Tod und Trauer Die neue Sichtbarkeit des Todes
Tod und Trauer sind ein öffentliches Ereignis geworden, nicht nur im Fall des Torhüters Robert Enke. Bedeutet dies das Ende der Verdrängung oder ist es der Anfang der Banalisierung?
Deutschland weint mit Frau Enke, titelt Bild, und diesmal will man dem Straßenblatt (»vier Sonderseiten«) nicht widersprechen. Doch was bedeutet die überwältigende Trauer um den Torhüter Robert Enke? Widerlegt sie nicht all das, was Soziologen und Philosophen der modernen Gesellschaft seit je zur Last gelegt haben? Dass sie kein Verhältnis zum Tod hat? Dass sie ihre Toten vergisst und verleugnet, verschweigt und versteckt?
Es lohnt sich, diese Klage noch einmal in Erinnerung zu rufen. Moderne Gesellschaften, so lautet das berühmte Urteil Max Webers, machen den Tod zu einer »sinnlosen Begebenheit«, zu einem Zwischenfall in ihren »Zweckwelten«. Sie verdrängen ihn ins Private (Walter Benjamin) oder »entpersönlichen« ihn zu einem anonymen »Man« (Martin Heidegger). In den Augen von Michel Foucault verharmlost die Moderne den Tod zu einem Nicht-Ereignis, zum bloßen »Ableben«, und für Theodor W. Adorno stopft sie damit »die letzten Löcher, welche die Warenwelt noch offen ließ«. Auch für Jürgen Habermas steht fest: »Die aufgeklärte Moderne hat kein angemessenes Äquivalent für eine religiöse Bewältigung des letzten, eine Lebensgeschichte abschließende rite de passage gefunden.«
Gut hundert Jahre alt ist die Klage über die Todsünde der Moderne, und die Beständigkeit, mit der sie angestimmt wurde, verlieh ihr etwas wohltuend Tröstliches und verschaffte ihr einen festen Platz im Selbstgefühl der Gegenwart. Aber die Klage machte auch taub, denn sie ersparte den Nachgeborenen die Frage, ob nicht längst das Gegenteil zutrifft. Wird der Tod überhaupt noch verdrängt? Beweist nicht zuletzt die Trauerfeier um Robert Enke, dass der Tod mit Macht unter die Lebenden zurückgekehrt ist und wieder die öffentlichen Räume besetzt, aus denen er so erfolgreich verdrängt worden war?
An Beispielen fehlt es jedenfalls nicht. Ganz Italien nahm Anfang des Jahres Anteil am Schicksal der Wachkoma-Patientin Eluana Englaro, und die englische Öffentlichkeit schien tief bewegt vom Krebstod Jade Goodys, einer aus der Sendung Big Brother bekannten Zahnarzthelferin, die ihr Sterben öffentlich in Szene setzte. Der britische Wissenschaftler Craig Ewert ließ seinen Freitod sogar für das Fernsehen dokumentieren, um »den Menschen die Angst vor dem Sterben zu nehmen«.
Verdrängung des Todes? Auf lebhaftes Interesse trifft die witzige US-Serie Six Feet Under – gestorben wird immer, die in 62 Folgen gut 200 Leichen anständig unter die Erde brachte. In TV-Werken wie CSI bevölkern Heerscharen fleißiger Forensiker die Szene, und auch das ZDF erkannte die Zeichen der Zeit und schickte beizeiten Die Leichenwäscherin ins Rennen.
Verdrängung der Toten? Wo immer er seine Zelte aufschlägt, stürmen Millionen die Totenausstellungen Gunther von Hagens. Der berüchtigte Leichenpräparator verwandelt die Panik vor dem Tod in das imaginierte Glück des unvergänglichen Plastinats. Wer zu Lebzeiten genug Bares zurückgelegt hat, der bekommt post mortem Gelegenheit, seine sterblichen Überreste herrichten (»plastinieren«) und in einem nekrophilen Wanderzirkus ausstellen zu lassen. Ganz persönlich schenkt der unsterbliche Dr. von Hagens der Leiche ein ewiges Leben und sichert ihr Ruhm und Anerkennung über den Tag hinaus.
Nicht abgebrüht, sondern pathetisch macht die mexikanische Künstlerin Teresa Margolles den Tod zu ihrem Thema. In Deutschland träumt der Konzeptkünstler Christian Schneider von einer Sterbe-Installation, in der sich der Tod »authentisch« und »öffentlich« erleben lässt. Der Sänger Robbie Williams sorgte mit einem Totentanz-Video für Aufsehen, in dem er sich die Haut vom Leib zieht und naturgemäß als Übermensch wiederaufersteht. Nicht zu vergessen der Regisseur und Performance-Künstler Christoph Schlingensief. Lange nicht mehr hat ein existenzieller Wutschrei das Publikum so verstört wie sein Krebstagebuch So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein (Kiepenheuer & Witsch).
- Datum 20.11.2009 - 07:57 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
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