viele Bauten stark verfallen und kaum mehr zu retten sind. Entscheidend aber ist der symbolische Sieg in der Schlacht um das Gängeviertel, entscheidend ist der Gesinnungswandel. Eine Stadt lernt: Wehren lohnt sich!

Ähnlich wie in vielen anderen deutschen Kommunen wurde auch in Hamburg über Jahre hinweg die Stadtplanung vor allem von der Finanzbehörde diktiert. Sie pochte darauf, dass die stadteigenen Grundstücke stets an diejenigen verkauft werden sollten, die den höchsten Preis dafür boten. Die Konsequenz: Weite Teile der Innenstadt wurden mit Beliebigkeitsarchitektur zugestellt, gebaut von anonymen Immobilienfonds für anonyme Nutzer. Selbst den Domplatz der Stadt, eine der Keimzellen Hamburgs, sollte von einem privaten Konsortium beplant werden. Damals bereits begann es in der Stadt zu gären, vielen Menschen schien eine Grenze überschritten: Sie wollten, dass Schluss ist mit dem Ausverkauf, Schluss mit den Abrissen! Die Domplatz-Pläne wurden begraben, immerhin.

Die große Verwandlung allerdings ging weiter. Wie kaum eine andere deutsche Stadt ist Hamburg in den letzten Jahren umgewälzt worden, kein Projekt schien kühn, kein Vorhaben groß genug. Eine neue Stadtmitte wurde in Angriff genommen, die Hafen-City. Mit dem »Sprung über die Elbe« will man die Quartiere im Süden der Stadt beleben. In Wilhelmsburg wurde eine Internationale Bauausstellung gestartet, um das Armenhaus der Stadt aufzuwerten. Und auch sonst stehen viele Viertel unter hohem Veränderungsdruck. Nicht wenige Menschen fühlen sich davon bedroht – was eben noch »ihre« Stadt zu sein schien, ist nun nur noch »Sache«, und zwar die der Planer und Investoren.

Auch dagegen, gegen das Umpflügen ganzer Viertel, gegen die Schickimickisierung, gegen steigende, oft unbezahlbare Mieten, gegen das, was Soziologen Gentrifizierung nennen, wehren sich die Besetzer des Gängeviertels. In einem wütenden Manifest (ZEIT Nr. 46/09) griffen sie und viele Hundert Unterstützer die Hamburger Stadtplanungs- und Kulturpolitik an. Und anders als noch zu Zeiten des Hafenstraßenkonflikts in den achtziger Jahren reagieren die Kritisierten heute mit fast unheimlichem Verständnis. »Ein Areal unbeplant zu lassen, finde ich eine faszinierende Idee«, sagt der Erste Bürgermeister Ole von Beust (CDU) und träumt davon, mit dem Gängeviertel »einen künstlerischen Nukleus zu schaffen, ohne ihn zu sehr künstlich vorzuschreiben«. Damit antwortet er auch dem Künstlermanifest, das ihm vorgeworfen hatte, sein Senat fördere die Kultur nur, um dem Standort Hamburg attraktivere Kulissen zu verschaffen, und benutze die Künstler als bunte Werbemaskottchen. Dass aus dem Künstlerischen leicht etwas Künstliches werden kann, diese Gefahr scheint von Beust durchaus bewusst zu sein.

Auch seine Kultursenatorin Karin von Welck äußert sich wohlwollend. »Natürlich freue ich mich über dieses Engagement«, sagt sie, wenngleich sie vielen Argumenten des Manifests widerspricht. »Ich bin den Künstlern dankbar. Die Debatte ist wichtig, und sie ist überfällig.«