Verjüngung in Sachsen Das Dorf der Auserwählten

Dreiskau-Muckern durfte sich seine Bewohner aussuchen. Es hätte so schön werden können.

Dreiskau-Muckern ist beinahe zu schön, um real zu sein. Seine neuen Fassaden und roten Dächer gleichen Legohäusern. An den Straßen reihen sich uralte Dreiseitenhöfe, frisch herausgeputzt. Dahinter ein Idyll aus Obstbäumen und Gemüsebeeten. Um das Ökologische Landschulheim im alten Rittergut aus dem 15. Jahrhundert tobt die Jugend, und vor der Kita Göselwürmer die Jugend von morgen. Es ist ein kleines Wunder. Überall sonst in Sachsen vergreisen Dörfer hinter beigegrauen Fassaden, weil weggeht, wer kann. In diesem Dorf südöstlich von Leipzig hingegen steht Werner Möbius, ein 73-jähriger Ur-einwohner, vor seinem rosenbewachsenen Fachwerkhaus und verkündet: »Vier Generationen sind wir.« Dreiskau-Muckern ist im Durchschnitt 36 Jahre jung und schön wie ein Musterdorf. Vor wenigen Jahren sah alles noch ganz anders aus.

Braunkohlebagger hatten sich bis auf 500 Meter herangefressen und die Einwohner vertrieben. Nur wenige Familien, wie die von Möbius, harrten in verfallenden Häusern aus, als 1993 die Entscheidung fiel: Das Dorf bleibt. Die Alten um Möbius bildeten eine Kommission, setzten sich an eine lange Tischreihe und ließen Bewerber vorsprechen. Wie bei einer Casting-Show. Was habt ihr hier vor? Wollt ihr wirklich bleiben? Gute Kandidaten, die dann einen Hof kaufen durften, waren Handwerker und all jene Macher, die Ruinen renovieren konnten und Arbeit schafften, gern auch junge Familien mit Kindern. Die verhießen Zukunft. Schnäppchenjäger waren schlechte Kandidaten. Die Alten achteten darauf, dass ihnen die neuen Nachbarn geheuer waren. Künstler waren willkommen, langhaarige Gestalten weniger.

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Die neuen Bewohner, meist Stadtmenschen, schufteten jahrelang für ihr Idyll, Fördergelder flossen, alles steht unter Denkmalschutz. Die Bürgermeisterin freut sich: »Das Dorf ist fast fertig.« Viel mehr als die knapp 500 Menschen, die nun hier wohnen, passen nicht rein. Es gibt einen Tischler, drei Künstler, einen Automechaniker, sogar eine Yogalehrerin. Es gibt 40 Unternehmen und weniger als sechs Prozent Arbeitslose. Das Dorf der Auserwählten hat auf den ersten Blick alles, was andere sich wünschen. Ein unbeschwertes gemeinsames Leben hätte beginnen können. Es kam anders.

Niemand hat sich an Dreiskau-Muckern so abgearbeitet wie Evemarie Stenchly. Sieben Jahre lang hat die 61-Jährige den Kulturverein geleitet, Seidenmalerei, Töpfern und Weidenflechten angeboten, das Dorffest organisiert. Als ihr Mann einen Schlaganfall erlitt und sie sich um ihn kümmern musste, suchte sie einen Nachfolger für den Verein und fand keinen. Der Verein machte dicht. »Sehr, sehr schade«, bedauert Frau Stenchly. Das Obstblütenfest lockte bald keinen mehr hinter dem rustikalen Ofen hervor. Zwei Jahre lang gab es nicht mal ein Dorffest. »Es ist sehr schwierig, die Leute für die Gemeinschaft zu begeistern. Feiern wollten alle, aber nur als Gast.«

Als noch gebaut wurde, sei Aufbruch spürbar gewesen. Die Höfe standen offen, jeder half jedem. »Seit drei, vier Jahren schließt jeder sein Tor zu«, erzählt sie. Zum Einkaufen, Essengehen und Feiern führen viele lieber die 25 Kilometer nach Leipzig. Der Architekt und der Tischler hätten neulich überlegt, einen Tag des offenen Hofs zu veranstalten, aber die Idee sei schon wieder tot.

Jeder, den man befragt, kommt irgendwann auf die jungen Paare zu sprechen. Im Dorf kursiert ein Scherz, in dem viel Wahres steckt: »Rund um den Kirchturm haben wir die höchste Scheidungsrate Deutschlands.« Jeder hat so seine Trennungs-Theorie. »Die Paare haben keine Omas, die mal auf die Kinder aufpassen«, sagt Evemarie Stenchly, sie windet sich, »und zusammen zu feiern ergibt beziehungsmäßig auch Komplikationen.« Die Gleichaltrigen kamen sich anfangs schnell näher, einige zu nah. Beziehungen zerbrachen, neue Partner fanden sich. Frau Uhlmann vom Ortschaftsrat sagt: »Das Dorf lebt. Man baut zusammen, hat ein Ziel, danach trennt man sich leider, das ist heute so.« Die Hoffnung, das eigenhändig aufgebaute, abgeschlossene Idyll garantiere eine heile Welt, war trügerisch. Das Dorf ist zu real, um nur schön zu sein.

Leser-Kommentare
  1. Wir befinden uns in einer Zeit des Wandels. Als Vorsitzender einer Kleingartenanlage sehe ich das genauso. Ich vergleiche eine Kleingartenanlage mit eionem Dorf. Achtzig Gärten mit Infastruktur, Lauben etc.
    Unsere "Alten" sehnen sich nach den Zeiten zurück, Vereins-
    leben, Zusammenhalt etc, damals bauten sie unser Vereinsheim, und beklagen die heutige Situation kein Zusammenhalt mehr und... Heute haben wir Mühe, das Vereinsheim zu halten und zu bewirtschaften, sodas wir an Verpachtung denken.
    Wer heute einen Garten pachtet, dem geht es weniger um das Vereinleben, sondern um den Garten, den Verein nimmt notge-
    drungen mit in Kauf, weil er eben den Garten haben will und dementsprechend bringt er sich in den Verein ein, er tut das, was er tuhen muß - nicht mehr und nicht weniger.
    Es hat wenig Sinn, den "alten Zeiten" hinterher zu jammern.
    Die Vorstände der Vereine müssen sich auf die jetzige Situation einstellen, und danach handeln, vor allem umdenken genau wie Gemeindevorstände der Dörfer.

  2. den Kontrapunkt zu seinem berühmten filmischen Vorläufer setzen zu wollen:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Dorf_der_Verdammten_(1960)

    "Sieht aus, als könnte Dreiskau-Muckern noch ein ganz normales Dorf werden." (s. Schlussatz des Artikels)

    Wollen`s hoffen.

    ;-)

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  • Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
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  • Schlagworte Sachsen | Dorf | Neo Rauch | Casting-Show | Leipzig
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