Friedhof für die Spielhölle: Das Casino wird abgebaut

Das Phantom trägt eine blaue Bulgari-Krawatte, die hoch aufgeschossene Gestalt steckt in einem managerfarbenen Einreiher, sein Händedruck ist kühl und fest. Dirk Jens Nonnenmacher, Vorstandschef der HSH Nordbank und studierter Mediziner, sieht so aus, als müsse er zur Kur. Unter den Augen dominiert das Grau, manchmal zieht er unbewusst die linke Braue hoch. Abgespannt, das trifft es wohl. Nur 48 Stunden zuvor sind zwei seiner Vorstandskollegen vom Aufsichtsrat wegen "Pflichtverletzungen" fristlos entlassen worden. "Natürlich berührt das einen", sagt er und leert ein Glas Wasser in einem Zug. Nonnenmacher selbst ist noch einmal davongekommen. Seit Monaten prasselt die Kritik auf ihn ein, Politiker und Bürger fordern seinen Rücktritt. Doch der oberste Kontrolleur, Hilmar Kopper, vertraut ihm, und nur das zählt für ihn. "Lass sie doch reden", empfiehlt der Exchef der Deutschen Bank manchmal.

Bei aller Kritik, bei allem Stress, Dirk Jens Nonnenmacher, 46, Professor der Mathematik, zwingt sich zur Ruhe. Er nimmt sich Zeit, will erklären, neigt zu Monologen, während derer seine Augen die rotbraun getäfelten Wände des Konferenzzimmers im Hamburger Hauptsitz fixieren. Hinter ihm hängt ein Barometer. Es deutet, wen wundert es, auf ein kolossales Tief. "Ich bin hier, um einen Job zu machen. Meine Person ist da nachrangig", sagt er. "Ich klebe nicht an meinem Stuhl", er wolle aber alles zu einem guten Ende bringen. Der Chef fühlt sich in der Pflicht.

Das Merkwürdige ist: Nonnenmacher darf gelassen sein. Deutschland braucht ihn noch. Obwohl sich Staatsanwälte und zwei Untersuchungsausschüsse für seine Arbeit interessieren, obwohl er für viele Bürger das ganze Elend der deutschen Landesbanken personalisiert.

Sein Gesicht steht für Milliardenverluste, für all die windigen Abzocker, die sich ihr Versagen mit Millionenboni honorieren lassen. "Scheißbanker!" Auf der Mönckebergstraße pöbeln ihn Leute an, von den Medien fühlt er sich regelmäßig verkloppt. Sie titulieren ihn als "Dr. No", ein Inbegriff des Bösen, sie sind erbost über sein beharrliches Schweigen, das ihn, den Verantwortlichen, wie ein Phantom erscheinen lässt. Fast jedes Foto, das es von ihm gibt, ist ein einziger Vorwurf. Er weiß das, doch ihm gefällt seine Frisur. Jene schwarzen, streng nach hinten gegelten Haare, die auf Kragenhöhe in einer Welle etwas nach oben zeigen. Mehr was für Galerien, Klubs oder was auch immer, dieser Schnitt, jedenfalls nichts für ein Bankhaus mitten in Hamburg. Nur gibt es eben kaum noch jemand anderen, der bereit wäre, diesen Karren zu ziehen.

Fiele die HSH Nordbank, könnte sie alle anderen Landesbanken mitreißen, mit ihnen die Sparkassen und das Finanzsystem. Sie einfach zu schließen, auch das verbietet die Sorge um die Stabilität, und so ist es mit jeder Landesbank. Das Schicksal des Landes hängt also auch davon ab, dass Dirk Jens Nonnenmacher sein Haus in den Griff kriegt.

Ähnlich düster ist die Lage in Düsseldorf, in Stuttgart, in München. Überall dort schrammten die Landesbanken in der Zeit seit Ende 2008 nur knapp an der Insolvenz vorbei, rund 20 Milliarden Euro an Kapital und etwa 30 Milliarden Euro an Garantien waren bisher nötig, um Institute zu stützen. Spätestens wenn in den nächsten Tagen der Bund, wie derzeit diskutiert, bei der WestLB einsteigen sollte, ist klar: Die Landesbanken sind das größte finanzielle Risiko der Republik.

Wird die Geschichte der Landesbanken erzählt, geht es fast immer um gierige Banker in den Vorständen und überforderte Kontrolleure in den Aufsichtsräten. Um Hybris, Zockerei und die Nonnenmachers. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Der andere handelt vom Versagen der Politiker – über Jahrzehnte hinweg.

Zentrale Kiel, Ziel Asien. So hatten es die Landesbanker gern

Der Niedergang der Landesbanken ist nicht denkbar ohne die politischen Zwänge und Begehrlichkeiten, die wieder und wieder über die ökonomische Logik siegten. Ohne die Länderchefs, die, wie Heide Simonis einmal zugab, in guten Zeiten "wie besoffen" waren vom Erfolg. Sie trieben ihre Landesbanken zu Wachstum um jeden Preis und können trotz Krise nur schwer von ihnen lassen. Auch die Sparkassen tragen bis heute eine Mitschuld an der Misere. Sie verweigerten den Landesbanken den Zugang zu Kunden in der Heimat und ziehen sich nun zurück, weil sie nicht willens sind, in ihre Schatullen zu greifen.

Wer diese Geschichte erzählt, muss von Menschen berichten, die in Brüssel einst als Cheflobbyisten für die Landesbanken kämpften und sie heute als Politiker attackieren. Vom mächtigen Verbandspräsidenten Rolf Gerlach, der seit Jahren im Hintergrund Einfluss auf das Schicksal der WestLB nimmt. Oder von Torsten Albig, der als Sprecher von Peer Steinbrück das Gezerre um die Landesbanken hautnah erlebte und heute als Oberbürgermeister die Folgen des Desasters jeden Tag in der Kasse spürt. In Kiel. Wo in gewisser Weise alles begann.

Dienstag, der 11. Dezember 1990. Im Landeshaus, einem mächtigen Bau aus der Kaiserzeit mit Paternoster und Blick auf die Kieler Förde, fällt an diesem Tag eine weitreichende Entscheidung. Der Landtag gliedert der Landesbank Kiel eine Wohnungsbauförderanstalt an. Dieser Kniff bringt mehr Eigenkapital – hat aber zwei gravierende Folgen.

Zum einen übernehmen andere Bundesländer, zum Beispiel NRW, die Idee und dopen ihre Landesbanken damit auf Wachstumskurs. Plötzlich ist vieles möglich. In Kiel etwa steigt das Geschäftsvolumen von etwa 45 Milliarden Mark im Jahr 1990 auf 82 Milliarden Euro im Jahr 2000 – rund das Vierfache. Zum anderen weckt der Schritt die Neugier der Wettbewerbshüter in Brüssel. Ihre Kontrolleure halten die Landesbanken von nun an streng unter Beobachtung.