Mehrgenerationenhäuser Im öffentlichen Wohnzimmer

Das Mehrgenerationenhaus in Salzgitter vereint Kinderbetreuung und Altenpflege unter einem Dach. Das Modellprojekt gilt als Vorbild für zahlreiche ähnliche Einrichtungen.

Ein Modell für das Leben unter einem Dach: Im SOS-Mütterzentrum in Salzgitter leben ganz alt und ganz jung nicht nur neben-, sondern auch miteinander

Ein Modell für das Leben unter einem Dach: Im SOS-Mütterzentrum in Salzgitter leben ganz alt und ganz jung nicht nur neben-, sondern auch miteinander

Erst die Sache mit dem Zucker brachte die Doppelkopfrunde in Wallung. Solange die Kinder nur mit Rollern durch den Begegnungsraum rauschten, sagten die vier älteren Damen nichts. Auch als ein Flitzer einen ihrer Stühle streifte, setzte es nur missbilligende Blicke. Doch als der fünfjährige Leon unterm Tisch den Inhalt einer Zuckerdose in aller Ruhe zwischen ihren Füßen verteilte, wurde es den Seniorinnen zu bunt. So kann das nicht hier weitergehen! Die Kids wurden zur Ordnung gerufen, Betreuer achteten darauf, dass sie das Kartenspiel am Dienstag in den folgenden Wochen nicht mehr störten.

Das Ereignis im SOS-Mütterzentrum von Salzgitter liegt schon Jahre zurück, dennoch ist der Streich in Erinnerung geblieben – als Ausnahme. »Normalerweise lösen sich hier solche Konflikte zwischen den Generationen von selbst«, sagt Hildegard Schooß. Sie ist Gründerin des Mütterzentrums, das schon seit den 1990er Jahren besteht: Anfangs war es nur ein Raum, in dem sich tagsüber eine Handvoll Senioren, Eltern und Kinder traf. Man lernte sich kennen, wer einen Termin hatte, gab seine Kinder einfach im Mütterzentrum ab.

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Schon nach kurzer Zeit reichte der Raum nicht mehr aus, 2000 bezog man einen Neubau, hell und weitläufig, mehr als hundert Räume auf 2500 Quadratmetern Fläche. Wer kam, kehrte zurück, brachte Freunde und Bekannte mit. Keiner wohnte hier, aber bald verbrachten täglich fast 200 Menschen ihre Zeit in der wohnlichen Einrichtung. Als das Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser des Bundesfamilienministeriums wenige Jahre später ins Leben gerufen wurde (siehe Kasten), diente das Mütterzentrum als Modell.

Erste ausgewählte Einrichtungen förderte das Ministerium 2006, heute ist das Mütterzentrum eines von deutschlandweit mehr als 500 unterstützten Mehrgenerationenhäusern. Offiziell ist die Förderung von insgesamt 100 Millionen Euro bis 2011 befristet, aber trotz des klammen Haushalts will die neue Bundesregierung weiter in solche Zentren investieren. »Sie haben sich nicht nur als soziales und integratives Element bewährt. Mehr als hundert Häuser widmen sich inzwischen sogar auch der Betreuung Demenzkranker – und unterstützen so die Pflege«, erklärt Marc Kinert vom Bundesfamilienministerium. Es sollte ja auch von Anfang an um mehr gehen als die Begegnung aller Altersgruppen, vom wenige Monate alten Baby bis zur 96-jährigen Urgroßmutter.

Der Zusammenhalt der traditionellen Großfamilie mit vielen Geschwistern, Vettern und Cousinen ist vielerorts verschwunden; nach der Geburt eines Kindes beginnen beide Eltern meist rasch wieder zu arbeiten, die Angebote zur Kinderbetreuung jedoch reichen ebenso wenig aus wie die zur Altenpflege - es sind die großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit, denen man sich in den Einrichtungen unmittelbar vor Ort stellen möchte. Inzwischen hat das weiträumige Gebäude in Salzgitter täglich mehr als 300 Besucher.

Norbert Kaminsky, 74, betritt die Welt der Kleinen mit drei Büchern von Astrid Lindgren in der Hand. Rasch scharen sich junge Zuhörer um ihn. Marie-Louise Weber verfolgt vom Nebenraum aus, wie er den Kindern vorliest. Seit fast acht Jahren kommt die 75-Jährige regelmäßig aus dem mehr als 15 Kilometer entfernten Hildesheim hierher, in letzter Zeit noch häufiger: Im vergangenen Dezember ist ihr Mann gestorben. Für eine Mitarbeiterin des Zentrums, die in Hildesheim wohnt, war es selbstverständlich, dass sie die Witwe mitnimmt. »Es ist wie in einer großen Familie«, schwärmt Weber. Nach dem Tod ihres Mannes kümmerten sich viele um sie, die sie vom Mütterzentrum kannte.

Für Hildegard Schooß ist das ein typisches Beispiel dafür, wie das Projekt »Mehrwert« produziert – der sich allerdings kaum in Zahlen fassen lässt. Daher war das Konzept von Mehrgenerationenhäusern lange umstritten. »Krabbelstuben für Senioren«, höhnten Kritiker, als Ursula von der Leyen, damals Sozialministerin von Niedersachsen, lokal die ersten Einrichtungen förderte. Gegen heftigen Widerstand brachte sie verstreute, weitgehend isoliert agierende Kindergruppen, Jugendtreffs, Mütterzentren, Altenbegegnungsstätten und Beratungsstellen unter ein Dach. »Die alte Dame fragt den Schüler Englischvokabeln ab, dafür erklärt er ihr das Handy«, lautete von der Leyens Vision.

Leser-Kommentare
    • otto_B
    • 25.11.2009 um 8:36 Uhr

    Über die Konflikte in der archaischen dörflichen und großfamiliären Gesellschaft ist genug Papier beschrieben, und Zelluloid befilmt worden. Die "Stadt" wurde dann ja i.d.R. als das Element des Fortschrittes dargestellt, aus der "Freiheit" kann nun aber, wie man gemerkt hat, auch Beziehungslosikeit werden. Hat die bäuerlich-dörfliche Großfamilie auch etwas mit vererbbaren Besitz (.....Produktivvermögen.....) zu tun? In der städtischen Gesellschaft fällt dieser Generationenkitt nun weg, man ist allseits frei.
    Den Bedeutungsverlust der klassischen Großfamilie mal unhinterfragt vorausgesetzt, ist das hier ein interessantes Konzept allemale.
    ......Die Beteiligung der Großeltern an der Kinderaufzucht, wird das von den Evolutionsbiologen nicht als der Sinn des Klimakteriums beschrieben, und als wesentlicher Teil des Erfolges unserer Art? Insofern hätte sich die städtische Gesellschaft mit Rentnern auf der Kaffeefahrt einerseits, und gestreßten Jungfamilien andererseits, jeweils isoliert, tatsächlich in eine Krise manövriert.

  1. .. ist zu beschäftigt, sich mit der völlig miserablen Umsetzung des Bologna-Prozesses und den, die Selektionsmaschinerie befeuernden, Studiengebühren rumzuschlagen. Somit bereitet er, während im Mehrgenerationenhaus fröhlich gemauschelt wird, gerade ein Haufen Hausarbeiten, Essays, Referate und sonstige Studien- und Prüfungsleistungen vor, nimmt an der überbordenden Zahl seiner anwesenheitspflichtigen Veranstaltungen teil und versucht nebenbei noch seinen Unterhalt Studium zu finanzieren.

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