"Oft sind die Begegnungen ein Gewinn für beide"
Kaminsky ist einer von 80 Freiwilligen, die sich neben 35 fest angestellten Mitarbeitern im Mütterzentrum engagieren. »Es gibt mir ein gutes Gefühl, gebraucht zu werden«, sagt er. Bei den Freiwilligen geht es weniger um fachliche als um soziale Kompetenz. Unter ihnen sind Rentner und Jugendliche, Gutsituierte ebenso wie soziale Problemfälle, die hier neuen Halt finden. So kam beispielsweise ein Mädchen aus der Nachbarschaft ins Zentrum, mit schlechtem Schulabschluss und ohne berufliche Perspektive. Sie arbeitete ein Jahr hier in der Küche. Inzwischen macht sie eine Ausbildung zur Köchin.
Eine »Ladenstraße« hilft bei der Finanzierung des Hauses. Ein balkonartiger, verglaster Gang im ersten Stock schmiegt sich an die Breitseite des Gebäudes, eine Passage im Haus. Friseur, Wellnesszentrum, Wäscherei, alle Geschäfte und Dienstleister hier arbeiten auf eigene Rechnung, aber sie zahlen Miete. Auch das Jugendamt trägt zur Finanzierung bei, es übernimmt einen Teil der Kosten für die Kindertagesstätte.
Geld fließt auch von der Pflegeversicherung. Denn im ersten Stock des Hauses wird in altengerechten Gästezimmern das geleistet, was das Bundesfamilienministerium verstärkt fördern will: Bis zu 16 Menschen, oft dement, können inzwischen sogar über Nacht bleiben, betreut von festangestellten Pflegekräften. Wenn die Kinder oder Enkelkinder mal in den Urlaub fahren, können sie ihren auf Hilfe angewiesenen Opa hier unterbringen. Manchmal bringen Demente den Kindern alte Volkslieder bei. »Kleine Kinder haben weniger Berührungsängste. Oft sind die Begegnungen ein Gewinn für beide«, sagt Schooß.
Lässt sich das Konzept von Salzgitter auf ganz Deutschland übertragen? Einen so deutlichen Erfolg wie hier kann das Aktionsprogramm bisher nur in wenigen anderen Städten vorweisen. Positive Entwicklungen sind zwar vielerorts zu beobachten, doch mit der Situation im Musterprojekt kaum zu vergleichen. In Salzgitter hilft die finanzielle Vernetzung allein schon gut über die Runden. Zudem stützt als Träger der SOS-Kinderdorf-Verein, der früh in das Projekt eingestiegen ist. Die meisten anderen der 500 Mehrgenerationenhäuser hingegen sind ganz auf staatliche Förderung angewiesen.
Etliche Einrichtungen sind selbst in ihrer Umgebung noch weitgehend unbekannt. Auch ihre Architektur, Lage und Vergangenheit können einen Erfolg verhindern. So liegt etwa das Haus in Halle in einem sozialen Brennpunkt. Früher diente es in einer Plattenbausiedlung als Jugendzentrum – so wird es von vielen heute noch wahrgenommen.
In Salzgitter ist man indes erneut Vorreiter: Man hat in einem benachbarten Haus 14 Wohneinheiten angemietet, um sich vor Ort stärker zu vernetzen. Dort leben Familien und Einzelpersonen allen Alters, die meisten engagieren sich wie erhofft im Mütterzentrum. Nur ein Student erscheint fast nie. Aber es ist ja alles freiwillig.
- Datum 24.11.2009 - 13:14 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
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Über die Konflikte in der archaischen dörflichen und großfamiliären Gesellschaft ist genug Papier beschrieben, und Zelluloid befilmt worden. Die "Stadt" wurde dann ja i.d.R. als das Element des Fortschrittes dargestellt, aus der "Freiheit" kann nun aber, wie man gemerkt hat, auch Beziehungslosikeit werden. Hat die bäuerlich-dörfliche Großfamilie auch etwas mit vererbbaren Besitz (.....Produktivvermögen.....) zu tun? In der städtischen Gesellschaft fällt dieser Generationenkitt nun weg, man ist allseits frei.
Den Bedeutungsverlust der klassischen Großfamilie mal unhinterfragt vorausgesetzt, ist das hier ein interessantes Konzept allemale.
......Die Beteiligung der Großeltern an der Kinderaufzucht, wird das von den Evolutionsbiologen nicht als der Sinn des Klimakteriums beschrieben, und als wesentlicher Teil des Erfolges unserer Art? Insofern hätte sich die städtische Gesellschaft mit Rentnern auf der Kaffeefahrt einerseits, und gestreßten Jungfamilien andererseits, jeweils isoliert, tatsächlich in eine Krise manövriert.
.. ist zu beschäftigt, sich mit der völlig miserablen Umsetzung des Bologna-Prozesses und den, die Selektionsmaschinerie befeuernden, Studiengebühren rumzuschlagen. Somit bereitet er, während im Mehrgenerationenhaus fröhlich gemauschelt wird, gerade ein Haufen Hausarbeiten, Essays, Referate und sonstige Studien- und Prüfungsleistungen vor, nimmt an der überbordenden Zahl seiner anwesenheitspflichtigen Veranstaltungen teil und versucht nebenbei noch seinen Unterhalt Studium zu finanzieren.
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