Warum ständig und überall Stöpsel? Am 21. November sollen die iPods zu Hause bleiben

Wenn uns der subjektive Eindruck aus Café, Supermarkt und zur Startbahn rollendem Flugzeug nicht täuscht, hat die öffentliche Zwangsbeschallung mit Musik in den vergangenen Jahren sogar etwas abgenommen. Aber die Selbstberieselung ist an ihre Stelle getreten: kaum noch jemand ohne Stöpsel in Bus und Bahn, auf dem Fahrrad, beim Joggen. Es sind nicht mehr die anderen, die einen volldröhnen; man ist es selbst.

Der 21. November gibt Gelegenheit zum Innehalten: Es ist der No Music Day, im fünften Jahr ausgerufen vom englischen Ex-Popmusiker Bill Drummond, 2009 unterstützt von der Europäischen Kulturhauptstadt Linz. Der Plan: "Im Radio läuft keine Musik. iPods werden zu Hause gelassen. Filme werden keinen Soundtrack haben. Blaskapellen-Proben werden verschoben. Plattenläden werden geschlossen sein. Und auch du wirst dich nicht im Geringsten am Musikmachen oder Musikhören beteiligen."

Von der arg vertraulichen Anrede abgesehen – wär’s nicht einen Versuch wert?

Musik hat sich bis in die letzten Winkel des Alltags ausgedehnt. Der MP3-Player – was für ein Wort! – ist jetzt immer dabei, in Spezialhülle selbst im Schwimmbecken. Er lässt die Tonspur des eigenen Lebens unter Wasser nicht abreißen, erschwert allerdings das Abtauchen. Ging es bei konservierter Musik vor Jahrzehnten noch um die wirklichkeitsnahe Wiedergabe, ist nun Mobilität das Ideal: Ton to go. In der speicherplatzsparenden Kompression der "Musikdateien" steckt allerdings auch eine Zeit- und Geldkompression. Immer mehr hören an immer mehr Orten zu jeder Zeit für immer weniger Geld: Wo soll das eigentlich hinführen?

Schon jetzt verlangen Lehrer von ihren Schülern, wenigstens bei Klassenfahrten die Abspielgeräte zu Hause zu lassen, damit sie sich auf die gemeinsame Gegenwart, zu der auch das Gehörte zählt, einlassen.

Warum ständig und überall Stöpsel? Wenn es nicht um die Weltabgewandtheit geht, dann um die Wirkverstärkung des eigenen Erlebens. Der Alltag genügt nicht mehr, es muss noch eins drauf – aber zugleich haben Meditationsangebote Zulauf, die nervösen Zeitgenossen das Abschalten nahebringen sollen: auf die inneren Regungen hören und wieder "achtsam" werden für Signale, die nicht aus Geräten kommen.

Handelt es sich bei der Musikausbreitung möglicherweise um eine Suchtverschiebung: vom unablässigen Rauchen (schädlich und zunehmend erschwert) zum fortwährenden Hören (dessen Risiken und Nebenwirkungen noch zu bestimmen wären)?

Nach Konzerten wird das Publikum, das eben noch andächtig lauschte, mit Musik "vom Band" aus dem Saal getrieben. Musik schlägt Musik. So weit ist es schon.

Bitte damit aufhören! Und am 22. November Cäcilia feiern, die Schutzpatronin der Musik, es ist ihr Tag.