Tod und Trauer Die neue Sichtbarkeit des TodesSeite 4/4

Damit kein Missverständnis entsteht: Niemand sollte sich ein Urteil darüber anmaßen, welche Geste und welche Sprache einen Trauernden tröstet, welches Gedicht, welche Melodie, welche Religion oder welche Post-Religion ein Leid »sagbar« macht. Bilder, Metaphern und Musik heben den Schmerz nicht auf, aber sie verleihen ihm eine Gestalt, sie geben dem Trauernden ein Selbst-Gefühl, eine Identifikation. Trost bedeutet also nicht, den namenlosen Schmerz zum Verschwinden zu bringen. Trost bedeutet, ihn namhaft und die Unerfahrbarkeit des Todes erfahrbar zu machen.

Dieses aber wird man von der medialen Dauerthematisierung des Todes nicht sagen können. Zwar verdrängt sie den Tod nicht mehr, gleichwohl aber scheint sie zu behaupten, er ließe sich normalisieren, bewältigen, in den Griff bekommen. In den medialen Weltbildhöhlen mit ihrem Fröhlichkeitsgebot gibt es nichts Unwiederbringliches, darin wohnen keine Verzweifelten, denen auf Erden nicht mehr zu helfen ist. Süchtig nach Sinnstiftung, halten Medien existenzielle Negativität nicht aus; sie tauschen Schmerz gegen Trost oder begraben das Unkommunizierbare der Kommunikation unter einem Meer blumiger Reden: Die Toten schlafen nur. So ziehen sie dem singulären, gedanklich uneinholbaren Tod den Stachel – als müssten sie den Menschen die Angst nehmen, sie hätten ihr Leben nicht gelebt und seine Optionen nicht genutzt.

Ganz und gar unzeitgemäß erscheint nun die metaphysische Frage nach dem Tod; sie wirkt bestenfalls komisch und wird durch therapeutische Empfehlungen zum praktischen »Umgang« mit dem Sterben ersetzt. Dass der Tod kein absoluter Bruch, sondern ein integrales Ereignis innerhalb der modernen Weltbildhöhle sein soll – diese Zäsur kann man sich nicht radikal genug vorstellen. Denn mit der Normalisierung des Todes verschwindet die zentrale Denkfigur der abendländischen Thanatologie, nämlich der Gedanke, dass nur die »ungeheure Macht des Negativen« (Hegel) das Leben verwandelt und dem Menschen die Augen öffnet für die Flüchtigkeit des Daseins.

Als der Schriftsteller Botho Strauß noch kein Demokratieverächter war, als er die Menschen noch liebte und sich für ihre Gesellschaft interessierte, gelang ihm in seinem Schauspiel Der Park eine Szene, die den Verlust dieser Denkfigur genau erfasst. Der Tod bezeichnet in dem Stück nicht mehr die Macht des Negativen, er ist nichts Außeralltägliches mehr, sondern ein »Männlein«, ein gewöhnlicher Wichtel. Der Tod: »Ich hab nicht viel zu sagen. Ich tu nix. Ich bin bloß da.« Regieanweisung: Der Tod kichert ein wenig, hebt die Schultern. Und was passiert? Der normalisierte und bilderlose, nun überall »an-wesende« Tod macht das Leben nicht lebenswerter – er macht es banal.

Alles nur Theater? Ein ARD-Moderator, so jedenfalls hörte es die FAZ, bezeichnete den Tod von Enkes herzkranker Tochter als »herben Rückschlag« in seiner sportlichen Karriere. Und eine ehedem linke Hamburger Illustrierte machte aus Robert Enkes Freitod ein Onlineratespiel: Wer brauchte eine Therapie?

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