Verjüngung in Sachsen Das Dorf der AuserwähltenSeite 2/2

Acht Jahre lang hat die Künstlerin Judith Ostermeyer mit ihrem Freund, einem Lehmbauer, einen alten Hof hergerichtet. Die Bauzeit ging zu Ende, ihre Beziehung auch. »Bin ich halt über die Straße gezogen.« Sarkastisch sagt die 35-Jährige das, dann deutet sie zum Fenster: »Vorne an der Straße haben sich alle getrennt, außer dem Tischler. Hinten raus auch vier oder fünf Paare. Der Ort hat ein schlechtes Karma für Beziehungen.« Schuld sei die Sinnkrise der 30- bis 45-Jährigen. Nach den ausgefüllten Arbeitsjahren war die Leere umso größer. Die Generation Aufbau war für den Ort Segen und Fluch zugleich.

Sechs Jahre lang hat Judith Ostermeyer seither in diesem Haus neben der Kirche erneut Böden und Dachziegel verlegt, gebohrt, gemalert, gefliest. »Aufs Land zu ziehen war schon als Kind mein Wunsch«, sagt sie. An den Wänden lehnen ihre bunten, wilden Ölbilder, die an Neo Rauch erinnern. Sie zeigen starke, nackte Frauen und mystische Tiere. Die Leipziger Schule, diese Kunstrichtung, wirkt im Dorfhaus wie eine verirrte Botschaft aus der Zukunft. Ostermeyer braucht Katzen, Pferde und Ziegen um sich; und die Freiheit, wilde Bilder zu malen. Hier hat sie beides. »Keiner guckt dem anderen auf den Teller. Jeder lässt jeden machen. Ich würde das sonst gar nicht aushalten.«

Beim Casting war sie durchgefallen. Sie und ihr damaliger Freund waren mit Träumen und Frisuren gekommen, die den Alten nicht passten. Von befreundeten Künstlern kauften die beiden dann ein Haus. Ostermeyer gelangte also durch die Hintertür ins Dorf. Heute profitiert sie von der Toleranz derer, die ausgewählt wurden. Denn nicht nur die Bindung ist hier schwächer als in gewachsenen Dörfern, auch die soziale Kontrolle. Die neuen Einwohner sind rigide, wenn es um die Vorgaben für Dachgiebel geht. Was sich unter genormten Dächern abspielt, sehen sie liberal.

Christine Uhlmann reitet in der Walpurgisnacht auf einem Besen von Haus zu Haus. »Als Oberhexe«, sagt sie und nippt in der alten Schäferei am Tee. Anfangs wurden Vorhänge zugezogen, wenn sie verkleidet ankam. Mittlerweile sei ein Brauch entstanden, danach sitzen die Nachbarn beisammen ums Lagerfeuer. Uhlmanns sind eine Musikerfamilie, die beiden Söhne spielen in einer Folk-Band, der Mann organisiert ein Festival. Frau Uhlmann bietet im Sommer Volkstänze an, zu Ostern und Weihnachten musiziert sie mit den Söhnen in der Dorfkirche. Anfangs allein, mittlerweile ist daraus ein kleines Orchester entstanden. Uhlmann kramt Fotos hervor. Sie zeigen hässliche Flecken an den Kirchenwänden. Vor einer Weile hat sie einen Aushang gemacht: »Suchen Helfer!« Kaum jemand besucht die Gottesdienste, sie rechnete nur mit den immer Gleichen, die anpacken. Eine ganze Kirche zu renovieren ist Knochenarbeit. Aber auf einmal waren viele da, auch Unbekannte.

Ein Dorf, zu schön, um egal zu sein: Die Helfer schraubten am Gerüst, strichen fünfmal die Decke, bekochten sich, brachten die Kinder mit und kamen miteinander ins Gespräch. In diesen Monaten sahen sich viele zum ersten Mal. »Zwei Jahre wohnst du schon hier? Aha.« Sie wagten Gehversuche des Gemeinsinns dort, wo in gewachsenen Dörfern der Mittelpunkt ist: in der Kirche. In diesem Jahr gab es wieder ein Dorffest, weil die Mitglieder vom Sportverein erstmals ein Festzelt aufbauten und nicht nur Fußball spielten. Die Kinder der Aufbaugeneration sind weggezogen und haben eine Ausbildung begonnen. Das Durchschnittsalter ist noch niedrig, aber es steigt. Am verfallenden Gasthof kündigt ein Schild die Eröffnung eines Cafés an. Sieht aus, als könnte Dreiskau-Muckern noch ein ganz normales Dorf werden.

 
Leser-Kommentare
  1. Wir befinden uns in einer Zeit des Wandels. Als Vorsitzender einer Kleingartenanlage sehe ich das genauso. Ich vergleiche eine Kleingartenanlage mit eionem Dorf. Achtzig Gärten mit Infastruktur, Lauben etc.
    Unsere "Alten" sehnen sich nach den Zeiten zurück, Vereins-
    leben, Zusammenhalt etc, damals bauten sie unser Vereinsheim, und beklagen die heutige Situation kein Zusammenhalt mehr und... Heute haben wir Mühe, das Vereinsheim zu halten und zu bewirtschaften, sodas wir an Verpachtung denken.
    Wer heute einen Garten pachtet, dem geht es weniger um das Vereinleben, sondern um den Garten, den Verein nimmt notge-
    drungen mit in Kauf, weil er eben den Garten haben will und dementsprechend bringt er sich in den Verein ein, er tut das, was er tuhen muß - nicht mehr und nicht weniger.
    Es hat wenig Sinn, den "alten Zeiten" hinterher zu jammern.
    Die Vorstände der Vereine müssen sich auf die jetzige Situation einstellen, und danach handeln, vor allem umdenken genau wie Gemeindevorstände der Dörfer.

  2. den Kontrapunkt zu seinem berühmten filmischen Vorläufer setzen zu wollen:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Dorf_der_Verdammten_(1960)

    "Sieht aus, als könnte Dreiskau-Muckern noch ein ganz normales Dorf werden." (s. Schlussatz des Artikels)

    Wollen`s hoffen.

    ;-)

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  • Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
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  • Schlagworte Sachsen | Dorf | Neo Rauch | Casting-Show | Leipzig
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