Erinnerungen

Glühbirnen des Geistes

Der deutsche Tiefsinn ist eine französische Erfindung. Jüngstes Beispiel: Jean Daives Erinnerungen an Paul Celan

Undatiertes Portrait des deutschsprachigen Künstlers Paul Celan (1920 - 1970)

Undatiertes Portrait des deutschsprachigen Künstlers Paul Celan (1920 - 1970)

Es ist eine böse Pointe, dass den Deutschen zumindest in der Geistesgeschichte der Endsieg doch noch gelang mittels ihrer im Schwarzwald versteckten Wunderwaffe Martin Heidegger. Sogar der französische Geist, von Descartes und Voltaire bis zu Valéry doch ein Synonym für Rationalität und clarté, streckte die Waffen und überließ sich willig dem Raunen und Dräuen aus den Wäldern jenseits des Rheins.

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Bei dieser späten Spielart der Kollaboration tat sich am meisten Jean Beaufret hervor, der gleich nach 1945 in Frankreich heftig für Heidegger trommelte und ihn bald auch bei einem seiner Nachbarn in der Provence, bei dem Dichter René Char, salonfähig machte. Als ehemaliger Kämpfer in der Résistance diente René Char fortan Heidegger als hochwillkommenes Alibi. Allerdings sprach René Char kein Wort Deutsch, und auch Beaufret war lange Zeit auf Übersetzer angewiesen.

Es passt leider ins Bild, dass Jean Beaufret, der sich nach 1945 vom Sozialisten zum edlen Ritter des Heideggerschen Denkens gewandelt hatte, später als ein Halunke entlarvt wurde, der dem Auschwitzleugner Robert Faurisson beipflichtende Briefe schrieb (die Shoah, so Beaufret, sei nichts als »ein historisches Dogma mit der ganzen Aggressivität, die ein Dogmatismus an sich hat«). Doch die vielen Dunkelmänner aus Beaufrets Schule störte das, mit ganz wenigen Ausnahmen wie etwa Jacques Derrida, offenbar wenig.

Es sagt etwas über die Wucht der deutschen Wunderwaffe aus, dass selbst der Jude und Wahl-Pariser Paul Celan zeitweilig in den Bann jenes Schamanen der Eigentlichkeit geriet, der einst »die Verjudung des deutschen Geistes« beklagt, eine obszöne Hymne zum Ruhme Schlageters verfasst, gegenüber Jaspers von Hitlers Händen geschwärmt und 1933 Hitler als »dem Retter unseres Volkes und Vorkämpfer eines neuen Geistes« freudig zum Sieg gratuliert und die Freiburger Universität zu Füßen gelegt hatte.

Im Jahr 1967 fuhr Celan, der maßlose Masochist, zu Heidegger in den Schwarzwald, um ihn zu einem klärenden Wort zu bewegen. »Mit einer Hoffnung auf ein kommendes Wort im Herzen«, schrieb er in Heideggers Todtnauer Hüttenbuch und beschwor im kurz danach geschriebenen Gedicht Todtnauberg noch einmal inständig diese Hoffnung. Wir wissen, dass Heidegger, obwohl er doch das Fragen als Frömmigkeit des Denkens apostrophiert hatte, Celan nie dieses klärenden Wortes über seine nazistische Verstrickung würdigte. Es zeugt von Celans Scham, dass er sich bei seinem Besuch im Schwarzwald wenigstens nicht fotografieren lassen wollte mit diesem »Meister aus Deutschland« .

Warum dies alles an dieser Stelle? Weil die Heideggersche Sprachverfinsterung und Sprachverwilderung, die schon Oskar Maria Graf so genial parodierte, nun von der Philosophie auf die Philologie und die Erinnerungsliteratur übergreifen und gerade in der ins schier Unermessliche angewachsenen Celan-Sekundärliteratur mindestens so giftige Blüten treiben wie etwa in der Hölderlin-Exegese. Es ist ja kein Zufall, dass Heidegger selbst Celan so gern in die Unerreichbarkeit eines neuen Hölderlins entrückte und sich dabei auch auf Celans Phasen vollkommener Verstörung berief. Einem Umnachteten ist man keine Antwort schuldig.

Den Gipfel einer raunenden Heiligenbeschreibung hat jetzt Jean Daive gestürmt, ein französischer Lyriker, der 1941 als Jean de Schrynmakers in Nordfrankreich geboren wurde und in Celans letzten Lebensjahren zu seinem engeren Freundeskreis zählte. An Jean Daive, von dem er auch einige Verse übersetzte, zog Celan, wie er an Ilana Shmueli schrieb, »eine kleine Esoterik« an, aus der freilich in Daives Erinnerungen an Celan faustdicke Esoterik geworden ist.

Das beginnt bereits auf der ersten Seite, wo Daive aus der simplen Tatsache eines Glühbirnenkaufs ein Mysterium macht: »Celan kauft eine Glühbirne, die er in ein riesiges Einkaufsnetz legt. Der Gehende mit der Glühbirne im Netz schreitet souverän voran. Und das Netz wiegt schwer.« Selbst wenn Celan, der in seinen letzten Lebensjahren getrennt von seiner Frau Gisèle lebte, einmal Wäsche in der Badewanne wäscht, bekommt das bei Daive die Bedeutung einer Erleuchtung. Auch über Spaziergänge mit Celan kann Daive nur in der feierlichsten Frequenz berichten: »Der Spaziergang kann den Ortswechsel euphorisch machen. Ein Schritt. Ein Schritt plus ein Schritt. Ein Schritt. Ich gehe. Ich schreite. Ich kann den Schritt eindunkeln. Der Schritt sprengt die Besorgnis, er überhitzt die Entfernung in sich.«

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Leser-Kommentare

    • 22.11.2009 um 20:12 Uhr
    • Gafra

    arme Gisèle.

  1. .. er war vielleicht der letzte, der die Philosophie als ein Fortscheiten des Denkens begriff, welche mit einer denkenden Sprache ausgestattet zu den Menschen in ihre Zeit notwendig spricht .. Es mag nicht ungefährlich sein, sich Heideggers Philosophie zu nahen, denn es könnte sein, daß die Begegnung mit ihr nur zwei Radikale eröffent: entweder wächst man Feuer fressend an ihr oder "ersäuft" am (eigenen) Unverstand ..

  2. Ich habe die Zeit, vor lange Zeit und aus Zeitmangel, ab-abonniert, kaufe sie gelegentlich in Flughäfen und am Bahnhöfe, nun ich weis nicht ob „Die Zeit“ sich verschlechtert hat oder ich mich verbessert, ich entdecke immer mehr Schreibern die ich in dieser Zeitung früher nicht vermutete, andererseits kann ich mir denken das einen Literaturkritiker der über Martin Heidegger her zieht wird sich keinen „Lektor“ in den Weg stellen.

    Bezugnehmend auf die Tiraden dieser „Literaturkritiker“ Peter Hamm, möchte ich Martin Heidegger zitieren:

    Der gemeine Menschenverstand hat seine eigene Notwendigkeit; er behauptet sein Recht mit der Ihm allein zustehenden Waffe. Das ist der Berufung auf das „Selbstverständliche“ seiner Ansprüche und Bedenken. Die Philosophie kann den Gemeinen Verstand nie widerlegen, weil er für Ihre Sprache Taub ist. Die Philosophie darf Ihn nicht einmal widerlegen wollen,, weil der gemeine Verstand Blind ist für das, was sie vor den Wesensblick stellt.

    Mit Freundliche Grüße,
    Gonzalo Sainz-Trápaga
    Bonn

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  • Von Peter Hamm
  • Datum 22.11.2009 - 19:08 Uhr
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  • Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
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  • Schlagworte Literatur | Schriftsteller | Frankreich
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