Kunst "Roehrs Lebenswerk reicht für einen Platz in der ersten Liga"

Der Arzt Josef Lindenberger besitzt eine große Sammlung von Roehr-Werken. Seine Bilder sind Teil der beiden Ausstellungen in Frankfurt am Main. Ein Gespräch

ZEITmagazin: Herr Lindenberger, wann merkten Sie, dass Sie der kühlen und spröden Kunst von Peter Roehr verfallen sind?

Josef Lindenberger: In der ersten Sekunde. Es war 1991 bei der Eröffnung des Frankfurter Museums für Moderne Kunst. Ich kam in einen Raum mit Arbeiten eines Künstlers, den ich nicht kannte. Ich wollte diesen Raum gar nicht mehr verlassen und kam auch an den nächsten Tagen immer wieder, selbst schon vom Zwang der Wiederholung angetrieben, in diesen ersten Museumsraum für Peter Roehr, den Jean-Christophe Ammann, der damalige Direktor, zeigte. Diese Kunst war eine Erweckung für mich. Die Galerie Meyer-Ellinger hatte parallel eine kleine Verkaufsausstellung. Ich kaufte schon sehr bald nach der Eröffnung des Museums mein erstes Werk. Nach und nach habe ich über dreißig erworben.

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ZEITmagazin: Unter uns: Welche Gefühle löst das aus, wenn man dreißig Arbeiten von Peter Roehr zu Hause an der Wand hängen hat?

Lindenberger: Jeden Tag neue. Aber immer gute, da sie unsere Sehgewohnheiten so verwirrend verändern. Meine Roehr-Arbeiten sind der große Kontrapunkt meiner Sammlung – daneben hängt Malerei der Gegenwart wie des 19. Jahrhunderts. Sie glauben nicht, wie gut sich Roehr neben den großen gestischen Werken eines Per Kirkeby macht, die wenig später entstanden sind. Er ist kein Monolith.

ZEITmagazin: Waren Sie mit Ihrer Leidenschaft für Peter Roehr in Frankfurt zunächst ganz allein?

Lindenberger: Nein, als Klaus Gallwitz als Direktor das Städel verließ und seinen letzten Arbeitstag hatte, war ich zufällig im Museum. Da zeigte er mir eine kleine Roehr-Arbeit mit weißen Diarähmchen, die er für das Museum sehr früh angekauft hatte und die während seiner gesamten Amtszeit direkt über seinem Schreibtisch hing. Er hängte sie mit mir ab und brachte sie ins Depot. "Ich glaube nicht", sagte er wehmütig, "dass Peter Roehr je wieder in einem Raum des Städels hängen wird."

ZEITmagazin: Und jetzt, 15 Jahre später, hat das Städel nicht nur Roehrs Hauptwerk Schwarze Tafeln im Besitz, sondern ist auch Initiator und Mitveranstalter der großen Roehr-Retrospektive.

Lindenberger: Ja, Max Hollein, der Städel-Direktor, hat sich ganz dem Künstler verschrieben. Und ich freue mich, dass es am Beispiel Roehr gelingt, den Konflikt zwischen dem Städel und dem Museum für Moderne Kunst über die Frage, wer Gegenwartskunst sammeln darf, salomonisch aufzulösen. Denn das Städel hat ja gemäß seinem Stiftungsauftrag immer das Einzelbild gesammelt, während sich das MMK um größere Werkgruppen bemüht. Bei der Roehr-Ausstellung ergänzt sich das zum ersten Mal sehr sinnvoll. Und ich freue mich, dass ich 15 meiner Roehr-Werke für die Räume des Städels und 15 für die Räume des MMK als Bindeglied zur Verfügung stellen darf.

ZEITmagazin: Wie würden Sie Peter Roehr im Verhältnis zu der Kunst seiner Zeitgenossen bewerten?

Lindenberger: Ganz einfach: Er war sicher viel weiter. Schon damals beeinflusste er nachhaltig andere Künstler wie Thomas Bayrle. Er war getrieben von einer ungeheuren Energie – weil er sich bewusst war, dass er seine künstlerische Position gefunden hatte, aber auch, weil er wusste, dass ihm seine tödliche Krankheit nicht viel Zeit lassen würde.

ZEITmagazin: Und wo wäre er heute, hätte er sein Werk noch 40 Jahre fortsetzen dürfen?

Lindenberger: Das kann man nicht wissen. Wie oft kann man sich wiederholen? Die Schwarzen Tafeln weisen deutlich auf eine Veränderung des Werkes. Aber eines ist ganz sicher: Sein Lebenswerk reicht auch so für einen Platz in der ersten Liga.

Das Gespräch führte Florian Illies

 
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