Kunstmarkt
Was denken Galeristen?
Die Turiner Kunstmesse revolutioniert den Messekatalog zu einer spannenden Lektüre
Messekataloge sind die Schmuddelkinder unter den Print-Erzeugnissen der Kunstszene. Inhaltlich gehen sie selten über die Auflistung der teilnehmenden Galerien, ihrer Künstler, von Adressen und technischen Informationen hinaus. Und das schlägt leider allzu oft auch ins Formale durch. Der Zweck eines solchen Handbuchs ist profan – aber muss es deswegen aussehen wie grauer Ziegelstein?
In Italien ist man schon weiter. Andrea Bellini, Direktor der Turiner Kunstmesse Artissima und ehemals US-Korrespondent für das italienische Kunstmagazin Flash Art, produzierte anlässlich seiner Messe gleich drei kleine Taschenbücher, von denen zumindest eines über die Saison hinaus relevant bleiben dürfte. Der Inhalt: 51 Interviews mit Galeristen aus aller Welt, von denen fast alle an der Artissima Anfang November teilgenommen haben. Das Format ist handlich, der von Woody Allen inspirierte Titel (Everything You Always Wanted to Know About Gallerists But Were Afraid to Ask) verspricht viel, und auf dem Cover ist die Arbeit A Perfect Day (1999) von Maurizio Cattelan abgebildet. Für das Bild hatte der Künstler seinen Mailänder Galeristen Massimo De Carlo einen knappen Meter über dem Fußboden mit viel Gaffer-Tape an die Wand geklebt – ein schönes Gleichnis für die meist schwierige Beziehung zwischen Künstler und Händler.
Man kann das Büchlein für eine besonders clevere Marketingstrategie Bellinis halten, der mit den Galeristen über ihre Gründungsgeschichte, Geschäftsphilosophie, Erfolge, Niederlagen und den Umgang mit der gegenwärtigen Krise plaudert und so das Kerngeschäft einer Messe – die Vermietung von Messekojen, das Heranholen von Sammlern – in den Hintergrund treten lässt. Doch weil das Buch vom aufrichtigen Interesse Bellinis getragen ist, die mittlere und jüngste Generation von internationalen Kunsthändlern – darunter die in Berlin ansässige Isabella Bortolozzi, die Zürcher Galeristin Francesca Pia und die Pariser Galeristin Jocelyn Wolff – abzubilden, gibt es tatsächlich Einblick in die Kreise, die dem internationalen Markt derzeit die stärksten Impulse geben.
So erfährt man, warum Jocelyn Wolff zwar die konzeptuell arbeitende Szene rund um die Leipziger Kunstakademie schätzt, die Maler der »Neuen Leipziger Schule« aber meidet; was die Arbeit der Galeristin Emily Sundblad von Reena Spaulings mit der Stadt New York gemeinsam hat (beide gründen auf sozialen Beziehungen) oder warum der Galerist Javier Peres (Los Angeles und Berlin) es liebt, Journalisten in Interviews mit Lügen und ausgedachten Geschichten (etwa über seine angeblich gigantische Sammlung) zu füttern. Auch über den Druck, der durch die andauernde ökonomische Krise derzeit auf den Unternehmen lastet, sprechen sie offen, obgleich meist schablonenhaft. Nur wenige, wie etwa der Londoner Galerist Darren Flook, widersprechen der weitverbreiteten Ansicht, dass die Kunstmarkt-Baisse Qualität und Augenmaß befördert. »Warum sollen nur die Besten überleben?«, fragt Flook. »Großartige Sammler und Leute ohne Geschmack haben während des Crashs Geld verloren. Auch eine schlechte Galerie wird überleben, solange es genügend geschmacklose Menschen mit Geld gibt.« Doch wie die Geschmacklosigkeit bekämpfen? Mit einer Kunstmesse als ästhetischer Bildungsanstalt? In Turin scheint man es ernst zu meinen.
- Datum 24.11.2009 - 16:41 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
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Ich würde mich der Meinung von Darren Flook gern anschließen, dass es noch genügend „geschmacklose Menschen mit Geld“ gibt und daher schlechte Galerien die Kunstmarktkrise überleben werden. Es wäre zwar vielleicht eine Überlegung wert, ob man weiterhin dem großen Geld die Entscheidung überlassen will, was gute Kunst und was schlechte Kunst ist. Für die Gegenprobe ist mir allerdings nur sehr schwach erinnerlich, dass es mal eine Kunstkritik gegeben hat, die noch den Mut hatte, für eine solche Entscheidung entsprechende Kriterien zu definieren. Es muss wirklich schon länger her sein.
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