Medien Der Beschützer

Das ZDF kann sich keinen besseren Intendanten wünschen als Markus Schächter. Aber dass er den Sender in die politische Unabhängigkeit führt, sollte niemand erwarten

Zu seinem 60. Geburtstag hat Markus Schächter eine Puppe bekommen. Ein paar Tage später liegt sie noch in der Plastikverpackung auf einem Tisch in seinem Büro. Die Puppe im Barbieformat hat graue Haare, einen grauen Backenbart, sie trägt einen grauen Anzug und eine Krawatte in ZDF-Orange, wie Schächter sie gern zu besonderen Anlässen umbindet. Er nimmt sein Ebenbild in die Hand. Ganz gut getroffen, findet er. Bis auf eins: »Wenn ich etwas nicht habe, dann eine aufrechte Figur.« Er sagt das ganz arglos.

Es sind nur noch zwei Tage, bis man weiß, ob dieser Markus Schächter den aufrechten Gang beherrscht. Ob er sich von der Politik vorschreiben lässt, wen er zum Chefredakteur seines Hauses bestellt. Im Grunde geht es darum, wie viel Staat im ZDF-Fernsehen steckt.

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Der Verwaltungsrat des ZDF hätte bereits im März den Vertrag von Chefredakteur Nikolaus Brender verlängern sollen, und das ist nicht irgendeine Personalie. Die politische Redaktion des ZDF ist eine publizistische Instanz im Land. Jeden Abend schauen Millionen Menschen heute und das heute-journal , weil sie dem Sender vertrauen. Seiner Unabhängigkeit. Doch als sei es das Natürlichste von der Welt, hatte der hessische Ministerpräsident Roland Koch, stellvertretender Vorsitzender des ZDF-Verwaltungsrats, in einem Interview mit der FAZ recht unverblümt angekündigt, Brender müsse weg. Darauf hatte Schächter die Abstimmung bis Ende November vertagen lassen.

Er kennt die Bedeutung des Falls. Er weiß, dass es hier um die politische Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland geht. Er weiß, dass er ein Risiko eingehen muss.

Aber Schächter ist ein Mann von der taktischen Sorte. Er denkt über alles lieber dreimal nach, bevor er sich einmal festlegt.

Fragt man den Intendanten nach seiner Taktik im Fall Brender, wird seine Haltung starr, seine Augen fixieren sein Gegenüber, er blinzelt dann nicht einmal. Nur seine Sprache verrät ihn. Schächter tastet sich durch seine Sätze, verliert sich im Dickicht von Haupt- und Nebensätzen. Manchmal bringt er sie nicht zu einem verständlichen Ende. Er will nichts sagen, was seine Ausgangslage verschlechtern könnte.

Er müsste jetzt den Rebellen, vielleicht sogar den Helden spielen

Zu ein paar Aussagen kann er sich durchringen. Ja, er wird zu Brender stehen, er bleibt sein Kandidat. Und nein, im Fall einer sehr wahrscheinlichen Niederlage im CDU-dominierten Verwaltungsrat will er nicht das Verwaltungsgericht anrufen und die Sache nicht bis zur letzten Instanz, dem Verfassungsgericht in Karlsruhe, vorantreiben. Genau das wird ihm nahegelegt, wenn über den Fall berichtet wird. Er nennt das eine typische journalistische Übertreibung.

Schächter weiß, der Streit mit den Gremien könnte sich jahrelang hinziehen (siehe Kasten). Fernseh- und Verwaltungsrat entscheiden über seinen Haushaltsplan, über neue Projekte des ZDF und dürfen bei der Besetzung wichtiger Posten mitreden. Sie regeln seinen Alltag.

Es gibt aber noch eine tiefere Wahrheit: Schächter braucht die Politik als Schutzschild. Solange die Ministerpräsidenten den Sender als den ihren betrachten, wird ihm nichts geschehen. Mehr noch, das ZDF kann sogar wachsen. Schächter hat früh erkannt, dass das ZDF als Einkanalsender im öffentlich-rechtlichen System womöglich überflüssig werden könnte. Wenn der Sektor schrumpfen müsste, ließe sich das ZDF schneller zumachen als die ARD mit ihren vielen Länderanstalten.

Er hat für sein Haus einiges erreicht. Erst am 1. November ging der Digitalkanal ZDFneo an den Start, mit jährlichen Kosten von 30 Millionen Euro. Neo kommt dem nahe, was Schächter sich kurz nach seinem Antritt noch traute, laut auszusprechen: Er wolle ein ZDF II. Hätte Schächter zusätzliche Gebührengelder dafür verlangt, er hätte sie nicht bekommen. Also sparte er, bis er das ZDF schuldenfrei und das Geld beisammenhatte. Trotzdem war manch einem Fernsehrat unwohl bei dem Gedanken, dass das ZDF sich zur Senderfamilie auswächst.

Sie ließen sich überzeugen, auch weil ZDFneo in Schächters großen Plan fürs digitale Zeitalter passt. Wie kaum ein anderer in seiner Branche hat der Intendant früh die digitale Welt erobert. Erst setzte er die Mediathek mit Fernsehen auf Abruf im Internet durch. Jetzt will er mit dem digitalen Kanal mehr junge Zuschauer erreichen. Die fehlen dem gern als »Kukident-Sender« verspotteten Haus mit seinem durchschnittlich 60 Jahre alten Zuschauer sehr.

So sichert Schächter das ZDF ab, und es ist ihm in den acht Jahren als Intendant besser gelungen, als man ihm es zugetraut hatte. Das will er sich nicht kaputt machen lassen.

Aber jetzt geht es um mehr als das ZDF, es geht um eine Grundsatzentscheidung im System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Es sind die wichtigsten Wochen seiner Amtszeit. Er müsste jetzt den Rebellen, vielleicht sogar den Helden spielen.

»Ich bin von einer Art, die eher das Gemeinsame sucht, und wenn es gefunden wird, bin ich der, der am meisten glücklich drüber ist«, sagt er über sich. Und legt gleichzeitig Wert darauf, dass er härter wurde mit den Jahren. »Ich hab gelernt hier, dass ich Handkante habe und Handkante haben muss.« Bei ihm denkt man dabei allerdings eher an den Knick im Sofakissen als an knallharte Entscheidungen.

Die große Bühne, der öffentliche Streit, das ist nicht seins. Vertraute litten vor allem in den ersten Jahren manches Mal mit ihm, wenn Auftritte in der Öffentlichkeit zu absolvieren waren. »Er hat nicht dieses typische Alphatiergehabe, dieses ›Mir kann keiner was‹«, sagt einer, der ihn gut kennt, das sei die Kehrseite seiner positiven Eigenschaften, dass er kritikfähig ist, Kompromisse sucht.

Ganz anders sein Chefredakteur, der zur Zielscheibe der CDU geworden ist. Am zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls, zu dem das ZDF die Feierlichkeiten überträgt, begegnen sich Nikolaus Brender und Markus Schächter zufällig in der Lobby des Westin Grand Berlin. Brender, wehender Mantel, dunkle, volle Haare, Schnauzbart, ein Haudegen, ein massiver Mann, den so leicht nichts umwerfen kann. Schächter ist einen Kopf kleiner, er trägt einen grauen Anzug und die Lieblingskrawatte in ZDF-Orange. Er versucht sich im Smalltalk. »Ah, gerade hab ich was über Sie gelesen, und da sind Sie schon«, sagt er zu Brender. Der Chef des Deutschen Journalisten-Verbands hat dem ZDF-Chefredakteur die Solidarität ausgesprochen, wie so viele in den vergangenen Monaten.

Schächter und Brender gehen höflich miteinander um. Freunde sind sie nicht. Vielleicht hat es Brender ein wenig überrascht, dass ihm sein Chef bislang so zur Seite stand. »Er gerät in eine schwierigere Situation als ich«, sagt Brender. Das nötigt ihm Respekt ab.

Brender selbst geht keinem Konflikt aus dem Weg, das war im Fernsehen vor vier Jahren in der legendären Elefantenrunde zu betrachten, als er sich mit einem testosterongeladenen Gerhard Schröder zankte. Als Koch ihm jetzt vorwarf, das heute-journal habe schlechtere Quoten als die RTL-Nachrichtensendungen, ging Brender mit einem Interview in die Offensive, rechnete vor, warum das nicht stimme, und gab Nachhilfe in Sachen öffentlich-rechtlicher Auftrag.

Am Montag Emmy in Los Angeles, am Freitag Reifeprüfung beim ZDF

Wenn einer wie Brender Intendant wäre, hätte er die Sache vielleicht genutzt, um sie zu einem heroischen Kampf für die in der Verfassung verlangte Unabhängigkeit des Rundfunks von der Politik zu machen. Der amtierende Intendant hingegen macht den Eindruck, dass er diesen Kampf so dringend braucht wie Pickel. Aber Schächter wäre nicht Schächter, wenn er nicht auch aus dieser Situation versuchen würde, Profit zu schlagen – fürs ZDF. Vielleicht schafft er es am Ende, eine Bestandssicherung für das ZDF zu bekommen. Oder zumindest, einen Kompromiss auszuhandeln. Es heißt, im Verwaltungsrat könnte sich eine Mehrheit finden, Brenders Vertrag für ein Jahr zu verlängern.

Der Hof ist am Ende wichtiger als der Bauer. Schächter hat die Formulierung am Morgen gelesen, und sie hat ihm offenbar gefallen. Sie passt tatsächlich zu ihm. Denn für das ZDF könnte es derzeit keinen besseren Beschützer geben.

Am Abend des 9. November nach den Mauerfeierlichkeiten hat der Intendant kalte Füße bekommen. Er hält sie vor jedes verfügbare Heizgerät, aber es hilft nichts. Hunger hat er auch, also geht es um halb zehn noch ins Borchardt, Füße aufwärmen und Schnitzel essen im Berliner Promitreff.

Wenig später kommt Thomas Steg hinzu, der ehemalige SPD-Regierungssprecher. Schächter redet in diesen Tagen viel mit Menschen aus der Politik, um auszuloten, was geht. Wenn er mit Steg spricht, hält er die linke Hand vor den Mund. Auch Steg verdeckt seine Lippen. Niemand soll verstehen, was die beiden bereden.

Steg ist das, was man einen Spindoktor nennt, er gibt den Nachrichten einen Dreh, seinen Dreh. Auch für Schächters Fall hat er ein Konzept. Markus Schächter jedenfalls ist entschlossen, bis zum Freitag, den 27. November an seinem Kandidaten festzuhalten. Vorher einzuknicken würde dem Sender mehr schaden als diese Niederlage, das weiß er.

Dass er so denkt, darf nicht verwundern. Schächter ist Teil des Systems. Für seinen Job war er nicht die erste Wahl, sondern die fünfte. Vor acht Jahren waren vier hochkarätige Kandidaten im Fernsehrat diskutiert und dann dem Parteienproporz geopfert worden. Auch für Schächter reichte es nur knapp, zehn Mitglieder waren der Abstimmung ferngeblieben. Schächter war der »Kompromisskandidat«, der »kleinste gemeinsame Nenner«. Das Netteste, was man nach seiner Ernennung zum ZDF-Intendanten über ihn lesen konnte, war, dass der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck ihn eine »vertretbare Lösung« nannte.

Er sei nicht beleidigt gewesen, er sei doch vom Organ gewählt worden, sagt er heute. »Aber die damalige Geschichte wurde ja geheilt, in dem man beim zweiten Mal gesagt hat, dem trauen wir das zu, dass er das kann.« Drei Jahre später gab es nur eine Gegenstimme. Die nächste Wahl ist 2010.

Während er im Borchardt mit Thomas Steg auf der einen Seite des Tisches die große Rundfunkpolitik diskutiert, sitzen auf der anderen Seite Gottschalk und Boris Becker und erörtern für dessen Gattin Lilly auf Englisch, ob Gottschalk oder sein Freund Jauch »the biggest TV-Guy in Germany« ist. Es ist ein bisschen so wie sonst auf der Wetten, dass…? -Couch – nur ohne Kameras.

Schächter ist das fünfte von sechs Kindern, sein Vater arbeitete als Lagerist in einer Schuhfabrik. Aus dem pfälzischen Hauenstein, dem größten Schuhdorf Deutschlands, hat er es bis nach ganz oben geschafft. Auf dem Lerchenberg wurde er schnell Chef der Kinder- und Jugendredaktion, dann Leiter der Planungsredaktion, Programmdirektor.

Auch wenn die bunte Glitzerwelt nicht so seine sei, sagt er später in die kühle Novemberluft vorm Borchardt, ab und an betrachte er sie sich doch ganz gern aus der Nähe. Er fühlt einen Schnupfen heranziehen wegen der kalten Füße. Zur Abwehr des Infekts nimmt er noch zwei Williams Birne an der Hotelbar. Es waren keine leichten Wochen und Monate. »Das geht schon an die Nieren«, sagt er nach dem ersten Williams. Oft wacht er in diesen Tagen morgens um vier auf. Das sind die Momente, in denen er sich allein fühlt mit der Last des Amtes.

Es wird halb eins. Schächters Flieger geht um sieben raus nach Frankfurt, um zehn Uhr soll er einen Vortrag beim Mainzer Mediendisput halten. In 28 Jahren ZDF war er noch keinen Tag krankgemeldet, sagt er. Er will jetzt noch mal richtig kalt duschen und dann unter die warme Bettdecke.

 
Leser-Kommentare
  1. Herr Koch war sich noch nie für irgend eine "Schweinerei" zu
    zu schade, Juden Erbschaften, Ausländische Jugendkriminalität etc.
    Herr Berlusconi scheint bei alle die 1,65 nicht überschreiten Schule zu machen, leider ist Herr Schächter
    nicht der Man der Ihm Paroli bieten kann, und so werden wir wiedermal ein Stücke Professionalität in der politische Berichterstattung verliern.

    • CM
    • 25.11.2009 um 20:22 Uhr

    Campact hat gestern eine Online-Unterschriftenaktion für Brender gestartet, unterstützt von zahlreichen bekannten Journalisten aller politischen Couleur.

    Eben habe ich nochmal nachgesehen: bisher haben 27.000 Leute unterschrieben, an einem Tag. Unsere Pressefreiheit ist vielen tatsächlich doch noch ein wichtiges Gut.

    Ich hoffe, den Moderatoren der ZEIT ist es recht, wenn ich hier die Adresse nenne:

    http://www.campact.de/eil...

    • fyp
    • 05.12.2009 um 13:38 Uhr

    Ich werde meine GEZ Zahlungen einstellen.
    Ich bin doch nicht bereit einen Kabel1 Abklatsch zu finanzieren.
    Und gebe dem ZDF keine zehn Jahre mehr. Und der Tag wird gefeiert werden wenn abgeschaltet wird!

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