Zu den Eigentümlichkeiten der jüngeren Computer- und Internetdebatten gehört, dass es keineswegs ausreicht, sachkundig zu argumentieren, um als zeitgemäß zu gelten. Es genügt auch nicht, technischen Entwicklungen eine ungeheure Relevanz zuzusprechen. Nein, man muss sie grundsätzlich befürworten. Ansonsten heißt es reinheitsgebieterisch, man sei kulturkritisch, elitär, und (besonders beliebt) habe Angst vor gesellschaftlichen Neuerungen.

Der FAZ -Herausgeber Frank Schirrmacher insistiert vor dem Hintergrund dieser Ideologisierung in seinem neuen Buch Payback also nicht ohne Grund darauf, ausgesprochen technikaffin zu sein. Ja, gerade weil er den Reizungen der digitalen Welt erlegen sei, wolle er die fatale Macht der Computer über unser aller Leben zum Thema machen. Und mit »Leben« sind keineswegs nur unsere Alltagsgewohnheiten, unsere Marotten, unsere Beziehungen gemeint. Im Fokus steht unsere biologische Verfasstheit. Schirrmachers bevorzugter Untersuchungsgegenstand ist zunächst sein eigener Körper, genauer: sein Gehirn, das sich eigentümlich transformiert habe, seitdem er simst und googelt, sich YouTube-Videos anschaut und Twitter-Einträge liest. Dieses Gehirn sei angesichts der Informationsflut, der es sich ausgesetzt sieht, würdelos herabgestuft. Schirrmacher gesteht, er fühle sich oft unkonzentriert, er sei vergesslich, überfordert, er wisse gar nicht mehr recht, welche der Informationen, die er beständig über allerlei Informationskanäle erhalte, relevant seien und welche nicht. Er drohe das selbstständige Denken zu verlernen. Er sei Knecht der Maschinen geworden. Er wolle wieder ihr Herr werden.

Was kaum noch möglich ist. Zunächst einmal, so Schirrmacher, weil unser Handeln vollkommen auf Verzweckung abgerichtet ist, ganz im Sinne des amerikanischen Ingenieurs Frederick Winslow Taylor, der einst durch rigide Arbeitsteilung in der Industriegesellschaft grobe Arbeiterhände an feingliedrige Maschinen anzupassen und Bewegungsabläufe effizient zu synchronisieren suchte. Nun aber hat sich ein digitaler Taylorismus ans Werk gemacht, auch das menschliche Hirn konsequent auf Maschinenkonformität hin zu modellieren. Die Überforderungen, die wir dabei verspüren, sind Geburtswehen einer neuen Zeit, die es darauf abgesehen hat, unser Denken vollkommen auf Rechnerlogik zurechtzustutzen. Der Rechner will beispielsweise, dass wir multitasken, er will uns auf Gleichzeitigkeit trimmen, und wir gehorchen: Wir schreiben einen Bericht in Word, rufen nebenher unsere E-Mails ab und twittern. Ein fortwährendes Unterbrechen, das in krassem Widerspruch zum linearen Lesen steht, das auf einem Sichversenken, auf Nachdenklichkeit, auf Entschleunigung basiert – eine Kulturtechnik, die nachweislich zu verkümmern droht. Die Verwandlung unserer Lebensgewohnheiten bedeutet Schirrmacher zufolge allerdings nicht, dass wir verdummen. Nein, es ist schlimmer: Wir verlieren die Kontrolle über uns selbst.

Der neue Taylorismus suggeriert dabei durchaus Willensfreiheit. Es fällt der Kränkung wegen, die er uns zufügt, schwer, sich einzugestehen, dass wir unser Handeln sklavisch nach der Software ausrichten, die uns umgibt. Der Computer scheint uns längst anthropomorph geworden, er schlägt uns qua feinster Algorithmen vor, welche Entscheidungen wir zu fällen haben. Die Software des Onlinebuchhändlers weiß, dass wir dieses Jahr bereits drei leicht bekömmliche Krimis bestellt haben, sie schlägt uns zwei weitere vor, die überraschenderweise unserem Geschmack entsprechen. iTunes wiederum kennt unsere musikalischen Vorlieben längst besser, als wir es selbst tun. Die Daten, die wir im Netz hinterlassen, kehren neu zusammengesetzt wieder – als Entscheidungshilfen, die wir dankbar annehmen. Sie entlasten von der Frage, was für uns relevant ist. Der Computer scheint bereits vor uns zu wissen, was wir eigentlich wollen. Wir handeln zunehmend »nach einem Skript, einem Programm oder Drehbuch«. Die Algorithmen, vom Menschen erdacht, haben sich von ihm emanzipiert. Und doch leben wir im trügerischen Glauben, unsere Bewegungen im Netz seien selbstbestimmte, ganz von Zufällen geprägte Spaziergänge.

Ohne Zweifel: Das Leben, das wir führen, wäre einst als Dystopie bezeichnet worden. Wir werden, glaubt Schirrmacher, kontrolliert, indem man uns, wie in Aldous Huxleys Roman Schöne neue Welt , Freude zufügt. Jedes Mal, wenn wir uns im Internet auf die Suche nach Informationen begeben und etwas Brauchbares finden, schütten wir den Glücksstoff Dopamin aus. Wir lieben die neuen Technologien, obgleich sie uns überfordern. Wir sind süchtig. So sehr, dass wir so werden wollen wie sie selbst und unsere Körperfunktionen nach ihnen ausrichten. Über den computerzugerichteten Menschen aber »legt sich ein Netz der Vorausberechnung, des Determinismus«. Banker verstehen die Finanzprodukte nicht mehr, die sie mithilfe ihrer Software erstellen, Ärzte nicht mehr die Analyseinstrumente, die ihre Diagnosen leiten, und doch müssen sie sich als selbstständige Handlungsträger begreifen. Diesen glühenden Kern der Schirrmacherschen Überlegungen hat kurz vor der Wende Heiner Müller noch etwas pointen- und stilsicherer formuliert: »Es gibt einen Grad von Unterdrückung, der als Freiheit empfunden wird.« Die Normierung seines Denkens verschleiert sich dem vernetzten Individuum, das sich als autonom verstanden wissen will. Jedwede Überforderung schreibt es sich als persönliches Versagen selbst zu.

Aufschlussreich und inspirierend zugleich muss man vor allem jenes Kapitel nennen, das den »digitalen Darwinismus« in merklich nervösem Duktus verhandelt. Glaubte man lange Zeit an den Tüchtigen, der überlebt, so ist es heute der Bestinformierte, der sich durchsetzt. Unsere urinstinkthafte und hässliche Gier nach Neuigkeiten befriedigen Suchmaschinen, die – entgegen dem Klischee vom freien Netz – nach reinen Machtgesetzen strukturiert sind. Die Popularität einer Internetseite, um ein naheliegendes Beispiel anzuführen, bemisst sich danach, wie viele Links auf sie verweisen, was beständig zu einem »Matthäus-Effekt« führt: »Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, dass er Fülle habe; wer aber nicht hat, von dem wird auch genommen, was er hat« (Mt 25,29). Kurzum: Google verstärkt massentaugliche Informationen, andere, womöglich relevantere, versenden sich ungelesen im Netz wie das »Gemeine«, das Schiller zufolge klanglos zum Orkus hinabgeht.

All diese Überlegungen sind in ihren Grundzügen gewiss nicht neu. Bereits der Informatiker Joseph Weizenbaum warnte in den sechziger Jahren vor Kontrollverlusten gegenüber künstlichen Intelligenzen. Weshalb man Schirrmachers Buch auch eher als wichtiges kulturkritisches Update angesichts einer allumfassenden Digitalisierung und Vernetzung kulturrevolutionären Ausmaßes verstehen sollte, die nunmehr schlechterdings jeden etwas angehen. Die finstere Anthropologie und polemische Suggestionskraft, die seinem Buch unterlegt sind, treffen auf eine Zeit, die sich aufgrund ihrer Kränkung durch Technik paradoxerweise dezidiert technikoptimistisch geriert. Schirrmachers Fatalismus helfen auch nicht die bisweilen eingestreuten Bemerkungen ab, es handele sich bei seinen Ausführungen keineswegs um ein »Pamphlet gegen Computer«. Derartiges darf man als Captatio Benevolentiae verbuchen, als rhetorische Figur, die um das Wohlwollen des skeptischen Lesers buhlt. Das Herz, das hier schlägt, ist ein lauernd konservatives: Das Menschenbild, wie schon in seinen Büchern zur Überalterung der Gesellschaft und zur Familie, ist ein trauerndes, das Zeitalter des linearen Lesens ist untergehendes Glück, das Papier wertvoller als der Bildschirm.