Gespräch mit Brasiliens Präsident Silva »Die reichen Länder reden viel und tun wenig«Seite 4/4

ZEIT: Was genau tun Sie, um die Spiele zu schützen?

Da Silva: Wir müssen unsere Sozialpolitik verbessern. Außerdem haben wir vor einem Jahr die Union Südamerikanischer Staaten (Unasur) gegründet, unter anderem um die Drogenkriminalität zu bekämpfen. Wir müssen Verantwortung übernehmen und bei uns zu Hause Ordnung schaffen. Wir brauchen dabei auch die USA, aber die sollten keine Militärbasis in Kolumbien errichten, sondern sich um ihre Drogenkonsumenten kümmern, genauso wie die Europäer. Wir wollen aber niemandem die Schuld zuschieben, wir Südamerikaner übernehmen Verantwortung.

ZEIT: Brasilien setzt sich bei den Klimaverhandlungen entschieden für den Klimaschutz ein. Wie passt dazu, dass Ihre Regierung bisher das Abbrennen des Regenwaldes nicht gestoppt hat?

Da Silva: Am 23. September habe ich vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen erklärt, dass wir bis 2020 die Brandrodung im Amazonas um 80 Prozent verringern werden. Und tatsächlich: Im vergangenen Jahr wurden noch 12500 Quadratkilometer Urwald abgebrannt, in diesem Jahr nur 7000. Wir leisten ernsthafte Arbeit. Nach Kopenhagen gehen wir mit dem ehrgeizigen Versprechen, unseren CO₂-Ausstoß zu verringern. Auch durch Innovationen wie die »grüne« Stahlproduktion, bei der die Hitze der Schmelzöfen aus pflanzlicher Kohle erzeugt wird. Unterm Strich verpflichtet sich Brasilien dazu, dass seine CO₂-Emissionen im Jahr 2020 um 36 bis 39 Prozent niedriger liegen werden, als bisher vorhergesagt.

ZEIT: Schaffen Sie das denn?

Da Silva: Das ist ein sehr mutiges Ziel und ein Ansporn für die reichen Länder. Die reden nämlich eine Menge, tun aber wenig. Wir müssen verhindern, dass die USA China die Schuld zuschieben und umgekehrt – gemeinsam nutzen das beide, um sich aus der Verantwortung zu stehlen. Ich werde nach Kopenhagen gehen und sagen: Brasilien tut seinen Teil. Und ich will wissen, ob meine gute Freundin Angela Merkel, ob Gordon Brown und meine europäischen Freunde das auch tun. Wir können gemeinsam Druck auf China und die USA ausüben. Wir wollen keine Wiederholung von Kyoto.

Das Gespräch führten Thomas Fischermann und Angela Köckritz

 
Leser-Kommentare
  1. Hätte jedes Land einen Präsidenten wie Lula, dann wäre unsere Welt ein besserer Ort. Er ist kein Politiker, er ist ein Staatsmann.

    • Midway
    • 22.11.2009 um 22:07 Uhr
    2. Hut ab

    Diesem Mann gebührt alle Ehre!
    Er zeigt, dass man Wirtschaft und Umwelt miteinander verknüpfen kann.

    Dass dies im Land der Dichter und Denker noch nicht geschehen ist, ist beschämend!

    • maddus
    • 24.11.2009 um 16:59 Uhr

    "Deswegen wollen wir auch die Doha-Verhandlungen für einen freieren Welthandel zu einem Abschluss bringen, damit es künftig einen größeren Markt für Produkte aus Afrika gibt."
    Was der Präsident meint ist: wir wollen einen größeren Markt für Produkte aus Brasilien. Afrikaner werden sich kaum über einen freieren Welthandel freuen, da sie auf Grund von EU-Subventionen nicht konkurrenzfähig sind und deshalb kaum genug Agrarprodukte für den eigenen Markt herstellen.

  2. Allerdings hat Lulas Plan mit dem Klimaschutzübereinkommen in Kopenhagen (letzter Absatz des Artikels) offenbar nicht geklappt.
    Seine Europäischen Freunde waren bei den Abschlussberatungen, die zum unverbindlichen Copenhagen Accord führten, nicht dabei. Sie waren ausgebootet worden und durften den Alleingang der Accord-Urheber zum Schluß nur noch zur Kenntnis nehmen.
    Bemerkenswert ist, dass neben China, Indien, Südafrika und zufällig (?) auch den USA auch Brasilien mit an jenem Tisch saß!

  3. Die von Lula genannte "grüne" Stahlproduktion mit Hilfe von pflanzlicher Kohle ist unterm Strich nichts anderes als Holzkohle, die durch die Abholzung des Regenwaldes hergestellt wird.
    Wie ökologisch der ganze Vorgang am Ende dann wirklich ist, bleibt dem Betrachter wohl selbst überlassen.

    Die Ironie des Ganzen ist allerdings, dass Brasilien aus wirtschaftlichen sowie mir bis zu diesem Interview nicht bekannten "ökologischen" Gründen, die Holzkohlengewinnung vorzieht, obwohl das Land über große Steinkohlenreserven verfügt.

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