Kunst Der WiederholungstäterSeite 2/2

Wir wissen von Paul Maenz, dass Roehr Gottfried Benn gelesen hat. Und wir sehen in seinen Arbeiten, dass er ihn verstanden hat wie kaum ein Zweiter. Benn wusste, dass Marx unrecht mit seiner These hatte, wonach sich die Geschichte als Farce wiederholt. Das fand er zu sentimental. Denn Geschichte – so sah Benn es – wiederholt sich als Geschichte. Und die Farce als Farce. Es geht nicht vor und nicht zurück. Es gibt keine Entwicklung, aber das ist auch nicht weiter schlimm. Denn genau darin erkannte Benn die Basis des moralfreien Grundrauschens des Lebens: "Nur das Wiederholbare führt zu Kunst. Wiederholungszwänge, nur sie ergeben Stil."

Peter Roehr hat Bilder gefunden für diese "Wiederholungszwänge". Es gab zu seinen Lebzeiten wenige, die das begriffen, einer war der damalige VW-Vorstand Helmut Maaßen. Als Roehr 1965 einen Brief an VW schickte und um hundert identische Prospekte bat, aus denen er dann seine Kolonnen aus identischen Werbefotos kleben wollte (siehe die Auftaktseite), schickte ihm Maaßen diese und legte einen Brief dazu. Der ging so: "Sehr geehrter Herr Roehr, gut Herr Roehr! Gut Herr Roehr! Gut Herr Roehr!". Und das dann noch genau 42 Mal. Wir dürfen annehmen, dass sich Peter Roehr selten künstlerisch so verstanden gefühlt hat.

Sein Motto war: "Die Quantität ist in Qualität umgeschlagen." Und dieses mathematische Wunder kann nur gelingen, wenn die Recheneinheit immer die gleiche ist. Deshalb sucht man in seinen Werken verzweifelt nach der kleinen Unebenheit, dem kleinen Fehler, dem Rhythmus. Doch: Fehlanzeige. Er will das Material verändern, indem er es scheinbar stupide wiederholt. "Ob das, was ich mache, Kunst ist, weiß ich nicht. Andererseits wüsste ich auch nicht, was es sonst sein könnte."

Faszinierend ist, dass das banale Material, dass die Kaffeedöschen, die Klebezettel, die Prospekte immer Bildwerdungen von Roehrs Theorie sind. Er hat das berühmte Wort Benjamins vom "Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" auf die Spitze getrieben, indem er das reproduzierte Kunstwerk permanent reproduzierte – und eben nicht, wie Warhol, farblich veränderte, künstlerisch ordnete. Es gibt in der Pop-Art oder auch bei den Minimalisten immer noch den Künstler hinter dem Werk. Deshalb hielt Roehr Warhol für einen hoffnungslosen Romantiker. Er selbst jedoch wollte "als Autor hinter nicht mehr gefundenen Bildern unkenntlich werden". Diese Frankfurter Ausstellung, das darf man schon jetzt prophezeien, wird die Erfüllung dieses Wunsches dauerhaft verhindern.

 
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