Kunst

Der Wiederholungstäter

Peter Roehr war der deutsche Andy Warhol. Er starb 1968 mit 23 Jahren und war lange vergessen. Jetzt feiert Frankfurt seinen verlorenen Sohn

Peter wer? Es hat mehr als 40 Jahre gedauert, bis der 1968 mit nur 23 Jahren gestorbene Peter Roehr nun endlich als die künstlerische Ausnahmefigur wahrgenommen wird, die er – auch im internationalen Vergleich – ist. Wie ein Besessener hat er mit Schere und Kleber in der Küche seiner Mutter im Frankfurter Gallusviertel in wenigen Jahren fast 600 Arbeiten geschaffen, die nur ein einziges Thema haben: die Wiederholung. Wiederholte Buchstaben, wiederholte Klebezettel, wiederholte Schachteln, wiederholte Fotografien. Genau daraus ist ein Werk von großer Einzigartigkeit entstanden.

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Parallel zu Andy Warhols Brillo-Boxen und den Campbells-Suppendosen schuf er Kunst aus Produkten der Warenwelt: aus Klebezetteln, Werbeprospekten, Leuchtkugeln und Postetiketten. Nur er verfolgte diesen Pop-Art-Ansatz mit solch bezwingender Konsequenz, dass er heute auch als ein Vordenker der Minimal-Art-Bewegung und der Konzeptkunst gilt.

Auf den ersten Blick scheint die Monotonie zu ermüden. Doch dann spürt man die Kühnheit seiner künstlerischen Idee, die Rigidität ihrer Umsetzung und die Größe ihrer sinnlichen Kraft. Es ist nur konsequent, dass seine jetzige endgültige Aufnahme in die Heldengeschichte der modernen Kunst an jenem Ort geschieht, an dem er auch sein ganzes Leben verbracht hat: in Frankfurt am Main. Vom 28. November an zeigen das Städel und das Museum für Moderne Kunst gleichzeitig Werke von Roehr, dazu kommen Arbeiten aus der bedeutenden Privatsammlung von Josef Lindenberger, die auf beide Häuser verteilt sind. Daher auch der Titel: Peter Roehr – Werke aus Frankfurter Sammlungen.

Dem verlorenen Sohn gelingt dabei wie in der biblischen Geschichte das Kunststück einer Versöhnung: Es handelt sich um die erste Gemeinschaftsausstellung der beiden Frankfurter Museen – was atmosphärisch bedeutsam ist, weil es eine lebhafte Auseinandersetzung um die Frage gibt, ob das Städel, das eher als Haus für ältere Kunst gilt, mit einer auch auf die Gegenwart ausgerichteten Sammlungspolitik in zu starke Konkurrenz zum MMK tritt, das sich ausschließlich der zeitgenössischen Kunst widmet (siehe dazu auch das Interview mit Josef Lindenberger auf der folgenden Seite).

Das Städel kann jetzt erstmals die kürzlich erworbenen Schwarzen Tafeln ausstellen, die der schon vom nahen Krebstod gezeichnete Roehr zu seinem Vermächtnis gemacht hatte. Mit diesen ausgefrästen Blechkästen, zu schwarzen Blöcken gehängt, hat Roehr "fast schon einen Zen-Zustand" erreicht, wie es Paul Maenz formuliert, sein damaliger Freund, sein größter Mentor und heutiger Nachlassverwalter.

Maenz, einst mit 24 Jahren einer der ersten Träger des Berufsgrades eines "Art Director" in Deutschland (bei der Agentur Young & Rubicam in Frankfurt), lernte Roehr kennen, weil der stets abgebrannte Künstler sich etwas Geld durch Botengänge in der Agentur verdiente. Der Bote, das war auch ein Symbol. Eilt sehr heißt eine Arbeit Roehrs, die er aus Dutzenden von Aufklebern aus der Postabteilung der Agentur zusammenklebte. Und "Eilt sehr", das war auch das geheime Motto seines atemlosen Lebens.

Ständig hielt er die Augen nach neuen Modulen für seine Reihungen auf. Und er war glücklich, als er nach langem Suchen Mitte der sechziger Jahre bei der Deutschlandzentrale von IBM eine der ersten elektrischen Schreibmaschinen des Landes gefunden hatte. Fortan durfte er sie in den Mittagspausen manchmal nutzen. Er setzte sich hin, legte Papier ein und schrieb dann 45 Minuten lang immer nur denselben Buchstaben, dieselbe Zahl oder dasselbe Wort (siehe vorige Doppelseite). Als die IBM-Mitarbeiter danach wieder in die Büros kamen und sahen, was Peter Roehr zwischenzeitlich mit der Maschine produziert hatte, war das Gelächter groß. Sie ahnten nicht, dass der Künstler, zugespitzt formuliert, mit der seriellen Reihung seiner Buchstaben den vermeintlichen Individualismus ihrer Büroarbeit als Illusion bloßlegte.

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    • Von Florian Illies
    • Datum 17.11.2009 - 13:31 Uhr
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    • Quelle ZEITmagazin, 19.11.2009 Nr. 48
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