Ostkurve Jugendliebe
Das Kind, das ich einst gewesen bin, war lange in einen Fußballer verliebt. Er ging in meine Klasse und war dennoch nur hinter den Mädchen der Parallelklasse her. Ich war Luft für ihn, obwohl ich extra ins Bruno-Plache-Stadion ging. Wenn ich Lok Leipzig spielen sah, dachte ich an ihn. Über meinem Bett hing ein Poster von René Müller. Er sah ihm ein bisschen ähnlich, fand ich. Er würde auch einmal Fußballer des Jahres werden, da war ich mir sicher. Ich sah Maradona im Zentralstadion spielen, auch wenn ich weit oben in den Rängen stand und den kleinen Mann kaum erkennen konnte.
Ich tat es wegen ihm.
Da wusste ich noch nicht, dass ich ihn nie wiedersehen würde. Als ich eines Tages in die Schule kam, war er mit seinen Eltern abgehauen, in den Westen. Er war weg, für immer.
Robert Enke hat seinem Leben ein Ende gesetzt. Er hat an einem Bahnübergang nicht weit von seinem Haus nahe Hannover auf den Zug gewartet und ist mit ihm verschwunden.
Mein Fußballer ist damals auch in die Nähe von Hannover gezogen. Er schrieb mir von dort Briefe, auf die ich nicht geantwortet habe. Ich verstand nicht, warum er mir und nicht den Mädchen aus der Parallelklasse schrieb. Vor ein paar Jahren habe ich seine Mutter nach einer Lesung wieder getroffen. Sie kannte mich nicht. Sie war lediglich gekommen, weil ich von einer Zeit erzählte, in der ihr Junge ebenfalls ein Kind gewesen war. Ich sprach sie an, weil ich sie wiedererkannte.
An dem Abend lebte der Fußballer nicht mehr. Er war in einer regnerischen Nacht nach dem Training mit dem Auto von der Straße abgekommen. Als ich am Morgen nach der Lesung an seinem Grab stand, sah ich seinen Namen auf einem schlichten Holzkreuz geschrieben. So, wie er viele Jahre zuvor in unserem Klassenbuch zu lesen gewesen war.
- Datum 18.11.2009 - 13:16 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
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