Skulpturenmuseum Marl Ein Projekt der Demokratie
Der ZEIT-Museumsführer (29): Skulpturenmuseum Glaskasten in Marl
© Skulpturenmuseum Glaskasten Marl

Das Skulpturenmuseum "Glaskasten" in Marl
Sie bevölkern die Fußgängerwege der Innenstadt, ruhen gravitätisch auf Grünanlagen oder machen auf Plätzen beredt auf sich aufmerksam: gestapelte Blöcke aus Corten-Stahl von Richard Serra, das Maschinenungeheuer La Tortura von Wolf Vostell oder verschlungene Wülste aus silbrigem Chromnickelstahl am Rathausplatz von Brigitte und Martin Matschinsky-Denninghoff. Von der Anhöhe grüßt ein zerbrechlicher Orpheus von Ossip Zadkine, während Das ruhende Blatt von Hans Arp das Ufer des City-Sees verzaubert und drüben auf der Insel zwei buntscheckige Kühe des Schweizers Samuel Buhri weiden. Hier in Marl wird die Kunst nicht wie üblich hinter ehrwürdigen Fassaden aufbewahrt. In dieser Stadt im nördlichen Ruhrgebiet, erst in den 1930er Jahren gegründet, liegen oder eben stehen die Dinge anders. Hier hat man 1982 eine Art Freilichtmuseum begründet: Rund 100 Großskulpturen haben seither weite Teile der Stadt erobert.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild
Das Gravitationszentrum des Parcours ist allerdings doch ein Gebäude. Oder genauer: ein einzelner, von Glas umhüllter, durch und durch nüchterner Raum von eher beschränkten Ausmaßen, der ehemals als Reisebüro genutzt wurde und sich nun unter dem gewaltigen Sitzungstrakt des neuen Rathauses der holländischen Architekten van den Broek und Bakema fast versteckt. In Marl führt der Gang aufs Rathaus über die Kunst, und der Weg zur Kunst endet auf dem Amt.
In einer Art Kabinettausstellung bietet der Glaskasten eine schmale, filigrane, aber hochklassige Einführung in die Skulptur der Moderne. In ihrer Mitte steht, von maskenhafter Eleganz, der scharf geschnittene Messingkopf von Rudolf Belling, der 1937 in der Ausstellung Entartete Kunst in München gezeigt wurde. Ihm zur Seite steht die Scheibenskulptur Torse de femme von Alberto Giacometti, ferner ein melancholisches Antlitz von Wilhelm Lehmbruck, eine Skulptur von Archipenko, ein Kopf in organisch-fließenden Formen von Henri Laurens. Es sind ausgesuchte Einzelstücke, die spätere Stilentwicklungen andeuten.
Die didaktische Linie wird weitergeführt mit abstrakt-figürlichen Gegenüberstellungen etwa von Norbert Kricke. Später hinzugekommen sind Lichtkunstarbeiten, darunter eine Farbraumkabine von James Turrell, außerdem Klangkunstinstallationen. Beides sind sozusagen Marler Spezialitäten, die sich Ankäufen in Anschluss an die Preisverleihungen zum deutschen Videokunstpreis und zum deutschen Klangkunstpreis verdanken.
Begonnen hat das Marler Skulpturenprojekt mit einer Empfehlung von Altbundespräsident Theodor Heuss aus den frühen 1950er Jahren. Er schlug vor, zwei Prozent der Kosten für öffentliche Bauten für Kunst auszugeben. Daran hielt man im Stadtrat von Marl lange Zeit konsequent fest. Man erwarb vor allem zeitgenössische Großskulpturen und machte derart aus der städtebaulichen Tabularasa-Situation eine Tugend. 1970 und 1972 gab es hier zwei bundesweit beachtete Ausstellungen unter dem Titel Stadt und Skulptur, die die locker bebaute »Industriestadt im Grünen« erstmals nach einem kuratorischen Plan zum Kunstort entwickelten. Fest glaubte die Stadt an die segensreiche Zusammenführung von Kunst und Öffentlichkeit, von Kunst und Alltag. Hier setzte man noch früher als die große Skulpturenschau in Münster das demokratische Projekt der Kunst im öffentlichen Raum in voller Breite um – und musste so manche Breitseite gegen die Moderne hinnehmen. Zum Beispiel wurde um die Aufstellung einer Serra-Skulptur 1979 ein heftiger ideologischer Streit geführt, dessen Schärfe heute kaum noch zu verstehen ist.
So ist denn das Marler Skulpturenmuseum auch ein Ort, der wie kaum ein zweiter in Deutschland die Entwicklungslinien der modernen Plastik nachvollziehbar macht von der Avantgarde der Jahrhundertwende bis zur Gegenwart in ihren raum- und vor allem stadtraumbildenden Bezügen. Dieser Entwicklung einer räumlichen Ausweitung folgend, begegnet man hier der Kunst einschließlich ihrer gesellschaftlichen Ambitionen. Gerade aber weil die Werke nicht in lieblichen Landschaften dargeboten werden, sondern oft genug in harten, urbanen Räumen, müsste das eine oder andere dringend erneuert werden. Nicht zuletzt gilt das auch für den Glaskasten selbst, der schon seit Längerem auf eine Renovierung wartet und mehr Platz braucht. Und so hofft man in der Stadt – wenn denn der Aktivismus des Kulturhauptstadtjahres 2010 im Ruhrgebiet vorbei ist – auf tatkräftige Unterstützung des Landes für einen Erweiterungsbau.
- Datum 23.11.2009 - 15:52 Uhr
- Serie ZEIT-Museumsführer
- Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren