Sachbuch Die Schweinegrippengeschichte
Auch der Kampf gegen Erreger hat eine politische Historie. Über zwei neue Studien zur Bakteriologie und zur Grippe
© Pascal Guyot/AFP

Die Impfspritze gegen die sogenannte Schweinegrippe
Nur selten erlebt man, dass Chaos und Ordnung, Plan und Panik so lebhaft miteinander korrespondieren wie in diesen herbstlichen Tagen der Schweinegrippenvorsorge. Noch sind Millionen Impfdosen gegen die neue Influenza des H1N1-Typs zwar geordert, aber nicht eingetroffen, die eigentlich die öffentliche Ordnung aufrechterhalten sollten. Immer noch zweifeln viele Ärzte und Epidemiologen an der Verträglichkeit des rasch zusammengerührten und mit »Adjuvantien« in seiner Wirksamkeit potenzierten Vakzins. Und doch signalisiert der jüngste Ansturm auf die Arztpraxen, dass viele Patienten vorn in der Schlange der Wartenden stehen wollen.
Das gegenwärtige diskursive Chaos in Sachen Schweinegrippe-Impfung hat viele Vorläufer in der Geschichte der Medizin. Die aktuellen Reste hygienischer Disziplin aber erinnern an eine Epoche aus dem deutschen Kaiserreich, der Sabine Berger in ihrem Buch Bakterien in Krieg und Frieden eine umfangreiche Recherche widmet. Robert Koch, ungekrönter Monarch wilhelminischer Infektiologie und Entdecker des Tuberkulose-Erregers, erhält von der Reichsregierung den Auftrag, im deutsch-französischen Grenzgebiet den Typhus auszurotten. Kochs Truppen geben auf ihrem »Seuchenfeldzug« kein Pardon: Verdächtige werden, auch gegen ihren Willen, untersucht und »saniert«. Dennoch gelingt es nicht, alle Typhus-Fälle auszumerzen.
Koch führte an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert seinen Kampf gegen die Mikroben als Vernichtungskrieg gegen einen unsichtbaren Invasor. Er begründete die junge Bakteriologie als Fortsetzung des preußischen Militarismus mit dem Mikroskop: Gegen einen per Kulturanzucht und Färbung sichtbar gemachten Gegner wurden die Waffen der Krankenisolation, der Desinfektionskolonnen, der Entlausung und Zwangswaschung in Stellung gebracht.
Zu den beklemmendsten Einsichten des Buches gehört der Gleichklang, der die Drähte zwischen biologischer Theorie und politischer Despotie kurzschließt: Robert Koch etwa besucht die Sitzungen der Kaiser-Wilhelm-Akademie stets in der Militäruniform eines Generalarztes, dessen Rang ihm ehrenhalber verliehen worden war. Eine Generation später ist die Vision des Ausrottungskrieges gegen feindliche Pathogene zur Quintessenz deutscher Politik geworden: Hitler denkt die Idee der Sanierungslager weiter in die genozidale Desinfektion des »Volkskörpers«. Während einer Lagebesprechung in der Wolfschanze bezeichnet er sich selbst als »Robert Koch des deutschen Volkes«.
Berger, Schülerin des Zürcher Kulturhistorikers Philipp Sarasin, belegt in ihrem Werk, nicht als Erste, aber mit großer Belesenheit und Klugheit, wie sehr moderne Gesellschaften eine Zentralmetapher für bare Münze nahmen: die vom bösen Feind Mikroorganismus, der in den reinen Körper des Gesunden eindringt. Was Forscher bloß als nützliche Denkmodelle oder harmlose Vereinfachungen ausgaben, beobachtet Berger, bestimmt in der Tiefe das Bild der Realität. Metaphern sind nicht lediglich »illustrative diskursive Elemente«. Die Wissenschaftler wollen mit ihnen die Wahrheit sagen.
Im Bereich der Körperfunktionen ist nichts natürlich, so lernen wir. Gesellschaften konstruieren ihre Krankheiten, die passenden Erreger und schaffen Leidenstatbestände, die zwar vorgeblich der reinen Rationalität der Naturwissenschaft gehorchen, in Wahrheit aber untergründig anderen Zielen folgen. Schon Michel Foucault war sicher, dass die in der Neuzeit aufkommenden Irrenhäuser nicht der Heilung, sondern der militärischen Disziplinierung ganzer Völker dienten.
- Datum 24.11.2009 - 09:55 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Auch wenn alle Ereger weg sind, wird der Mensch Möglichkeiten finden, sich aus Streßsituationen durch unbewußte Erzeugung anderer Umstände zu lösen zu versuchen, bisweilen bis zum Tod.
Man muß bedenken, die unsere Sicht der Realität insgesamt eine soziale und individuelle Konstruktion ist: diese geschieht dort, wo als "Informationen" bezeichneter Input in Form elektrischer Impulse unser Gehirn trifft und dort (angeblich) zu Bewußtseinsinhalten verarbeitet wird. Was dabei heraus kommt, hängt davon ab, ob wir uns im sozialen Kontext von z.B. Feuerwehrleuten, Ingenieuren oder Ärzten befinden, oder gar Feuerland-Indianer anstatt Westeuropäer sind.
Das Zauberwort heißt dabei "Suggestion". Alles, was um uns herum geschieht oder als Gegenstand oder Text vorhanden ist, suggeriert uns eine Wirklichkeit, eine Wahrheit, und wenn wir die Anerkennung unserer Mitmenschen haben möchten, werden wir immer schön mitmachen, der eine mehr in der einen Richtung, der andere mehr in der anderen. Wer wirklich sein "eigenes Ding" durchziehen würde, landete in der Klapsmühle.
Fakt ist: jede Information ist Suggestion, die wir aufnehmen oder ablehnen können, je nachdem, wer wir sind und wo wir geistig stehen
Muss mich wundern. Werden hier Bakterien und Vieren in einen Topf geworfen? Oder verstehe ich gewissen Passagen des Artikels nicht korrekt?
Außerdem gelten für die meisten Biologen Viren nicht als Lebewesen, da ihnen wichtige Merkmale dazu fehlen.
Aber: es ist durchaus erfreulich, dass ein wichtiges Thema behandelt wird. Nämlich dass übermäßige Reinheit und "Ordnung" zu Mutation und Krankeit führt. Leider etwas zu hochgestochen formuliert, wie ich finde.
Wie mein Deutschlehrer stets zu sagen pflegte: wer klug ist, weiß Kompliziertes einfach auszudrücken.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren